Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1908)
- Date
- 1908-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. So JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 493 tiic Losuugssvorte, welche die Dcmonstraiileii bei ihrer Arbeit Weitergaben, das auch die Elixiere. welche die Müden zu neuen Taten anfcuertei!. Der objektive Beobachter fühlte lnstinktiv das Pogromartige des tollen Treibens heraus und die jüdischen Geschäftsleute werden wohl noch lange von den empfindlichen Schäden erzählen, die gerade ihnen erwachsen sind: denn die Juden gehen sicherlich aus diesen nationalen Kämpfen als die am tiefsten Betroffenen hervor. Während nämlich den Deutschen und Tschechen bei ihrem gegenseitigen Boykott doch noch grosse Absatzgebiete für ihre Waren übrig bliebe:!, da doch beide Stämme als Minoritäten in gewissen Gegen len des Kronlandcs geschlossene Majoritäten bilden und dort einen starken wirtschaftlichen Rückhalt finden können, stehen die Juden als ein feindlich emimuulener Keil den bösesten Konsequenzen der gegenseitigen Zeriieisclumg der Wirtsvölker schutzlos gegenüber und so mancher Familien- \atcr. der strebsam vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeitet, sieht mit wachsendem Entsetzen seinem Ruin entgegen. Und die Juden, die deutschen wie die czechiscben, scheinen mit Blindheit geschlagen zu sein, da sie immer noch nicht einlenken und sich gewissenlos um die Palmen der iremden Nationen scharen. Ja. die c z c e 11 i s c I! e 11 Juden, die Heilrcttcr der Nation, s t i in m e n 111 i t e i 11 in den Boykott• ruf ihies ״Konnntioiialen** Klot'ac und fordern, wo immer sie nur können, die Netianbringung der berüchtigten Tafeln Ccsky Zavo'l. Und das alles, um nur ja nicht in den Geruch zu kommen, als würden sie. als Juden, der Wirtschaftliehen Umklammerung der Juden entgegenarbeiten. Gera Je sie. diese armseligen Zwittergcscliöpit•. die ohne festen Boden in der Luft!längen, da sie auf der einen Seite den nationalen, wie auch den konfessionellen Zusammenhang mit dem Judentum leugnen, auf der anderen aber als Czscliechen keine Auerkennung finden, sie. die schon in ihrer Firma ״cesti zide“ den ärgsten Widerspruch tragen. Mit einer schier unglaublichen Indolenz verschlüsselt sic sielt der Einsicht, dass diese in den Geschäften angebrachten Affichen so bald als möglich durch klarer ausgesprochene, wie ״krestansky zavod“ ersetzt werden und in der Tat. .mit einer besorgniserregende!! Geschu indigkeit sieht man diese Ankündigungen an Zahl ztineiimcn. Wahrlich, wenn nie, so behält in diesem Fallet das Sprichwort recht: ״Poturccnce horsl Turka!״ Es ist ein Bruderkrieg in seinen scheusslichsten Formen, ein sozialer Vernichtungskampf. der sich vor aller Augen abspielt. Und nicht besser verhalten sich die deutschen Juden! Die Deutschnationalen haben Prag schon längst auigegeben und plaidieren iür Reichenberg als Zentrum der Deutschen ln Böhmen. Mit minutiöser Peinlichkeit rechnen sic in ihren tonangebenden Blättern aus. dass das Deutschtum in Prag, wenn man von den Juden, den unzuverlässigen Eindrlng-!Ingen־‘ absicht, zu schwach ist. um widerstehen zu können! Doch die deutschen Juden, päpstlicher als der Papst, harren aus im Sturmgebraiis und geben ihre jüdischen Volksgenossen preis, um sich statt Lorbeeren Kränkungen zu holen. Man lacht, ja mehr, man mokiert sich über diese Herren Juden, die da einen Posten Italien wollen, der sie nichts angcht der ihre Interessen links liegen lässt. Denn, wo haben sich die Deutschen je für die Juden eingesetzt. Man braucht nicht erst an die Vorgänge an der Wiener Aula zu erinnern, man mag nur die Beschickung des Prager jüdisch-deutschen Hallekommerses näher ins Auge fassen und gewaltsam drängt sich die Erkenntnis am. dass cs nicht die gesamte reichsdeutschc Studentenschaft ist. die sich in Prag durch einen Juden vertreten liess. Und doch, doch allüberall die gleiche empörende Blindheit, die gleiche . Unverfrorenheit angesichts der niederschmetterndsten Tat- Sachen! Juden! Juden! Quousque tandem . . .! Haltet doen UWI i\IUUlv O III | 4 u;s JUIIIUIG1nV.il iVIMIIIKvII WVlUvIi« Denkt doch auch daran, dass ihr. die ihr geschlossen und geeinigt eine Macht bedeuten könnt, den Schlüssel zur Vcrteidigung in euren Händen habt, machet Front, stellt euch zu eurem Volke, damit י euch dereinst nicht der berechtigte Vorw׳urf gemacht werde, ihr wäret würdelose Nachkommen grosser Ahnen gewesen . . . .J SHJ .BSTWEHR. Kunascnau ii. Berlin. Da Ahlem den Interessen des gesamten