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Jüdische Rundschau · 1909-01-08 · Heft 2 (8.1.1909) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 2 (8.1.1909)
Date
1909-01-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Cassel, den 16. Juli 1^99. Mein geehrter Kriegskamerad! Die Geschichte des 80. Regiments soll demnächst im Druck erscheinen, sie isl selioii in Bearbeitung. Dabei wurde ich nun nach den Umständen gefragt, 11110(1׳ denen Sie bei Wörth die 1 urko-kalme ge* luiiutnen haben. Soweit ich mir die Sache noch erinnere, lautele Ihre Meidling, dass Sie in dem WaUlgeieeht vor Hlsassliauseu in dichtem Unterholz, auf den feindliehen Faliiicntrnger gesiosseit, denselben durch einen Schuss verwundet und ihm daun die!,’ahne ׳ihgcnomiiicii hätten. Zeugen, die den Vorgang gescheu, konnten Sie nicht nennen, da das dichte Unterholz, fcdcu Ueberblick verhinderte. Sie waren etwa mit 20 nndeten Leuten der 2. Kompagnie in dem Wahlgcfcvlst abgekommen und meldeten sieh erst am Morgen des 7. August wieder bei mir, wo noch der damalige!•‘(ihrer des 80. Regiments, Oberstleutnant von Oetiiiger, ihnen auf meine Meldung hin alterkennende Worte sagte. Sehr gut erinnere ich mich noch von Ihnen einer anderen schönen Tat in der Schlacht bei Wörth, ln meiner unmittelbaren Nähe war Urnen Ihr Oewelir durch eine feindliche Kugel unbrauchbar geworden. Ohne sicli zu besinnen, sprangen Sie aus der Dockung, ergriffen ein vor der Schützenlinie liegendes Cliassejiotgewehr, .suchten sieh im feindlichen kotier dazu gehörige Patronen, um dann ruhig weiter ieucru zu können. Da es nieist unmöglich ist, dass ich in den 20 Jahren, die nunmehr vergangen sind, ein oder das andere verwechselt oder vergessen haben könnte, so bitte ich Sie. nur umgehend mitzuteilcu, ob Ihre Briimcniiigen mit den meiitigen zusammen stimmen. Ich freue mich, Ihnen, geehrter Herr, bei dieser tlelegenlieit meine besten kameradschaftlichen drüssc zu senden mul zeichne als Ihr ergebener gez. v o 11 P 0 s e 0 k , Kammerherr. 17. 7. 99. Sein׳ geeinter Herr Uai'on von Poseek! Mit Prcudcn las ich Ihre Zeilen, lind ein Lebens- /eichen von Ihnen crircitt mich in Briimcnutg an Jüngst vergangene Jugeitdialire mul Hoffe, Sie in froher Gesundheit den Abend eines frohen Tages gemessen zu sehen. Die r.roignissc des Tages zogen damals in dieser Richtung, wie Sic sieb noch so gut erinnern, nur wurde mir erst das Gewehr demoliert und daun kam Ich ab um! fand mich mit anderen Mannschaften zusnmmcn. Ich halte nur meine Schuldigkeit getan, wie sie iedermatut getan im־.! wie wir in so hohem Masse als gutes Beispiel sahn. Um langes Besinnen und Zaudern war nie mein Pall, sehr geehrter Herr Baron. Ich bin Ihr ergebenster gcz., Qg. H. Hirsch. Jüdische Vorlräge Wie seit Jahrzehnten, veranstaltet auch in diesem Jaln e die Lehranstalt iiir die Wissenschaft des .Indentuuts eine Reihe von V o r I e s 1111 g e 1t ztmt Besten ihres Stiocttdienfoiids. Die Vorlesungen iindcit in Berlin in der Aula der Lehranstalt, Artillcriestr. 11־, Montags, abends 8 Uhr statt. Ps .spricht am 11. Januar Dr. Julius Mit Isen, Dozent uu der Grosshcr/.ogl. Technischen Hochschule zu Darmstadt, über die alte Judengassc in Frattkiurt als Baudenkmal (mit Lichtbildern); am 25, Jaimar i.nndrabbiner Dr. A. Lewinsky ans Hildesheim Über das Thema: .,.lud Michel, Pimmzrat deutscher Pllrsten im seclizehnten Jaluliiindert״; am S. Pebriiar Dozent A. S. Valin da illter das samarltaolsclic Volk von Sichern In Palästina (mit Lichtbildern): am 22. Pebriiar Geheimer Regiersmgsrat Proicssuv Dy, Ludwig