Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651552-2651603--06120-2663186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 508 JÜDISCHE RUNDSCHAU empört über das;kiir/licli berichtete) Urteil im Prozess gegen die Bruder Brodsky in Kiew, die bekanntlich von der Kegen sie erhobenen Anklage freigesprochen wurden, weil sie nur in Notwehr gegen die Strolche gehandelt hatten. Dem Hansnarren des echt-russischen Verbandes. Herrn Purischkewitsch. — der trotz seiner Beschränktheit nicht unterschätzt werden darf, weil leider der Verband der echtrussischen Leute bekanntlich eine sehr reale Macht reprüsentiert — Hisst dieser Prozess denn auch keine Ruhe, und so wandte er sich an den Justiz.mi'iisicr $ c 111 sc h e g I o w i - t o w und erzählt nun in den Couloirs der Duma jedem, der cs hören will, dass der Minister ihn sehr freundlich einpiangcn und ihm versprochen habe, die Sache näher zu untersuchen. Purischkewitsch schwor, dass die beiden Brodsky ihrer Strafe nicht entgehen sollten, trot׳ der erfolgten f reisprechung. — Wenn man also nächstens von einem A 11 c n - tat auf die Brodsky hören wird, so weiss 1na1׳ wenigstens gleich, wo dessen Urheber zu suchen sind! Derselbe Herr Purischkewitsch!ordert mm gleichzeitig von den Mitgliedern desecht-russischen ..Michacl-Verbandes". sie sollten alles Material über diese Angelegenheit sammeln. Er behauptet, die Freisprechung der beiden Brodsky sei mir durch di«; Macht ihres Rcielitmns zu erklären, da, er geht sogar so weit, den Richtern Judem'rettmllichkeit vorzuwerfen und sie für Revolutionäre zu erklären. Deswegen sammelt er auch eifrig alles erreichbare Material über die Personalien der Richter In dem Aufruf, den er nn die Mitglieder des Michael-Verbandes erliess. heisst es: ..Zwingt den Staatsanwalt. Protest gegen dieses Urteil zu erheben! Russland ist nicht Frankreich, und einen Dreyiiis werden wir nicht dulden! Die russische Gesell- Schaft muss uns helfen, die geheimen Seiten dieses abscheisliehen Prozesses zu enthüllen, wo die Gerechtigkeit der russischen Justiz gebeugt wurde zu gunsten der Juden, die die Diener unseres Kaisers (d. 11.. die Hulignns von Kiew!) ermordet haben!“ — Und diesen Purischkewitsch. bei dem man nur Im Zweifel sein kann, ob seine Unfähigkeit und Beschranktheit oder seine Bosheit und Niedertracht grösser ist. hat der Du m a p r ä s i d c n t Chomjakow erst kürzlich öffentlich umarmt und geküsst und ihn seinen ״etw*as temperamentvollen Kampfgenossen“ genannt. Die jüd. Ackerbaukolonien in Süd-Russland Die Judenfelndllchkeit der russischen Behörden, die früher nur ein administratives System war. ist der jetzigen Beamten- Generation schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich bei all und jeder Gelegenheit offenbart, sogar dort, wo es nach der Lage der Sache kaum möglich Ist. Das illustriert aufs deutlichste die folgende Geschichte: Im Gouvernement Jckatcrinoslaw befinden sich bekanntlieh eine Anzahl jüdischer Ackerbau-Kolonien, in denen die Juden seit vielen Jahren arbeiten und mit schwerer Not und Mühe ihr leben fristen. Krst kürzlich wurde auch von uns über diese Kolonisten berichtet, dass ihnen nämlich die Regicrung in Jekaterinoslaw ein Gesuch abgelehnt habe, in welchem sie um Steuernachlass und Kredit-Gewährung zum Ankauf weiteren Bodens, wie er allen anderen Bauern hewilligt wird, gebeten hatten. Die Petersburger Zentralregicning schien aber mehr F.insehon zu haben und beauftragte die Behörden des Gouvernements abermals, ihr ein Gutachten über die Lage der Dinge zu erstatten. Der Bericht des mit der Untersuchung der Verhältnisse beauftragten Beamten war für die Jude r. s c 11 r g ii 11 s t i g. Die jüdischen Kolonisten, so hiess es in dem Bericht, bearbeiten den Boden sehr Ileissig und wiitschaften auch im allgemeinen gut. In den siebzehn Kolonien gibt es insgesamt 32-11 Pferde. 5ÜS7 Stück anderes Vieh. 760 Schneide- und Sämaschinen usw. Mit grösster Anerkennung spricht der Bericht sodann von der jungen Generation der Kolonisten, die geradezu ein Muster- Beispiel für Ackerbauer abgebcu könnten. Den üouvernenicnts-Bchördcn passte dieses Gutachten ihres Beamten natiiriich wenig und so — ignorierte••! sie es einfach und erstatteten an das Ministerium einen ganz anderen Bericht, in dem es u. a. hiess: Trotz der materiellen Unterstützung der Regierung ist die landwirtschaftliche Fntwicklung mul der r!:atcrird!c Wohlstand der Kolonien höchst ungünstig: es ist auch keine Hoffnung vorhanden, dass diese Lage sieh in Zukunft bessert. Nach diesem so v e r fä Isc 111 c 11 Bc r