Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1908)
- Date
- 1908-12-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ho. 52 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seite St 3 ׳ An unsere Leser .. ** ־*an״ar 1909 Rclit die Schriftleitung der JUEDISCHEN RUNDSCHAU in andere! Hände über.! Beinahe sieben Jahre laiiK war es mir vergönnt» dieser | Zeitung, d’c ich durch meine Arbeit unter grossen phyi sischcn und psj'chischcn Opfern geschaffen habe, Ricli-! tung und Gestalt zu geben. Es war eine schwere Aufgäbe, die nur dadurch erleichtert wurde, dass ich wusste, dass meine ganze Arbeit der Ausbreitung und Stärkung der zionistischen Idee dienen sollte. Und wie die Zeitung, ist die Organisation gewachsen, die; sich um die Zeitung als ihr Parteiorgan gruppiert. | In! Anschluss au den Breslauer Ocicgiertentag hat > mir der geschäftsführciidc Ausschuss des Zcntralkomij tcess von dem allgemeinen Misstrauen sämtlicher deut- , scher Zionisten Mitteilung gemacht und.mir dringend I klar gemacht, dass cs notwendig wäre, dass die! Seliriftleitimg in andere Hände übergehe. Die allgc-! meinen Klagen aller Zionisten, die am heftigsten aus Frankfurt am Main und Posen gekommen wären, machten die Entlassung wünschenswert. Die Klagen der oberschlesischen Zionisten liessen sie notwendig erscheinen. Dieser Sachlage entsprechend bcfccliloss das Zentralkonutec unter dein Vorantritt seines Präsidenten mit IS gegen 2 Stimmen (Iki zwei Stimmenthaltungen) meine Entfernung aus der Redaktion. Daraufhin erhielt ich ordnungsgemäss vom Vorstand der Genossenschaft Jüdische Rundschau die vom Aufsiclitsrat bestat/gic Kündigung. Wenn der Gründer einer Zeitschrift oder Zeitung das Recht hat, für alle Zukunft ein Ziel dem Blatte vorzuzcrclitien, das cs nicht verlassen kann, ohne sich selbst untreu zu werden und sich selbst zu verraten, so darf ich mich ohne Scheu in solchem Sinne als den Gründer der JUEDISCHEN RUNDSCHAU betrachten, denn s:e ist nicht die Fortsetzung des VEREINSBOTEN, sondern des von mir gegründeten ZION. Und was ich der Reihe aller meiner Nachfolger als unabänderliches Ziel vor Augen halten werde, ist einzig das Judentum in seiner ganzen nationalen Bedeutung und der Zionisnms auf Grundlage des Baseler Programms. So lange au! der Stirnseite der JUEDISCHEN RUNDSCHAU das Baseler Programm zu lesen kt — und niemand wird es iemals wagen, es von dort zu entfernen, — so lange wissen wir uns auf dem rechten Wege. Ich nehme heute Abschied von meinen Lesern und von meinen Freunden — denn ich glaube trotz aller Unzufriedenheit mir auch Freunde und Freundschaft erworben zu haben, die unter der Unzufriedenheit nicht leidet. Demi ich weiss wohl, wie unzulänglich meine Arbeit war, wenn auch der Wille, einzig dem Zionismus und dem jüdischen Volke ohne Nebenabsichten zu dieiicn, midi bei meiner ganzen Arbeit geleitet hat. Die Unziifricdenlicut schwindet mit meinem Scheiden aus der Redaktion. Mcäie Freunds und ich, wir werden uns bei der zionistischen Arbeit sehen und besonders bei der Wcrbearbo:t immer wieder begegnen. Der Zionismus befindet sich in ruhiger Entwiekhing. Mein jetziger Nachfolger, der die RUNDSCHAU im streng zionistischen Sinne leiten wird, bringt junge Kraft und junges Feuer hinein. Ich bitte die wenigen, die mir bei der Arbeit geholfen haben, iluu zwiefältig zu helfen und hoffe, dass jetzt wo die materiellen Mittel ja auch bereit stehen, dass recht viele neue Mitarbeiter sich finden mögen. Ich nehme Abschied, indem ich der JUEDISCHEN RUNDSCHAU auf Grund des Baseler Programmes eine erfreuliche und gedeihliche Zukunft wünsche und indem ich hoffe, noch selbst den Tag zu sehen, wo niemand mehr zweifeln kann, dass das Baseler Programm, das uns und unserer Zeitung wie ein Polarsteril voranlcuclitet, zur Verwirklichung kommt. Der Zionismus ist auf dem Marsche und ich werde mir Miihe geben im ersten Gliede der gemeinen Soldaten weiter für die Ehre und Freiheit des Judentums zu kämpfen. Heiinrieh Loewe. wie er mit dem zwölften Lebensjahr angefangen in die Jeschibatcn zu wandern, wie er sich in verschiedenen Synagogen umhergetrieben und auf den harten Ränken geschlafen hat, wie er Hunger und Kälte erlitten und Schläge, der er oft gar nicht verdiente. Ach. — beendete er seine Erzählung, — das ganze Leben — ist -eine Dummheit! . . . Und seitdem ich geheiratet habe, lebe och denn? Wenn sie mich fragen, ob tich mich jemals in! Leben satt gegessen habe, wahrhaftig, ich kann mich nicht besinnen . . . Und meine Wohmm <r Sie waren mal bei mir?" Als Wohnung dient ihm eine ״Grube". In ihr war er. d*er-Kälte und Nässe ausgesetzt, seit seiner Hochzeit. Er hat, wahrhaftig, an jedem Eatibliiittenfest auf das entschiedenste beschlossen, aus dem .,Grabe" auszuzielicn, aber sobald er fest diesen Beschluss gefasst, erinnert er sich seines ״Mobilars" und getraute sich nicht, umziizielien: wenn man beide Betten ,den Tisch, den Kasten von der Wand abrücken soll, werden sic auseinaiulerfallcii. .,Alles spricht dafür, dass sie anstinaderfalkMi werden“, machte er seiner Frau klar, ״,denke doch, wenn das Holz zwanzig Jahre durch den Regen nass wird, muss es faulen, das ist mm einmal Sonic Eigenart“ . . . I Scan Leben wäre keine bittere Zwiebel wert gewese״, wenn er nicht zwei Genüsse gehabt hätte, die er sich leisten konnte . . . Der erste Genuss war — die Pfeife. Jede Woche kostete ihm ein Paket Tabak 8 Groschen*). Das Rauchen vertritt bei ihm, behüte Gott, ungefähr die Stülle des Trinkens, und seine Frau macht ihm Vorwürfe darüber: ..Auf deine Pfeife verbrauchst du den ganzen Verdienst." Er fühlt selbst, dass die Pfeife wie ein ihm angetaner Zauber ist. Einmal.es war bei Nacht, als ihm der Tabak ausgegangen war, dachte er. er müsse wahnsinnig werden und ist sogar zum Nachbar, dem Christen, gegangen, sich Tabak zu borgen ... Er sagt, dass das Rauchen nicht nur die Nässe, sondern auch die Gedanken vertreibe. Und seine Gedanken sind sehr schwere. Er denkt an Gott und seine höheren Bestimmungen. ״Warum ist der Weg der Bösen glück- Itelt und der gute Mensch leidet so vieles?" . . . Wenn er so denkt, fängt ein Zweifel an, ihn zu quälen. Wie mit einem Hammer, schlagen ihm die Worte eines öottesabtrünnigeii über den Kopf: Alles gellt ״ach den Gesetzen der Natur, nichts ist linbegreiiTch ... In *) U. i. Pfennig.