Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIV (1909)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16. JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 2. Achmed Risa Bey Nach der türkischen Verfassung wühlt die Kammer drei Kandidaten für den Ersten Präsidenten, unter denen der Sultan selbst sodann den Präsidenten bestimmt. Nachdem Aclmied Risa Hey vom Pariament fast einstimmig vorgcselilagcu war. ist mm soeben die Kaiserliche Ernennung erfolgt. Damit hat die gesamte neue Türkei diesem einen Manne das einmütigste, fast grenzenlose Vertrauen hewiesen, das er sicher auch verdient. Der neue türkische Volksheros ist in Konstan* tiu0|)cl geboren. Er flüchtete, als er der Prcilieiis- Bestrebungen verdächtig wurde, »ach Paris und redigierte dort mit grosser Hingabe das Blatt der .hmgtiirkcu ״Mesehwerct". Trotz verlockender Angeböte licss er sieh in seiner Arbeit nicht beirre». Nach zwanzig Jahre» der Verbannung in die Hauptstadt ׳/uriiekgekebrt, begab er sich abermals nach dem Westen und besuchte mehrere Hofe, um sic iiir die ncnerstamlcne Türkei zu gewinnen. Seine Reise batte den besten Erfolg. Seine vornehme Persönlichkeit, die sieh schon in der äusseren Erscheinung imponierend kundgibt, erweckt von seihst Vertrauen. Achmed Risa Hey ist das jüdische Problem nicht fremd. Er hat in Europa alle Schattierungen der .ludeiiver/olginig mitangesehen. Was er dabei empfnnden. hat er au zahlreichen Stellen seiner Schriften geünssert. Er hat das Verhalte» der sogenannten europäischen Zivilntion dem ״minderwertigen" Orient gegenüber sich an Türken wie an Juden in gleicher Weise betätigen sehen und hat die Parallelen wiederholt gezogen. Er wird daher auch die jüdischen Reuaissanecliestrehimgen verstehen mul fürder», zumal er «!11 besten weiss, dass sie mit den türkischen auf das Beste harmonieren. Das Jahr 1908 in O a I i z i en wurde der wirtschaftliche Boykott der Jmleii munter fortgesetzt. ״Kauft nicht bei Juden“ ist das Losungswort von allen geworden. Die christlichen. Konsumvereine (Kolka solnicza) haben siei! dieses Jahr immer mch,־ »nsgebreitet. Durch neue Gesetze, wie z. B. das. S c h a » k g e s c t z, sucht die Regierung immer mehr die Juden aus den wenigen festen Hernien, die ihnen noch offen stellen, bimmszudräiigc» und ihnen nur den Hausierhandel, das wandernde Elend der Strasse, zu ilherlasscn. Immer mehr fallen Jedes Jahr dem Hungertyphus zum Opfer, und immer mehr fallen jüdische Mädchen der Prostitution anheim. Auch in Hiih men schreitet der Boykott der Juden fort. In den anderen I.,'indorn Oester- 1 eielts hat Ucr Antisemitismus, wie allgemein be* kannt, bedeutend zugenommen. In aller Erinnerung ist ja noch der famose Antrag Prof. Schmidts im Reichsr.it. der die Verlegung Russlands nach Oesterreich oder genauer gesagt, die Ecstsetzung der russischen Prozcntnnrm iiir die Aufnahme Jüdischer Schiller an den Schulen bezweckte. Der Von Bertram Stern (Wiesbaden). Wieder ist ein Jahr der üblichen Zeitrechnung verilossen. und wieder müssen wir uns fragen: Was hat das abgelaufeiie Jahr den Juden (lutes gebracht'.' Sind iinscie Leiden geringer geworden? Oder war das vergangene auch ein tränenreiches lind blutiges Jahr wie die vorhergehenden? Nicht ganz so tiäiieiireicii und nicht so blutig wie die verflossenen Jahre w ar es ireilieii. aber besser ist unsere Lage in Wahrheit nicht geworden. hi R 1' s s I a 11 d , das die Jahre vorher der Herd von Mutigen Pogromen war, Italien diese sieh im Jahre IW.s nicht wieder erneuert. Wohl kam es in Odessa und anderen Städten manchmal zu einem Anfang dazu, aber ein Kischiuew, Home! oder llialystok halten wir wenigstens glücklicherweise in diesem Jahre nicht zu verzeichnen. Es war ja auch nicht mehr nötig. Die Revolution und die l’rciheiisbewegnug ist ganz erstickt, ln Russland herrscht Jetzt Rulie. aber nicht die Ruhe, wie in einem geordneten Staate, sondern Grabes- und Tmlc.sriilie: ucr Geruch von vergossenem Blute verpestet die Luit! Das viele edie - zum grossen Teile leider mich jüdische -• Blut ist vergebens