Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. SO JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 493 r 1 % zur Einzcichnung aus. dessen parlamentarische Vertreter im österreichischen Reichsrat fast ausnahmslos der russischen Prozentnorm bei der Zulassung der Juden zum Hochschulstudium zugestimmt hatten. Man hat die politische Lage der Deutschen Juden mit den Worten gekennzeichnet: ..Wie man’s macht, ist es falsch.“ Für die Herren der FAV.V. gilt diese Entschuldigung nicht: Sic haben ein frevles Va banquc-Spiel gewagt und sind der aligemeinen Lächerlichkeit anheimgcfallen: Erst in Prag ins Qcsicht gespuckt, dann in Berlin Heiterkeit und Kopfschüttehi gegenüber allem jüdisch dcutschiiationalcn Pathos. Genügt das. oder geliistet’s den Herren nach weiterem Lorbeer, werden sie sich jetzt auf ihre wissenschaftlichen Programmpunktc bcschränken, oder haben wir weiterer Blamagen gewärtig zu sein? Die bange Frage beunruhigt in diesen Tagen alle verständigen Juden in Deutschland. F. A. B. Wiener Musier Der STADTANZEIGER in Köln schreibt über das Schicksal armer Juden in der rheinischen Hauptstadt: «Das Ziel roher Angriiic und Beleidigungen durch Schulkmder und auch Erwachsene bilden die jüdischen Händler, die in der Gegend der Agrippastrnsse und Kammergasse ilire Wohnungen haben. Es sind durchweg strebsame, achtbare Menschen, deren fortwährende Belästigung ein Zeichen bcsonderer Roheit ist. Leider können sich diese Händler in keiner Strasse sehen lassen, ohne sich Beschimpfungen und tätlichen Beleidigungen auszusetzen. Zwei Jungen warfen dieser Tage einem Händler, der in ein Haus am Bonner Walt getreten war. sämtliche Lumpen und Eisenteile vom Wagen und die Mutter der hoffnungsvollen Sprösslinge hatte für den Betroffenem der in bescheidener Weise Vorhaltungen machte, nur ein Lachen und ein freches Sclnmmwort. Hier müsste es Sache jedes anständigen Bürgers sein, den Roheiten entgegenzutreten, damit Kol» nicht noch mehr in den Rui kommt, eine recht vorlaute Jugend zu besitzen und gegen Fremde wenig gastlich und häufig von einer belästigenden Neugierde zu sein, uni die uns das entlegenste Piahlbürgerstädtchen beneiden könnte.“ Nun, die Kölner Jungcns eifern eben der Wiener Kulturiugend ein wenig nach. Eine hebräische Musterschule Czernowitz. Der hebräische Schulvcrein ״Sa iä B r u r ü’h“ in Czernowitz hielt am Sonntag, dem IS. v. M., unter dem Vorsitze des Kultusvorstehers Josef Blum im jüdischen Nationalhaus eine zahlreich besuchte Vcreinsvcrsanunlung behufs Errichtung der hebräischen Kurse nach dem Lehr- Systeme Ibrith b*lbrlth für das Wintersemester 1908/09 ab. Dr. Berl Kinsbrunner gab eine Uebersicht über die Sprachbewegungen der Juden im Altertume und Mittelalter seit dem frühzeitigen Verluste der ״heiligen Sprache“ als allgemeiner Verkehrssprache und beleuchtete die überlegene Kraft der hebräischen Nationalsprache über die jüdische Mutterspräche und die anderen im Gebrauche stehenden fremden Sprachen. Er bezcichnete die Errichtung dieser Kurse als das vorzüglichste Mittel zur Wiederbelebung des Hebräischen und Beseitigung des unnatürlichen Zustandes, dass die Juden fremde Kulturen in fremden Sprachen aufnelinien. Die Schule mit hebräischer Unterrichtssprache sei als Musterschulc projektiert und hätte die Aufgabe, sowohl die anderen Schulen umzumodeln, als auch den Boden für die Einführung des Hebräischen als Unterrichtssprache in den Schulen der Kultusgemeinden und in den Volks- sowie sonstigen Schulen bei Errichtung der nationalen Schulen vorzubereiten und so unsere National- und Kulturspraclic zur Umgangssprache zu machen. Nach einer lebhaften Diskussion beschloss die Vereinsver- Sammlung die geplanten Kurse nach der Lehrmethode Ibrith bibrith zu errichten und zur Erhaltung derselben nach Kräften beizutragen. — In Czernowitz gründet die Kultusgemeinde hebräische Schulen, in Wien hat vor zwei Jahren ein Kultusvorstand die hebräische Sprache als ״alten Plunder“ bezeichnet, und in Berlin? Schw׳eigen w׳ir lieber! Das Zionistische Gespenst Im ungarischen Landtag brachte jüngst der Abgeordnete Szmrecsänyi eine Interpellation über die dem Z i 0 n ist e n v e r b an d e aogehörenden Professoren ein. Georg Szmrecsänyi versichert, er sei bei seiner Interpellation nicht von konfessionellen Momenten geleitet und wolle gegen die Judenheit nicht Stimmung machen. Er gibt ein Bild von dem Entstehen des Zi־״ nisinus und nennt als dessen Urheber Hcrzl uml Nordau. (Grosse Heiterkeit. Zwischenrufe: Nurdau, nicht Nordan!