Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-12-04 · Heft 49 (4.12.1908) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651601--06089-2663153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. •19 J0D1SCHE RUNDSCHAU Seite 487 I Die ״nichtwohnberechtigten" Juden und der Stadthauptmann. Vom 25. November wird der RUSS. KORR, aus Petersburg geschrieben: Mit auffälligem Eifer fährt der Stadtliauptmann fort, die Residenz von ״nichtwohnbcrcclitigtcn Bürgern". alias Juden, zu säubern. Die neueste Verfügung vom 22. d. Mts. mahnt zur strengen Aclitsanikeit. dass die Juden sich nicht unangemeldet in Petersburg aufhalten möchten: die Dokumente der Wohnberechtigten seien besonders zu registrieren und immer wieder zu kontrollieren, damit Personen, die aus irgend welchem Cirunde ihr Wohnrecht ciubüssten, ohne weiteres abgeschoben würden. Die Polizei solle es sodann auf keinen Fall zulassen, dass jüdische Handwerker, die auch nur vorübergehend ihr Handwerk nicht ausübten, in Petersburg verbleiben: samt Familieu und Habseligkeiten müssten sic die Hauptstadt verlassen. Man fragt sieh hier, wozu der Stadtliauptmann immer wieder mit gegen die Juden gerichteten Verordnungen• die eigentlich nichts neues enthalten, kommt. Indes wer das ev. ig.: Buhlen der hiesigen Murcaukratie nach der Gunst des echtrussischen Verbandes kennt.•weiss auch schon die Antwort. Zur Galgcnstatlstik. Nach den bisherigen Zusammenstellungen hat sich der Monat Oktober uui dem Gebiet des Galgens wiederum als ein besonders erntereiclier erwiesen und straft damit die Ho::- nungen derer Lügen, die aus der relativen Abnahme "Iler Todesurteile in den Monaten August und September sehüessen zu können glaubten, dass die Hinriclitungswut in den!nassgebenden Kreisen zum Stillstand komme. Auf die einzelnen Monate verteilen sich die Todesurteile fülgendermasseii: Auf den Januar kamen 116. der Februar brachte schon 122. der März 18*1. der April 106, im Mai waren es gar 217. im Juni 131. im Juli 161. im August NS, im September US, woraui schlie.sslieh der Oktober mit 175 folgte. Es ist eine Ironie des Schicksals. dass der Mai. in dem die Duma tagte, doppelt so viel Todesurteile brachte, als der April, in dein die Volksvertretung in die Osterferien ging. Als ein so geringes Gegengift gegen Galgen erweist sich somit die dritte Duma. insgesamt wurden während der Monate Januar—Oktober dieses Jahres NS1 Todesurteile gciällt. Was die Vollstreckung der Urteile anbetriiit. so pflegt ja darüber die Oefientlichkeit w eniger informiert zu sein. Immerhin konnten die Zeitungen aus eigenen Mitteilungen 581 Hinrichtungen zusainmenrcchncn. 1 Juden im türkischen Parlament Smyrna. Wie bekannt, wird das türkische Parlament im nächsten Monat cinberufeii werden. Die Wahlkampagne, die seit einigen Wochen begonnen hat. wird elfrigst betrieben und ungefähr 100 Abgeordnete sind bereits gewählt worden. Darunter befinden sich zwei Juden, wovon der eine, namens Emanuel Carasso. auf das Vilajet (Provinz) Salonich, und der andere, Nissim Mazliali, beide Rechtsanwälte, aui das Vilajet Aidin entfällt. Mazliali bekleidet seit Jahren das Amt eines Hauptsekretärs des jungtürkischen Komitees ״d’Union ct Progros“, und als solcher fand seine Kandidatur starke Unter- Stützung des genannten Komitees. Da* Parlament, welches zirka 250 Deputierte zählen wird, wird aller Voraussicht nach 5 Juden cinsclilicsscn. und cs kommen ausser den beiden obengenannten Vilajcts noch Konstautinopel, Jerusalem und Bagdad in Betracht, die je einen jüdischen Abgeordneten in das Parlarnent entsenden werden. Nachdem die jüdische männliche Bevölkerung in der ganzen Türkei auf 25u U10 Einwohner ge* schätzt wird und nach dem Wortlaute des Gesetzes je 50 000 männlichen Geschlechts auf einen Deputierten Anrecht haben, so werden die Juden in der Kammer richtig vertreten sein Das ist als ein grosser Erfolg anzusehen, da doch die Juden, w׳enn sie auf sich selbst angewiesen wären, angesichts ihrer Minorität lauge nicht ein solches Resultat aufzuweisen gehabt hätten. Wie die Sache jetzt steht, haben z. B. die Armenier, die die Juden an Zahl bedeutend übersteigen, im Vilajet Aidin, dessen Sitz Smyrna ist, noch keinen einzigen Abgeordneten. Die Griechen, deren Bevölkerung bloss im Vilajet Aidin sich einer halben Million nähert, haben trotz Propaganda, die mit den lärmendsten Szenen verfolgt wurde, es nur mit Mühe auf zwei Deputierte bringen können. Der Grund ist darin zu suchen, dass die Türken gegen die Griechen sehr argwöhuisch sind und'den Juden Vertrauen entgegenbringen. Aus dem Lande Israel Errichtung