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Jüdische Rundschau · 1908-12-18 · Heft 51 (18.12.1908) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 51 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 505 s*l1r verändert hat. Aus Alt-Prag ist ein Ncu-Prag entstanden. I Vor! dein alten jüdischen Viertel sind nur noch geringe Reste ’ vorhanden, unü diese werden auch bald, verschwinden. Die Hauptsehenswiirdigkeit. der alte Judeniriedlmf. und die altersuraue Schule sind auf einen kleinen Winkel zusanimeiigedrückt. Diese wenigen Überbleibsel von jüdisch Alt-Prag. sie stellen gewisr.ermasscn den Olaubensstandptmkt der jetzigen Gemeinde dar. Man merkt sehr wenig, dass man sich in einer Stadt mit ca. Juden hctnulet. Von dem ehemaligen so überaus rege!! Ocmeindclebei! ist nur sehr wenig noch waltrzutteltmen. besonders auffällig tritt dies am Snhbath in die Erscheinung. Die schönen «rossen Synagogen mit Clmrgesang und Orgelklau« weisen eine klagende Leere aut. Höchst selten trifft matt auf ein geschlossenes Geschäft. selbst die Fleisehgcschäite machen darin keine Ausnahme und sind in vollem regem Betriebe. Auf die Franc, seit warnt die Geschälte so allgemein am Sabbath geöffnet. ei folgte die Antwort: Seit Einführung der Sonntagsruhe. Wie wenig Sinn für die Heiligtümer des Judentums bekunden doch die Mitglieder dieser Gemeinde, wenn solche auf einen Stad.tbcschiuss hin. der Sabbath ohne viel Bedenken, wie eine unangenehme Last, von sich warien. wie zeigen sich doch die Nachkommen So wenig würdig ihrer grossen frommen Almen. Da darf man sich auch nicht wundem. wenn die junge Generation bei den jüngsten Vorgängen au der Universität solch ialsvhe Wege einsclilngen konnte. Hier und dort Verblendung. Schädigung der eigensten Interessen. Verkeimung der tatsächlichen Verhältnisse. Die vorgeschrittene Assimilation erweist sich iiir die Träger als äusscist schädlich und Verderben bringend. Die Folgen derselben fallen aui die Häupter derjenigen zunick, die solche bei sich und ihren Kindern föiderten und zulicssei». Jetzt sind über die Prager .luden wieder Zeiten der Unruhe gekommen, die aber auf ein schwaches GoschlcJit treffen. Vielleicht erweisen sich, diese unruhigen Zeiten als Menetekel 1'iir diejenigen, welche noch etwas von jüdischem Geiste besitzen. Diesen diiriten vielleicht die neuester. Ereignisse die Augen dauiher offnen, w as timen fehl! und nottut; diese werde» dann ei kennen, dass sie als selbstbewusste Juden, stolz auf ihre Geschichte und Vergangenheit hei voller Würdigung des Judentums nur in demselben das Heil und den Frieden finden werden, den sie bei ihrer christlichen Umgebung, sei solche tschechisch oder deutsch vergeblich suchten. Die Sympathie und tatkräftige Unterstützung ilncr Glaubens- und Gesinnungsgenossen durfte ihnen dann gewiss sein. J. N. In P. Zweiseelentheorie Wie uns mitgeteilt wird, existiert in Grossberliu ein freisinniger Landtagsabgeordnetcr jüdischen Glaubens, der seine Kinder hat tauien lassen, aber nebenbei Vorsitzender einer Bezirksgruppe des Zcntralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist. Dieser Verein bekämpft energisch die Kindertaufe seitens jüdischer Fltern. Die Bezirksgruppe konnte sich also gar keinen geeigneteren Vorsitzenden erwählen, wenn sie. wie es den Anschein hat. dem ungeschriebenen Satz ihrer Statuten Nachdruck verleihen wollte: Reden unJ Taten sind zweierlei. WHI.T AM MONTAG. Für die Unsterblichkeit Der .,berühmte“ Autor des Buches ..La France Juive“. Druniont, kandidiert fiir den durch den Tod Sardous freigewordenen Platz an der Acadetnic Francaise. Die Kandidatur wird sehr unterstützt durch den GAUL01S. das Organ des getauften Mayer. Fs ist interessant, dass die Freunde Prunto!1ts diesmal am allerwenigsten von seinen antisemitischen Vordiensten sprechen. Eine Stiftung Aus dem Nachlass der am II. Juni 100s in Berlin verstorheuen Frau Professor F. Bernstein sind dem Hilisvereiu der Deutschen Juden 20 000 Mk. überwiesen worden. * Diese Stiftung ruft die t'rinncriing wach au den angesehenen Derliner Universitätslehrer Professur Bernstein, der int Jahre 189*1 verstorben ist. Bei den ersten russischen Juden- Verfolgungen unter Igr.aticw hat er sich in eifrigster Weise an der Hilfsaktion zu Gunsten der Unglücklichen beteiligt. Seine ihn um viele Jahre überlebende Gattin war nicht nur durch ihre Wohltätigkeit bekannt: sic war auch eine feinsinnige namentlich aui dein Gebiete der Kunst hervorragende Dame, deren Haus der Mittelpunkt angesehener intellektueller Kreise wfar. Der Kampf um den Brotkorb Seit den Anfängen der Cliarlistenbewegung wissen wir. dass alle politischen Raufereien eine Messer- und Galndfrage sind. Auch nach den fortwährenden Studctitcnsclilügcrcicii an der Wiener