Judentums dient, trug man dieser Tatsache Rechnung, indem man die Reichshauptstadt wählte. Eine ungewöhnlich lebhafte Beteiligung aus Nah und Fern war die Folge. Der Vorstand konnte• ieststcllen, dass die Gründung Ahlems durch Konsul Simon durch das bislang Erreichte vollauf gerechtfertigt ist: dass die in Ahlem ausgebildeten Gärtner ohne Schwierigkeit Stellung gefunden haben; und dass eine erhebliche Zahl dieser jungen Leute sich sogar schon in selbständigen oder wenigstens leitenden Stellungen befindet. Ueberdies wird durch eine von der Anstalt In allen Einzdheiten und mit grösster Objektivität geführte StaUstik nach- :ewicseii, dass aus der Schülerabteilung annähernd 70 Prozent Gärtner- und Handwerkerlehrlinge hervorgegangen sind. Es wurde in der Sitzung dann noch über den Etat verhandelt, der nach einer längeren Reihe von Jahren wieder in Einnahme und Ausgabe balanciert. Unter Leitung des Vorsitzenden des Berliner Lokal- Komitees Herrn Louis Rosen bäum fand dann abends im :rossen Logensaale. Wilhebnstr. US. eine besonders von Damen stark besuchte Versammlung statt, in der das Hauptiutercssc ein Vortrag des Vorstandsmitgliedes Herrn Z11 c k c r m a tt n aus Hannover bot. Herr Zuckermann gedachte des Gründers der Anstalt. Indem er ein fesselndes Bild seiner Persönlichkeit entwarf, hob er hervor, dass Konsul Simon sich bei der Gründung der Anstalt zum leitenden Grundsatz gemacht hatte, dass Ahlem nicht ein Wohlt.itigkeitsinstilut sein, sondern in den Dienst einer sozialen Idee gestellt werden solle. Redner schilderte die verschiedenen Erziehungsmethoden, wie sie in Ahlem betätigt werden, und machte über das Schiksal der ehemaligen Ahlemer eingehende Angaben, die ein beredtes Zeugnis ablegten iür die gute Ausbildung der Schüler. Das Verhältnis der Anstalt ztt der Konsul Simon’schen Stiftung brachte der Vortragende ebenfalls zur Sprache und legte dar, wie die Erträgnisse der Stiftung den Ideen der Anstalt nutzbar gemacht werden. Dem Vortrage iolgte eine äusserst angeregte Besprechung. Herr v. Ger lach beleuchtete die Wirksamkeit der Anstalt Ahlem hauptsächlich vom politischen Standpunkte aus. Er ist der Meinung, dass die stärkere Beteiligung der Juden an der Bearbeitung des Bodens von höchster Wiehugkeit sei. Herr Dr. H. G. Heymann würdigte die Ziele der Ans’.alt in bezu2 auf die Erhaltung der jüdischen Volksmasse uni die Heranbildüng qualifizierten Menschenmaterials als Pioniere für alle Uidlschen Kolonlsationsbestrebunaen. An der weiteren Diskussion beteiligten sich u. a. Herr Rosenov. Vorsitzender der Anstalt Wcissensee und des Ver- Landes zur Förderung des Handwerks und des Ackerbaues unter den preussischen Juden. Herr Curt Bürger, Redak-. tcur der MITTEILUNGEN' AUS DEM VEREIN ZUR AB- WEHR DES ANTISEMITISMUS, führte auf Grund seiner langjährigen politischen Erfahrungen im Lande den Nachweis, dass cs eine ganze Anzahl von jüdischen Landwirten in Deutschland gibt, deren hervorragende Befähigung für die Landwirtschaft auch von ihren politischen Gegnern anerkannt w׳ird. In seinem Schlusswort forderte Herr Dr. Zuckermann die Freunde der Sache auf. sich durch einen persönliehen Besuch über die Arbeiten und das Wirken der Anstalt zu orientieren. Jüdische Korruption Ahlem Die stets in Kuratoriumssitzung, die seit Bestehen der Anstalt Hannover stattfand, tagte Sonntag zum ersten Male Der *N. J. K." wird aus Berlin geschrieben: Ein seltsameres Wahlbündnis ist wohl noch nie in die Erscheinung getreten, als bei der jüngsten Stadtverorduetenwahl in Berlin, bei welcher der Liberale Dr. Mugdan (seit zehn Jahren evangelisch, wo er selbst kürzlich öffentlich voll Stolz mitteilte!) und der Demokrat Prof. Richert einander gegen- Überstunden. Herr Dr. Mugdan ist nämlich gewählt worden durch die Unterstützung von Juden und Antisemiten! Es wäre nun Sache der betreffenden Wähler, wie sic sich damit abfinden. aber die Sache gewinnt ein öffentliches Intcressc. weil eine grosse Anzahl im öffetitliehen jüdischen Leben stehender Männer die Wahl des getarnter! Juden Mugdan mit allem Nachdruck gefördert haben. Da es zweifellos eine Korrumpierung der politischen Moral darstellt, wenn man auf der einen Seite die Judentaufen bekämpft und einen Verein zur ״Förderung der jüdischen Selbstachtung**, oder wie es sonst immer so schön heisst, leitet und auf der anderen Seite einen schon ftüher häufig nicht eben respektvoll genannten getauften Juden in seiner politischen Karriere fördert, so wäre es Zeit, den Herren Geheimrat Cassel. Justizrat Löwinsohn u. a.