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Jüdische Rundschau · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 r u n p s c h a u .׳1 s c h! ח n ז. Nr. 1 — nlclti etwa russische?)chörclcn, sondern die finnische Rar I c r u n g verantwortlich zu tünchen Ist. Wenn je ein gerechtfertigter Anlass zur moratischen Intervention seitens der internationalen öiientliehen Meinung vorlag, so ist er hier ReRchcn. ln «II den Jahren, in denen Kinnland um seine konstitutioncllen Rechte und Freiheiten Rümpfte, haben finnische Patrioten sich um nichts eifriger bemüht als um die Unterstützung der zivilisierten Welt. Ihr Bemühen ist nicht erfolglos gewesen. In allen Kultur• fiindern fanden sich hervorragende Vertreter der Humanität, die der Gerechtigkeit finnischer Ansprüche beredten Ausdruck gaben. Diese internationale Sympathie erwies sich als eine der wichtigsten Stützen der finnischen Freiheitsbewegung, Wer immer sich damals in Finnlands trüben Tage« der Sache des finnischen Volkes angenommen hat, der hat sich damit, wie mir scheint, auch das Recht erworben, im Namen derselben Humanität, für die er einstmals gegen Finnlands Bedränger eiligetreten ist, jetzt gegen finnische Bedriinger auf/.iitreten, die, gestützt auf alte barbarische Verord* mmgen, über einen kleinen Bruchteil der eigenen Be* völkcrmig die Ausweisungen verhangen. Ich hoffe, dass insbesondere auch die öffentliche Meinung der F.nglisch und Französisch sprechenden Welt, soweit sic sich bisher als Freundin Finnlands und der Humanität bewährt hat, sich diesem Protest anschlicssen wird, Man kann dem finnischen Volke zurzeit keinen grösseren Dienst leisten, als wenn matt ihm Gelegenheit gibt, seinen guten Namen, der durch diese Ausweisungen einen hässlichen Flecken bekommen hat, durch sofortige Rückgängigmachung der Ausweisungen wieder zu reinigen, * Endlich also besinnt sich auch ein Liberaler. Nicht etwa die Liberalen! Die mischen sich nicht in fremde Angelegenheiten —namentlich wenn es sich nur um Juden handelt! Wir weisen Jahr für Jahr auf dieses edle finnische Volk hin, das scllrer um seine Freiheit ringt und arme Juden rücksichtslos auspeitscht oder allcnialls gnädigst — mit Streichhölzern!landein hisst) Aber wer wird daran etwas ändern, wenn nicht etwa den finnischen Machthabern selbst noch die Schamröte die Wangen brennt, — wer?? Wie russische Aufsichtsbehörde? Und wenn sogar die paar hundert finnischen Juden wieder werden alte Hosen und Streichhölzer verkaufen dürfen? F.s gibt da noch andere Völker, die auch um ihre Freiheit ringen und darüber die anderer vergessen .... Ein neuer Jargon-Dichter I [111 Vcrluuc von ückcrt und Jcstiiucr in Cassel hat ein junger gaiizisclter Jude, Salonton Demhitzer aus Krakau, unter dem Titel ,.Lehensklagen1 ein Händchen Jargnn-Ocdichtc erscheinen lassen, F.ine Probe möge zeigen, dass der Junge Mann zwar kein Morris Roscnfcld ist, aber doch wohl stark unter seinem Einfluss steht. Der Hausierer Dos Kästet trogt er In der Hand, Un geht vim Stüh’ zu Stilb'; Dos Ponim is im eingefallen, Die Augen seltnen trüb. Ehre, Seltenheit un Ocfichl In sein Herz verloschen; Jeden Haus vcrkojft er wos Un zählt sicli seine Groschen. Un Hitz’ un Sturm, un Wind un Killt׳, Dos tut er all's ertrogeu; Mbg's