Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1908)
- Date
- 1908-12-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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No. ג Seile 5H JÜDISCHE RUNDSCHAU. Protestversammlung gegen den Wahlskandal im Potsdamer Viertel Dr. Julius Moses King in seinem Referat aus von den Vorkommnissen bei der letzten Stadtverordnetenwahl ini fünften Qemcindebczirk, bei der sich gezeigt habe, dass auch unter den sogenannten berufenen Vertretern des Judentums vielfach ein recht geringes Verständnis für die Interessen und die Ehre des Judentums vorhanden sei. Sonst hätte es nicht Vorkommen dürfen, dass Vorstandsmitglieder und besoldete Beamte Jüdischer Organisationen durch ihre Agitation fiir den getauften Juden Mugdan das Judentum in der allgemeinen Achtung herabsetzen. Auch die sieben iiidischen Abgeordneten im Dreussischcn Abgeordnetenhause hätten bisher alle Oelegenheit zur entschiedenen Vertretung der Interessen ihrer Jüdischen Glaubensgenossen verpasst. Als der preussische Kultusminister die fiir die Juden tief verletzende Behauptung aufstcllte, nur die christliche Erziehung könne einen festen sittlichen Halt gewähren, ebenso bei den Beschimpfungen der Juden anlässlich der Massenaiisweisuwisdebatten, überall hätten die sieben Abgeordneten g e s c 11 w i e g c n. Ein einziger Mann wie Dr. Theodor Barth habe viel mehr fiir die Judcnheit geleistet als diese sieben jüdischen Abgeordneten zusammen. (Lebhafte Zustimmung.) Auch in den spezifisch jüdischen Organisationen, die die Interessen des Judentums vertreten sollen, sei die nötige Entschiedenheit im Kampfe gegen die Feinde des Judentums zu vermissen. Darüber hestehe kein Zweifel, dass die Taut.iiulen dem Judentum mein schaden als der Rndauamisemitismus. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger i ii 11 i s c 11 e n Glaub cn$ habe aber an seine Spitze in dem Abgeordneten Peltasohu einen Mann gestellt, der seine Kinder hat taufen lassen. Noch beschämender sei es aber, dass der angcstellte Sekretär des Verbandes deutscher Juden zugleich Vorstandsnutglicd des Zcutralvereins iii r das Ta u i j u d e n t u m Wahlpropa ganda macht. Propaganda fiir einen Taufjuden, der mit den Antisemiten Brüderschaft gemacht und von Herrn Bruhn über den grünen Klee gelobt wird, wie Mugdan. Wenn ein Mann in leitender Stellung bei einer Organisation, die das Taufjudentum bekämpft, praktisch fiir einen Taufjuden Pr opa ganda macht, so ist das dasselbe, als wenn ein Agitator der Sozialdemokratie gleichzeitig für den Reichsverband agitieren würde. Wir haben die Arbeit fiir das Judentum den paar iiidischen Notabein — wie sie sich selbst nennen — überlassen, und wir haben uns von den Parteien, auf die wir uns verbessern vieles geiallen lassen, was wir uns niemals als stolze Juden hätten gefallen lassen dürfen. Die Wahltaktikcr der freisinnigen Volkspartei haben oft genug an das Judentum geradezu entehrende Anforderungen gestellt. Sie haben verlangt, dass die Juden bei Stichwahlen lediglich aus einem gewissen Rotkoller heraus nicht fiir den Sozialdemokraten, sondern für den Antisemit0 n stimmen sollten. In Eschwege-Schmalkaden, bei der Landtagswahl in Moabit und Nicdcrbarnint und in vielen anderen Fällen hat sich das gezeigt. Auch die Kopscli-Bcmstein-Afiftre muss hier erwähnt werden, obwohl ich vor der Versammlung gewarnt wurde, sic zu erwähnen, weil sonst Herr Kopsch mich zur gerichtlichen Verantwortung ziehen würde. Das ist ihm schon oft nahegclcgt worden, und cs wäre erfreulich, wenn Herr Kopsch nun endlich einmal vor Gericht den Nachweis versuchen wüurdc. es sei nicht wahr, dass er hn Wolilkreisc Torgau-Liebemvcrda die Kandidatur von Dr. Arthur Bernstein mit dem Argument zu hintertreiben suchte, man dürfe Bernstein nicht wählen, da er Jude sei. (Hört, hört!) In solchen Parteien kann das Judentum einen Schutz seiner Interessen nicht erblicken. Auch in dem durchaus notwendigen und unentbehrlichen Zcntralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens muss eine R c i n i - g 11 n g von den Elementen erfolgen, die bei der Mugdan-Wabi offen für das Taiiffudenttmi Propaganda gemacht