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Jüdische Rundschau · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. I JÜDISCHE RUNDSCHAU ז. Seite rcclitlgkoit unserer Sache ist meiner tiefe!» . und auf rlclvtl2cn Uober- Zeugung nach so »nächtig und er• greifend, dass wir uns jeder Furcht entäusser 1» und uns einer offenen Sprache bedienen müssen, und dass wir sogar von der dritten Rcichsduma fordern könnet», uns die elementaren Menschenrechte cinzuräumen. Das sind die Gründe, die mich bestimmten, bei der ersten Gelegenheit von der Dumatribüne aus über unsere Forderungen zu reden und mich von nun ab eines selbständigen Hervortretens unabhängig von der Fraktion der Vulksfreiheit, aber doch in Wahrung der Partcidlsziplin zu bcflcissigcn. Mit Befriedigung kann ich konstatieren, dass meine An• sirengungeu nicht ganz rcsultatlos geblieben sind. Ich will mich bemühen, dies im Folgenden nacltzn* weisen. Zur grösseren Deutlichkeit werde ich zimüchst auf das Verhalten der Duma hiiiwcisen, das sich in den öffentlichen Plenarsitzungen meinem Auftreten als Jude gegenüber allniülilich linderte. Hierauf möge es mir gestattet sein, einige charakteristische Momente in den Arbeiten der Ditmakonuuissioiicn, die die jüdische Frage berühren, klarzulegcn. Zum Schluss will ich versuchen, ein Programm unserer zukünftigen Tätigkeit zu entwerfen, In den Plenarsitzungen der Duma Als Ich zum ersten Male wllhrend der Beratung der Antwortndressc an den Kaiser auf der Rednertrihünc erschien, um im Namen des sechs Millionen zählenden unterdrückten, jeden Rechtes Beraubten jüdischen Volkes den von den anderen natioualisti• sehen ()nippen gemachten Vorschlägen heizustimmen, und von der Notwendigkeit sprach, in der Adresse die Erfüllung der gerechten Bestrebungen der in Russland ansässigen Völkerschaften zu er• wiiliiicn, hat die Rechte meine Worte mit Zischen und Verhöhnungen begleitet. Diese Unkultiviertheit der Fahnenträger des Verbundes echtrussisclicr L.iitc hat mich nicht ztitn mindesten verwirrt, zu• mal ich sie vorausgesetzt hatte. Ich war aber tief betrübt, dass eine derartige Unkorrcktheit nicht die schroffe Zurechtweisung der konstltu• t Io 11 eileu D 11111 a m c 11 r 11 c i t liervorrief. In! Anbetracht des Umstandes, dass eben müii Hervor• treten zu einer Zeit erfolgt war, wo die mit den Wahlagitationen verknüpften Erregungen sielt noch i.iclit gelegt hatten, Hess ich die Hoffnung nicht fallen, dass es mir mit der Zeit gelingen würde, die Duma von der Notwendigkeit zu überzeugen, mich als den Vertreter der Forderungen der Juden und als Seliil* derer der jüdischen Notlage auzuliörcii. Ich beschloss indessen, bis auf weiteres eine nbwnrtcnde Haltung cirtziinchmc». Dies ist der Ürund, weswegen ich au Dann — im Augenblicke — glitten die Sclmcebülle zur Erde, d’c Jungen richteten sieh mit jäher Seimeiligkeit auf und stürmten licrbci. Hin halbes Dutzend geballter Fäuste streckte sielt gegen Mayers Gesicht. ״Di! rührst ihn nicht an, Mayer! . . Oben im Sclmlliansc klirrte ein Fenster. ״Plagt eitel! der Teufel, Jimgcns? — Werdet ihr ruhig sein? . . Gleich darauf begannen die Jungen ein Ins• tiges, harmloses Spiel. Auf der Bank sass der kleine Jndcnhmge. Fr liattc sein Butterbrot aufgehoben, ass es mit grossen Bissen, wischte sich zuweilen mit dem Handrücken das Blut vom Gesichte und starrte nach der Dachtraufe . . . fln König Davids Grab־) Von Davis Trietsch Vor Jahren war ich einmal am Grabe unsercs Königs David in Jerusalem. Es war am Tage des Schcbuoth-Fcstcs, und viele Juden waren gekommen um gleichfalls das urab zu sehen. — Einige sagten mir, es sei seilten, dass die Türken den Besuch gestatteten — andere sagten, der Tag hütte nur den Vorzug, dass heute keilt Eintrittsgeld erhoben würde, aber die paar Pfennige, die sonst verlangt würden, •) Aus einem demnfichst erscheinenden Pß• Iflstlna-Buchc des selben Autors. den Dumailcbattcii wülircnd der Beratung Uber die Eröffnungen des Ministerpräsidenten zur allgemeinen Rcgierungspolltlk nicht toilgcnommcn