hUzcn, brennen, regnen, schucc'n. Er wird dorum 111t ktogen. ־ I In sein Gcdank' schwebt Weib und Kind. i Er muss scj doch ernähren;- Un die Groschen weren ojsaeinlscht Mit sejue eigne' Trärcn .... Der ״Frankfurter Zeitung" wird aus Anlass des Erscheinens von Dembitzcrs Gedichten von einem Mitarbeiter über die Stellung Goethes zur Poesie der polnischen Juden geschrieben: ״Vielleicht hätte diese Poesie dem Jungen Goethe mehr Befriedigung gewährt, als er sic seinerzeit hei der Lektüre der ״Gedichte von einen! polnischen Jude n" empfand. Im Jahre 1772 war er, wie bckannt, Mitarbeiter der ״Frankfurter Gelehrten Anzeigen" und rezensierte das unter dem erwähnten Titel In Mitau und Leipzig erschienene Oktavbänddien, nachdem seine lebhaften Erwartungen grausam enttäuscht worden, In sehr abfälliger Welse. F.s dürfte im Hinblick auf die Publikation Salomon Dembitzers manchem von Interesse :;ein, wieder zu hören, was sich der spätere Altmeister unserer lyrischen Poesie von seinem jüdischen Kollegen erhofft hatte, Er schreibt im Eingänge seiner Kritik: ״Zuvörderst müssen wir versichern, dass die Aufschrift dieser Bogen einen sehr vorteilhaften Eindruck auf uns gemacht hat. Da tritt, dachten wir, ein feuriger Geist, ein fühlbares Herz, bis zmn selbständigen Alter unter einem fremden, rauhen Himmel aufgcwachsen, auf einmal in unsere Welt. Was für Empfindungen werden sich in ihm regen, was für Bemerkungen wird er machen, er, dem Alles neu ist? Auch nur das flache, bürgerliche, gesellige und gcscllschaftliehe Leben genommen, wieviel Dinge werden ihm auffallcn, die durch Gewohnheit auf Euch ihre Wirkling verloren haben? Da, wo Ihr an langer Weile schmachtet, wird er Quellen von Vergnügen entdecken; er wird Euch aus Eurer wohl hergebrachten Gleichgültigkeit reissen, Fach mit Euren eigenen Rcichtümcrn Bekannt machen, Euch ihren Gebrauch lehren, dagegen werden ihm hundert Sachen, die ihr so gut sein lasst, unerträglich sein. Genug, er wird finden, was er nicht sucht, und suchen, was er nicht findet." Leider griff Goethe ״in Wind"; denn er fand beim polnischen Juden auch nicht mehr als hei einem ״christlichen Etudiuut eil helles lettrcs": ein selbstgefälliges, gelecktes und galantes Wesen, kurz, ״die Göttern und Menschen verhasste Mittclmässigkeit" — eine Zerstörung seiner Illusion, die umso grösser war, als er schon, wie deutliche Anklänge verraten, das künstlerische Ideal seines ״Wcrthcr" im Busen trug." Russland Die Gleichberechtigung der Juden Der Vizcnilnistcr des Innern, K r l s s c 11 a 11 o w s. k i, hat in einer Unterredung mit einem der amitscheuste» Mitglieder der Oktobristen-Fartei die Stclhmg des jetzigen Ministeriums des Innern zur Judenfrage charakterisiert. Das Ministerium ist nach seinen Worten überzeugt dass die Gleichberechtigung der Juden eine Verarmung der weitesten Volksschichten {??) nach sich ziehen muss. D.u Juden würden sich aller Erwerbszweige In:;11äel1tigen und einen unerträglichen Druck auf die wirtschaftliche Lage der Russen ausüben. Deshalb liegt es auch nicht in der Absicht der Regierung, irgendwelche Vorschläge zur Erleichterung der Leheiisbcdingurigen der Juden in die Duma cinzuhriugcii. Die Regienmg will die Initiative der Diinia abwarjen und erst dann zu der Frage öffentlich 'Stellung