Universität, wo mail glücklich so weit angelangt ist, von der modernen Scliiesswaffe Gebrauch zu machen, hörte •rinn ein deutliches Messerklirren und Gabelngerasscl aus der Mensa acadcmica. Richtiger, man horte es nicht mehr. Die Duitsc'uiatioiialen sind praktische Leute. Die Schlachten gegen Juden und Italiener, wo si•: dank ihrer film'- und zehnfachen Uebermacht ..siegen", genügen ihrem Selbstgefühl nicht mein. Sic erzwangen die Schliessung der Studentenküche, der Mensa academiea. Die edelmütigen Jünglinge, wollen die Besucher der Mensa, meistens Slawen mul Juden, aushungern.' Ihr Gerechtigkeiissiim wird verlet't nicht nur wenn Nichtdeutsche an einer Statte deutscher Wissenschaft Gastfreundschaft gemessen. Sie erblicken eine Gefahr für das arme stets bedrohte Deutschtum, wem: etwa!ססיי üidische und slawische Studenten billiges Mittagessen erhalten. Sie verlangen ..deutsche“ Stueentenheime. Mcnsas und Wdhüalirtseiurichumgen. Wir kennen die Weise ebenso gut wie die Verfasser. Wir haben gegen reindeutsche Dies ־ judenreine) ..Heime“ und ״Mensas״ nichts ei 11 zu .veiiden. Nur mögen die mutigen Teutonen and! den Mut haben. Spenden, die von nicht arischen ״Deutschen‘', wolnihait am Kai und auf der W ieden, kommen, zurückzuweisen. Sie können eine deutsche Mensa gründen und an das ״goldene Wiener Herz" in geschickter Ausnützung der Konjnukt1!r appellieren•. Aber die bereits bestehende Mensa ist keine deutsche. Fine.Anzahl von indischen Philantropeii gehören zu ihren Förderer». So /. B. spendet ein jüdischer K!»11lcnbergwerksbesitzer in grossherziger Weise das Heizmaterial iiir 1!ie Mensa. Fs gehört die ganze niederträchtige Brutalität, der ungeheure Terrorismus der Deutschnutionalen dazu, um Hnade t<;!irdischer Studenten aus einer Wohliahrtsanstatt verdrängen zu wollen, die vielleicht zum grössten Tcii mit jüdischem Uelde erhalten wird. Die Demsehuationalcn beginnen friihzeitig mit dem ökonomischen Boykott. In der jüdischen Studentenschaft, die von der Schliessung der Mensa hart betroffen ist. herrscht grosse Erregung. Fs wurde eine energische Aktion gegen diesen Gewaltsstreicii cingclcitct. Fs wäre aber höchst an der Zeit, dass die Wiener luden, die so oit für deutsche Wohh'ahrtsgründangen tief in die Taschen greifen und die Wurzen abgeben, sich au! ihre W ürde besinnen und den antisemitischen Rautburschen ihre Subventionen entziehen. Brief aus Ungarn Unser trcfflidies Bruderorgan, das FRANKFURTER ISRAELITISCHE FAMILIENBLATI. erhielt folgenden Brief: Der Minister des Innern, der kleine Sohn des grossen Grafen Julius Andrassy, ist entschieden ein liberaler Staatsmann. Die Klassifizierung der Staatsbürger nach Konfessionen widerspricht seiner konsequenten Weltanschauung. Die von ihm dem ungarischen Parlament eingereichte W a h!־ rt'form Vorlage atmet auch den Geist der Toleranz. Charakteristisch ist seine Acusserung: ״W er hebräisch spricht und schreibt, wird Picht als Analphabet betrachtet, hat darum Wahlberechtigung.4 Trotzdem ist diese Vorlage für uns eine Danaergabe, denn was sie uns an Vorteilen bietet, wird durch den heiaufbeschwcretien Hass unserer Gegner illusorisch gemacht. Der grosse Kampf pm dieses Volksrecht hat noch kaum begonnen, mul schon richten die feindlichen Granaten Ver- Wüstungen in unseren Reihen an. Ar päd S z e n t i v ä r^y i. der Jahrzehnte im Schatten des liberalen Regimes freiheitliche Phrasen drechselte, hat urplötzlich seinen Antisemitisnt 11 s entdeckt. Im Klub der ..freisinnigen“ Kossuthpartei wetterte er gegen Joden. Israeliten. Semiten und *Latiiuudianer. Sie müssen alle vertilgt werden. Und mit Ausnahme des jiidischen Parlamentariers Kelenien iand sieh keiner, der diesem Mensdiettircsser den Mund verstopft hätte. Im Gegenteil. Das Beifallsgebrüll der organisierten Parteifreunde webte eine Gloriole um seinen grauen Schädel. Fs war demnach mir natürlich, dass ein abgehärteter Sturtmogel lind Wetterhahn. der gewesene Justizministcr Polouyi. bei dieser Windrichtung wieder seine Zeit gekoniinen sah. Ihn hatte der geniale jüdische Advokat Wilhelm Väzronyi politisch und moralisch zu Tode gestreckt und was höchste Gericht des I-andes. die königliche Kurie, den Totenschein amtlich signiert. Seine. Ehre, die auf geflickten Knicken hinkt, konnte nur in einem moralischen Schlammbad 11-pariert werden. Die antisemitische Piiitze wurde entdeckt. Polonvi taucht in diesem Jungbrunnen unter. Mit sophistischer Rabulistik behandelt er die statistischen Tabellen, um zum Schluss ..als frommer Katholik, glühender Chauvin und aufrichtiger Bewunderer und Verehrer der Juden“ das ungarische Volk vor der Vernichtungsgefahr zu warnen, die die kosmopolitischen Apostel und internationalen Kon-

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