Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 51 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 507 Deutsche und Juden in Russland Aüs Petersurjr wird der ״N. i. K.“ von ihrem dortigen Korrespondenten «schrieben: ' In Petersburg fand vor einigen Tagen eine Sitzung der deutschen Oktobristen-Gruppe statt, die sicli mit der Ausarbeitung der Grundsätze des Gruppenprogramms beschäftigte. Die Gruppe ist ein Teil der Oktobristen-Fraktion und besteht aus den deutschen Mitgliedern dieser Partei. Besonderes Interesse erregte bei den Beratungen die Frage der Gleichberechtigung aller russischen Bürger. Man sollte meinen, dass für die Deutschen, die doch eine verhält* nismässig kleine nationale Minderheit in Russland bilden, diese Frage eigentlich gar keine Frage sein sollte. Gleichwohl aber trat in der Versammlung ein Herr von F r ci man 11 auf und äusserte die Ansicht, in dieser Angelegenheit, dass heisst also auch speziell in der Judenfrage müsse jedem einzelnen volle M e i n u n g s t e i 11 c i t t!) gelassen werden. Man könne über diese Dinge nicht von Fraktions wegen entscheiden. Herr von Heyking erwiderte darauf allerdings sehr energisch und führte aus, dass seiner Meinung nach die deutsche Oktobristen-öruppe prinzipiell für die Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied der Nationalität chitreten müsse. Anders würde sie den Ast ahsägeu, auf dem die Deutschen ln Russland selber sitzen. Mit dieser Ansicht erklärte sich denn schliesslich eine ־ziemlich grosse Majorität einverstanden. Fs ist charakteristisch, dass es erst dieses Argumentes he* durfte, um die baltischen Herren zur Raison zu bringen, und cs ist vielleicht noch charakteristischer, dass sogar dieses selbstverständliche Argument noch eine ganze Anzahl von Mitgliedern nicht \on ihrem Antisemitismus abzubringen vermochte. Diese kleine Geschichte ist abermals ein trauriger Beweis dafür, dass cs Im Auslände fast Immer die Deutschen sind, die den Antisemitismus verbreiten, oder die sich jeden* falls als seine stärksten Stützen erweisen. Und gerade in Russland braucht man dazu die Deutschen wirklich nicht, die t-ben dort allen Anlass hätten, ihren Antisemitismus zurückzu• stellen. Aber das fällt den baltischen Baronen zu schwer! Die Juden und die polnische Selbstverwaltung Bei der beabsichtigten Einführung der städtischen und ländlichen Selbstverwaltung in Russisch-Polen, über die die Duma nächstens beraten wird, sollen, wie mm ziemlich fest* setht. die Juden gänzlich ausgeschlossen werden. Der be* kannte Oktobristen-Führer Gutschkow hat in einem Offenen Briefe in der ,.N’owoic Wremja“ das Einvernehmen zwischen den Oktobristen und der polnischen Fraktion ״Kolo Polski‘* für abgeschlossen, erklärt. Bis jetzt glaubte inan Immer, die Polen würden sich doch der Opposition in der Düma anschliessen. Nun aber, da iiir sie selbst die Gewährung einiger Rechte in Aussicht steht, sind sic natürlich mit ilicgenden Fahnen in das Lager der Regierung abgeschwenkt. Wer darunter zu leiden hat. sind selbstverständlich die Juden, die in Russisch-Polen fast 15 '׳׳׳’ der Gesamtbevülkenmg ausmaclicn und bei den Wahlen unter Umständen hätten auss eh lag« gebend sein können. Deshalb wollen die Polen die Juden unschädlich in a c 11 e ». indem sie der jiidiselten Bevölkerung die politischen Rechte fast vollständig entziehen. Da die ״liberalen“ Oktobristen dieses schmähliche Komplott zur politischen Entrechtung eines grossen Bevülkerungstcilcs mitmachen. so ist au dessen Annahme in der Duma kaum noch zu zweifeln. Für die ״Polen mosaischer Konfcssion“ in Russland und in Galizien wird das jedenfalls eine heilsame Lehre sein, was sic von den Polen zu erwarten haben. Und wenn diese Leute sich nicht schon allzu oft als unbelehrbar erwiesen hätten, so könnte dieser neueste gegen die Juden geführte Schlag wenigstens eine gute Wirkung haben. Polnische Neophyten Aus Warschau wird der .,N. J. K" von ihrem dortigen S.