Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 506 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 5t fcssionaüsten. die Israeliten, für das Magyarentuni bedeuten. Und Polonyi kennt seine Pappenheimer ganz gut. Er ist Klanzend rehabilitiert. Er war ein Opfer der internationalen Judenliga. Punktum. Nicht minder originell ist Graf Aladftr Szdchßny als Agent für Schnaps und katholische Spczerciartikel. Seine Domfine ist Ldbod (Com. Somozj). Dort gründete der volle Blaublut eine Tiutzkonsumbudikc gegen den Juden Hermann Markus*. Durch Einschüchterung und Drohung hat er dun das ganze Dorf auf den Hals gehetzt, was dann zu einer erbitterten Presskampagne führte. Das Volk als Ictztinstanzliches Pressgericht soll darüber entscheiden, ob Hermann Markus* ein Recht hat. neben dem Grafen zu leben. Die geborenen Antisemiten haben in letzter Zeit von jüdischer Seite nicht zu unterschätzenden Zuzug’ erhalten. 1׳dmund Manücl, Fabrikant in Nyirbätor. hat beim Festessen zu Ehren des ncucrwahlteu Stadtriciiters diesen aufgefordert: die Strcimcl-Judcn ntiszurotten und ihre Schulen als Verdiimmungsstiittcn zu sperren. Die jüdischen Anwesenden, welche ihn beifiiilig unterstützten, wurden von einem Christliehen Landwirt und dem gefeierten Richter desavouiert. Bei einem solch dunklen Hintergrund_ wagen cs die bis in den Tod getrennten Vertreter des oftixic’.len Judentums, den Dolch ins Herz der ungarischen Zionisten zu tauchen. Mit patriotischen Argumentationen, die von Denunziationen kaum zu unterscheiden sind, soll diesen das Lebenslicht ausgchlaseu werden. Dass der Präses der umarischen Orthodoxie für. seine Ausfälle das Organ des getarnten Ede Sälyi benutzt, das bis jüngst mit Gift und Galle gegen die Orthodoxie und die Jeschiwot, .,die Brutstätten der Unkultur■‘, gelierte, ist der. beste Beweis, wie dringend notwendig eine entsprechende Dosis jüdisch-nationalcu Selbstbewusstseins auch dort ist, wo man ehrlich jüdische Absicht nicht zu bezweifeln gezwungen ist. — ־ Scholem Afeichem Die jüdische Welt feiert das 25iährigc literarische Jubiläum des grossen indischen Humoristen — den die jetzt citigegangcnc Tageszeitung DER FRAIND als ״Premier“ der indischen Literatur bezeichnet — zu einer Zeit, da der Jubilar sich schwerkrank in der Stadt Nervi auihält. Wie die Zeitungen aller Welt künden, wird das Jubiläum in ganz Russland, sowie in London. Wien und vielen anderen Städten ausserhalb des Geburtslandes des Schriftstellers gefeiert. Die jüdischen Zeitungen sind überfüllt von Nachrichten über Feiern und Ehrungen des Schriftstellers. Die Zeitschrift THEATER-WELT widmet seine No. 3 dem Jubilar. Auch den Berliner Juden ist der Name des Jubilars, der sich Anfang dieses Jahres in Berlin aufgchalten hat. bekannt durch einige von ihm selbst vorgclcsenc Erzählungen und durch die im ..Verein zur Förderung jüdischer Kunst“ vorgetragenen Erzählungen, welche von ausserordentlicher Tragi• komik durchdrungen sind und die mit lebhafter Begeisterung aufgenommen wurden. Es ist heutzutage wohl kaum ein Jude zu finden, der nicht wenigstens den Namen Scholem Aleichem (Rabbinowitsch) kennt, dessen Schriften von den tiefsten Leiden des indischen Volkes erzählen und zugleich mit einem herzerquickenden Humor gewürzt sind. In gewohnt humoristischer Weise schreibt in den letzten Tagen Scholem Aleichem mit zitternder Hand an einen seiner Kiewer Freunde einen Brief, aus welchem der KIEWER WESTRIK einiges aus dem jüdischen Original übersetzt bringt: ״Sic wissen, guter Freund, ich bin wieder krank, dabei ging ,es mir schon ziemlich gut. Plötzlich hat mich wieder eine Erkältung gepackt mit einem ״netten“ Husten und seihstverständlich bei hoher Temperatur, wie Gott es geheissen hat In der Heiligen Schrift, sagt man. heisst es .,Wenn du wirst husten, dam! spucke auch Blut". Die Mcinigcn haben sich sehr erschrocken! Ich selber — nicht. Warum soll man sich erschrecken? Trotzdem war ich bleich wie ein Toter. Nicht weil ich und! vor dem Tode ängstige. Ein verständiger Mensch muss sich vor dem Tode nicht fürchten. Er muss verstellen, dass man vorher noch ordentlich leiden muss. . . . Kurz gesagt, ich liege im Bette wie ein Graf, und fühle mich Gott sei Dank gut: der Husten ist nicht häufig, al>cr dafür umso stärker und trockener. Die Temperatur? Kleinigkeit, könnte nur etwas niedriger sein. Ob der Kopf weh tut? — frag’en Sie. Warum soll er nicht well tun! Der Puls? — wer hört ihn? Die Verdauung ist gut. Appetit ist da. Geld keins. Nun' ist