Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 19. No. JÜDISCHE RUNDSCHAU Ma die Laue der jüdischen Prnuou mit der allxcinciiic* Lage des jüdischen Volkes verbunden Ist. kann sie mir im Zusammenhang mit der Olcichbcreeh- »ignng aller Juden eine Besserung erfahren. Da ferner die Juden die am meisten unterdrückte Nation in Russland sind, die sogar das Minimum bürgerlicher | Rechte. das alle anderen haben, entbehren, spricht sicli 1der IT.inen-Kongress für die Abschaffung jeglicher Beschränkungen, die auf den Juden lasten, ans." Ausserdem wurde auch in dem Referat über die i i u n i sc 11 c 11 l׳ raue 11 die JudenfraKC herUlirt. I'rau Pink mnclite das frcideiikende fitmisclie Volk darauf aufmerksam, dass die Juden die einzigen seien, die von den Pinnlümlcrit unterdrückt würden, mul forderte die Beseitigung der Eigenmächtigkeiten der finnischen Behörden und die Glcielibercelitlgiuig der finnläudisehei» Juden mit den übrigen Plmiländern. Auch eine Angehörige der ..Partei cliristliehcr Platten" sprach über die Unterdrückung der Juden ui judcnfrcundlichcm Sinuc und erhielt dafür bcvusterten Beifall auf der Linken, während bei den I kleinerten der R e c 111 c n e i s ig e s S e h w c i g c n 1:1 rrsclitc. Italien Brnesto Nalhan und Merry de Val Ihne interessante Meldung kommt nus R 0 m, das jetzt natürlich noch mehr als alle Wett miter dem Eindrücke der entsetzlichen Katastrophe fu Slzilica stellt. Der Bürgermeister von Rom, E r a c s t o Nathan, der bekanntlich anch Orossmclstcr der italienisclicn Preimanrcrlogc Ist. hatte die vntlkaaischc Verwaltung gebeten, das Santa Martha- Spital iür die unkommenden Vcrwmideteu frei zu machen. Das war bewilligt worden, mul bei dem asten Besuch, den Nathan im Spital machte, traf adort mit dem mlichtlgcu Knrdiimlstnatssekrctär M crry de Val zusammen. Der etwas ver* legenen Vorstellung der beiden folgte ein längeres Gespräch, das mit einem gegenseitigen herzlichen Händedruck endete. Interessant ist dieses Zusammentreffen hauptsächlich, weil es sich um zwei so harte imd intransigent«: Vertreter wcltvcrschlcdencr An- Schaltungen handelt wie den stclfnackigcn Nathan und den gewandtesten vatikanischen Diplomaten Merry de Val. Bürgermeister Nathan — ohne dass m ir seine politischen und religiösen Ansichten auch mir entfernt zu teilen brauchten - verdient unsere .־'ympatliien vor ahem darum, weil er, wie hoch er .■och stieg, immer stolz sein Judentum bekannte and cs nicht nur, wie andere westeuropäische iü* disclie Grössen, an iKsondcrcn Poiertngen hervor- »׳!•He. Türke/ Die zionistische Glückwunsch-Dcpesche Am vorigen Dienstag wurde im türkischen Parlaincnt auch das Oratulatiniistclcgrainm des Prllsldeuten des Zionistischen A k t i <> n s - Komitees, David Wolffsohn, unter •grosser Aufmerksamkeit des ganzen Hauses verlesen, das mit lebhaftem Beifall1 dafür quittierte. Vor allem wissen nun die türkischen Juden, denen man nach berühmten Mustern vor dem Zionismus als einer höchst stnntsgcführlichcn Suche hatte grimsiicii machen wollen, dass der Zionismus nichts dergleichen, sondern eine mit den Interessen der Türkei *liirehaus im Einklang stehende, Ja sie־ fördernde Bewegung ist. * In der Türkei wohnen mmäliernd 500 (Hin Juden. Diese scheiden sich in zwei Lager, die atiffülligcrweise miteinander nicht die geringsten Bcriihrungsinmktc halten. Die Asciikcnnsim wissen nichts vom Wesen, von den Bräuchen