Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No.. 3. ,10PIS CH H RUNDSCHAU Seite 27. ,(1. k. «Iso die Im Besitz dos Herrn Holprcdlaor a. D. Stöcker liolliiUltction Kaliwerk« *Ind In Jenen vlor jnhron um rund 1100 Prozent Im Werte gestiegen. Unter Berücksichtigung der Zubussen hat Herr Stärker hei dieser KrosskopItnlUtlschen Spekulation über 100 000 Mark persönlich eingestrichen. Pass alter Herr Stöcker mich bcrc 11 war, .l;,s spekulative Interesse der B oh r r c- ■ v 11 sc h a (t z u n 111 c r s t II t •/, c 11, ergibt die Tat. siehe, ilass. als in־. Jalire 1004 die Gemarkung ״Ves• leck•־ iiitKcsclilnsscn werden sollte zum Zwecke der Kiirstrcibcrci, Herr Stöcker die dazu erforderlichen Rarmittel von 30000 Mark allein ge« liehen hat. Per Wert der Anteile, «Ir die Herr Stöcker I.MO—•1.300 Mark erzielte, ist heute so tief gesunken, d.-ss kein Zweifel bestellen kann (liier die Ucltcrii chenlielt der Knllspckiilatlnn ״Adolf-Glück", an!!er Herr Stöcker über 100 000 Mark verdient hot, wahrend die späteren Käufer und Besitzer aber (inturßomiiss ItercfosefaJIcn sind. So der Pall *töckcr." Wir «ringen diesen Pall nicht deshalb zur Kenntnis unserer l-escr, um ihnen die antisemitische Ver- ,!eibtheit vor Amten zu fuhren und daraus den frohlockenden Schluss zu ziehen: ,.Per Antisemitismus st tot!" O nein, wir wissen zu gut, dass nicht einmoI Alilwardt, nrulin und andere Ocntlcinen dieser \rt den Antisemitismus minieren konnten. Auch 1 raucht uuiii Stöcker honte nicht noch einmal totzuvhl.'igeii. Aber hinter die Kulissen politischer Mo* i.ilprcdigcr zu leuchten. Ist immer ganz interessant. Herr Stöcker hat sich schon von verschiedenen Bevjiuldiuimgen zu ,.reinigen" gewusst — wir sind auf sjiu diesmalige Piirifikation aber doch gespannt. Neudeutscher Idealismus In den .,Münchener Neuesten Nachrichten" lint Heir Richard No r d 11 a 11 sc 11, auch ein regel-;i'.issicer Mitarbeiter des ״Tag", einige musslos — ainiitvolle Heiiierkinigen an den Sclnstiiu.rdvcrsiicli einer Prau Pr. L.. der In Berliner jlldisehcit und ucliiiiidisclieii Kreisen viel hesproehen wird, ge«!,nimfi. Pa zu bringt nun die ״Frankfurter Zeitung" t-•Igemlen .,Roheit*' betitelten Artikel aus der Peder י• Bier ha ums: üittc iuiigc Prau stürzt sieb vom dritten Stock- \> ehe auf die Sttassc und bleibt mit zerschmetterten liliedmnsscii liegen. Nur wie durch du Wunder Ist 1!e iioeh nicht Siebzehnjährige dem Tode entgangen, mul es hfeiht noch ungewiss, ob sic mit dem Leben .i.ivtiiikotiinien wird. I’.in trauriger Pall, nicht wahr? Nein doch: der \ nlass zu einem l'eiiitlcton mit der Ueberschrift: ..Per fr ö 111 i 111 e \ n f a n g". Pas Unglück ist mmilich in der Sylvesteriiaeht geschehen, und da Her Richard N o r d 11 a 11 sc 11 gerade hcmllssigt war. den ״M(inchcncr Neuesten Nachrieliteu*‘ zur laliresweude einen Artikel zu liefern, so kam Ihm dieser Anlass eben recht als Podium filr ״naclidcnkliebe Betrachtungen". Pr gibt die Zeitungsnotiz wieder und fügt unmittelbar hinzu: ״Hs Ist so ziemlich der widerlichste Skandal, den Berlin seit langem ge* Wäre der Jude weniger absonderlich gewesen, so hätte ■er vielleicht nicht so viele Kuuden bekommen, aber jetzt dauerte cs gar nicht lange, bis das Fensterbrett