habe. inzwischen Ist cs der Duma gelungen, sich zu konstituieren, wobei Ich, von der Opposition unter• stützt, in drei Koiiimissioiicn gewühlt wurde, in die Finanz•, in die Budget- und In die die konfessionellen Angelegenheiten beratende Kommission. Obgleich von diesen drei Kommissionen nur Ule dritte In 1111• mittelbaren Beziehungen zur jüdischen Frage steht, luibc ich keinen Augenblick ausser acht gelassen, dass ich vor allem russischer Bürger bin, und dass mir als einem vom Volk erwählten Vertreter die Pflicht obliege, nach besten Kräften am Wohl und zum Frommen unseres allgemeinen Vaterlandes mit• ziinrbcitcn. Deshalb hcgnnn ich, mich mit grossem Elfer nicht nur in der Kommission der konfessionellen Angelegenheiten, sondern auch in der Finanz• und in der Budgctkonimission zu betätigen. Alle drei Korn• missionen haben mein Verhalten anerkannt. Von der F111 n 11 z k 0 in tu I s s 10 n wurde Ich c 111 s t l m mlg zum zweiten Sekretär, von der Budgetk 0 m in I s s 10 11 . zum Referenten des Etats eines der Departements des Finanzministeriums, und von der Kommission für konfessionelle Angelegenheiten zum Sekretär der juridischen Suhkonmilssioii ernannt. Meine Tätigkeit in den drei Kommissionen brachte mich zu vielen Duma• mliglledcrn aller Fraktionen In Beziehung. Das tat mir hei meinen späteren Reden Im Plenum über die jüdische Frage gute Dienste. Man fing an, mich r 1111 i g e r a 11 z 11 h ö r c 11. Und als spezifische Jiidenfrngcn zur Verhandlung kamen, hat cs die gesamte Diinia, mit nur wenigen Ausnahmen, für unbedingt n ״ t w c n d I g erachtet, mich a 1 s Jude 11 anzuliören. Diese charakteristischen Fälle sind imhckanut, weil die von den Juden gelesenen Z c 11 n 11 g c n hierüber mit Stillschweigen h 111 w c g g i 1! g c 11. Deshalb halte ich cs für meine Pflicht, hierauf ausführlicher ciiizitgchcn. Bekanntlich sprach mau von den Juden in der dritten Duma zuerst mul speziell nur in den geschlossenen Sitzungen zur Zeit der Beratungen des Militärknntingcnts für das Jahr 190S, in denen die Rechte den Antrag stellte, die Juden ans der Armee ganz zu entfernen. Als Verfechter dieses Antrags trat der Wiliincr Deputierte Samyslmvski auf. In die Rednerliste war icli der l^cilicnfolge nach als dritter eingetragen, und F. J. Roditschcw als zwanzigster. Da mau erwarten durfte, dass nach den Reden der Vertreter der einzelnen Fraktionen die Mehrzahl den Vorschlag der .Bcscliriinkimg der Rededauer auf 10 Minuten nnnchmcn werde, somit F. J, Roditschcw die Möglichkeit genommen werden konnte, seine Ansichten in gehöriger Welse zu eut• wickeln, und da ich glaubte, dass seine Rede den gewünschten Eindruck hervorrufen werde, so trat Ich Ihm meinen I’latz in der Reihe der vorgcmcrktcit Redner ab. Dadurch wäre ich erst au zwanzigster Stelle zum Wort gekommen. Die Mehrheit der Duma hielt cs jedoch für not• wendig, mir als Juden die Möglichkeit zu bieten, mich (Iber die angeregte Frage ausführlich und ohne Zcitbcschrünkung zu üusscru. Deshalb iiut wiederum ein anderer Abgeordneter seinen l’latz in der Rednerliste mir eingcräunit. Meine Rede dauerte über eine Stunde. Sic wdr an Daten und Tatsachen reich und rein sachlich. Nichtsdestoweniger hat die ganze Dma, cinscliliess• lieh der Rechten, meine Darlegungen mit gespannter Aufmerksamkeit uiigchört und mich nicht einmal durch die sonst üblichen Zurufe unterbrochen. Die Duma ]tat bewiesen, dass sic hei der Besprechung mifgcrolltcr Fragen, die speziell die Juden betreffen, cs nicht mir fiir zulässig, sondern cs sogar i ü r notwendig erachtet, der Stimme des Juden 0 chür zu sc 11 c 11 kc 11. Ich Hebe das Wort ״J u d e" besonders hervor, um. damit zu sagen, dass diejenigen, die der Ansicht sind, die jüdischen Interessen dürften nur von den ihnen wohlgesinnten Andersgläubigen verteidigt werden, sieh im Irrtum befinden. Es bedarf keiner besonderen Betonung, dass die Unterstützung der Wohlgesinnten aus der Opposition für uns im höchsten Masse erwünscht und schätzbar ist, mehr noch die Unterstützung von den weiter rechts stehenden Gruppen. Ich hin aber der festen Ueberzeuguug, dass die Initiative zur Vei;. tefdlgung unserer Angelegenheiten von den Jude»» selbst ausgehen muss, mul dass aufrichtige und ge• rechte Worte, mit denen wir selbst unsere Sache in der Duma verfechten, eine grosse Tragweite haben werden. (Fortsetzung folgt.) 