Geiger illter Moritz Veit und das deutsche Ödstesleben; am 8. Mürz Dr. S. Kall scher, Professor nn der Technischen Hochschule, über die Wert- .Schätzung der Arbeit in Bibel und Talmud; am 22. März Geheimer Archivrat Prof. Dr. Wars c 11 a n e r aus Posen, über den Hosticnprnzcss der Juden von Soeltaczcwo. — P.inlasskartcn zu 5 Mark iiir den ganzen Zyklus, 1 Mark für eine Vorlesung, sind zu haben bei liofjtiwelier Bugen Marcus, Unter den Linden 31, beim Sekretariat der Lehranstalt und am Hingang in den Saal. Palästina Hochschulkurse Der Verein zionistischer Hochschiilcr in Wien ״T ]ן c 0 d 0 r H c r z, 1“, vollendet das zehnte Scmestcr seines Bestehens. Anlässlich seines Gründungsjiibilätim veranstaltet er vom 20. bis zum 24. Februar d. Js. in einem IMrsaal der ü xporlakadeutle in Wien allgemein zugängliche Pa- Listiiuikursc. Hervorragende Kenner Palästinas und und des Orients werden als Dozenten den kurz- Listigen Kursen einen holten wissenschaftlichen Wert verleihen. Prof. V a tu h e r y , der gefeierte Kenner und Freund der Türkei, dessen Beistand bei den Verliaudlungen Ocsterroicli-Ungarns mit der Pforte vom Minister Achrcuthal ungeraten wurde, wird über ״Die Verhältnisse im Orient und der Zionismus“ vortragen, lieber die Geographie Paiiisthms wird Prof. Dr. 011 e r h 11 in m e r ein Kolleg ahhalten. Rcg.-Rat Prof. Dr, Grunz cl. Kcicrc.1t im Hamlelsministcrinnt, wird die ״Wirfscliafilicken Verhältnisse Palästluas“, Proi, Dr. O licrmayc r die Ktiilurverlüiibtisse Brc/.-lsracls Itcliaudcht. Ferner werden vorlcsca*. Dozent Dr. Karl Ullmamt über ״Klimatische und hygienische Verhältnisse", Kaiserlicher Rat Dr. Seit w a 1־ /, über ״Kxport und Import“, Olieringeiiieur Lau über die ״Wasserkräfte Puliisihias", Dr. 15 er ko wie/, wird über ״Palästina In der Volkskunde“, IV:׳cnl Dr. Pasmanik über ״Das zionistische Ptiläsituaprograutm“ sprechen. Dr. C i« i l a i d i t i s-S t a v c o wird voraussichtlich über ״Türkisches Reeht“ vortragen. Die I lochschul• kursc versprechen somit ein wertvoller Beitrag' zur Kenntnis der wirtschaftlichen, natürlichen und so- 1'dalpolitischen .Möglichkeiten Palästinas zu sein. Dieser eminent wissenschaftlichen Veranstaltung soll am 31. d. Mts. eine literarische vorangchcn, — ein ״P c r c z-A b e tt d" mit Perez, Dr. Btt her* Frl. Lia Rosen und 1 lernt Brecher als Mitwirkenden. Im Frühjahr ist in der Sezession eine Jüdische Kirnst,׳ms'öellmiK in Aussicht genommen. Man sicht, es ist ein schönes Stück nützlicher und fruchtbringender Arbeit, das der Verein ״Theodor llcfzl" zu leisten sieh anheischig tuueltt. Der Hriolg ist ilmt von Herzen zu wünschen. :: AUS ßLLCR W£LT « Deutschland Bestrafte Nachäfferei Hin jüdischer Lehrer und Kantor aus dein llessisehen war vor einiger Zeit angeklagt worden, weil er hei einer von ihm geleiteten Beerdigung imhciiigt die A 1111 s t r a c 111 11 e r e v a 11 g c l i s e 11 e tt Geistlichen getragen habe. Das Schöffengericht sptach ihn frei. Auf Bcntiung verurteilte ihn die Strafkammer wegen der iraglichcn Uehertretuiig zu einer üeldstraie, da iestgcscellt wurde, dass der Lehrer bei der Beerdigung Talar und Barett getragen, eine Kleidung, die der Aititstraelit der cvangeliselien Ueistliclien lös auf unbedeutende Ab- Weichlingen völlig ähnlich war. Der Lehrer legte beim Oberlaudesgerieht Berufung ein; der Strafsenat verwarf sie aber mit der Begründung: Das Recht der evangelischen Geistlichkeit, eine aus Talar und Barett bestehende Amtsklcldimg zu tragen, gründet sielt auf ein Atisschreiben des Ohcrkonsistorimns vom *I, Dezember 