i c 111 wird jetzt selbstverständlich den Kolonisten kein Kredit für den Ankauf des Bodens gewährt werden, und bei der grossen Not. die hauptsächlich infolge Mangels an Boden in den Kolonien lierrscht. werden die Kolonisten gezwungen sein, a u s z u wunder n. No. 51 Aus dem Lande Israel Eisenbahn Jaffa-—Port-Sald. Wie verlautet, hat ein aus französischen und türkischen Kapitalisten bestehendes Konsortium einen Antrag auf Konzessionierung einer Eisenbahnlinie von Jaffa nach Port Said (Ägypten) bei der Regierung cingereicht. Fs Ist kaum daran zu zweifeln, dass die Konzession erteilt wird. — Mit dem Bau dieser Strecke wäre ein überaus wichtiges Glied im palästinischen Eisenbahnverkeiir geschaffen, das seine volle Bedeutung natürlich erst dann gewinnen würde, wenn auch׳ Haifa und Jaffa entweder direkt oder über Jerusalem durch eine Bahn verbunden sein werden. Die neue Bahnlinie würde ca. 300 km lang sein und über G a z. a und F 1 - A r i s c!1 gehen müssen. Die Linie Haifa-- Jerusalem soll schon in allernächster Zeit — als Zweig- I i 11 i e der türkisch e n H e d s c h a s b a 1111 ausgebaut w erden. Jaiia. Das hebräische Gymnasium hat einige neue Lehrl.iüite gewonnen: Dr. Lurie für Geschichte. Frau Hirszcubcrg (eine geborene Pariserin, die in Paris das Lehreriunenseim'nar absolviert hat) für Französisch. Herr Rosenstein für Mathematik und Naturwissenschaften. Dr. Metinniin ist von seinem Urlaub zurückgekehrt und »etzt begib! sich Dr. Bugratscboff für ein halbes Jahr zu St'.uiien/w ecken nach dem Auslände. Herr ^dieinkin mul Dr. Mossinsohn. die eine Agitationsreise nach Russland unternommen haben, sollen erst nach einiger Zeit w ieder hier eintreffen. Die Zahl der Schüler im/jvmnasiu.n beträgt 120. — Die hiesige Mädchenschule (Bcth-Scter l'Banoth) zählt ungefähr •)״׳! Kinder, die AHianccscluilc 25u. die Schule des Hüisvereins nahezu I0O. Bcviuth. Hier hat sich ein ..Verein jüdischer Arbeiter" (Agudath Poalim Ibrim) gebildet, der sich die Unterhaltung eines geselligen Verkehrs und Belehrung seiner Mitglieder. Pilcg'e der hebräischen und Unterricht in der arabischen Sprache zum Ziele gesetzt hat. Verlegung des'Haschiloach Die vornehmste lind angesehenste hebräische Monats- Schrift HASCHILOACH. die bisher in Odessa erschien, wird jum Januar nächsten Jahres nach Jerusalem verlegt werden. Die beiden Redakteure, der bekannte hebräische Dichter Bialik und Dr. Klausner, werden ebenfalls nach Jerusalem übersiedeln. Am HASCHILOACH arbeiteten bisher die bedeutendsten hebräischen Schriftsteller mit, so auch der bekannte Achad- Ha’am. der gege״wärtig ' > London lebt. . ך״*••״*־ , 1 - 9 a. * - - Aus Gemeinden und Vereinen Köln. In aller Stille wurde in den letzten Wochen eine Institution geschaffen, die berufen ist. den geistigen Mittelpunkt ines beträchtlichen Teiles der Juden Kölns zu bilden. Dieser '״eil rekrutiert sich aus ausländischen. zumeist aus dem Osten Dämmenden Juden. Infolge des schweren Kampfes, den die meisten zu tiihrcn haben, sind sie wohl nicht imstande, ihre Wohn- und sonstigen Verhältnisse gleich den andern Bewohnern dieser schönen Stadt einzuriclitcn. Allein gerade diesen Leuten wohnt ein nngest i.mer Drang nach Bildung und Wissen inne. deren Mangel sic oft stärker empfinden, als den des materiellen Wohlstandes. Dafür zeugt der grosse Friolg. den die jüdische Lesehalle sh. fort bei ihrer Entstehung erzielt hat. Am Fröfinuug'stagc konntui bereits ca. 60 Mitglieder, die aus den erwähnten Kreisen der Lesehalle beitraten, \erz.eicl1net werden. Die Räume, zwei freundliche Zimmer in der ersten Etage Peterstrassc 3. vermochten die zahlreich Erschienenen kann! zu lassen. Das grosse Verdienst, die neue Institution gegründet zu haben, gebührt der Zionistischen Vereinigung, die mit Hilic angesehener Kölner Juden etwas gesehafieu hat. das in allen Städten nachgeahmt zu werden verdient. Die Eröffnung selbst fand Sonntag, den 29. November. 5 Uhr nachmittags statt. Der Präsident der Kölner Zionistischen Vereinigung begriisste die Anwesenden in warmen Worten und stellte den zahlreich Frsehieneiien die Vergrösscrung der Lokalitäten in nahe Aussicht. Er w ies darauf hin, dass, während die andern als einreine in der Lage sind, ihre Bedürfnisse nach Geselligkeit und geistiger Nahrung befriedigen zu können, die Anwesenden sich diese am besten durch eine gemeinsame Institution verschaffen, die zum grossen Teile aus dca Beiträgen der Mitglieder selbst ן sich erhält. Einmal wöchentlich sollen Vorträge über hygieni- I sehe, wissenschaftliche und sonstige allgemeine Themen statt-