Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 502!JÜDISCHE RUHDSCHiVa No. 51 müssen Geduld haben. Wer nicht glaubt. mag oft bittere Stunden durchmachen. Hat er die historische Notwendigkeit des Zionismus begriffen, dann arbeitet er mit persönlichem Verzicht und mit Entsagung fiir die Zukunft seines Volkes. Das ist schön und edel, aber für den. den es angeht. nicht gerade herzerfreuend. Nicht gar zu viele können Sich unter kraftvollem, unermüdlichem Schaffen für das grosse, ferne Ziel zu solcher Resignation cntschlicssen. Daher die Müdigkeit mancher Zionisten in den letzten Jahren. Wer da glaubt, der wird nicht müde. Es klingt so wenig modern, aber wir müssen es doch sagen: den Weg und die Wege zum Ziele kennt nur Gott. Welche Wege Gott geht, das können wir im voraus nicht wissen. Wir müssen froh sein, wenn wir sie hintennach erkennen. Gottes Antlitz kann der Mensch nicht schauen, r.ur sein Rücken kann gesehen werden: bei dem unentwirrbaren Durcheinander in allen! geschichtlichen Werden, im Keimen und Wachsen jeder grossen, komplizierten Bewegung erschien es uns stets so überaus kindlich, zu glauben, ein Mensch oder viele, und seien sie noch so schaffensmächtig, könnten den Dingen ihre Richtung geben. Auch bei den besten Werken und der wahrsten Erkenntnis reichen wir mit unserer Macht nicht allzuweit. Wir können nur den richtigen Weg für uns zu erkennen, in jedem Augenblick unsere Pflicht zu tun bemüht sein, das übrige müssen wir der Vorsehung überlassen. Immerhin! Eine Freude können wir Zionisten alle haben, ob wir glauben oder nicht glauben. Oder müssen wir nicht oft herzlich lachen, wenn wir etwas genauer auf den ehernen Gang achten, den die Dinge in unser!!! lieben Judentum gehen? Es geht für unsere Ungeduld tmd für unsere Sehnsucht etwas sehr langsam vorwärts, gewiss! Aber es geht doch vorwärts, immer vorwärts, unserm grossen Ziele entgegen! Da gab cs ein Sichsträuben und Wehren mit Händen um! Füssen: aber immer enger und enger zieht das Netz sich zusammen. Schon von manchem, der zuerst der zionistischen Bewegung fremd oder gar feindlich gegenüberstand, gilt das Wort: ״Halb zog Sie ihn. halb sank er hin!־* Und auch ein anderes Wort wird leider Gottes Wahrheit werden: Volentcni iaha ducunt. nolentcm trahunt. Das anfängliche ganze Nein klingt heute schon moderato, bald wird es piano, und endlich nur noch pianissimo klingen. Das halbe Ja her scheint mehr und mehr dem Mond i!n ersten und zweiten Viertel gleichen zu wollen: da geht cs crescendo. Der Lauf der Dinge sorgt schon dafür, dass man mit der zionistischen Idee immer vertrauter w ird. Und so wächst im nähern Umgang die Sympathie. Wenn wir gezwungenermassen mit einem Menschen häufig zusammentreffen, dann pflegt sich ihn: unser Herz mehr und mehr zu erschlossen, auch wenn wir anfangs nur massige Sympathie für ihn empfunden haben. Doch man missverstehe Uns nicht! Wir wollen nicht Spotten. Wir kennen die Hindernisse auf dem Wege zum Zionismus und verstehen unsere Gegner. Nur die Freude an dem ehernen Gang der Dinge soll man uns nicht missgönnen. Sie Ist ohnedies nicht ganz so hell und so rein, diese Freude, wie wir es ersehnt hatten. Wer von uns hätte nicht gewünscht, dass die jüdische Renaissance, wir sagen nicht lascher, aber schöner, strahlender sich vollzogen hätte, ohne die Triebkraft negativer Ausgangspunkte, mit mehr Freiwilligkeit und Begeisterung in den führenden Kreisen und in den breitem Schichten unseres Volkes! Aber lassen wir das! Die Bitterkeit, die naturgemäss im ersten Kampfe oft hervortrat, ist nun vorüber. Wir verlangen nach Verbindung, wenn möglich, nach Zusammenschluss. Von mancher Seite ist dieses Verlangen vielleicht sogar etwas zu heiss und zu leidenschaftlich. Mat! lässt dort lockende Fricdcnsschalmeicn ertönen. Bei aller Friedfertigkeit und bei aller Freundschaft werden wir nie aus den Augen verlieren dürfen, was wir eigentlich wollen. Wir wollen die geistige und moralische, wir wollen die kulturelle Wiedergeburt des jüdischen Volkes! Das soll man nie vergessen! Stellt das Fundament zu dem Neubau, den wir errichten wollen, auf dem sumpfigen Boden von Kompromissen, dann wird der Schwamm in dein darüber aufgcfiilirtcn Hause nicht ausbleibcil. Zinn mindesten werden Generationen an den Schäden hcrumzuflicken und lierumznbcssern haben. Die nationale Erziehung im heiligen Laude darf beim Zusammenarbeiten nicht gefährdet werden. Doch wir kommen von der Sache ab. Wir sagten, die Entwicklung der Dinge dränge mit jedem neuen Tage mehr zum Zionismus hin. Der Zionismus ist das Zentrum, zu dem alle lebendigen, keimkräftigen Regungen!111 gegenwärtigen Judentum von allen Seiten her wie Radien hinstreben. Wir wollen hier nur auf einige diesec Radien in aller Kürze hinweisen. . Zu einer inncrn, völligen Verschmelzung der zerstreuten Juden mit den Völkern, in deren Mitte sie wohnen. Ist die restlose Abstreifung