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Jüdische Rundschau · 1909-01-01 · Heft 1 (1.1.1909) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIV (1909)
Issue
Heft 1 (1.1.1909)
Date
1909-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 .1 CM SC HK RUNDSCHAU Nr. I kimlcs hcxannen die .huien. midi mit Bitten der vei־* .schicdenste•! Art zu iiherlifliifoii. ich iiiüditc ihre Petitionen!111 die in Kraue knnnncmlcn Behörden unterstützen, damit drohendem Unheil, bisweilen völligem Ruin vnrgclicugt werde. Au( diese Weise sah ich mich wider Krxvarten genötigt, die Rolle eines allgemeinen Vertreters meiner Glaubens* genossen in ihren alltäglichen Angelegenheiten zu iiheruehnten. Dadurch hat mein Auftreten Innerhalb und ausserhalb der Duma die Aufmerksamkeit der jiidi• sehen Dresse und der breiten jüdischen Menge 1111• untcrhi'nchcn auf sich gelenkt, hfilifig ungeteilten Bei• fall gefunden, aber mir zuweilen auch Vorwürfe und Hinwendungen einer wenn auch nur unbedeutenden Gruppe von Intelligenten cingcbrncht. Meine so gewonnenen Krfahruiigen veranlassen mich aber, über meine Handlungsweise als jüdischer Deputierter nicht nur meinen Landsleuten, den kur• kindischen .luden, denen ich meine Wahl teilweise verdanke, s o n d e r 11 a 11 c 11 nt e i n e ״ ü b r i g e 11 < 11 n 11 b e n s g e 110 s s e 11 R e c h e n schuft a h */.ulegen. Ich will dabei versuchen, nebenbei eine vollmundig objektive Durstelhmg des Charakters der dritten Reiehsdimia zu gehen, inshesondere ihr Ve׳•• halten zur jiidisehen Krage durzutuu. Ich muss in IJcherciiistimiiiiing mit allen iihrigcii Dolitikcrn und Berichterstattern konstatieren, dass die dritte Reiehsduuia für allgemeine Reformen unseres staut* liehen und sozialen Lehens imeh nichts geschaffen hat, Die Ursachen hierfür sind verschiedener Art, Einerseits hat sich in de» letzten drei Dis vier Jahren eine grosse Menge alltüglichcr, kleinlicher gesetzgeberischer Arbeit aiigeluiuft, die unbedingt der Krledigiing bedurfte, um den linden fiir die wirkliche refuriiuitnrischc Tätigkeit (reizumaelieii, Andererseits erfordert der neue gesetzgeberische Apparat, wie jeder neue Meehnnisimis. vielfache Abänderungen und Verbesserungen, um korrekt funktionieren zu können, Hie aus den verschiedenen (legenden des tmermess• liehen Russland cüigeiroffencn Vertreter der viel• zähligcn Völkerschaften und (]laiihenshekciintnlssc mussten erst miteinander bekannt werden, um mit der tintigen Aufmerksamkeit und ruhigen Blutes nicht nur die Reden und Ansichten ihrer Parteigenossen* sondern auch die Ausführungen ihrer politischen Gegner aiizuliöieii; sie mussten sich an selbständige, schwierige mul mitunter unaufschiebbare gesetz• seherische Arbeit gewöhnen, sich mit der neuen und im höchsten Grade verantwortungsvollen Materie überhaupt erst vertraut machen. Olt die dritte Duma dieses Stadium ihres Daseins bereits überschritten hat, vermag ich nicht zu sagen. Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, dass vieles in dieser Hinsicht schon geleistet worden ist. Ich muss unbedingt feststellen, dass die Duma intensiv gearbeitet hat, und dass die Kriichtc ihrer Hauptarbeit, ן die dem Budget galt, ein wichtiges Moment in der ' Geschichte ihrer Tätigkeit während der, ersten ' Session aiismaehcn. ׳ Ich weise übrigens hierauf nicht etwa In der! Absicht hin, die Reputation der dritten Reichsduma j in den Augen der Juden zu'retten, da ich titir nicht | | die Aufgabe stellte, eine ausführliche Auseinander• I \ 1 . I 1 i L. N, Nlssolowitoch setztmg über ihre Tätigkeit und Arbeitsfähigkeit zu gellen, feil will damit mir dem Leserkreise die nach meiner Ansicht nnmiistössliclie Tatsache nahelegcn, dass a 11 eh die dritte R e I c 11 s d 11 m a , die vom Suimlpmikt der demokratischen Doktrin nicht nis wirkliche Volksvertretung betnieiitel wird, c I n e R olle v 011 w* e i t g e 11 e n d