/ Der Zionismus hat keine konfessionelle, sondern eine Rassen- und nationale Grundlage und er strebt die Errichtung eines nationalen Staates an. aus Elementen, welche in ihrer gegenwärtigen Heimat sich nicht assimilieren können oder wollen. Der Zionismus ist aber keine humane .Aktion oder Institution, wie es die Baron Hirschsche Stiftung Ist, sondern eine politische Propaganda mit irredcntistischein Charakter. Der erste zionistische Kongress fand in Ungarn im Jahre 19:H in Pezsony statt. Seither hat hier diese Bewegug so um sich gegriffen, dass es kaum eine Ortschaft oder Gemeinde gibt, in welcher nicht ein Komitee für den Zionismus mit Verbreitung seiner Lehren und mit Sammeln von Geldspenden wirken würde} In 105S Sammelbüchsen! wurden 1301 Kronen gesammelt. Diese Lehren wollen die ungarischen Juden, deren grösster Teil bisher immer patriotisch war. dahin hiingcn. dass sie dieses Land verlassen, in welchem sie eine Heimstätte und Brot gefunden. Redner würde ja die jüdischen Elemente, welche hier unzufrieden sind, nicht mit Gewalt zurückhalten wollen, wenn nicht nach seiner Meinung der ganze Zionismus eine Utopie wäre. So aber haben die zionistischen Lehrer keinen anderen Erfolg, als dass sic den Samen der Vaterlamlsieiiutliclikcit streuen. Und deshalb muss das Vertrauen gegen jene jüdischen Professoren erschüttert w erden, die an unseren Hoch• und Mittelschulen lehren, dabei sich der zionistischen Bewegung angcschlossen haben, ihren Vereinen angehören, an ihren Versammlungen teilnehmen. Redner empfiehlt demnach dem Kultusminister. seine Aufmcrksamkeit der •Lehrtätigkeit dieser Professoren zuzuwenden, und wünscht den Minister des Innern daraui aufmerksam zu machen, dass der Zicnistenvcrein Statuten hat. in welchen zu Geldsaminlungeu aufgefordert wird, welche jedoch behördlich gar nicht genehmigt sind. Redner glaubt, richtig gehandelt zu haben, indem er zur Eindämmung dieser gefährlichen Bewegung das Wort genommen hat und bringt folgende Interpcllation ein: Hat der Herr Minister des Innern Kenntnis davon, dass sich im ganzen Lande Zionistenvercine bilden und dass sic Geld sammeln, olutc dass sie behördlich genehmigte Statuten und die Erlaubnis zum Geldsammeln haben, und ist er geneigt, in dieser Sache eine Untersuchung einzuleiten? Hat der Herr Kultusminister Kenntnis davon, dass Univcrsitäts- und Mittelschulprofessoren, sowie Volksschullehrer an Zionistenbewegungen teilnehmen. Mitglieder von Zionistenvereinen sind, im Kreise der ihrer Fürsorge anvertrauten Jugend zionistische Ideen verbreiten, zionistische Jugendvereine bilden und in denselben zur Förderung der zionistischen Zwecke Geld sammeln? Hält der Herr Kultusminister eine solche Tätigkeit mit dem Lehrberuie vereinbar? Jüdisches Schulwesen in Russisch-Polen Aus Warschau wird der ״N. LK.“ von ihrem dortigen K.-Korrespondenteu geschrieben: Am H. November feierte man hier unter grosser Beteiligung der intelligenten jüdischen Kreise und der Pädagogen aller Schattierungen die Eröffnung eines neuen Schulinstituts, und zwar einer achtklassigen jüdischen Handelsschule. Der Typus einer Handelsschule ist in Polen nicht neu. Das Neue daran ist. — und dies auch nur für Warschau —. die Tatsache, dass es eine Jüdische Handelsschule ist. d. 11. dass sie nur für Jüdische Schüler bestimmt ist. Solche Schulen existieren bereits seit einiger Zeit in verschiedenen Städten Russlands, wie jn St. Petersburg. Odessa. Minsk. Kowno: sie verdanken ihr Entstehen den jahrelangen heissen Bemühungen der russischen Juden, einen Ausweg aus der für iüdlsche Schulkinder unhaltbaren Situation zu schaffen. Und da die russische Regierung die für jüdische Kinder bestehende Prozcntnonn in absehbarer Zeit abzuschafien nicht gewillt Ist. so gewahrte sie den Juden die Erlaubnis, aus privaten Mitteln jüdische Schulen zu errichten. Solche Handelsschulen oder ähnliche Gymnasien unterscheiden sich von den christlichen, was den Unterricht anbelangt, dadurch, dass sie ausseT dem üblichen Programm, noch die hebräische Sprache, jüdische Literatur und Geschichte obligatorisch einführen und dass sic statt Samstag den Unterricht am Sonntag aussetzen. Es versteht sich, dass diese Schulen den Stolz der russischen Juden bedeuten, die kein Opfer, kein Geld scheuen, um diese nationalen Guter zu behüten und zu fördern. Leider weist die Geschichte dieser Schulen ein getreuliches Abbild der im Unterrichtsministerium jeweilig vorherrschenden Strömung auf. und ,Je nachdem man den Juden mehr oder weniger freundlch gesinnt ist, erhalten # t