einer Wasserleitung in Jerusalem. Jerusalem, 5. Nov. Am empfindlichsten hat die Bcvölkerung Jerusalems unter dein Mangel an gesundem Wasser fiir das ganze Jahr aufgesammelt. In den seltensten Fällen jedoch sind die Zisternen so gebaut, dass sie genug Wasser halten und immer sauber bleiben können. Sie sind vielmehr meistenteils in unsauberem Zustande, und jede Zisterne ist ein gefährlicher Herd von Malariabazillcn. Nur so lässt sich die starke Verbreitung des Malariafiebers in Jerusalem erklären, welches, ca. 8U1) in über dein Meeresspiegel gelegen, an sich durch ein gesundes Klima und trockene, gute Luit sich auszeichnet. Wenn gegen das Sonunercndc der Wasservorrat in den Zisternen zur Neige geht, uiid die ersten Regentage auf sicli warten lassen, tritt das Fieber geradezu epidemisch auf. So ist dies gerade in den letzten drei־ Wochen hier der Fall. Fs gibt wenige Familien ohne Kranke, in vielen Schulklassen fehlt oft ein Drittel der Schulkinder und noch mehr. Das von der einige Kilometer von Jerusalem entfernten Bitteriiuellt• gebrachte gute Wasser wird zu hohen Preisen verkauft, so dass ärmere Familien sich diese Ausgabe nicht leisten könne:!. So ist die Beschaffung guten W assers für die Bevölkerung Jerusalems eine Existenzfrage im vollsten Sinne des Wortes. Es gebührt dem jetzigen Gouverneur Jerusalems. Sabhi Bey. das Verdienst, mit einer Energie dieser Angelegenheit sich angenommen zu haben, die auch einen guten Erfolg erwarten lasst. Die Regierung liess das ihr vorgelegtc Projekt, von der Aruba-Onellc (zwischen Bethlehem und liobron) aus W'asser nach Jerusalem zu leiten, durch Wasseringenieure prüfen und es wurde festgesteUt, dass diese Quelle ca. 2(0) cbm W'asser per Tag liefern kann. Die Bevölkerung Jerusalems beträgt etwa 80 0()U. W ird der tägliche Wasserverbrauch im Durchschnitt mit 25 Liter pro Person angenommen, so kann die Artiba-Ouellc ganz Jerusalem mit Wasser versorgen. Die Kosten der Errichtung der Wasserleitung werden auf etwa 2 Millionen Francs veranschlagt Diesen Betrag will die Jerusalemer Stadtverwaltung durch eine 5- 6 # verzinsliche und in dreissig Jahren amortisierbare Anleihe, deren Rückzahlung durch Verpfändung des Grundcigcntums der Stadt Jerusalem gesichert werden soll, aufbringen. Zur Finanzierung des Unternehmens soll sich. eine Aktiengesellschaft bilden. Man hofft auf einen leichten Absatz dieser Aktien nicht allein in Jerusalem, sondern auch im Auslande, zunächst unter jenen Konfcssionsgcnicinschaften. die grössere Kolonien in Jerusalem unterhalten. Die Juden mit ihrer grossen Majorität unter der Jcrusalemer Bevölkerung haben naturgemäss das lebhafteste Interesse am Zustandekommen dieses Werkes. In der heutigen französsisch-arabischen Beilage der HASCHKAFA wendet sich Direktor Lcvy mit einem warmen Appell an die Einwohner Jerusalems, durch Zeichnen von Aktien das Unternehmen zu fördern. Die Abgeordneten des Sandschaks Jerusalem. Jerusalem, 8. November- Vor einigen Tagen vcrliesseu die drei Abgeordneten unseres Sandschaks Jerusalem und bcgaben sich nach Kcnstantinopcl. Alle Abgeordnete entstammen sehr angesehenen Jerusalemer Familien. Rouchi el Halidi. gewesener Konsul in Bordcaux. ist ein moderner,!eingebildeter, von echt!liberalen Auschaumigen durchdrungener Mann, im Alter von 35 Jahren. Auch Said Efiendi, der am Anfang der 30er Jahre steht, besitzt ein umfangreiches Wissen und kennt auch gut die hebräische Sprache. Als mehrjähriger amtlicher Zensor der hebräischen Zeitungen in Jerusalem hatte er auch Gelegenheit, sich mit den modernen Bewegungen innerhalb des Judentums bekannt zu machen. Hafez-Bey, zuletzt Kaimakani in Gaza, im Alter von 60 Jahren, ist wegen seines rcclitschaiicnen Charakters und seiner judenircuudlichcu Gesinnung allgemein bekannt. Absetzung des Chacham Basch! Rabbi Meier Panlzel. Jerusalem, 8. November. Wie ihnen bereits berichtet wurde, brach kurz nach der Bekanntmachung der Konstitution ein heuiger Kampf gegen den Inhaber des Chacham-Haschi- Amtes. R. M. Panizcl. in Jerusalem aus. Die Gegner des R. Panizcl. an deren Spitze der Direktor der Allianceschtilc, Antebi. stand, warfen ihm vor. dass er unreehtmässigerweisc in den Besitz eines Armes gelaunt sei. Trotzdem R. Meier zahlreiche Verteidiger fand, gelang cs der gegnerischen Partei doch, die Stellung des Chacham-Baschi zu untergraben. Durch Anklagen, die sie gegen R. Meier vor dem Pascha in Jerusalem und dem Oberrabbiner für alle jüdischen Gemeinden im tiirkisehen Reiche, dem Chaehant-Baschi in Konstautinopel erhoben,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.