und der Lebensweise ihrer sc phard i sc 11 cn Brüder. Die letzteren Mml •.wich UusscrUch «nur. verschieden von dem ׳'־)listigen jüdischen Typus, der im Exil sieh nusgc* 1'iMet hat, Der Sepharde ist kraftvoll, hat feste Muskeln und ist von kcrzciigradem Wuchs. Stolz ויח׳י selbstbewusst sieht er herab auf die Juden Misse rhalh der Türkei. Tatsächlich hat er in der Türkei schon seit Jahrhunderten die volle Gleich-!,crccliligiing, während die Juden in den Kultur- Staaten Europas unter den barbarischsten Lebensbe- •schränkungcn ihr Dasein fristen mussten. Die curoi'äisehc, nher auch die alte jüdische Literatur Ist ihnen zum giösstcn Teile fremd. Auf die religiösen Dogmen, auf mangeilmftc Blhcl- und Talinud-Kcunt* uisse beschränkt siel» Ihr ganzes indisches Wissen, bi Konsfaiitinopel das 70 000 Sepbardin» hat, befinden ־ iel» nur einige, die siel» tatsächlich in» indischen ''chrilttimi heimisch fühlen. Das indische Schulwesen ist höchst lückenhaft, Hebräisch wird nicht gelehrt, ״ml sonderbarerweise auch nicht türkisch. Dies Ist die einzige Erklärung für dos mangcliiaftc Interesse, das die Scphnrdlm am öffentlichen politischen Leben der Türkei nehmen, Die einzige Sprache, die In den j Ahnten, grösstenteils von der Alliance begründeten, hhilünglicli gelehrt wird Ist die französische• Der HilfsvcrcJn der Deutschen Juden hat drei Schulen In Konstantiuopcl und einen Kindergarten In Saloniki begründet. Als erste Versuche sind diese Institutloncn höchst lobenswert. Dns Hebräische w׳ird als lebendige Sprache behandelt, und auch aal die Erlernung des Türkischen wird grosses Gewicht gelegt. Diese Schulen bciindcu sich in ihren Anfängen .timl können datier keinen merklichen Einfluss auf den allgemeinen Bildungsgang •der jüdischen Jugend auf• weisen. I'llr eine indische Ausbildung des sephardischcn Juden »miss jetzt, da die administrativen Hindernisse ans dem Wege geräumt sind, gesorgt werden, wenn mau den von Europa hierher verpflanzten Bestrebungen, ״Ottomanen mosaischer Konfessln!»״ anszubildcn. nachdrücklich und mit Erfolg entgcgcnarbcitcn will, * Der Kammer wird ein Gesetzprojekt zugehen, das die Ausdehnung der Wehr pflicht auf die N i c 111 m 0 11 n in m c «I n 11 c r zmn Gegenstand hat. Alle Jungen Mannschaften Ms zum Alter von 21 Jahren werden ciiigczogcn werden. Die übrigen werden wie bisher die Militürstcucr bezahlen, um für Ihre Nichtvervvcndimg ein Acqiiivatcnt zu leisten, — Nic 111111011;u 1 1 ו 1 ו cda 11 cr werden in Zukunft auch als Schüler In die staatlichen Militärschulcn niilgeiiommen. Wir werden also hinnen kurzem wohl auch eine Reihe jüdischer Offiziere haben. Amerika /1!׳ Erzwungene Weihnachtsfeier Die indische Presse erörterte vor Weihnachten tehlinft die Präge der Teilnahme jüdischer Kinder nt» den Wc 1 hnuc 111s f c icr 11 In den Schulen. Ungeachtet der Tatsache, dass diese Pclcrn in Amerika keinen religiösen Charuktcr tragen, sondern nur zur Erheiterung der Kinder bestimmt sind, linlicu doch die indischen Eltern mit Recht dagegen protestiert, dass man Ihre Kinder zu der Teilnahme an den Pclcrn zwingen will. Die Schulverwaltung hcinlilitc sich, die Kinder von der Teilnahme an der Pcicr zu befreien, aber die christliche Majorität Im Schiitkomitcc lehnte diesen Vorschlag ab. Bei dieser Sachlage riet die jüdische Presse den Ellern, ihre Kinder am Tage vor der Pcicr von den Schulen abziimcldcn. Es ist noch nicht