mit alten zerrissenen Schuhen aller erdenklichen Formen und Grössen garniert war, und so musste das Kützchon vjilicsslicli seine Zuflucht in einem alten, schiefen Sticfclschaft suchen, um seinem Herrn nalie zu sein. Die kleinen Buben und Mädchen der Naclibarscliaft waren niemals so diensteifrig gewesen, selber!'hrc Schulte zum FJickcn fortzntragen, und auch die Mütter machten gern einen kleinen Abstecher zu dem eigentümlichen Nachbarn, der für die nächsten Tage das ganze Ouartier mit Gesprächsstoff versorgte. Denn er flickte nicht nur alte .Schuhe, ln!seinem dunklen Zimmer hatte er nämlich^ auch ein sonderbares Durcheinander der versclUcdenartigsten Gegenstände, die teils auf einem Brett, das an der einen Wand entlang lief, teils auf dem Ftissbodcn aufgcstcllt waren — ein Antiquariat im kleinen, und diese Sammlung erregte die grösste Aufmerksamkeit. ״Aber was wollen Sie denn nur mit allen diesen alten Sachen tun,“ fragte eines Tages die kleine Monde Zimmcrniannsfrau aus dem gegenüberliegenden Hause. ״Diese Tassen z. B״ die nicht einmal Henkel haben, so dass ein anständiger Mensch sie kaum sehen hat." Wie? Kein trauriges Ereignis, das Mitleiden erweckt? Plc Tot der Jungen Prau, die vielleicht Zeit ihres Lehens verkrüppelt bleibet» wird, ist ein Skandal? Der Pcullictoiifst hat In der Eile der Nachdenklichkeit doch wohl das Nachdenken vergessen, Aber nein: ״ich gebrauche den Superlatlv nach sehr reiflicher Ucbcrlcgung," schreibt er weiter; und fügt hinzu: ״Pas neue Jahn ffingt «nt au." Ist cs zu glauben? Ist es möglich, dass eine so widerliche (Jcfülilsrohelt sich In einer deutschen Zeitung fiusserit durfte? Mehr als dies: Pas Feuilleton, dessen Ueberselirift ״Per fröhliche Anfang" mir auf Jenes traurige Ereignis bezogen werden kann. cntltlUt eine Art Busspredigt auf den (leist, der heute Deutschland beherrscht, beklagt den Niedergang der deutschen Kultur, verzweifelt daran, dass wir aus dem Aincriknncrtiim, dem wir verfallen sind, wieder emporkommen werden. Die Roheit drapiert sich also auch noch als Idealismus. Besonders darum gehört sie an den, Pranger. Gerade, weil cs wahr Ist. dass unserer Kultur die } Gefahr droht, die man mit einem gewissen Rechte als die amerikanische bezeichnen kann, dürfen wir cs nicht schweigend hliinchmen. dass diese Wahrheit zum Deckmantel roher Gehässigkeit uml Klatschgicr missbraucht wird. Penn darauf lauft dieser ,.fröhliche Anfang" ־ hinaus: er soll In einem grossen Klatsch sein Pude , finden. ״Vielleicht muss ich von Prau Pollv (dies der Name der Unglücklichen) an dieser Stelle noch j eingehend sprechen," verkündet der Ideellst. Muss?; Freilich: ,.Penn der Klatsch wird die Stadt er* 1 füllen." 1 tüt'* zieht bei so kraftgcnialisehcu Naturen wie Herrn Nordhausen natürlich nicht. Sollte also nach Herrn Nordiiauseiis Vorschlag demnächst Jede Roheit mit Prügeln bestraft werden, so brauchte Herr Richard Nordliauscu nach dem ersten Dellmiucnteii nicht lange zu suchenI Bescheidenheit ist eine Zier Pie Berliner ״Welt am Montag" schreibt: ״Per freisinnige Abgeordnete W 0 J f I Lissa bat auf dem Poscnschcn Städtetage erklärt: ״Pie ablehnende Haltung der Staatsreglerung gegenüber den Anträgen der Städtetage entspriclit nicht der Gerechtigkeit, dJe wir sonst In Prcusscn zu sehen gcwö 11 nt sind." Allerband Achtung vor einem Jüdischen Abgeordneten, der trotz der Behandlung, die den Juden gernde In Preussen zuteil wird, von der ״Gercchtlgkeli" spricht, die wir ״sonst in Preussen zu sehen gewohnt sind!