geflossen, im י iei.uiguis und in Sibirien schmachten die, die da glaubten, es bediirie nur eines kraftvollen ]{nies, uni alle Herzen zu erwecken, um die Begeisterung ״Iler zu gewinnen, um auch in Russland die Ereihüt der Volker zu verkünden. Wieder wie in anderen Ländern waren auch hier die Juden unter den ersten, die das Wort ,,Freiheit" aiunahuieit und es hinausz.ittragen suchten in Hütte, Palast, in Stadt und Land. Aber das russische Volk war nicht reit für die Ereiheit und der ״Verband der echtrnssischen Leute‘‘ bat zu gut gearbeitet! Man hat die Bewegung mit roher (lewalt erstickt. Was ist nun das Ergebnis? ]11 Brand gesetzte Häuser, an den Bettelstab gebrachte Familien, Hänfen von ermordeten Greisen und Kindem, Männer und Eraucn, viehisch geschändete Erancn und Mädchen. Und die Duma? Es scheint, als ob auch diese kleine Hoiiiuiug bald in ein Nichts zerrinnen sollte. Bis jetzt lassen alle Parteien die russische Regierung׳ in Sachen Judenfrage nach ihrem Belieben schalten und walten, und sie können wohl auch kaum anders. So wurden die alten Senatsgesetze wieder eingetiihrt; die Atiiiutluncnornt JüUischcr S e 11 ü I u r und Studenten an, den höheren Schulen und Universitäten wird strenger limcgchaltc» als je zuvor. Nur um aufgenommen zu werden, kehren in der letzten Zeit Dutzende von Jünglingen dem Judentum den Rücken und treten zum Christentum und mich zum Islam über .... Achmod Ri•• Boy Antrag wurde allerdings abgelelmt. ln dem ״freien“ Ungarn macht der Antisemitismus gewaltige Bortschritte. Aller sowohl die orthodoxen •wie auch die liberalen Juden habe״ für allgemeine jüdische Probleme nur geringes Interesse. S׳c bekämpfen sieh andauernd gegenseitig und hüben kein Auge für die Verschlechterung der Lage der Juden, die sie doch alle gemeinsam triiit, R 11 in a 11 i e n hat sieh auch dieses Jahr w ieder!.iilm über den Berliner Vertrag 'iiinw eggesetz.t. Ergraute Männer, gediente Soldaten werden ohne viel Beder,lesen an.sgewiesen. Die liberalen und die konservativen Parteien wetteüern im Antisemitismus. Trotzdem wurde der abscheuliche Eid, umro judaieo dank den Bemühungen des Herrn Dr. N i e tu i e -!״wer '11 Jassy abgeschabt, ein kleiner Erfolg! Weit;) w ir vom Osten nach dem Westen gehen, so finden wir, dass der Antisemitismus, milde gesagt, nicht geringer geworden ist. In England wird die Alien Hill regoros geliandliabt. Der gesells c 11 a i 11 i e lie A 111 i s c 111 i t i s in 11 s ist dort inst allgemein geworden, Audi aus dem freienA 111 e r i k a 'kann man das berichten; ״hidcnreinc“ Motels sind dieses Jahr dort in grosser Anzahl eröffnet worden. Ein einziger Lichtstrahl ist die T il r k c i, wo iiir alle Völker, also auch für die Juden, die Morgenröte angebroelicn ist, Alter über die Beliamlliing des Sultans konnten sielt die Juden auch vor der Verfassung nicht beklagen. Eünf Juden wurden in das neue türkische Parlament gewählt. Mögen diese immer am* der Wacht sein und wenn es gilt, die Interessen des Jüdischen Volkes zu fördern. Und wie war der Geist i 111 111 n e r 11 im abgckmionen Jahre? Ist der Indiffereiitisinus, den wir die frühere״ Jahre hindurch bitter bekagten, in diesem Jahre verschwunden, konnte man überall ein reges, pulsierendes jüdisches Lehen beobachten? Leider kaum! Wohl sind neue Vereine gegründet worden, aber die Gleichgültigkeit ist trotzdem nicht geringer geworden. Die Liberale Vereinigung des Judentums, : dic cl,lc Gründung dieses Jahres ist. will wohl auch den Indiffereiitisinus bekämpfen, aber am Ende dürfte 1 das Gegenteil licrauskomntcu! Denn das Programm der Vereinigung muss, wenn es koi1se<|11ent dcchgeführt wird, zu einem Niedcrrcissen alles Be- .stellenden führen. Die andere Gründung des Jahres, die ״Ai ko“ (Allgcm. Jüdische Kolonisations-Orgumsation), berechtigt zu grossen Hoünuugeu. Hebung der Kolonisation in Palüsti״.., und Zusammenschluss der Organisationen soll ihre Aufgabe sein. Zionisten und Gegner haben sich in dieser neuen Organisation ־ziisanitncngefundcn ztuu Besten unseres Volkes und j unseres Landes. , י Bur den Zionismus war das Jahr 190s kem schlechtes. Unsere Organisation iu.t sieh immer weiter ausgebreitet. bis naeli Deutsch-SüdwcM;,;; und Grossitamaqtialand. Aber besonders durch d.e (iewiiltruug der Verfassung in der Türke■ sind wir unserem Ziel bedeutend näher gern.