nehmen. Da aber die Oktobristen-Partci gar nicht daran denkt, die Judcniragc in absehbarer Zeit öiientlich zu bchandeln, (vgl. die Notiz ,,Ein judeiifrcundlieker Uh mildst") so ist nicht die geringste Aussicht vor- }landen, dass die Duma durch ein entschiedenes Eingiciicn in der Judenfrage irgendwelche Änderungen hervorbringt. Auch die Bestrebungen des Indischen Abgeordneten א i s s c 1 o w i t s c h haben wenig Aussiebt, von den wirklich massgebenden Kreisen bcrüoksichtigt zu werden. Er wird denn auch :atsäeiilieh bis jetzt mit blossen Versprechungen abgespoisl. ln der Petersburger jüdischen Gesellschaft wird erwogen, ob cs sielt nicht verlohnt, eine Konimiss'oa aus bekannten jüdischen Politikern zu bilden, die de י» jüdischen Abgeordneten bei seinen Arbeiten mit dem erforderlichen Material und mit Ratschlägen zur Seite stehen soll. Man ist sich zwar auch in diesen Kreisen Emigranten-Leiden Das ln New York erscheinende jüdische ״Tug• Blatt** veröffentlicht einen von 75 Emigranten unterscliricbcnen Protest gegen die elende Bc- 11 a udIu ng, we 1 ehe die jüdischen Passa- ' giere auf deutschen Schiffen c r f a 11 - reu, In dem Proteste wird die Reise der Emigranten auf dem Schiffe ״Friedrich der Grosse" geschildert, Der Steward des Schiffes gab den Passagieren verfaultes Fleisch, trockenes Brot und ver* dnrbenes Gemüse. Als die Auswanderer gegn die schlechte Beköstigung Klage führten und andere Nahrungsmittei verlangten, verspraclt die Kiiehenvcr• waltung Abhilfe. Nichtsdestoweniger gab man den Juden anstatt des verfaulten Fleisches, dessen An* nähme sie verweigerten, faule Eier, die sic ins Meer warfen. Der Steward gab den ,luden hierauf nur Brot und Wasser und die Emigranten hungerten tagelang. Auch sonst hatten die Juden viel auszustehen. Freche Schiffsjungen, betrunkene Matrosen und ״Intelligente" deutsche Selilllsolilzlere kühlten an Ihnen ihr Mütchen. Die Frechheit der Bemannung spottet jeder Beschreibung. Die Verwaltung des Norddeutschen Lloyd, der doch auch von den jiidisehen Emigranten lebt, sollte energisch zugreifen, denn cs wäre unverzeihlich, wenn sie solche Zustände auf den Schiffen des Lloyd duldete. :: AUS ALL6R W€LT :: j Deutschland j Verjudete Antisemiten j Die Antisemiten sind mich schon völlig verludet. Wenigstens machen sie cs immer mehr wie die Juden — sie verstecken sich unter allerhand fremden F i r m e n, weil sic zu felge sind, offen sich als das zu bekennen, was sic sind. Wenn aber die Juden die Entschuldigung für sich haben, dass sic das zum Teil unter scharfem äusserem Druck tun, so tun cs die Antisemiten, um besser — Bauernfängerei treiben zu können, Die neuste antisemitische Grünuuug ist ein ״Deutscher .1 ugend bu n d", der in Berliner Tageszeitungen durch Annoncen Mitglieder sticht, mul der angeblich in erster Linie den sozialdemokratischen Jugendorganisationen das Wasser ab־ , graben soll. A11 der Spitze stehen drei bekannte j Antisemiten: der Relchstag'sabgeordnctc Ludwig j Werner, der städt. Lehrer Holt z - Berlin, der י schon wiederholt für die Rcformpartcl kandidiert hat, und der bekannte Intimus AUIwardts. Hnuptmann a, D. Franz H c r t c r - Oross-Lichtcrfcldc. Dieses Firmenschild zeigt deutlich genug, welche politischen Tendenzen unter der Maske der Bekämpfung der