das Bulletin fertig." Es wäre sehr angebracht, wenn auch in Berlin ein Scholem I Aleichem-Abend zugunsten des schwer erkrankten Schriftstellers veranstaltet würde, vielleicht seitens des Vereins zur Förderung jüdischer Kunst Die Reaktion In Russland Wer noch daran zweifelt, dass in Russland die Reaktion auf dem Marsch und zwar bereits ziemlich weit vorgerückt ist. den müssen einige Verfügungen der letzten Tage davon überzeugt haben. Das Verhalten der Regierung gegen die Juden ist ja ein guter Gradmesser fiir Fortschritt oder fiir Reaktion. — Ich verzeichne folgende Nachrichten: Neue Beschränkungen Das Ministerium des Innern erlicss am 23. (10.) Novbr. eine Verordnung, alle Zirkulare über die Beschränkungen des Wohnrechts der Juden zu sammeln. Diese Verfügung könnte sowohl eine Wendung zum Besseren wie einen Schritt zum Schlechteren bedeuten. Auf Grund genauer Erkuudigütigen. die ich ciugezogcu habe, ist aber an/.unchmcn. dass wieder einmal die Pessimisten Recht behalten werden. Mau will nämlich in die Wohnrechts-Beschränkungen, die jetzt ausserordentlich verschieden sind. ..System" hiueinbringeii. Bei dieser Systematisierung, wie sie die russische Bureaukratie verstellt, wird aber für die Juden ganz gewiss nichts Frfreuliclies licrntiskoinmen. Das geht aus der neuerdings in allen grösseren Städten verschärften Anwendung der Wohnrechts-Bcstimmungen hervor, über die der Petersburger Stadtliaiiptmaun soeben wieder eine neue Verordnung erlassen hat. und über die erst kürzlich aus Riga und aus Moskau bcrichtet wurde. Der Petersburger Stadthauptrnanii und die Juden Am 22. (9) November hat der Stadthauptmann. Generalmajor D r a t s c h e w s k i die Pristau s der einzelnen Stadtteile aufgefordert, ungesäumt Massnahmen zu ergreifen, dass 1. die Bücher über die Juden genau geführt werden und in jedem Falle angegeben wird, aut Grund welcher Bestimmungen der betreffende Jude das Aufenthaltsrecht in Petersburg gcnicsst; 2. dass streng־ darauf geachtet werde, dass Juden, denen vorübergehend der Aufenthalt in der Residenz geglättet worden ist, nicht über den festgesetzten Termin hinaus in der Residenz verbleiben; 3. dass sofoit dem Handwcrkeramte über diejenigen Juden Bericht erstattet werde, die hier a l s Handwerker verzeichnet sind, aber kein Handwerk ausüben, damit diese Juden aus dem Verzeichnis der Handwerker gestrichen werden und 4. strengstens daraui zu achten, dass; Juden unangemeldet nicht in Petersburg leben. Diese Verfügungen bedeuten natürlich wieder für eine ganze Anzahl von Juden die Ausweisung, da es kein Gcheiiunis ist. dass Juden, die als Techniker etc. praktisch gearbeitet haben, und nun in Petersburg eine Hochschule zu ihrer weiteren Ausbildung besuchen, und ähnliche, als Handwerker allgemeldet sind, weil sie sonst kein Wohnrecht i!1 Petersburg hätten. Auch alle diejenigen, die iu halb handwerksmassig'cu. halb kaufmännischen Berufen tätig sind, dürrten jetzt der Ausweisung verfallen. Strenges Regiment Die Regierung beabsichtigt anscheinend, ׳überhaupt ihre bisher den Juden gegenüber geübte ..Müde" fallen zu lassen und ein strenges Regiment eitutiiiibrcn. Der jüdische Dumaabgeordnete N i s s c 10 \v i t s c h. der bekanntlich oft bei der Regierung zu Gunsten der Juden vorstellig geworden war, hat jetzt vom Ministerium des Innern eine ■sehr tmzweideniige Mitteilung erhalten, dass er nämlich fernerhin sich nur in solchen Angelegenheiten an das Ministerium wenden möge, die einen prinzipiellen Charakter haben, dass er cs aber unterlassen solle, mit Angelegenheiten, die einzelne Persauen betreffen, das Ministerium zu bemühen. Ebenso wurde Herrn Nissebwitsch vom Kultusministerium ein abschlägiger Bescheid erteilt auf sein Ersuchen, den jüdischen ireien Zuhörern an der Univcisität die Zulassung zu erleichtern. Wenn bisher auch die Juden, wenigstens die kleine Zahl der wohlhabenderen unter ihnen, das Leben in Russland cinigcrmassc» erträglich finden mochten, weil in Russland nach einem bekannten Wort der ״Absolutismus — gemildert durch die Korruption" herrschte, so scheinen auch diese Zeiten jetzt zu Ende zu gehen. Wie das aber weiter werden soll, wenn die Lebensbedingungen statt besser, von Tag zu Tag unerträglicher werden, das weiss kein Mensch zu sagen. Der Chronist kann nur die Tatsachen verzeichnen, und die Grossen in Israel mögen bei Zeiten zusclien, damit nicht erst neue. Schrecknisse ihnen wieder die Augen öffnen fiir die Uiihaltharkcit der gegenwaldigen Lage der russischen Juden. *mp»