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Jüdische Rundschau · 1908-12-18 · Heft 51 (18.12.1908) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 51 (18.12.1908)
Date
1908-12-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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N'0. $1 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 503 1 I haltbar. Die treue Hingebung an das Vaterland kann uns nicht von der Pilicht gegen unser angestammtes Volkstum und seine Zukunft entbinden. Allein so energisch wir auch den Kampf um die Gleichberechtigung mitkämpfen, um möglichst viel zu erreichen, wir vermögen uns nicht darüber zu tauschen, dass wir nicht alles erreichen werden. Diese Hoffnung' aber haben unsere Gegner noch nicht aufgegeben. Zwar dass in Russland •״ץ und dort wohnt fast die Halite aller Juden — die Verwirklichung dieser Hoffnung in irgend absehbarer Zeit so gut wie ausgeschlossen ist. das wird auch ihnen immer klarer. Aber in Deutschland? Ob uns hier eine Aussicht winkt? Bei der Stimmung der Bevölkerung, die zuletzt ausschlaggebend bleibt, und in dem stark abweichenden Rasseninstinkt dauernd Nahrung findet? Jeder Tag. den wir vergeblich hoffen, muss die Chancen des Zionismus erhöhen. Dass unsere Freude am ehernen Gang' der Dinge in diesem Punkte keine reine ist. das brauchen wir erst nicht zu sagen, obwohl wir freudig auf alle Emanzipation verzichten würden, wenn dadurch die nationale Wiedergeburt im heiligen Lande ausgeschlossen würde. Aber \vo gibt es eine ganz reine Freude auf dieser Welt? Weiter! Unsere grossen Hilfsorganisationen, die wir für Unsere leidenden und wandernden Brüder geschaffen haben, sind, wie wir längst wissen, bei aller Anerkennung ihrer daiikenswerten Leistungen doch völlig uiifähig, das Problem der .l11dc11wa!Kler11ng' wirklich zu lösen. Amerika und England \crschliesscn sich gerade den ärmsten unter den Annen. Aber nicht mir dies! Die Ausgewanderten bleiben auch in» neuen Lande zum grössten Teil im Elend. konzentrieren sich trotz aller Gegenmassregcln in einigen grossen Städten und verschleppen den Antisemitismus in die freien Länder. Ls war “daher mir konsequent, dass eine jüdische N’otablcnversaiiunhiiig vor kurzem beschlossen bat. eine umfassende Kolonisations- ■Organisation ins Leben zu riiieu. mit der besonderen Aufgabe, •den Orient für eine Massenkülunisation ins Auge zu lassen. Die politische Umwälzung in der Türkei kam da gerade im rechten Augenblick. Und dass unterdessen in Palästina das Hebräische sich als Umgangssprache auszubreiten begonnen hat. wie von hervorragender nichtzioiiistischcr Seite bestätigt worden ist, •erscheint für die weitere Entwicklung der Dinge auch nicht •unerheblich. Ob die neue Organisation auch wirklich in Aktion ireten und, lohnende Arbeit verrichten wird? Wir wollen es hohen. Sicher ist mir. dass diese Arbeit den Na- *ionafismus mächtig fördern müsste. Sicher ist es auch, dass diese Organisation, je länger, desto mehr erkennen wird, dass die Sache mit Geld allein, ohne die Triebkraft der nationalen Idee, nicht zu machen ist. In diesem Punkte werden die Nichtzionisteii noch viel lernen müssen. Aber sie werden lernen. Dafür sorgt, wie wir sehen, der eherne Gang der Dinge. Was haben unsere Gegner und unsere halben Freunde nicht Schon alles aufgeben müssen! Von den alten Ein wänden sinkt einer nach dem andern im Laufe der Jahre