Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang ״Carpe dieml“ linde Dezember hat in dem schönen Marburg an der Lahn die Vereinigung der gesctzcstrcucn Rabbiner Deutschlands ihre sechste Generalversammlung abgehalten. Den ersten — und man darf wohl sagen: den Haupt- Punkt der Beratung bildete das Thema ״Der Ziouisiuus.“ Wer sich noch Jener unseligen Protcstcrltlürung deutscher Rabbiner gegen den Zionismus aus dem Jahre 1897 entsann — sie schleppt s!ch ja leider noch immer durch unsere Zeit in dem schönen Wort ״Protestrabbiner״, mit dem damals die deutsche Sprache beschenkt wurde, — der durfte grosse Er- Wartungen an diese Jetzige Tagung knllpfen, Leider gehören sic zu der Kategorie der gänzlich unerfüllt gebliebenen, so dass man nur mit einer gewissen Resignation an die Besprcclmng hcrantriiL Zuerst ein knappes Referat über den Gang der Verhandlungen: Der erste Redner, Herr Rabbiner Dr. G 011 e t n ßurKkunstadt, gab zunächst eine kurze Ucbcrsicht Cbcr die Oeschiclite des Zionismus. Schon R. Hirsch Kalisclier sei nicht nur aus religiösen und philamliroplschcn, sondern auch aus nationalen Motiven für die Besiedelung des heiligen Landes eingetreten. Dennoch seien seine Bestrebungen von den bedeutendsten Gcsctzcs-Autoritiitcn warm bcfiirwortct worden. Erst mit dem Auftreten der ״sogenannten“ Zionisten, die einen Jüdlsch-natlonalen Staat gründen wollten ohne Zion, ohne das Judentum, die unter Ausschaltung alles Religiösen das nationale l'rinzip zum ausschliesslichen Motiv ihrer Bestrc-!!ungut gemacht hiitten, seien diese von Selten der Rabbiner beklimpft worden. (Protcst*Erkiürune vom 6. Juli 1897). Ücgcn das Programm des ״M I s - rachl" sei vom rcll810nsgc$ctzUchcm Standpunkto ein Einwand nicht zu erheben, Tatsüchilch hatten orthodoxe Rabbiner erklärt, dass der Mlsrachl mit den Prinzipien des gesetzest reuen Judentums übercinstiinmc, dass er sogur zu fördern sei, well durch ihn die antireligiösen Bestrebungen der sog. Kultur- Zionisten In Palästina am besten hlntangchalten werden können. Unter Hinweis auf Aussprüche hervorragender vaterländisch gesinnter Milnner zeigte der Referent, dass auch vom patriotischen Qe- •Mclitspiinktc aus ein Elnwnnd nicht erhoben werden könne. Der Korreferent, Herr Rabbiner Dr. Kohn- Ansbach, führte aus* Er habe schon vor vier Jahren das Referat Uber diese Frage übernommen; seitdem sei aber im Zionismus eine grosse Wandlung, ln manchen Punkten Stagnation clngctrctcn; manche i’rage befinde sich noch im Plussc, so dass eine Umwcriung der Anschauung notwendige Polgo sei. Redner kann dem Referenten auch darin nicht beinfliclitcn* dass man quasi neutral an dlo zionistische rage lierantrctc, denn cs gebo keine Neutralität; Jeder fühlende Jude sei, ob Freund oder yegnor, mit dem Herzen engagiert. Tiefer Schmerz war es, der die Erkenntnis begleitete, dass man aus religiösen Gründen einer so Imposanten Bewegung im Judentum fc-nblcibcn müsse. Desto grössere Bedeutung habe die Aufgabe, sich Icitcrzcit Uber Umfang und Beweiskraft der Gründe klar zu sein. Hier sei zunächst Folgendes zu bemerken: Wenn die Anschauung Hcrzl’s: .,Wir erkennen unsere historische Zusammengehörigkeit nur am Glauben unserer Väter“, von Hcrzl seihst als zureichende Umschreibung des Begriffs Nation dem Zionismus zu Grunde gelegt