Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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״Das Buch der Sage“ (Nucndruck v.-rbotcn.) Voll CI1. N. 13 i u 1 i k (Odessa) *) Am dem Hcbr.Uschcn von Dr. H. Üojak. 1. |1n Agadah ist die Urtimlform für eine Literatur• •״.,iiiiiir״ "'ic sie bei der jüdischen Nation aul dem ,jc1.׳dc des freien Schaffens sowohl des Volkes wie liiii/olncn geherrscht hat. Ihrem Wesen nach ist ,1׳c Mige keine zufällige vorübergehende lirscheimm״, somlevii eine klassische Schöpfung des \,.1i.H׳1׳istes, die einen Uemiss Ihr den Augenblick mit um.in dauernden inneren Gehalt verbindet. In ,!,reu allgemeinen Motiven gehört sie zu den grössten Oiuiil'.iriingen der geistigen Kraft des Volkes und seiner starken Individualitäten. Viele Generationen ״״״ FcrsöliUelikcHcn haben bewusst oder unbe• wiivn{ ihre grösste Schaffenskraft und ihren vollen <icisiesrcichtiuu dahinciu versenkt. Viele Oencru• itoiMi haben an ihrem Aushau und ihrer AusgesUil• u 1u gearbeitet, bis sie ein in sieh ahgcsehlosscncs u.1n ׳.s geworden ist, F.ine wunderbare und eigen• ,Hti.c Welt. Sie hat ihre eigenen Reize und Schön• heil■ ״. Line so grandiose Schöpfung kann blos vom /uc«. der Hwigkeit, des WcUumspumvmdun, zu• ^imiiciigehalicn sein. So wie sic sich in ihrer Lut• w icidiiug unbewusst geformt lmt, so muss sic als Mioicr einer Schd|1fuug filr alle Hwigkeit erhalten l'k (Kn.!1! 11111 Inhalte nach umspannt die Sage vieles \!■ח d. 11 Volksnitscliammgen mul den Aiiseluniimgen ciii/.'hicr Persönlichkeiten über die Jüdische. Nation mui ihre׳ Natioualgiiter, Anschauungen (liier das i.d 11 im Jenseits» in der Hwigkeit, und das Lehen m ,.<r Gegenwart, im Augenblick; (Iber (lescheh• 1u»v• mul Zukunft der Nation, über Nntioiialgrüssen, ,ii'e deren Lcbcnsscliieksale, Taten, Lebensweise mal licbr.iuclic. Anscluiuiiiigeii über Mensclien und \Wt, ober Denken und Glauben, über Lebensweis• hei! und W eltcrlialtuiiR, (Iber das irdische und hlmin• 11'viie KVicli. Mit einem Wort: es gibt kein Gebiet de■• UeiK- oder Ocfühlsvcruibgcns, das nicht von de׳ Sage irgendwie einbezogeit oeicr berührt wird. |11.׳ r<<r1n nach enthält die Sage alle Arten der iiui.irischcii AeuSserungsweiseii, die auf den crwiilm• nr Gebieten hi der damaligen Zeit üblich waren.; r/.|11|1nge11־ umJ Dialoge, Skizzen aus der realen und .11׳' d,r nliantaslischcu Welt, Sprüche und Abhand• Im.aii. Fabeln um! Parabeln. Knlschcs und Lyri• hGs ernste Ocsprüchc und Humoresken, Apiiorisn״. k'.it'el mul derglciclicn tiieiir. In neu hervoriagcndeu Sagen erlangt mich der mi: 'eine höchste Blüte. Kr Ist klar mul einfach, ivUu um; fliesscml, plastisch mul anziehend. Kr hat Meies von der Präzision und Bestimmtheit einer ent* "׳ekeilen literarischen Sprache. Kr hat die innere "!nie einer echten ungekünstelten Herzensregung, ' ei makrische Kraft und zeugt von der Uchcr• ־זeii'iuigssiiclit der Vnlkspliantasic, von der weisen י esJir.mkimg mul Schürfe einer Gelchrtenspraclic |!״d einer Volksfahel. In vielen Teilen der untiken ';׳.vn l!ai sich auch die lebensvolle, markjgc Art ' ".1 ecliien Volkssprache erhalten, einer Spruche, 1׳u• noch ihre volle Bodenstiiiuligkcit besitzt, mul dlo •׳׳ dem Volke milösliar verbunden Ist, Wer!!alter die jlldiselic Nation in ihrem lilstnrl• '• ו!