-Korrespoudentcn geschrieben: Kürzlich ist in Warschau ein Buch erschienen unter dem 1 itel ״Die polnischen Ncophyten“. Veriasser dieses Buches ist ein bekannter polnischer antisemitischer Schriftsteller Theodor J esk e ־C h oi n s k i. In der Vorrede zu diesem intercssanlen Buch schreibt der Verfasser u. a.: ״Fs wird vielleicht jemand fragen, w eichen Zweck ich mit meinem Buche verfolgt habe. Ich werde darauf anjworten. dass cs ein historisches Material bietet wie andere Bücher ahnlieber Art. Es werden ja Handbücher über den Adel. Schriftsteiler, Künstler etc. in grosser Anzahl verfasst. Sölten wir 1 denn kein Interesse haben zu erfahren, wie viele Juden zum ' Christentum öbergetreten sind. wo. wann, aus welchen Gründen und zu wissen, aus welchen Kreisen unsere Ncophyten stammen. Diese Neugierde scheint mir leicht begreiflich in einer Gesellschaft, die sich immer mehr mit jüdischem Blute vermischt. Seit einiger Zeit ist das semitische But überall hingedrungen und mit diesem Blute gleichzeitig die Rasseninstinkte, Traditonen und Ansichten. Dem künftigen Psychologen, der die Entwicklung der polnischen Volksseele studicren wird, kann dieses Buch über die polnischen Ncophyten vielleicht viele Rätsel lösen helfen. Es wird ihm erzählen, warum manche Ansichten und Ueberzcugungen. manche Ideale, von denen die polnische Vergangenheit nichts wusste, in den Vordergrund unserer Zivilisation getreten sind.“ Am Schluss der Vorrede sagt der Verfasser, dass nicht alle Neo- Phyte!» mit diesem Buche zufrieden sein würden, denn cs sei ia bekannt, dass die Nachkommen der getauften Familien es nicht gern haben, wenn man sic an ihre jüdische Abstammung erinnert. Das Buch enthält in der Tat ein recht umfangreiches Matcrial. das mit genauesten Quellennachweisen versehen ist. Aber gleichwohl fehlen in dem Buche ma 11 c 11 e Na mc 11 von getauften Familien, deren Abstammung von Juden allgcmein bekannt ist. Darüber wundert mau sich natürlich in Warschau sehr, und man fragt mit einem schwer missztiversttjjctulen Lächeln, ob das etwa aui gewisse Be m ii 11 u n ־ gen zurücky.ttfiihrcn sei?! Das würde dann allerdings auch auf die Redlichkeit des antisemitischen Veriassers einen nicht eben schmeichelhaften Schluss zulassen.Wie dem aber auch sei. so ist das Buch jedenfalls auch für die Juden von grossem Interesse, und man kann vielleicht geradezu sagen, dass cs wünschenswert wäre, auch iiir andere Länder und Städte solche Bücher zu besitzen. Dr. Israel Cylkow Am 1. Dezember starb in Warschau im Alter von (>7 Jahren der langjährige Oberrabbiner und Prediger an der grossen Gcmciiidc-Svnagogc. Dr. Isaak Cylkow. Er hatte die frühere Rabbiner-Schule in Warschau besucht, später auch Medizin und in Berlin und in Halle Philosophie studiert. Während der 47 Jahre seiner öffentlichen Tätigkeit erwarb er sich infolge seines vornehmen Charakters die allgemeine Achtling aucli seiner politischen Oegner. Er war der angesehenste und vielleicht der letzte grosse Führer der ii fi d i s e 11 c n A s s i n» 11 a t i o n s b c w e g u n g in Russisch-Polen. Auch als das von ihm so geliebte ״Vaterland“ unschuldiges jüdisches Blut vergoss, und als der Antisemitismus in Palen sich mehr und mehr breit machte, auch dann noch hatte Dr. Cylkow für das polnische Volk nur Worte der alles verzeihenden Liebe. Sein Begräbnis fand unter ungeheurer Beteiligung statt. In allen Reden, die am G1 alic gehalten ־wurden, gedachte man seiner Verdienste um das Polonium. 11. a. aue־h seiner glänzenden polnischen Bibel- Ucbcrsetzung. Miit Cylkow ist für Russisch-Polen eine ganze Epoche des jüdischen Lebens ins Grab gegangen. Rabbinerkonferenz in Jekaterinoslaw Vor wenigen Tagen 1'aud in Jekaterinoslaw eine Konferenz der Kronrabbiner des Jekaterinoslaw er Gouvernements statt. Aui der Tagesordnung standen viele wichtige Fragen, wie z. B. die Legalisa tion der Gemeinden, über Religionsunterricht in den Schulen. iil>er Uchtsteccr. über Chederim usvv. Nach langen utnd Treisseii Debatten wurden folgende Reso- Unionen angenommen: 1. Die Konferenz wünscht, dass die Korobkasteuer abgeschafft und au ihrer Stelle eine andere Steuer eiugetührt werden soll, ülmfieh wie es in Polen praktiziert wird: 2. die Konferenz strebt dahin, dass die jüdischen Gemeinden legalisiert und dieOiedarim in ihrer gegenwjirtigen Gestalt abgeschafft werden sollen; an ihrer Stelle sollen die Gemeinilen Anfaiigssclmlcn gründen, an denen ausser in jüdischer: auch 11• russischer Sprache unterrichtet werden soll: X in den M'ittclschuScii soll obligatorisch und unentgeltlich mdische Oescluchte und Religion unterrichtet werden: d. die Konferenz beabsichtigt in Wilna. Odessa und andern Städten Akademien zu gründen, in welchen Rabbiner eine grümdlicbc Bildung bekommen könnten. Purischkowitschs neueste Heldental Aus Petersburg■ wird der ..N. J. K." von ihrem dortigen Korrcspoudenten geschrieben: Die ecb(t*russischen Leute sind natürlich aufs höchste