e r H e d e u t u 0 g i n der 1: nin 11 z I pa 11 011 der Juden Runs• I u n d s spiel e 11 11111 s s und wird, falls s i e die für sie f c s t g e s e t /. t e Da 11 e 1 u 11 c 11 wirklich erreicht. Ich hebe diese These absichtlich hervor, weil die 1ms freundlich gesinnte Dumafraktioii der Volks• freiheit in dieser Beziehung anderer Ansicht ist. Nach j Meinung dieser ist die Gelegenheit einer separaten I Atiirolliiug der Judcnfrage ungünstig, da ein statt• ' lieber Teil der Dumamitglieder antisemitische Ge• ן siimungcu liegt. Sie hält es für überflüssig, die! nebensächlichen Angriffe der einzelnen Diimamit• glieder auf die Juden zu beantworten, und meint mit dem Sprichwort: Man kann nicht zu jedem Niesen Gesundheit wünschen. Vom ersten Augen• blick meines K.iutrittes in die Duimifruktinn der Volksfreiheit an habe ich erklärt, dass ich mir i u 11 e r j ii d i s c 11 e n I־' r a g e f r e i e Hand Vorbehalte, da wir .111 den diese A 11 - ge lege n heit in der Duma nicht mit S t i 11 s e h w e i g e n ü b e r g e 11 e 11 k o n n e 11. ich muss hier bemerken, dass weder die Kr.iktüm als solche noch ihr Vorsitzender Herr I*. N. Mili 11 k o w in der ersten Zeit etwas dagegen einzuwenden hatte, und wenn sich in der Kolgc einzelne Kraktioiismitgliedcr meinen selbständigen Aiisfiihriingen gegenüber ablehnend verhielten, so haben hierzu nebensächliche Kinfliisse Anlass gegeben, die von Antagonisten, und zwar von einigen der l'raktion der Volksfreilieit nahestehenden Juden, ausgingeu. Nomina sunt odinsa! Doch die jüdische I'resse hat stets die Namen dieser Juden iiiiigcnniiiil, die auch in den zwei ersten Duuinsessioiien die Taktik verfolgt hatten, die jüdische Kraxe mit Stillschweigen zu ubergehen, mul es als geboten bezeichnet hatten, A 11 g e I e g e 11 h e i t e n der .1 11 d e 11 im Par- I!1111 c 111 e 11 ur ne b e n b ei z 11 r S p r a c 11 e z 11 b ringen, in Verbindung mit der Durchiiilirung ues Prinzips der Gleichberechtigung aller russischen Bfirger ohne Unterschied des Glaubens und der Natinnalitiit. Hin grosser Teil der jüdischen Intelli• gen/, zu dem auch ich gehörte, war der Ansicht, dass dieser Weg nicht der beste sei, und zwar, weil er auf Selbsttäuschung basiert, die voraussetzt, dass es der Opposition getingen werde, die Auimerk* samkeit unserer Kciudc abzulenkcii und die jüdische Gleichberechtigung unbemerkt von den Widersachern in der Duma dnrchziidrückcn. Wenn min auch lui den Verteidigern dieses Plaues während der ersten zwei Reichsdumeu irgendwelche Illusionen in bezug auf die Zweckdienlichkeit ihres Planes vorhanden sein konnten, so durften sic nun nicht mehr hezweifeln, dass hei der dritten Reiehsdimia die jiidi• sehe Krage uns dem Programm allgemeiner zeitge•!nässer Probleme* die der Dumaentsclieidung unter* liegen, unbedingt ausscheldeii imisstv. Die Au* II ü 11 g c r dieser Taktik fürchtete n!1 h c r ü b e r h 1111 p I j e d e p r ü z i s e K 0 r 11111 Ii c r 1111 g u n d H c r u 11» h e b 1111 g der j ii d i s c 11 e n Krage in Anbetracht der angeblichen sclimffcn antisemitischen Stimmung eines bedeutenden Teiles der dritten Reichsduuiu und beschlossen daher, vmi jeder Initiative Abstand zu nehmen. Ich hübe be• reits erwähnt, dass ich in Übereinstimmung mit vielen anderen diesen Standpunkt für sehr einseitig halte. Ich möchte mm keineswegs in Abrede stellen, dass der Antisemitismus,• eines der Sclilagwortc des kämpfenden Nationalismus, als eins der eharakteristi• selten Merkmale eines bedeutenden Teiles der dritten Rciclisdtimu erscheint. Hieraus folgt jedoch nicht, dass wir genötigt sind, d i e W a f i e u nieder z u I c g en u 11 d v o n jegliche 01 K a in p f mit d e in A 111 i s e m i - t i s m 11 s Abstand zu nehmen. Die Ge- Blut ,NacliJruck verholen,) Von Carl Ewald (Atis dem Panischen von Helene Klupctar) Ein öder und kahler Platz, weit und breit ein hässlicher Morast