•!! Werdegang mul Ihren verschiedenen Acussc• 11״g'.loi men erkennen will, der •soll und muss ln ׳ vr indischen Sage Belehrung suchen, Sic Ist qnnii• :,'1׳׳iv sehr iiinfniigrcich und iiualitativ von höchster i;' leutung. Sic besitzt chic migcaluitc Mamilg-;,h v.lifit 1111U Vielförmigkeit, sie spiegelt dns llUVisehc ' ״,k in *.einer Wcseiiscchtlioll wieder. Uimilcrtc ■״" ■iihrtn nach dem prophetischen Zeitalter kleidete s',סי ן diese Higcimrtlgkcit der Geist und der Seitab unsiricb des Volkes. Sic lmt eine Urwüchsigkeit, ' ״ sie die spütercu ncncratloiieii leider nicht mehr ״׳uiiwcisui linlien. Mit Hilfe der Sage kann Jeder dus volleiidcto ' ״Imliaiis, wie cs fm Herzen der indischen Nation "וויו"! war, betreten, ihr verborgenstes Innere bc- '“•'1:nien, die Gewalt des Volksbcscbützcrs erkennen, echte Lchcnsfaihc, die natürliche Gewandung der *) Der Dichter Ist bekanntlich damit beschüftlgt. ' ״u׳ Auswahl aus dem alten jüdischen Schrifttum 'יי neuer Anordnung und moderner Ausstattung In Ursprache herauszugehen. Das Werk, aus ,׳vsseii Vorrede der vorliegende Aufsatz entnommen ISI; nennt er ״Das Buch der Sage" (״Scfcr Hn’Aga•!|;|h״). Die Sammlung ist sachlich gegliedert und In 1'User Form ein vollständiges Novum; sie erscheint 1,l Krakau bei Joseph Fischer und bedeutet zweifellos n.״c wertvolle Bereicherung der hebrlilscheti Orl- •;1,״l*LUeratur. Mitherausgeber Ist der bekannte ׳ul'riiisebe Schriftsteller J. Ch. Rave ח ft *kl. ־ Nation betrachten, den Ihr eigenen Lieht• und l.uftquull bewundern. Denn allgemeiner genommen, ist <Uc Sage keine Klnzclcrbsclmft, sondern .die ge• inclusamc Schöpfung aller Volksglieder, (lewiss hat auch dlo Sage viel Zufälliges und Nebensächliches, aber dieses kommt nicht in Betracht. Jedes Gebiet der literarischen Schöpfung, wenn es auch den Mittelmüssigcu und weniger Befähigten, den Nach• ahmern und Phnisemlreeb.sleru Zugang gewühlt, hat etwas Aelmllehos uufzuweiseu. Kür eine bestimmte Zeit mag auch dieses nebensiichlich Scheinende nicht ohne Wert sein Jedenfalls wird eine grandiose Schöpfung nur selten vom Nebensächlichen vollstfin• dig loszulösen sein. Auch der Baum hat einen Stamm, der (ortdauert, Früchte, die nbgelesen,und aufgezchn werden, Hlüttcr, ,die welk und mutt zu Boden fallen. Das Höchste und Vortrclilichstc au der Sage bildet ihren bleibenden Stamm, den Jede Generation um einen neuen Ring bereicherte. Dies Ist der bc* harrende Teil, der gleich einem eisernen Fonds sich fnrtcrbt von Geschlecht zu Geschlecht, von Kltcru auf Kinder. 1 fii ihrer Kntstclnmgszclt wnr die Sugc von allen gleich geschützt lind geliebt. Und deshalb liahcn sich auch so viele uuheruieiie Hiiiidc zu. verschiedenen Zwecken in ihr Gebiet cingcdriingt. So sind uns Hunderte von Büchern teilweise in verdrehter und formloser Anordnung im Arainüisclien mul Hebrül* scheu iiherlicfcrt worden. Literarisch lassen sich diese Snniiuhittgcn nicht einheitlich bewerten. Wie alle Gebiete des literarischen Schaffens, hat auch die Sugc Zeiten der Dccadcnccn. des Niederganges und Zeiten der Blüte, des Aufstrehens gebuht. Bisweilen Ist ihre Quelle sprudelnd und unwiderstehlich vor• dringend, und bisweilen tropft sic trüge, kraftlos her• vor. Manchmal wird sie von Hohepriestern und manchmal von einfachen Priestern bedient. Wie sehr auch eine Jede Sage etwas Neues bringt, so hallen seihst für ihre Zell sicher nicht alle den Sngensclmtz tntsllclilicli bereichert. Viele stellen eine blosse Wiederholung In einer neuen Variation dar. eine Inhnltsvcrmcnguug und eine Simichvcrdrchung. So lange die Sage lebte und herrschte, war