Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 494 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. SO die Entscheidung zwischen diesen beiden Tätigkeiten nahe zu legen, und zwar recht nahe! DJnn das geht doch nicht an. dass die eigenen ״Vorkämpfer1״ der Juden öffentlich (wie '!nag cs da erst nicht-öffentlich stehen!) dieselbe Korruption fördern, die sic der Regierung immer mit so viel Pathos zun! Vorwurf machen. Soll das vielleicht auf die Regierung den gewünschten Eindruck machen, wenn der Verfasser aller der schönen Eingaben des ״Verbandes der deutschen Juden** selber der Protektor getaufter Juden ist? Soll das den Juden die geforderte Achtung eintragen? Oder muss das nicht vielmehr die jüdischen Bestrebungen lächerlich machen? Erst muss man sich doch selber ernst nehmen, wenn man verlangt, von anderen ernst genommen zu werden! Ein anisemitischer Sieg Herr Mugdan ist also glücklich Stadtverordneter geworden. Aber fragt mich nur nicht, wie! Die Liga Cassel- Rappo hat ihn in das Rote Haus hineingebracht. Auf der einen Seite traten politische ..Notable** wie Cassel und Löwinsohn agitatorisch für ihn auf den Plan. Auf der anderen Seite machte der aus den Zeiten der ..Berliner Bewegung־* her wohlbekannte Herr Rappo, der Freund Stöckers und Liebermann v. Sonnenbergs, die antisemitischen Wähler durch ein schwungvolles Flugblatt für den ..königstreuen“ Sozialistentoter Mugdan mobil. Der ״freisinnige“ Herr Kämpf, der konservative Major Strosser und die scharfmacherische POST gaben gleichmässig der Blockkandidatur ihren Segen. Und so zieht Herr Mugdan in das Rathaus als das sympathische Produkt einer scmitisch-antisemitisch-ircisinnig-konservativen Paarung Heil! Das Kainszeichen Professor Paul Ehrlich, der Direktor des Frankfurter Instituts für experimentelle Therapie, ist ein Mann von so hervorragender wissenschaftlicher Bedeutung, dass ihm der diesjährige Nobelpreis zuerkannt worden ist. Aber Ehrlich ist Jude. Wegen dieses konfessionellen ..Fehlers" konnte er in Berlin keine ordentliche Proiessor erhalten. Erst das gebildete und vorurteilsfreie Ausland verhalt ihm zu der gebührenden Anerkennung. Weh* dir, wenn du ein deutsc 11 er Jude bist! Die deutschen Juden in Prag Die Hetzereien der Prager jüdischen Kasinoplutokraten erfahren eine interessante Beleuchtung־ in einer Zuschrift des Herrn Rudolf Kobler aus Kollin an die Redaktion der UNION. Herr Kobler schreibt: ..Vor mir liegt ein Zeitungsbericht über die letzte Plenar- .Versammlung des deutschen Vereins in Prag. Als erster Redner figuriert ein Herr Dr. Eckstein (dessen Wiege gewiss im Teutoburger Wald stand) als zweiter ein Herr Dr. biuno Kafka (unstreitig auch ein Urgermane). Der Innalt dieses Berichtes versetzte mich in Aufregung, die mir auch die Feder in die Hand drückte. Als aufrichtiger Patriot, als Jude böhmischer Kultur, verfolge ich mit Schmerz und Betrübnis die Begebenheiten der letzten Zelt, die sich in unserem Heimatslande abspielcn. Oestatten Sie. meine sehr geehrten Herren Stammesgenossen, dass ich als einfacher Bürger dieser Stadt, dieses von mir geliebten Landes, aus der mir gebührenden Reserve heraustrete, und von! Standpunkte des jüdischen Bürgers, des jüdischen Kaufmannes einen laut tönenden Protest dagegen erhebe, dass gerade meine Stammcszenossen. die Juden in Prag, sich berufen fühlen, das Deutschtum in Prag zu verfechten und behilflich sein wollen, die Germanisicrung im Königreich Böhmen durchzutühren. Ich welss nicht, ob diese Leistungen aus Dankbarkeit dafür geschehen, dass die Juden jetzt mehr Fusstrittc als wie bisher erhalten, oder dafür, dass der deutsche Student einen jüdischen Studenten fiir nicht satisfaktionsfäliig erklärt, oder dafür, dass Herr K. H. Wolf und Iro mit einem Juden nicht an einem Tische sitzen wollen. Oder ist es die Dankbarkeit dafür, dass die deutschen Abgeordneten während der Abstimniung bei der bekannten Resolution Schmidt sich so mutig und freisinnig benahmen, dass nur mit Hilfe der slavischen Stimmen die Resolution zu Falle kam. oder dafür, dass die deutsche Universität in Prag dem jüdisch-nationalen Dozenten Dr. Mahler, dem jetzigen Reichsratsabgeordneten, die Vorlesungen durch Verweigerung der Lehrmittel und des Saales unmöglich machte und seinen Aufenthalt in Prag verekelte? Oder ist es die Dankbarkeit dafür, dass sie einem Verein angchören, der bis zur Stunde noch nicht judenrein ist? Glauben denn meine germanischen jüdischen Stammesgenossen, dass das deutsche Kasino in Prag nicht schon