des nationalen Charakters des Judentums zweifellos erforderlich. Ob das allerdings ausreicht ist noch sehr fraglich. Allein die Entnationalisierung des Judentums wurde von draussen vielfach gefordert, und die gebildeten Juden bemühten sich mehr und mehr, diese Forderung zu erfüllen. Fehlte nur noch der Nachweis für die weitere Existenzbcrechtigung des Judentums. Denn wegdekretieren konnte man das Judentum nicht. Auch mochten die meisten nicht au ein völliges Verschwinden desselben denken. So entstand die mosaische Konfession und die etwas dehnbarere und vorr.ehmere israelitische Religionsgemeinschaft. Unsere religiöse Überzeugung wollen und dürfen wir festhalten. Kein anständig und billig denkender Mensch kann uns das verargen. -- Aber kann die jüdische Religion wirklich von allem nationalen Gehalt befreit werden? Ist eine Zukunft des religiösen Judentums bei schwindendem nationalem Bewusstsein und Leben überhaupt denkbar? Der Kundige, und wer die jüdische Geschichte der letzten hundert Jahre befragt, weiss. dass beide Fragen verneint werden müssen. Pas religiöse Judentum kann von seiner historischen Wurzel, dem nationalen .ludentum. nicht losgelöst werden, ohne dass es verkümmert und verdorrt. Das aber drängt immer mehr zu einer Lösung des Judcnproblcms, wie sic der Zionismus anstrebt. Der Zionismiis will ein gesundes, volles nationales Leben schaffen, und damit wird er auch dem religiösen Judentum die Entfaltimgsmöglichkeit bieten. So wird man es verstehen, wenn die heranw achsende Theologcngcncration. die sich von den aus der Emaiizipatioiiszeit vererbten Vorurteilen ireigcniacht hat. überwiegend zum Zionismus neigt. Weiter! Das Einlebcn in die uns umgebende Kultur hat die Tendenz zur inncrn Auflösung eines hcsandein religiösen und kulturellen Judentums mit unverkennbarer Deutlichkeit hervortreten lassen. Was cs heute noch an Judentum in Westeuropa gibt, das lebt in der Hauptsache von des Antiscinitismus Gnaden. Im Grunde aber ist die Erstarkung des neuesten Judentums nicht einmal religiöser Natur, sie bedeutet vielmehr w׳eit. weit überwiegend nur eine Erstarkung des jüdischen Stammes- und Zusammengehörigkeitsgefühls. Die Theologen sollen sich da nicht selber Sand in die Augen streuen. Mail achte z. B. darauf, wieviel und wie gediegene religiöse Bildung unsere religiösen Judenblätter verzapfen! Bei weitem das meiste, was in diesen Blättern zu lesen ist. setzt kein religiöses Interesse, sondern nur jüdisches Stammesßcfühl voraus. Mail forsche darnach, wie viele bei uns religiöse Schriften lesen! Man forsche nach der religiösen Bildüng selbst der Vorsteher und Repräsentanten in den Grossgemeinden! Bei uns schreibt man über das ..Wesen des Judentums“ — aus apologetischem Interesse. Einer von denen, die über das Wesen des Judentums ein brauchbares Buch schrieben, klagte sehr beweglich: Unsere Zeit begehrt die guten Bücher, aber sie liest sie nicht. . Die Perspektive fiir die Zukunft ist also: Absterben aller besonderen Kultur, Schwinden alles eignen geistigen Gehalts des Judentums — bei starkem jüdischem Stammcsgch'ihL Dass dieses Gefühl nicht stirbt, dafür sorgt der Antisemitismus und die Not der Zeiten, dafür sorgt auch die innere und äussere Festigkeit des Jüdischen Rassentypus, die eine durchgehende gesellschaftliche Mengung mit der Umgebung erschwert. Wir haben also die Aussicht, eine Gemeinschaft ohne gemeinsame geistige Kulturgüter zu werden. Allzu w׳elt von diesem rühmlichen Ziele sind wir nicht mehr. Ist das aber ein auf die Dauer denkbarer Zustand? Und glaubt man. dass die Welt ihn sich gefallen lassen werde? Und doch! wie wollen wir nach den bisher gemachten Erfahrungen gemeinsame Kulturgüter haben und behalten, ohne dass wir uns ein neues nationales LcIjcii schaffen! Weiter! Die Stärkung des jüdischen Stammesgefiilils. tir* spriingiieh aus der Not der Zeiten geboren, suchte bald Nahrung in der Selbsterkenntnis des Judentums. Wir erkannten die hohe kulturgeschichtliche Bedeutung mul Kraft des Judentums. wir hörten von dem hohen Wert der religiösen Wahrhciteii. die cs der Welt geschenkt hatte. Man ting also an. stärker auf die Erziehung der Jugend in jüdischem Geiste zu dringen. Das Interesse am Religionsunterricht wurde immer lebendiger. Der ikliscl'e Religionsunterricht kann aber gar nicht anders, als. dem ganzen nationalen Charakter des Judentums entsprechend, durch die Betrachtung unserer ruhmvollen Vergangenheit von selber das nationale Gefühl auregeu. Die besten und begabtesten Religionsschüler werden in der Regel Zionisten. Diese Umsetzung des erwachten nationalen Gefühls in Zionismus geht beim Stand der Dinge ganz von selber vor sich. Weiter! Auch wir Zionisten kämpfen für die Gleichbcrechtigung. Unser nationales Bekenntnis kann uns daran nicht hindern. Dieses Bekenntnis stellt in keinerlei Widerspruch mit der Staatsidcc. Der umgekehrte Standpunkt ist moralisch un-