haben. Wir werden den Zcntralverein zwingen, eine ausserordentliche < icneralversatnnilutig einzuberufen, in der die durch diese Wahlvorgänge blossgesteütcu Vorstandsmitglieder zur Amtsnlcdcrlegiing veranlasst werden sollen. Die nötigen Unter- Schriften zur Einberufung einer solcher» Generalversammlung sind schon längst vorhanden. Wer die freisinnige Volkspartei mehr schätzt als die Ehre des Judentums, der mag ein guter I Parteimann sein, aber einen bertitcuen Vertreter des Juden-; tums können wir ia ihm nicht erblicken. (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Vom Vorstand wurde der Versammlung folgende Resolution zur Annahme empfohlen: ..Die heute in den Industriesälen tagende Protestversamtnliuig jüdischer Staatsbürger hat mit Entrüstung Kcimnits geiiommcn von den traurigen Vorgängen bei der ״Mtigdan-Wahl im fünften Gemeindcbezirk. Sic erkennt an. dass jeder Jude als solcher seiner politischen Ueberzeugimg nachkommen muss, verurteilt aber auf das schärfste, dass sich berufene \ ertreter des Judentums, Männer, die im Vorstand der jiidisehen Gemeinde im Vorstand des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wie im Verband der dcutsehen Juden sitzen, sich offen zur Propaganda für einen Taufjuden hergegeben haben, der ausdrücklich erklärt hat. im Falle einer Stichwahl zwischen Stöcker und einem Sozialdemokraten dem Stöcker die Stimme zu geben. Sie erblickt in dem Vorgehen dieser Herren eine schwere Verletzung des indischen Ehrgefühls und erwartet, dass diese Herren die 1 Konsequenzen ihres Vorgehens ziehen und ihre Aemter in I jüdischen Institutionen nicderlegen, da cs sich nach der I Meinung der Versammlung mit dem Geist des Judentums nicht I vereinigen lässt, in dem Dienst des Ta 11 f j u dc n 111 ins j und gleichzeitig in der Agitation fiir das Taui-; judentum zu stehen.״ solche Gedanken versunken, vergisst er die Gegenwart, der Kopf langt ihm an zu schwindeln, und die Angen sind ihm wie geblendet. Er bewegt die Hand, als ob er riiit jemanden! kämpft und schlechte Gedanken verlagt und . . . steckt seine Pfeile an. Schon bei den ersten Rauchwolken verschwinden die gottesläster־ liehen Gedanken, seine Seele beruhigt sieh, und er fühlt, dass er wieder so wird, wie Gott ihn sehen will. Sein?,weiter Genuss ist: die Geschichte Hiobs mit seinen Kindern zu lesen — und das ist sein bester, sein höchster Genuss, sein lichtes Paradies, in dieser finstern Hölle ... Wenn zu Beginn des Halbjahres ein neuer Schüler bei ihtn eintritt, so fragt ihn Chain! vor allen Dingen: ״Wo bist du,!nein Junge, in der Heiligen Schrift stehen gebFeben?“ ״Bei dem Propheten Jesaja“ antwortet der Junge. ״Und bei mir wirst du bei Hiob anfangen . . . verstehst du .. . mit Hiob . . . ein gutes Buch . . . etwas Schönes ... Anfangs erschreckt der Junge, dem! von den altern Freunden hat er gehört, dass Hiob das schwerste Buch der Heiligen Schrift sei, und Chaim-״Hiob“ spricht viel bei dessen Erklärung. Aber sobald der Unterricht beginnt, vergisst der Junge die ganze Angst: ein Gefühl süsser Trauer ergreift lfm und ein Gefühl des Mitleids mit Hiob und dem Rebbcn, welcher bei dieser Erzählung dem Hiob so ähnlich ist. Das erste Kapitel liest Chain durch wie eine ganz überflüssige Vorbesprcchtmg. Der Reichtum Hiobs und seine Erfolge in den ersten Jahren kommen ihm wie etwas Erdichtetes vor, wie eine unmögliche Geschichte. Aber wenn er beim Satan aukommt und bei den Leiden Hiobs, wo jener sich mit einem Scheiben den Schorf abkratzt, dann kommt Cliaim in seine Rolle und feurig fängt er das dritte Kapitel an: ״Da öffnete Hiob seinen Mund und verwünschte den Tag seiner Geburt“, — mit Begeisterung übersetzt Chaim den Text der Heiligen Schrift. Und \v!ie er einen Satz nach dem andern liest, da wird er immer feuriger. Sein trauriger Ton crg'esst sich, ergicsst sicli und erfüllt das Zimmer mit rührenden Lauten, mit dem traurigen Gcsan& von einem kranken, armen Leben, von ewigen Leiden und Schmerzeu . . . Chaint kümmert sich wenig darum, ob die Schüler ihm nachbsen. ob gut oder mit Fehlern. Es kommt ihm vor, als sei er gar kein Melamed, als lese er Hiob für sich selbst . . . und er klagt und trauert, 7