1833. Die Zuständigkeit dieser Behörde zum Hrlass dieser •Anordnung ist nach dem F.dlkt vom (i. Juni 1832 nicht zweifelhaft. Der Artikel 2 dieses Hdikts hat dem Oberkonsistorium die Vcrwaltung der landesherrlichen Rechte in den die Kirche bestehenden Angelegenheiten übertragen. Zu den landesherrlichen Rechten gehört zweifellos die Be- Stimmung der Arntskleidum:. Diese Befugnis ist staatsrechtlich nicht zu bestreiten. Ist sonach die Anordnung des Obeikoiisistoriunis zulässig und ihr die Geistlichkeit bindend, so ist die ihr verliehene Amtstracht auch eine Amtskleidimg im Sinne des Strafgesetzbuches und jeder imbeiiigtc Hingriff in das Recht •der evangelischen Geistlichen, diese Amtsklcldung zu tragen, strafrechtlich bedroht. Die von der Verteidigung’ erörterte Frage, ob hezw. welche Amtstracht die Rabbiner zu tragen berechtigt sind, konnte, well ein Rabbiner nicht in Frage stellt, dahingestellt bleiben. — Gleichviel, oh diese Bntsclicidung juristisch wohl begründet ist, erscheint uns die Besträhnig der Nachäfferei garuleht so unangebracht. Wenigstens worden sich unsere Kvmtwcn mul Rabbiner auf etwas ,Indischeres als Taiar und Beiieben besinnen müssen t * 4 Russland Üfc Juden in Buchara und das russische Ministerium Die Juden in Buchara, von denen man sonst wenig hört, stellen gegenwärtig im Mittelpunkt einer ans mehreren Gründen nicht uninteressanten Dis• kiissioti. Sie wandten sieh nämlich vor kurzem :111 den Miuisterrat in Petersburg mit dem Bisucheu, 0;!s Gesetz vom Jahre 191)6 xurück/.imclmicit oder es einstweilen zu suspendieren, bis die allgemeine jüdische Finge in Russland geregelt werde. Das genannte Gesetz vom Jahre 1900 stellt die Juden aus Bticltara deil Übrigen russischen .111 d c 11 gleich, d. h. es unterwirft sie derselben Reehtlosigkeit und denselben Beschränkungen, denen die übrigen russischen Juden unterworfen sind. Da nun aber die Juden in Buchara hauptsächlich Kauflcute *iud, und die Waren zum alicrgrösstcu Teile aus Russland beziehen, so sind sie gezwungen, von Zeit zu Zeit in die Zentren der russischen Industrie "zu reisen, um dort p e r s ö 111 i c 11 ihre B i n k ü 11 i c zu machen. In der letzten Zeit hat man ihnen aber dabei grosse Schwierigkeiten bereitet. Das Gestielt der Jaden aus Bticltara hat mm, wie gesagt, eine sehr lebhnite Diskussion licrvorgernicn. weil mit dieser Frage auch die Interessen eines grossen Teiles der russischen H x p o r t - I n d u s 1 r i c eng verknüpft sind. Naeit der russischen liandclsstatistik beziehen die .Inden ans Buchara jährlich tmgeiiiiir iiir dreissig Millionen Rubel (etwa (>5 Millionen Mark) russische .Waren und verbreiten sie in Mittel a s i e ,1׳. in A i g it :1 n i s t u n mul auch in Persien. Sie stellen somit ilie Vermittler zwischen dem enronütselieii Russland lind Asien dar.־ Die Moskauer Kaufmannschaft unter, stützt deshalb das Gesuch der Bucltariseheit Juden, weil die grosse Moskauer Textilindustrie direkt aiii den Absatz der Üiieliarisehcn Juden ange• wiesen ist. Winde man Jen Biicli.trischen Juden jetzt verbieten, in Russland zu reisen, so würden jedenfalls die Moskauer Firmen am meisten darunter leiden, vielleicht sogar ihr Absatzgebiet gänzlich ver• lieren zu Gunsten der englischen oder einer anderen nusliimhsclicn Industrie. Unter den Ministern machte sieh bei der Be• ratting des Gesuches der Bucbarisclieii Juden eine Uiarakteiixtisclte Spaltung in drei Gruppe!) bemerkhar. Der .liistizminister S c I! t s c 11 e g I o w i 1 o w der Marineminister Dikow und der Ocliiiie des Kriegs• niiuisters Po I y w n 11 o w