1 —. .1 Theodor Barth ' für die finnischen Juden Der bekannte Führer der Demokratischen Ver* J ciiiigung Theodor Barth, ein alter ehrlicher Liberaler, ו dem der offizielle Liberalismus eine Enttäuschung { nach der anderen bereitet, und der schon darum . Krosse Sympathien genicsst, weil sein politisches ' Geschick ein so überaus tragiseiics ist. erlässt im; ״Berliner Tageblatt״ vom Dienstag Abend den fulgcn- J den Aufruf;; . א״(1יי «Berliner Tageblatt“ hat bereits die Nach* . rieht von den Judcnaiiswcisiiiigeii gebracht, die neuer-; dings in Finnland sich vollziehen. Die Massrcgcl I tmhehrt, vom Standpunkt der Humanität aus he- I trachtet, jeder Entschuldigung. Es sind durchweg < arme l־amilien, die davon betroffen werden. Den i Opfern der Verfolgung lässt man nur wenige 'läge Zeit, um dem Ausweisungsbefehl naciizukoiiiiiicu. Die bitterste Not mul eisige Kälte sind die Begleiter dieser Polizeiverfiigmigeti. für die — wohlverstanden! kämen bei der armen Bevölkerung Jerusalems einem Verbote gleich. — In der Burg und «m Vorsanl des Grabes drängte sich die Menge, und auf dem schmalen Treppchen, das an der einen Saahvand in das obere Gemach hinaufführt, stand einer an den anderen gepresst, bis I der obcnstcheiidc Soldat wieder eine kleine | Anzahl einlicss. In dem oberen Z'mmcr ist nah« der Treppe ein Fcnstcrchcn mit einem Gitter, durch das man in ein anderes Zimmer hineinsicht. Dort steht ein ries'gcr Sarg mit Tüchern verhangen, auf denen nach arabischer Art Stickereien angebracht sind, Der Sarg in diesem oberen Gemach Ist nur eine Nachbildung des Sarges, der an derselben Stelle tief unter der Burg 111 c'ner Felscnkammcr ruht, und den die Türken ehrfürchtig und eifersüchtig behüten. Aber das Volk, das nur den oberen Sarg kennt, sagt: dies Ist das Qrab Davids. Der Besuch des Grabes bestand darin, dass man durch das Qittcr hindurch den Sarg bctrachten durfte. Eine türkische Mllr'tärwachc sorgte dafür, dass niemand zu lange den Platz vor dem Oitter versperrte. Es wollten Ja viele heran. Aber wer da wollte, durfte noch eine Weile ln dem Zimmer bleiben und — den Blick auf das Qittcr gerichtet — beten ... Das taten viele. Unter den Anwesenden bemerkte ich eine sehr alte' Frau, hochgd,wachsen, eine praclitvolle alte Judenfrau. Sie konnte sich kaum von dem Qittcr trennen, blickte tränenden Auges hindurch und schluchzteund betete, alles zu gleicher Zeit. Sie stand mit erhobenen Hön- (Jeu und berührte mit den Fingern iitre Augen, und küsste die Finger, die die Augen berührt, die das Grab des Königs geschaut. Ich habe nie so ergreifende Trauer gesehen. Das war keine Trauer tun einen Volkshdden, der seit dreitausend Jahren tot und begraben ist — es war wie Trauer um einen königlichen Vater oder um einen königlichen Sohn, der eben erst gestorben ist. Am Ausgang des Vorsaais sah ich die Frau noch einmal. Beim Ucbcrtrctcn der Schwelle wandte sic siel» nochmals, um noch einmal die Hände zu erheben und sic an •ihre Augen und an ihre Lippen zu führen. — Sic hatte keinen Blick für den Weg und die Volksmenge, die zwischen ihr und dem Grabe waren — ebensowenig wie für die Jahrtausende, die sic von dem Gegenstand Ihrer Trauer trennten. Ich habe oft an diese Szene denken müssen. Sie erinnert mich an den Zeit und Raum überwindenden Zusammenhang unseres Volkes mit schien versprengtesten Gliedern, mit seiner, fernsten Geschichte. — Und vielleicht 4st noch eine andere Erklärung für die Trauer der Frau erlaubt: Sic beweinto nicht den toten König, sondern weinte Uber sich selbst und ihre Kinder — in der Erinnerung an den Glanz und die Herrlichkeit, die der Name unseres Königs David erweckt.

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