in sich zusammen. Wir wissen heute, dass wir aus Juden Bauern gewinnen können. Wir wissen heute, dass Palästina seine alte Fruchtbarkeit nicht verloren hat. Wir wissen längst, dass die Regicrungen den Bestrebungen des Zionismus keine Hindernisse in den Weg!egen werden, dass die heiligen Stätten der Christenheit in Palästina keine Schwierigkeit bilden würden. Mit dem Absolutismus in der Türkei und allen Bedenklichkeiten. die er erregte, ist es nun wohl definitiv vorüber. Ebenso mit der Befürchtung, dass wir mit dem Zionismus in die Barbarei zurückgewurien würden. Die angebliche Mission des Judentums in der Zerstreuung ist im Grunde wohl nie ein starkes Hindernis gewesen, aber sic wird cs, auch in theologischen Kreisen, mit jedem Tage weniger. Und das Hässlichste, was die Assimilation überhaupt gezeitigt hat. der Mangel an Selbstgefühl, und Selbstvertrauen, der Schrecken vor einer jüdischen Autonomie, sic sind auf der ganzen Linie in einem langsamen, aber stetigen Rückzug vor dem täglich wachsenden jüdischen Selbstbewusstsein begriffen. Die Nichtzionisten versichern immer wieder, dass auch sic au einer Stärkung des jüdischen Selbstbewusstseins arbeiten. Sie sollen uns auf diesem Gebiete als Mitstreiter herzlieh willkommen sein. Wir wünschen ihnen einen ganzen Erfolg, denn sic arbeiten für uns. d. 11. für die Zukunft des iiidisehen Volkes. Es gibt eine Logik der Tatsachen, die wie ein eherner Gang wirkt. Alle Inkonsequenz und alle Halbheit wird durch das iimnaneiite Gesetz alles geschichtlichen Werdens zerrieben. Das vermittelnde Prinzip hat freilich seine geschichtlichc Stellung und insofern auch Notwendigkeit, aber diese ist vorübergehender, temporärer Natur. Das vermittelnde Prinzip sorgt dafür, dass die Gegensätze nicht allzu hart aufeinanderstassen. so dass eines in das andere mit weniger Plötzlichkeit und Heftigkeit übcrgcleitet werden kann. Auch die Allmählichkeit, mit der der zionistische Gedanke sich in Geist und Gemüt vorbereitet und von den verschlcdensten Ausgangspunkten aus langsam alle lebendigen Kräfte im Judentum an sich saugt, entspringt demselben psychologf* sehen Gesetz. Denn auch der Natur des Geistes ist alles Sprunghafte entgegen. DIE WELT. Deutscher, tschechischer und magyarischer Antisemitismus Die Lorbeeren der deutschen und slawischen Antisemiten lassen die magyarischen Koalitionsgrössen nicht schlafen. Wer sich noch trotz deren jubelnden Zustimmung zu dem ultrareaktionären Wahlgesctzentwurf, in dem den hebräisch schreibenden Juden das Wahlrecht entzogen werden soll, über, das Wesen der magyarischen Koalition nicht ganz klar war. muss dasselbe in der Sitzung des ungarischen Reichstages vom ld. November vollkommen durchschaut haben. Als Geza Polony eine von!!fassen- und Glaubenshass durchglühtc Rede gegen die Juden hielt, erschallte tosender Beifall auf den Bänken des ungarischen Reichstages. Nicht nur auf Seite der Volkspartei, sondern auch bet den Kossutistcu stimmte man dem Exjustizministcr zu, a!s er ..im Interesse des konfessionellen Friedens" eine antisemitische Brandrede hielt, im ״Interesse des nationalen Gewichtes der Hauptstadt“ forderte, dem israelitischen Einflüsse, der durch die Einwanderungen aus!Russland und Rumänien stets \erstarkt wird, einen!Siegel vorzuschicben. Diese Rede des Exjustizministers Polony und die Zu- Stimmung im ungarischen Reichstage sind keine isolierten Erscheinungen. Die Anzeichen des zunehmenden Judenhasses mehren sich täglich. Kein Anlass bleibt unbeniitzt. um ihn zu dokumentieren, man spricht bereits den Juden den Patriotismus ab und ein ungarischer Reichstngsabgeordnctcr meinte sogar ״die Zionisten sollte man alle ertränken.