worden wäre, dann wäre sicher Im gesetzestreuen Lager eine prinzipielle Gegnerschaft gegen den Zionismus niemals erstan- «cn. Denn alfe die anderen Motive, welche *ege« den Zionismus Ins Peld geführt würden, ohne *ns religiösen Bedenken abgeleitet zu sein, hätten ״D r Zionismus erstrebt (Ur'das lüdlsche Volk die Schofiune einer iöflentliwh.recluilch. gesicherten Heimstätte 111111 ״K.1,״״(• Bstsisr Pfoürsmm. Aus dem Inhalt ״Carpo dieml“ — Dlo Judcnlrogo In der Duma, Vom Diima-Abgcordnctcn L, N. Nlssclowitsch. — Juden beim Militär. — Ein neu entdeckter Antisemit. — Amerikanischer Briet. — Dos hundertlührigo Jubiläum der badlscheit Sydonolvcrlasiung. — ״Israolltlscho“ Inquisition. — Jüdische Kun&tgcwcrbcschulc ״Bozalol“ in Jerusalem (mit zwei Illustrationen). — Palästina- Rundschau. — Aus den Gemeinden. — Vereins* Rundschau, — Feuilleton: Ebonozor. Von S. Lingc. Aus dem Schwedischen von Hcnny Bock-Neu mann (Schluss). sich nie 11 talsstich haltig erwiesen. Bei der späteren Hcrzlsclicn Definition: ״Die Nation ist eine historische Gruppe von Menschen, die ,,erkennbar“ zusamnicngchürcn und durch einen gemeinsamen Feind zusammcngchaltcn werden,“ hätte cs einer Definition des Wortes ״erkennbar" im Sinne den oben zitierten Hcrzlsclicn Erklärung bedurft, und die Basis für eine Kooperation w.'icc gegeben gewesen. Die Differenz liege also lediglich auf religiösem Gebletc. Nun hoffe der Misrachi, er könne, wenn er, zur Föderation erstarkt, einen Sitz im Aktions- Komltco erhalten haben werde, seine Anschauungen mit Erfolg zur Geltung bringen. Aber abgehoben von der Unwahrscheinlichkeit hinsichtlich der Prävaknz einer Stimme in einer derartigen Korporation, wäre damit nach Lage der Verhältnisse höchstens ״Parität“ erreicht, d. h. glcichheltlicho Unterstützung etwa der Unternehmungen des Mlsrachl und derjenigen der Kultur-Zlonlstcn, wie sie genannt werden. Auch ein solcher Zustand entkrüfto noch nicht die Bedenken religiöser Natur, welche den Zutritt zum Zionismus verbieten. Nur Eines wäre Imstande, die Sympathien mit der misraclilstlsclicn Bewegung in dlo Praxis umzusetzen. Die wiederholt gegebeno feierliche Erkl/irung, der Zionismus werdo nichts unternehmen, was gegen dns Rcllglonsgesctz verstösst, müsste clno kleine Erweiterung erfahren, nämlich: .,fm Namen des Zionismus werde nichts unternommen werdon, was,.,“; wenn ferner dlcso Erklärung entweder ln den Leltpimktcn zum Baseler Progrnmm oder sonst Ifgcndwlo offiziell programmgem/lssen Ausdruck finden würde, dnnn stünde vom religiösen Standpunkte aus einer Förderung der auf Jlschub Ercz Jisrocl gerichteten Bestrebungen des Misrachi nichts entgegen. An die Rofcrnto schloss sich eine vielseitige, mehrstündige Diskussion an, In der dlo cntgcgcngcsetzten Standpunkte zur Darlegung gelangten, Elno Gutheissung des nlelitmisrachUchcn Zlo* n Ismus wnrdo von keinem Redner beantragt, Während dagegen von einigen Selten der Anschluss an den Mlsrachl bcfürwo'tct wurde, wurde von anderer Seite unter Hinweis auf das nun einmal bestchcndo Ucbcl eines destruktiven Zfontsmus bedingungsweise Förderung des Mlsrachl das Wort geredet, und endlich von einigen die Konstltuicrung des Mlsrachl als selbständige Organisation gefordert. Am zweiten Vorhnndlungstage wurde über den Zionismus vom Vorstando folgende Resolution vorgelcgt: 1״. Angesichts der Wandlung, welche die Tendonzen des Zionismus seit Festsetzung des Baseler Programms erfahren hnhen, sowie der Unbestimmtheit ihrer zukünftigen Gestaltung erscheint die Mögilchkeit einer generellen Stellungnahme nicht gegeben. 