“ Die prenssisehe Regierung wind Jeder.- falls nicht verfehlen, dies freisinnige Wohlvcrhaltungszcugiils bei der parlamentarischen Erörterung des Falles SehilcMiig und sonst bestens zu verwerten." Was soll ein Jüdische s Blatt da nocli hinzufügen!? Vambdry Mau beachte diese Logik eines Menschen wohl, der kurz vnrhe־׳• das Verschwinden der deutschen ..Verwöhntheit in geistigen Bingen" beklagt hat. Mau muss daraus entnehmen, dass er seine seliriftstelleriselie Tätigkeit nicht zu den ..geistigen Pingen" j rechnet. י Wer indessen mich das TagessclirifUnm zu den geistigen Dingen zählt, darf hei solcher Gelegenheit wohl erklären, dass cs eines Journalisten unwürdig ist. Klatsch zu verbreiten, auf Klatsch gespannt zu i imidven. Tragisches mir unter dom Gesichtswinkel des Klatsches zu betrachten. Kann er aber Garant nicht verzieJiten. zumal nlclit In olnom Folio, der 01110 geborene Plnkiis angclit, so soll er wenigstens redlich uemig sein, nicht die Fahne des deutschen Idealismus darüber flnttcm zu lassen, sondern die.! der c־ wirklich nngehört. von der aber nur am! ״entsprechenden Orte" Gebrauch macht: wenn er j sich nicht in einem liheraien, sondern in einem 1 antisemitischen Blatte üussert. Srmpnthisch wird Roheit ia auch dann nicht, wenn sic mit Ehrlichkeit verbunden ist. Aber weniger widerlich wirkt sic! doch, Per Fall seihst entbehrt für uns Jedes Interesses. Um so mehr Beachtung müssen wir aber Herrn i Nord h a 11 s e n widmen, der in seinen Knpuzinndet! 1 auch recht oft offen und versteckt allerlei aiiti- I semitische Vorwürfe anfgreift, sic etwas mit Schokolade heglesst und sie daun in der Maske des tadel* | losen deutschen Idealisten den harmlosen Lesern : vorsetzt. Herr Nordhausen lieht es auch, ein ge-; wisse* politisches und soziales Kraftmeiertum zur j Schau zu tragen. So ist er verschiedentlich für die Prügelstrafe eingetreten, offenbar von der Meinung | aasgeliend, eine Roheit sei der anderen wert. Penn 1 die Phrase vom ״Fortschritt" und von der ..Hninani- ' Heber den bekannten Orientalisten, der auch fiir die zionistische Bewegung eine gewisse Rolle gespielt hat mul in unseren Kreisen jedenfalls Interesse verdient, antisemitelt im ,. Tag" Herr Dr. \. Wirt h das Folgende: Per Mann heisst eigentlich Hamberge־. Mit allen Konscunciizen. Per Urmadjar Vamherv hat sich mit tüchtiger Betriebsamkeit emporgearbeitet. Er war lauge Jahre in Koiistautinopel. meist als Hauslelirer, uml lernte ausgezeichnet Türkisch und!,ersiscli. Seinen Olaubeu hat er nicht ahgeschworen. Die Sehnsucht aber rief ihn in weitere Fernen. Von der ungarischen Akademie erwirkte er einen »lässigen Zuschuss zu einer Forschungsreise mich Turkestan. Als .sunnitischer Derwisch verkleide*, durchzog er »Ile Khanate von Chiwa uml Buchara, die damals, vor der russischen Besetzung, fiir Jeden Europäer unzugänglich waren, und kam bis Afchanistam Allerdings wurde später häufig bezweifelt, ob er alles das. wovon er so beredt erzählte, auch