bekannt, wieviele Eltern diesen Vorschlag befolgt )»allen, doch dürfte ihre Zahl eine ziemlich beträchtliche sein. PALAC5TINA-RUND5CHAU Parlamcntstelcr In Palästina Die Eröffnung des Parlaments wurde in Jaffa mul In Jerusalem von der gesamten Bevölkerung in grossen Strasscmiinzilgen und Volksvcrsammlangen geleiert. Als .sonderbare Rednertribüne diente ein grosses, auf einen Wagen aufgchidciics Boot. Sämtliche Häuser waren beflaggt und an» Abend Illuminiert. Auch alle im Hafen liegenden Schiffe bekundeten Ihren Anteil an der türkischen Pcicr durch Pluggenhissen »md Illumination. Von den Juden, die um gesamten Umzuge teilmilimcu und auch I n der Synagoge eine grosso Volksv c r sa in in 111 n g veranstaltet haben, wurden Ansprachen in 11 c b r ä l s c 11 c r, s p a 1» 1011 s c 11 c r und türkischer Spruche gehalten, ~ma~ Au* Judiiu, Nach einer trüben und regenreichen Zeit die jede Arbeit auf den Poldern »md in den Weingärten unmöglich mnclite, haben wir Jetzt in Judäa echte Prülilingsluft bekommen. Die Kolonisten beeilen .sielt, den Boden zu bestellen, zu ernten und die Bodcnprodtiktc unter Duell zu bringen. Bcsonders wird die Ornngcnlcsc sehr energisch und schleunigst betrieben. Im vorigen Jahre wurde Judäa von einer schweren und nachhaltigen Krisis heimgesucht. Hingegen Ist dieses Mir der Orangenb n 11 ausserordentlich und ökonomisch viel ver- .sprechend gelungen. Der V* r c i s für Orangen ist bedeutend gestiegen, und da dieses Produkt die Hnuptqueile bildet für die Einnahmen Judäas, so Ist •nicht mir zu hoffen, dass grosse Roingcxvlnuc erzielt werden, sondern midi dass die misclinllchcit Verluste des vorigen Jahres vollständig ausgeglichen werden. So befindet sich jetzt Judäa in einer arbcltsfrohcn und hoffnungsvollen Zeit. —II— Vorige Woche wurde In Jerusalem das neue J (id I scI! e Oym 1»r»s111 n» mich dem Muster desjenigen von Jnffn eröffnet, Die Juden In Jerusalem versprechen siel» von dieser Schule cino Nctihclebung »md reiche Entfaltung der geistigen Kräfte Jerusalems und erhoffen von Ihr eine Rück- Wirkung auf <110 verlotterten Zuständo In der JUdl« scheu Gesellschaft. Pür den Ausbau und cino gedcihllchc Entwicklung des neuen Gymnasiums hat auch der Direktor der Anglo Palcstlno Company ln Jerusalem, Dr. L, 0 v y. bereitwillig die weitgehendste Unterstützung zugesagt. . —II— Der Administrator der Kolonie Riclion-Ic• Zion erhielt von der JCA eine offizielle Anzeige, dass sie eine Anzahl jüdischer Arbeiter, die bisher in den Weingärten von Richon-Ie-Zion beschäftigt war, als Kolonisten auf dein Boden des Barons Rothschild in Q a 111 ii n anzusicdch» gedenkt. Bel der Administratinn sind daraufhin eine Anzahl Gesuche cingclaufcn, von denen aber bis jetzt nur einige berücksichtigt werden konnten. RUNDSCHAU DER-PRe55E Berliner Tageblatt 111 einem Artikel ״Die Parteibildung im türkischen Parlament״, der mitüflicli mir Mutmassungen — und zwar bei der eigenartigen Sachlage recht vage — cuthuUci! kann, heisst cs: ״<\ls Grundlage für eine Parteibildung kom* tuen zv^ei Paktor.cn in Präge: einmal das Programm der Väter, dieser Volksvertretung, des jungtiirkischcu Komitees, jmd sodann die Eigenart des türkische« Staates als eines Koitgkmtcrnts von verschiedenen Nationalitäten und Konfessionen. lieber das Programm des Komitees in * seiner ursprünglichen Polin sind an dieser Stelle .schon wenige Tage mich der Proklainicrimg' der Konstitution