2. Die Förderung der auf Jfschub Erez Jisroel gerichteten Bestrebungen des Misrachi erscheint dann statthaft, wenn der auf dem VI. Kongress abgegebenen feierlichen Erklärung, den Zionismus werde nichts unternehmen, was gegen das Reflglonsgesetz verstösst, im offiziellen Programm des Zionls» mus präziser Ausdruck gegeben sein wird.“ Bel der Abstimmung wurde Absatz 1 mit allen gegen 5, Absatz 2 mit 23 gegen M Stimmen angenommen. Wozu der Lärm? wird mancher fragen. Um dieses Resultat zu erzielen, so lange und teilweise erregte Debatten? Um in einer Resolution — wozu doch dieses verhüllende Fremdwort ׳in der deutschen Sprache hcrhalten mussl — festzustcllcn, dass man nichts festzusteilen wisse oder geneigt sei? ln einer ״Ent,- Schliessung“ zu sagen, man könne sich nicht entschlossen? Es hat der Mühfc und der Erwartungen nicht gelohnt — das 4st denn auch die altgemeine Stimmung, die sogar in der den gesetzestreue» Rabbinern doch nahestehenden ״Jüdischen Presse" zu einem recht scharf pointlcrtcn Ausdruck kommt. Die Herren haben cs eben zu gut gemacht. Sic wollten es gern allen recht machen und haben es nun nicmandem recht gemacht. Das werden einige aüs einen Beweis ffir die Zweckmässigkeit der ge• fassten ״Resolution“ ansehen wollen. Aber auf dieser ״mittleren Linie“, so modern sic auch ist. kommen wir doch nicht weiter. Darum sei cs rund herausgesagt: D!e sogenannte ״Resolution" ist unlogisch und ungerecht sowohl gegen den Zionismus Im allgemeinen wie gegen den Misrachi besonders; sie *st aber — was das Schlimmste Ist״־ auch nicht gcclgnet, das Zutrauen in die aufrechte Festigkeit der Vereinigung gesetzestreuer Rabbiner zu stärken! Das sind — wir heben das sogar noch mit Nachdruck hervor — schwere Vorwürfe, dlo indes zu ihrer Begründung nur weniger Sätze bedürfen. Die Wandlungen, die angeblich die Tendenzen des Zionismus erfahren haben sollen, erklären sich aus einer optischen Täuschung — die Herren Rabbiner haben Ihren Standpunkt geändert, und nun glauben sic vielleicht wirk- Jich, sich Jetzt einem anderen Zionismus gegenüber zu sehen aJs Im Jahre 1897, obwoUt der Züonlsmtis seine P ri n z I p Ic,n, auf die cs doch allein ankommen kann, bekanntlich nicht nur nicht geändert sondern mehrfach erneut fcstgclcgt hat. Eine Wandlung der Taktik und der Politik, selbst wenn sie stattgefunden hat, Ist aber für die Rabb'ncr ohne Jeden Belang. Es Ist also auch nicht der kle'nste Grund cinzusehen, der die Verfasser der ״Resolution" berechtigt, von einer ״Unbestimmtheit ihrer (der Tendenzen) zukünftigen Gestaltung“ zu sprechen. Ja, die Z'onlstcn, die so fest wie nur Je ein Rabbiner ihre Ucbcrzeugungcn gegen widrige äussere Strömungen festgehalten haben, können es sich mit gutem Recht verbitten, dass man den Zionismus solcherart als eine Wetterfahne darsteüt! Diese Darstellung entspricht In keiner Welse den Tatsachen, ist objektiv falsch und ungerecht Den Oipfed der Unlogik und Ungerecht^ kelt erreicht aber der zweite Satz der ״Resolution", für den der Misrachi sich bei seinen