cs natürlich, dass sie in verschiedenen Büchern nach• crziililt und verarbeitet wurde. Diese Bücher*Samm• hingen landen ir.1 Volke Verbreitung und galten als Zeichen der Krait und des Segens. Dahel kamen Wiederholungen vor, mul oft amalgamicrte sieh der wcscnshildcndc Kern mit vielem Machwerk. Aber einer ieden lebendigen Literatur ergeht cs ühidlch. Belichte und geschützte Krscheinungcn w׳erdcu viellach kommentiert, erfahren unzühllge Deutungen und werden doch nicht schnell!listig. Und seihst nls Ihr Quell versiegte mul die Wurzel Ihrer schöpfe* rischen Kraft verdorrte, hat sie Im Lehen des Volkes machtvoll fortgewlrkt. so lange die eigenartige Welt bestand, die sic im Herzen der Nation nulrichtcte. Die Hauptbestandteile dieser Welt blichen bestehen, und die Sage selbst lebte fort. Der Linlluss der Sage tritt tatsiiehlich auch In «spiitcren Generationen stark hervor.׳ Ihre Kraft ist nngelmichen. Mit dirom Gehalte niihrt sic das ganze Volk, und an Ihrer Quelle Iahen sich! sflmtliehe nationalen l'.lcmeiite, Der herrliche Palast, den die Schaffenskraft vieler Nationen erbaut und ans• gestaltet hat, galt nicht nls Aufspclcherungsort für AutUiuitütcn, den mau einen Ang'cnhllek betritt und gleich wieder verbisst, sondern er.diente zum gemüebllohen Mündigen Aufenthaltsort für den Geist und die Seele der Nation. Die Ausstattung des Pa- Instes, seine Ocsnit und seine Form verkörperten das geistige Lehen der Nation, die Anordnung ihrer Inneren Welt wtu\ WwMrlerUw, wie das Volk bei hc• .Klmmteii Hrclunlssrn und über Wellcrschclmmgcn dachte und fühlte. Kein Wunder daher, dass man zu verschiedenen Zeiten Immer wieder an die Sage hernnging, und sic so .'iiifoahni. w׳lc sic sieh vorfand. Je nach dem Bcdürfuls einer bestimmten Generation wurden einzclnc Sagen nnsgcwühlt und vernrhcltct, So entstanden die Werke: ״Hin Jakob", ״Monornt Hamonr" und ״Jnlkut". And» diese Snw!mclworke wurden vom Volke viel gelesen und waren Volksbücher In vollster Bedeutung des Wortes.**) Aber die Zerstreutheit und die massenhaften Bücher, die am Plntzc waren zur Zelt, da die Saa־c lebte und herrschte, sind jetzt, da sic als herrschende literarische Form überhaupt verschwindet, scbüdllch und Haben ganz, unerwünschte Folgen. Nicht ein Jccfcr hat heute Freude an nntlkon Werken, ttnd nicht ein jeder kann und will Im Büchcrstauhc, der steh fm Verlaufe von vielen Geschlechtern zu ganzen Bergen ansammeltc, herumstöbern, tim schllcstdlch **) Diese Volksbücher werden noch heute fn den Synagogen vorgetrogen und gedeutet. eine Kostbarkeit hcrausznfinden. Und sicher vermag nicht ein jeder die unvermittelt Vorgefundenen Frag• mente zu etwas ganzem aneinander zu reihen, aus einzelnen Bruchstücken einen Bau aufzurichten. Als Produkt des freien Schaffens galt die Sage eine zeitlang als herrenloses Gut, als ein verlassener Ackert, auf dem der Nachwuchs gleich Pilzen hcrvorschlcsst Wenn ein moderner Mensel(, der Ordnung, System und mögliche Vollstündigkcit fordert, dieses Feld betritt, wird er sich hier kaum zurecht finden und bei seinen schweren Mühen sicher nicht auf seine Rechnung kommen. Sowohl im Jcrusalemctischen wie Im Babylonischen Talmud Ist die Soge blos fragmcntartlg uicdcrgcschricbc» ohne innoren Zusammen-!lang und ungeordnet. Die meisten SammclbUchcr wiederum sind geordnet nach Bibelabschnitten ohne Irgend welches innere Verhältnis zum Inhalt der Sage, ln keinem der Bücher׳ findet sielt etwas Ganzes