Sozialdemokratie in Wahrheit gefördert werden sollen. wohl bewusst, dass bei der fetzigen Lage fast gar keine Hoffnung vnihaudcu ist, die Jtulciifrage irgendwie einer positiven Lösung näher zu bringen. Es sollen aber immerhin Anstalten getroffen werden, um wenigstens allen denjenigen entgegenzuurbcUeu, die auf eine direkte Verschlechterung mul Vor schärfmig der Judtugeset/.c hiuzielen. Jüdisches Handwerk Die seit fünf Jahren in W i Ina bestellende ״Ge- Seilschaft zur Untct Stützung und Hebung des Hand- Werks unter den Juden" erhält von der JCA .30)5!» Rubel zur Einrichtung von Kuiseii hehnfs Ausbildung von Elektrotechnikern und ausserdem 711 Prozent der mit der Unterhaltung der Kurse verbundenen Unkosten. — Die genannte Gesellschaft hat einen iutcr* cssanten, iür die wirtschaftliche Lage der JuJen im Aiisiedliingsrayon charakteristischen Entwicklungsgang diircligeinaeht. Ursprünglich mehr eine W 111 ״- t ii t i g k c i t s i n s t i 1111 i 011 glaubte sie, dem Verfalle des jüdischen Handwerks durch Gewährung von Arbeitsgelegenheit in zu diesem Zwecke errichteten Werkstätten für Tischler, Schuhmacher, Böttcher usw. und durch Errichtung eines Stellennachweises für Arbeitslose entgegenarbeiten zu können. Jedoch erwiesen sieb diese Mittel, eben so wie die Errieli• timg eines Lagers fertiger Tischlerarbeiten als uiigeniigeiid. um das verfolgte Ziel, die Hebung des jiiJischeu Handwerkerstandes zu erreichen. Denn die ungenügende technische Ausbildung des jüdischen Handwerkers macht es ihm iimuöglicli, mit dem poliiiscbon zu konkurrieren. D,1s Leben der Juden unter den drückenden Ausnahmebestimmungen Ist ein unallsgesetzter, aufreibender Kampf um einen Bissen Brot. In diesem harten Kumpfe hat der Jude nicht Zeit, sich erst praktische mul theoretische Vorkennt• % •••vi׳* VI•'• - --- ־ *v ווויי יי i li || kJ 7זיי ihn mul seine Familie vor dem Hungertode schützt. Diese traurigen Verhältnisse haben es dahin gebracht, dass der jiidisene Tiseli'cr. Schuhmacher «sw. schlechte, minderwertige Arbeit lick ז t «ml daher aal allen Gebieten von dem polnischen Handwerker verdrängt wird. Die Gesellschaft, wenigstens in ihren vorgeschritteneren Mitgliedern, erkannte die wahre Wmzel des von ihr bekämpften Uebols, sie bra.'h «.׳.ihcr seit 1005 mit den P a 11 i a t i v in i 11 e 111 auf pliilantropisclier Grundlage und lässt cs sich seitdem vor allem angelegen sein, das Niveau dcsllan 1׳ - werk s b c i «I c n Juden ■/11 11 c b e 11. diesen eine systematische, den Anforderungen der modernen Technik entsprechende Ausbildung zu gewähren und sie so zu befähigen, dem Geschmack eines immer ansprnclisvollcr werdenden Publikums zu genügen. 'Aic hat zu diesem Zwecke unter Beihilfe der JCA Kurse zur Ausbildung mul Vervollkommnung von Tischlern gegründet, verbunden mit einer Musterwerkstatt. In diesen Kursen werden auch Zeichnen, P••• Heren, richtige Handhabung der Instrumente usv. gelehrt. Hierzu gehört auch die Errichtung eines Lagers von Rohmaterialien zur Anfertigung von Tiscl1lerwarcu. — Um auch die Mädchen gehörig für das praktische Lehen auszurüstcii. hat die Gesellschalt, gleichfalls von der JCA subsldlcrt, Schulen und Werkstätten für Schneiderei und Kunststickerei er-

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