von Schnee imd Seinnutz. Auf drei Seiten schloss diesen Platz ein geteerter Plankenzaun ein mit Spuren von huu* derten von Schneebrillen. Auf der vierten Seite zog sieh die sclunutziggelbc Mauer des Schulliauscs, dessen breite Eensterscheiben freundlich glfiiiztcn, hin. 111 einer Ecke Stand eine lauge, schmale Holzbank ohne ■Lehne, Auf dieser Hank sass ein zwölfjähriger Junge und ass sein Vesperbrot. Er hatte einen grossen Kopf mit dickem Munde, gebogener Nase und toten, wässerigen Augen, Seine dünnen Beine, die in Kniehosen und zu weiten Röhrcnsticfeln steckten, schlenkerten hin und Her, schlugen gegeneinander, seine Küsse .stampften den Schnee und ruhten keine Sekunde. Das Butterbrot, welches er in der linken Hand hielt, ass er mit gewaltigen Bissen, lind so oft er dreinblss, zog er die Augenbrauen hoch empor. Seine rechte Hand knüllte das Frühstttckspap’er zu einer Kugel zusammen. Eine schwarze Katze schlich vorsichtig über den Platz, Einen Augenblick stand sie still, blickte auf den Jungen, nicsstc und war mit zwei Sprüngen auf der Bank und dem Plankenzaun. Er wandte den Kopf, a's er ihre Krallen auf dem Holz kratzen hörte. ״Husch", sagte er, und warf die Papierkuge' nach ihr, nahm wieder einen Bissen, sank in Kücken zusammen, kaute und starrte nach der Dachtraufe. Pa kam es mit einem Male wie ein Sturm die Treppe herab. Zwölf bis vierzehn Knaben .stürzten, hiipfteil und sprangen in den Morast, tollten wie be,- sessen umher, kreischten und schrien und schwangen die Mütze. ״Keine RoligionsstunüU• heute! . . . Hoch Potersen! Hoch der kranke Herr Pcterscn! , . . Keine Aufgaben fiir das nächste Mall...״ Plötzlich gewahrten sie den essenden Jungen auf der Hank. Wae ein Blitz durchfuhr ein Gedanke die jungen Köpfe. ״Er . der Jude, — der n'c in der Religionsstiiiidc war!-Er krümmte sieh unter ihren Blicken, sank noch mehr in sich zusammen und wurde so •klein — so klein .... Seine Augen weiteten sich, unwillkürlich hörte er auf zu kauen. ״Jude״, schrie einer, — und dann ein viel- .stimmiges höhnendes Gebrüll: ״Judenkcrl־, Judcnkerl! . . .״ Und schon ilog ein Schwarm von Schneeballen nach der Ecke. Per wasserschwere Tausclmec schlug gegen den Plankenzaun, dass er zitterte. Per Jiid'aijunge hatte sich erhoben, fiel aber sogleich auf oi״ Knie. Er schützte sich mit den Armen, die Mütze wurde von seinem Kopfe geschlagen, das Butterbrot au« seiner Hand. S׳'e licsseu sich keine Zeit, die Wirkung ihrer Salve zu beobachten, sondern griffen jauchzend in den Schnee. Noch eine Salve, und wieder eine . . . Plötzlich drang ein wrzwcifclter Schrei von der Ecke herüber. Pi- Stimme gellte wie die omes Wahnsinnigen: ״Mayer ist auch ein Jude! . . .״ ״Pas ist eine l.iige! Wir sind getauft!“ schrie Mayer und begleitete seinen znrnbebeuden Ausruf mit einem neuen Wurf. In demselben Augenblicke sprang der kleine Judenjunge wie eine Feder in die Höhe,*stand aufrecht auf seineu dünnen Beinen, ballte die Hände, ging der Schar entgegen. Mayors Sclmccball hatte ihn mitten ins Gesicht getroffen. Seine Nase blutete, das eine Auge war ganz verklebt: das andere aber stierte gerade los auf Mayer. Ein neuer Sclmccball traf seine Schläfe, er fühlte ihn nicht. Einen der Knaben puffte er zur Seite, den Arm eines anderen fasste er, um schneller vorwärts zu dringen, strauchelte, fiel, sprang wieder auf und ging vor, bis er dicht vor Mayer stand. Pa richtete er sich hoch empor und spie ihm zweimal ins Gesicht. Auf dem Platze wurde es totenstill. Die Knaben standen wie Statuen-einer gebückt, die Hände zu •einem Griff in den Schnee ansgestreckt, einer kruinmriickig, den Kopf tief zwischen den Schultern und beide Hände um einen Sclmccball gepresst, einer zurüekgcbogcu, die Arme zum Wurf erhoben, alle mit geöffneten Lippen, angchaltcncm Atem, die Augen auf den kleinen Juden gehaftet.

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