waren dafür, das Gesuch der Biiehariselieu Juden ohne weiteres ztiruekzii• weisen. Nach bekannten Mustern argumentierten diese drei Herren mit den angeblich schlechten bigeuseliaiteu der Juden und behaupteten, dass die Juden alles in ihre Häute gerissen hätten und dass Iiir die Regierung kein Grund vorhanden sei. den Btiehariseheit Juden irgend welche Privilegien zu ge• währen. Die anderen Minister bewiesen freilich etwas J111.hr Verständnis für die Sachlage. Fine zweite Gruppe, zu der auch der Ministerpräsident Stolypin gehörte, schlug vor, das Gesetz, aui ein Jahr zu suspendieren, damit die Juden aus Buchara während dieser Zeit einen modns vivendi fänden. Die dritte Gruppe, zu der der Finanziiiimster K״• koxvzew und auch der Gcliilie des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten. T s e 11 a r i k o w . gehörte, stimmte dafür, das Gesuch der Juden aus Buchara in den gesetzgebenden Körnerscltaiien zu; Beratung Virzulegeit und einstweilen, da die Be• ratting über die Jttdenirage noch nicht auf der Tagesordttmt); stelle, den Kaiser zu ersuchen, er möge das Gesetz Ins zu dieser Zeit suspendieren. Diese (iitippe gellt von der Meinung aus. dass die Juden trage 1111 b e 11 i n g t i n d c r D 11 in a z tt r B c s p r e c h u tt g gelangen imisse, da das Zögern und die Hinausscliiel 1n;g •dieser Angelegenheit zu keinem Bude ililtrleit. Tscltarikow, der über sechs Jahre m Btt• cltara weiite, charakterisiert die dortigen Juden als einen braven Menschenschlag, als sein׳ tüchtig׳׳ und ehrliche Jvatifleute, von denen Russland nur sehr grossen Nutzen haben könnte. F.r sieht in dem gegen die hueltarischcit Juden gerichteten Gesetz vom Jahre 19m) eine G e {a 11 r f ii r R 11 s s - I a tt d. gänzlich den mittelasiatisehcn Markt zu verlieren. Aui die weitere Butw icklmig dieser Angelegenheit darf inan mit Recht gespannt sein. Frauenkongrcss in Petersburg Auf dem gegenwärtig in Petersburg lagern Kongress russischer Frauen wurde auch ein Refe älter die Stellung der jüdischen Frau von F't Lcrner verlesen. Dieses Referat musste zweit vorgctiagen werden, da die Polizei heim ersten V trag nur sehr wenig Publikum /.«gelassen hatte. I Vortrag behandelt die Lage der indischen Frau allgemeinen unter besonderer Betonung der A u k 1 ä r 11 n g s!1 e s t r c b u tt g c n vl c r j ä d i s c h F raue 11. Der ganze Kamp( der jüdischen Frau die Auiklürung, ihr Kumpf mit der jüdischen Ort doxie um; ihr Drang zur wissenschaftlichen Bildi wild in allen seinen historischen Phasen dargesti Am Schluss ihres Vortrages erörtert die Refeiei die entsetzliche Lage der Juden überhamn. die I grollte der letzten Jahre ttsw. Der Vortrag grosse Debatten hervor. Unter anderem mne Frau J a n tt 0 w s k a den russischen I talien! Vorwtiri. dass sic sielt den Judcn-Pogromcn geg über so gleichgilbg verhalten hätten. Daratti; wortete Iwan K 1׳ s k 0 w a , eine Russin, die ntssis Frau habe sieh überhaupt Bis jetzt, entgegen vielfach herrschenden Meinung, an der Gegenbc׳ gung gegen die Contre-Revoliilion wenig beteii Natürlich verlief die Sitzung auch nicht ohne ei antisemitischen Zwischenfall. So meinte eine 1־ vchw ctzowa, dass die Juden sieh ganz, untn beklagten und stimmte darum die alte antisciuitis Melodie an, die .luden seien Ausbeuter usw.. w allerdings angesichts der eben gehörten Schilder der entsetzlichen Notlage von vier Fünfteln •! russischen Juden ein besonderer Mut gehörte, Tt ieses antisemitischen Intermezzos wurde in udenfrage folgende Resolution angenommen:

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