•: Nur noch mit der Türkei, mit keiner sonstigen M;!U:t haben wir fortan zu unterhandeln. Schon hat Gin. grosse Umwälzung, eine Hebung der Industrie um! des Verkehrs in Palästina in den letzten Monau« begonnen. Durch eine geordnete grosse Mas«.■.!!, tinwaiiderting. durch die Gründling und Sehafiiuig von Arbeitsgelegenheiten, die diese Massemin• Wanderung hervorrufen, werden wir die Autonomie in Palästina erlangen. Der 9. Kongress, der im Jahre 19!>9 tagui uik' kann ein bedeutungsvoller sein, eine neue '■*.,! route muss uns gegeben werden. Möge der ״ro•.. Moment kein kleines Geschlecht finden. Mögen alle, die uns heute noch iernsieneii. neuen Jaltie zur Ueherzeugung kommen, dass im durch den Zionismus die Jmlcnirage •gelost werde:! kann, mögen sie alle zu uns komme». Mögen die Zionisten im Jahre 19119;!Heu ein Beispiel geben \;;< 11 f o |> i e r n d e r, opieriühiger Tätigkeit in m.! tendier mal ideeller Beziehung iiir unser Ideal. Dem wie konnten wir mit grösserem Rechte die Wort! unseres unvergesslichen Biilirers Dr. flcrzl minie׳ und immer wieder wiederholen ״Wenn Ihr wollt, i־>t es kein Märdien." — Jmsst uns wollen! Brief aus Oesterreich Das Land der mihegrenzten ,Möglichkeiten so konnte man Oesterreich in bezug aui die Lage dir Juden be/eiclmcn. Wohl kaum in einem zweitu: Lande der Welt gibt es derartige Gegensätze wie bei uns. Wir haben in Oesterreidi sein־ reich., aber auch sehr arme Juden, eine Anzahl ii'icligelü - deter und eine nicht geringe Zahl ungebildeter Jmlc.i. Auf der einen Seite kann der Jude Pmiessor, <k• ncral etc. werden. Aui der anderen Seite wird ihn. niebt einmal die Würde eines Dieners oder Laternenunziiuders verlieben, im Auslände, namentlich m! Deutschen Reiciie, ist die irrige Meinung verbreitu. dass Oesterreidi, und namentlich Wien, ganz und g«; antisemitisch wäre, dass die österreichischen Jn.U'i nicht als gleichberechtigt anerkannt würden und du׳• gleichen mein׳. Demgegenüber muss festgestellt sw,, den. dass dies nicht ganz zutriftt. Ein sozusnu! o 1 i i z i c i I e r R e g i e r u 11 g s - A n t i s e tu i t. s m 11 s w i e in g wissen א a e 11 h a r s t;1« u1 existiert in Oesterreich u i c 111. Wü linden z. B. indische Staatsbeamte in viel grossen׳. Anzahl in Oesterreich als im Deutschen Reiche. Audi der gesellschaftliche und w irtschaitl.uk Boykott ist noch nicht in dun Masse durcligetülirt wie im Deutschen Reiche. Schliesslich d.mingt die Entwicklung die österreichischen Juden immer mehr in die Grossstädte und infolgedessen zu eine: Konzentrierung. In Wien z. D. leben heute ca. IM* 01*11 jüdisch• Seelen, eine ganz respektable Zitier, die umso b;• achtenswerter erscheint, wenn mau bedenkt, dass in dieser jüdischen Bevölkerung inst alle Hernie v e r t r e t e!ן sim!. Man kann in Wien aiie Bi• diirfnisse hei Juden decken. Wir haben liier nicht bims jüdische Händler und Bankiers, sondern uiica Dieustmänner. Arbeiter, Handwerker (Schlosser. Schmiede, Tischler. Tapezierer, Klammer etc.) Ich orw.'dute dies ausdrücklich, damit aus Unkenntnis der Sachlage von wohlmeinenden Stammesgcnosscu nicht wieder die Parole ausgegebeu wird, Wien zu meiden. Trotz der antisemitischen Mehrheit im Wiener Gemeinderat ist die Bevölkerung Wiens in. allgemeinen nicht j tt d c 11 i c i 11 d I i c 11 gesinnt mul dic Erfolge der Christlichsozialen erklären sich mir dadurch, dass die bürgerlichen Wähler in dieser Dar• tei ihre wirtschaftliche und religiöse In• tcrcsxcnvertrctung erblicken. Die Masse der Wiener Juden wohnt bekanntlich im zweiten Oaneindebozirk (Lcopnldstadt). Wenn trotzdem bei den letzten Landtagswahleu in diesem Wahlbezirk 2 Christlich• soziale gewählt wurden, so liegt dies daran, dass viele (namentlich ungarische) Juden 1100H nicht das österreichische Staatsbilrgcrrecht hatten, ausserdem