vor. Zieht man noch in Betracht die vielfache Vcr* mongung von Hauptsächlichem mit Untergeordnetem, von Bedeutungsvollem und Minderwertigem, die Sprachcuvcrworrcnlicit, die Verdrehungen und Widcrsprlichc, Wiederholungen und das Ausgefallene, die Fehler In Worten und Wendungen, so bekommt inan einen Begriff, wie schwer cs einem modernen Mensch fallen wird, das Wesen der Sage an der ersten Quelle zu erkennen. So kam es, dass selbst die vorzüglichsten Sagen aus dem Leben liintmxgcstosscit wurden und als vcraltct galten. Aus einer echten lebenden Volks, literntur wurde ein Gegenstand der t rocke• neu Forschung. Sie werden nicht mehr hchandelt als eine existierende Welt, als ein lebender Körper, sondern als ein zusammengcfaUcncr Bau, nls ein blutleeres Gerippe. Anstatt die Quelle der Sage nufzudeckcti und die von ihr behandelten Oe- «cnstünde hlosszulcgcn, werden Bücher geschrieben über diese Quelle und über diese Gegenstände. Statt dass das Wesen der Sage in ihrer eigenen Form und Sprache erhalten wird, bekommen wir Arbeiten in neuer Form und neuer Sprache, die angeblich clno Verdingung der ulten Sage bedeuten sollen, Nur einzelnen, besnnders Begünstigten, e «trahlt das volle erfrischende Licht, das die Sage In Ihrer ur• wüchsigen und wahren Gestuft ausströmt. Das Volk in seiner Gesamtheit muss sich mit den winzigen Reflexen heseli.’iUen, die, vielfach gebrochen, erst aut Umwegen zu ihm dringen. Bücher der Jüdischen Renaissance Der Jüdische Verlag in Köln hat soeben unter dem Titel ..Bücher der Jüdischen Renaisaiiec" ein ־■■ abgesehen von einer viel zu schweren Titcllcistc. die!;ehr störend wirkt ״•• hübsch ansgestattetes. illustriertes Büchlein erscheinen lassen, das eine umfassende Zusammenstellung sämtlicher Werke der modcrn.jüdlschcn Literatur enthalt und allen Intercsscnten auf Wunsch sowohl von de-r Verlagsbuchliandlung wie auch von allen Sortimentshuchhandlungcn gratis und franko zugesandt wird. Das Büchlein wird sicher dazu beitragen, dem Jüdischen Verlag, dessen Bestreben es ist. Jüdische Kunst. Literatur und Wissenschaft in weiteste Kreise zu tragen und der mit seinen Publikationen im lüdisclien Buchwesen bahnbrechend gewirkt und die einmütige Anerkennung von Publikum und Kritik gefunden lmt, neue Freunde zu gewinnen. — Wir empfehlen nnscren Lesern, sieh den kleinen Katalog kommen zu fassen und Ilm bei Bedarf zu Rate zu ziehen. Eingegangene Bücher äpiÄÄ nicht itntilindi’11. Ölu mit f״.,rlchnc1־c״ Werk« lind "rfciu Mir Ut'xprt'Cliiiitg vergiücn. Neue Israelitische Jiigendhllcherel ״Saron**. *״Sulnmit". Jüdische Dichtungen aus alter und neuer Zelt. Für die reifere Israelitische Jugend, zu• sammcngcstcllt von F. H c r z b c r g. Leipzig. Ver• lag M. W. Kaufmann. 12(» Selten. * Dasselbe. Neue Folge. 118 Selten. '״ Die drei Nationen. Hrzültlung von Ludwig Phlllppson. Für die Juden hersgeg. von F. Herzberg. Leipzig, M. W, Kaufmann. * Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Organ der Gesellschaft für jüdlsclie Volkskunde in Hamburg ctc. Hersgeg. von Dr. M. Grunwald, Rabbiner der Israel. Kaltusgcmclnde In Wien. Heft 2&28-־. Leipzig M. W. Kaufmann. * Geschichte Israels bis auf die griechische Zeit. Von Llc, Dr. J. D c 11 z f n g c r in Jerusalem. Zweite verbesserte Auflage. (Sammlung Göschen). Lcip. zig, 0. J. Göschen, 1908. 156 S. 8°. Geb. 80 Pfg. Israels Sendung. Hin Festspiel von Adolf Mottck. 2. Auflage. Leipzig, M. W. Knufmam». 1908. 11 S. 8°.