des allen, zentralen Ochcimkomitccs in Saloniki wiedergegeben worden; in» Prinzip Ist dieses Programm das gleiche geblieben, wenn iiucli in Einzclfragcn Aemierungen elngctrcten sein mögen. Das türkische Parianvent ist, wie gesagt, die Vertretung eines Nationalität eil -. nicht eines nationalen Staates. Die Abgeordneten sind zunächst Türken, Griechen, Armenier. Araber, Juden »md so fort und erst in zweiter Linie Ottomanen. Infolgedessen tritt die rein politische Anschauung im allgemeinen in den Hintergrund; die Präge, nl! konservativ oder lihernl, oh reaktionär oder fortschrittlich. Ist zunächst nicht so wichtig und charakteristisch wie die Zugehörigkeit zur türkischen oder griechischen, zur armenischen oder arabischen «Nationalität. Es kann indessen bereits jetzt als sicher gelten dass die Türken und d.ic meisten Armenier prinzipiell Hand in Hand arbeiten, und dass die Griechen IhjI den Arabern, wem» nicht An- Schluss, so doch Unterstützung stieben werden. S!» ist ein ״Block“ in der Bildung begriffen, der alle lene Abgeordneten umfasst, die die o11 111 ס aui - sehen Interessen, die nationalen Güter, allen Sonderrechten der Nationalitäten voranstellcti. Diesein Block gegenüber gruppieren sich dam» die Separatisten, die sich aus den Griechen Ar.1licri» und einigen puderen Völkerschaften zusammen• setzen. Dem Block werden diejenigen Abgeordneten der kleinen N'ationalilütcn. zum Beispiel der Bu I garen, unterstehen, die das Koinitecprograimii zunächst vorbehaltlos angenommen haben, ״um vor allem den k 11 ח s t i t n t i o n c 11 c 11 Gedanke»» zu kräftigen »11» «I zu festige n". die aber späterhin, besonders in der Scliulfragc, gegen das Knmiteeprogramm Stellung nehmen werden. Die Gruppierung der übrigen Mininrtätsnntionen stellt noch nicht fest; doch werden die Juden jedenfalls als Anhänger des Komitees im besten Sinne des Wortes zu gelten haben." ZIONISTISCHE BEWEGUNG Sitzung des Engeren AKUonsKomlfces Am Sonntag, dem •7י. Dezember, fand In Köln eine Sitzung des Engeren Aktions-Komitees statt. Ausser der politischen Lage, die einen der Hauptpunkte der Beratung bildete, beschäftigte sich das E. A.-K. mit eitler Reihe von Projekten und Anregungen die sieh auf das politische und orgatti־ satorischc Gebiet erstreckten. Die Projekte wurden geprüft, wobei sich manche als eines weiteren Studitims bedürftig »md manche als erstrebenswert erwiesen. Letztere sollen den z u s t U1» d I g c 1» Ins t i t »11 i o 11 c n zttgewiesen werden, deren Aus- 11 u 11 und E r w c i t c r 111t g als notwendig ancrkannt worden sind. Hingegen sprach siel» das P״ A.-K. entschieden gegen die Schaffung neuer Institutionen aus. Nach* den» die zionistische Organisation unter grossci» Schwierigkeiten und mit erheblichen Opfern cigeno Vertretungen Im Orient geschaffen hat. erachtete das E. A.-K. cs für durchaus tmzwcckmässlg, daselbst neue zionistische Institutionen aus den Mitteln und mit den Kräften der zionistischen Organisationen ein- .znrlchtcn, anstatt die vorhandenen Einrichtungen zu stärken und aus/.uhaucn. Das E, A.-K. besteht nachdrllcklich auf der Zentralisation aller zionlstischcn Arbeiten Int Orient bei* den von der zionistischen Organisation eingerichteten und ihr unterstehenden Instituten, Aus dem russischen Hilfsfonds wurden auf Antrag des Palästinanmts und des Hllfsverclns der Deutschen Juden einige Bewilligungen für Pogrom• walsen genehmigt,