wirklich selbst gesehen. Namentlich der angesehene Orientalist Bretsciincidcr. der Arzt der russischen Gesandtschaft in Teheran uml später in Peking, meinte, der kühne Reisende sei auch im Schildern kühn gewesen und linhe sich die Abenteuer von Reisegeuossen angjecignct. Zugunsten Vambörvs könnte Ich da allerdings nnfdhrcn, dass die Einheimischen sehr gern derartige Uebelberichtc verbreiten und Jetzt noch behaupten, niemand habe den Ararat, niemand die Spitze der Uschta erstiegen. Dabei waren auf dem Ararat schon mindestens achtzehn Expeditionen. Andererseits wurden lene Zweifel bekräftigt durch die ״Geschichte Hoch»ras", die Vamberv als wissenschaftliches Ergebnis seiner Reisen veröffentlichte. Die Geschichte war nämlich in der Hauptsache auf einem russischen Werk hegründet, das in den 18’Oiger Jahren in Petersburg erschienen war. Nim. der Himmel ist hoch, und Petershurg ist weit. Ohnehin wusste Ja in Europa mir der Millionste etwas von der Entwicklung Turkestai.s. ויי j fcsthnltcn könnte, falls er Kaffee daraus trinken i wollte? Und diese alte zersprungene Untertasse, die schon so viele gekittete Sprünge hat, wie Sic Runzeln in Ihrem Gesicht haben? Was in aller Welt tun Sie damit?" Hbenczcr lächelte behäbig und nachsichtig. ״Ich mache damit Geschäfte, liebes Fraueiten. Immer mir Geschäfte. Fs findet sich wohl einer oder der andere, der von diesen alten Stücken mehr hält, als von all’ dem btmten, neumodischen Kram *in d'en Ausstattung.«»־ magazinen."! Die Zimmcrmaimsfrau zuckte die Achseln, 1 und dachte voller Befriedigung an das halbe I Dutzend Tassen, das sic zuhause in ihrem Spinde aufbcwahrlc. Wieviel schöner waren die doch. Mft richtigen Goldrändern und bimten Blumenzweigeii. Sic wollte diese Henkellosen, bauchigen Dinger wahrhaftig nicht statt ihrer haben, und wenn sic auch noch eine halbe Krone als Zugabe erhalten würde. Bald war die erste Neugierde beruhigt, aber * man ging trotzdem Immer wieder zu der ״Elfenbeintmsc", um das zerrissene Schuhzeug hinzubrhigcn, denn mun hatte herausgefunden, dass ־ Ebcnczer billiger war, .als Jeder andere SchuhfUfeker in der ganzen Gegend ~ Ja, er hatte sich sogar zuweilen gewoigert, die Bezahlung für seine Arbeit anzunehmen, wenn er merkte, dass cs den Kunden scltwcr wurde, zu bezahlen. Man hatte aticit c'nigcmal sorgfältig cingcwickelte Silbcrmiinzcn in den Spitzen der alten Stiefel oder Sehtihe gefunden, die zur Reparatur durch seine kunstfertigen Hände gegangen waren, und wenn man den Versuch machte, den gefundenen Schatz wicdcrzugcbcn. dann schiitteite er mir den Kopf und sagte: ״Die Katze, die Katze'. Sic ist doch ein sonderbares Tierl" Es kann sich daher niemand darüber wu1׳- dem, dass die Katze unter solchen Umständen bald ebenso beliebt und populär war, wie ihr Herr, und so mancher Nachbar war einfähig genug, an die Katzcngcschichtc zu glauben, und wäre s־ehr froh gewesen, eine solche Sparbüchse zu besitzen. Ein junger, hoffnungsvoller Mann in der Naclibarscliaft machte auch den dummdreisten Versuch, sich in den Besitz des merkwürdigen Tieres zu setzen, er musste aber baW adne Beute fahren Hassen, und ging noch dazu mit vielen gar wenig ehrenvollen Wunden aus den» Kampfe hervor. (Fortsetzung folgt.) •. #.*'