•‘ Dem Abgeordneten Soma Visontai z. B. sollte nur deshalb das Referat über Bosnien-Herzegowina entzogen werden, weil er — ein Jude ist. Wenn man überdies die in der!,oster Stadtvertretung gehaltenen antisemitischen Reden berücksichtigt, so muss man zugestclien. dass der Antisemitismus diesseits und jenseits der Leitha gleich grosse Dimensionen angenommen hat Wie in Westösterreich, so ist auch in Ungarn der aus dem wahn•: witzigsten Chauvinismus entspringende Nationalitätenkampf der Nährboden für den Ljassenantisemitismus, und wie bei Deutschen und Tschechen, so vollzieht sich auch bei den Magvaren die Entwicklung vom Scheinliberalismus zum extremen Nationalismus und dann weiter zum christlich-sozial schimmernden antisemitischen KlerikaÜsmus. So wie die deutschbürgerliehen Parteien ohne Unterschied von den Christlichsozialen immer mehr zuruckgcdrängt oder abhängig werden. — die nicderöstcrreichischcn Landlagswahlen zeigen dies deutlich — und die tschechischen Klerikalen gegenüber den übrigen tschechischen Gruppen, besonders in Mähren, einen immer grösseren Vorsprung gewinnen, ganz so ist es heute bereits in der magyarischen Koalition. Der klerikale Einfluss ist der ausschlaggebende. Der klerikal-antisemitische Geist beherrscht aber nicht nur die Volkspartei, sondern er hat auch sehr stark in den Reihen der Kossutisten und Verfassung'^ partciler Wurzel gefasst. Wir stark, das werden die nächsten ungarischen Reichstagswahlen zeigen. Von dem neuen ungarischen Wahlgesetze werden eben 111 der ersten Zeit vorwiegend die Klerikalen profitieren und wie in Zisleithanien, so dürften auch in Ungarn die gegenwärtigen Staatslenker einem christlichsozialen-klerikalen Ministerium Platz machen. Die •.freisinnigen" Gruppen unter den Deutschen. Slawen und Magyaren sind hypnotisiert von der chauvinistischeu Phrase, derart im Schlepptau der extrem-nationalen Demagogen, dass sic, wie die gescheiterten Verhandlungen Über die Bildung eines parlamentarischen Ministeriums bewiesen. Pioniere der Reaktion sind. Sobald aber ein deutschtschechischer Ausgleich zwischen den freisinnigen Gruppen scheitert, so muss er naturgemäss auf christlichsozialcr-kleri« kalerBasis versucht werden und dann heisst das zukünftige Koalitionsministcrium etwa Lichtenstcin-Hruban. wenn ein solches überhaupt zustande kommt. Diesen Zusammenhang zwischen ihrer verkehrten Nationalitätenpolitik, dem Antiscmitismus und dem Anwachsen der christlichsozialej! Strömung in Zisleithanien. sowie Transleitlianieri begreifen leider die Wortführer der assimilatorisch-jüdischen Politik nicht. Sic stellen noch immer, besonders in Ungarn, ein starkes Kontingeilt zu lenen Gruppen der nationalen Exaltados, die bei allen Nationalitäten der Monarchie die Vorposten des Antfscmitis- 1 nus waren und sind. Selbst in Galizien und Kroatien, wo doch die Juden der polnischen und kroatischen Sacltcn Ihre nationale Individualität nahezu vollständig opferten, war die allpolnische Fraktion ebenso Bahnbrcchcriu des Antiscmits- «•״־*- * ,1הי•"*?ייייי״ייוו«,^*?ימ״יי^י■ "™"יו

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