langst judenfrei wäre, wenn man in Prag auf i!1re Anzahl und auf das jüdische Geld verzichte׳» könnte? Es mögen nur meine jüdischen germanischen Stammes• genossen versuchen, die Portemonnaies eine Zeit lang nicht zu öffnen, und sie weiden sich überzeugen, wie sic aus sämtliehen deutschen Korporationen hinausgcckelt werden. Das Band, welches die Deutschen mit de״ Juden verbindet, heisst Geld. Geld and wieder Geld. Ist sich mein germanischer jüdischer Stainmesgenosse Herr D. Eckstein bewusst, dass seine Reden, die in einer halben Stunde gehalten wurden. Hunderte und Tausende jüdischer Existenzen auf Jahre hinaus *bedrohen oder gar vernichten? Ich klage meine germanischeu jüdischen Stanimesgenosscn des Verrates an dem jiidisehen Volke an, ich klage sie an. dass ihre Handlungsweise uns Juden böhmischer Kultur, sowohl in moralischer als Wirtschädlicher Hinsicht unberechenbaren Schaden verursacht, ich klage sie an. dass sie entweder bewusst oder gedankenlos, das gute Ein vernehmen zwischen den Juden und der Bevülkerung des böhmischen Teiles des Königreiches Böhmen stören. Wenn sich, nun die Verhältnisse zu unseren Ungunsten ändern, schleudern wir euch den Vorwurf ins Gesicht, dies verschuldet zu haben. Das böhmische Volk hat einen ähnlichen Leidensweg', einen ähnlichen Kampi um seine Rechte, wie wir Juden zu bestehen. Warum sollen cs gerade auch Juden sein, die sich zwischen zwei, auf gleich hoher Kulturstufe stehende, sich bekämpfende Nationen mengen?“ Nur ins Gesicht gespuckt Den» Fremdelt, der das viclgetiirmtc Prag am'sucht. um unbeteiligt an den politischen Wirren des Tages historischen Reminiscenzen naclizuge'aen. wird im Sitzungssaal des Hradschiu ein Fenster gezeigt, aus dem bei Beginn des dreissigjährigen Krieges zwei kaiserliche Rät«: ins Freie bcfördeit wurden. Damals verbreitete sich dann bald von Mund zu Mund (es gab ncch keine Tageszeitungen die solche Dementis redaktionell zustutzen) die Nachricht die Herren Martiniz und Slawata seien n 11 r a u f c i n c n D ft n g e r 11 a u i e n gefallen. Das w ar und ist charakteristisch für die goldene Stadt, in der auch heute noch saubere Strassen und Plätze als stilwidrig verpönt sind. Einer der Räte wurde bekanntlich später mit dem Namen ..von Hohenfall“ geadelt. Herrn Loewenthal, der sich in eine ähnlich gefahrvolle Situation gewagt und gleich den» kaiserlichen Rate nu't heilen Knochen aber etwas beschmutzt und mit dem Fluche der Lächerlichkeit beladen von Prag abreisen konnte, sollte man in ähnlicher Weise ehren. Ihn» wurde ״nur ins Gesicht gespuckt“ und man sollte dies glückliche Ereignis bei einer vorzuschlageuden Nobiliticrung dieses um das Deutschtum so verdienten Helden, verewigen. Einem unserer Etymologen würde cs gewiss gelingen, das erlösende Wort zu finden. Man blamiert sich weiter Wie berichtet, sandte die Berliner ..Freie Wissenschaftliche Vereinigung“ eine Abordnung reichsdcutschcr jüdischer Studeuten nach Prag, um die für antisemitische österreichische Kommilitonen bestimmten Prügel in Empfang zu nehmen. ״Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich.“ ״Wer A sagt, muss auch B sagen.“ So reisten denn auch Herr Loewenthal und Anhang bevor noch die Prager Wunden geheilt, nach Berlin, um sich in einer eigens einberufenen Protestversammlung weiter zu blamieren und einer breiteren Öffentlichkeit ad oculos zu demonstrieren, dass ihrem Vorsitzenden wirklich nur ins Gesicht gespuckt worden sei: und mancher mag erleichtert aufgeattnet haben, als er Herrn ,Loewenthal ohne sichtbare Spuren der Prager Erlebnisse frisch und munter das Podium besteigen sab. um Uber seine Reise Bericht zu erstatten. Die mit beifälliger Heiterkeit aufgenommenen Darlegungen gipfelten in kriegerischen Fanfarentönen, welche die Deutschen zum Kampf gegen das Slawentum aufriefeu. Der Professorentisch bot das uns aus der ״Jobsiade“ vertraute Bild, welches Herrn Loewenthal in allen Examensängsten erspart Leiben möge: ״Ein allgemeines Schütteln des Kopfes.“ Dann folgte eine Rede des gut antisemitischen Professors Wagner und Ansprachen der Professoren Linz und Liszt. Nach Annahme einer Resolution und Verlesung eines nach Prag gerichteten Telegramms schloss die Versammlung mit dem Liede ״Deutschland. Deutschland über alles“: nicht aber die Aktion der deutschnationalen jüdischen Studenten. Um auch das letzte Mittel politischer Prostitution nicht unversucht zu lassen. legte man noch draussen vor dem Saale eine Liste jenes ״Vereins zur Förderung des Deutschtums im Auslande"