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Jüdische Rundschau · 1908-12-04 · Heft 49 (4.12.1908) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 486 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 49 י Zionisten haben einen glänzenden Sieg zu verzeichnen. Sic haben acht Mandate errungen. Am 24. November 1908 fanden die Wahlen in den zweiten Wahlkörper statt. Hier wurden u. a. gewühlt die Herren Julius Deutsch und Josef Eisler, die Vorstandsmitglieder ’־*s hiesigen jüdischen Volksvcrcins ״Zion“ sind. Bei der Wahl am 26. November in den ersten Wahlkörper wurde der erste Obmannstell- Vertreter des jüdischen Volksvcrcins ..Z i o n“. Herr Hubert Gutwillig, in.den Kultusvorstand gewählt. Ein Kulturdokument Die anlässlich der verschiedenen Pogroniprozcsse von den Anwälten der Juden gehaltenen Reden sind gesammelt worden und in Buchform erschienen. Das Buch ist sehr umfangreich und umfasst zwei Teile. Es stellt eine furchtbare An- Mage gegen die russische Verwaltung und Gesellschaft, wie sie lauter und eindrucksvoller noch nicht erhoben wurde und enthält auch ein bedeutendes Vcrtcidigungsmatcrinl. Der jetzt erschienene zweite Teil ist auch mit einer geistvollen Einleitung aus der Feder des berühmten Schriftstellers Wladimir Korolenko versehen. Leider hat die Zensur manches aus dem wertvollen Buche, besonders aus den Reden Hi Her soll ns und Skarjatins im Bialystocker Prozess gestrichen. Die Reden dieser beiden Anwälte, wegen deren ihnen jetzt der Prozess gemacht wird, bilden indessen auch noch in ihrer verkürzten Form den interessantesten Teil des Sammelwerkes. Jüdische Gemeinbürgschaft Aus Warsch.au wird der ,.N. J. K.“ von ihrem dortigen S.-Korrespondenten geschrieben; Acht junge Juden, die das Konkurrenz-Examen am Warschauer Polytechnikum sehr gut bestanden batten, aber ihres Judentums wegen nicht aufgcnonuiicn wurden, wandten sich an den Karaitischen Chacliarn (den Oberpricstcr der Sekte der Karaltcn) in Petersburg imd sprachen ihren Wunsch aus. zum Karäertum überzutreten. Der Chacham zögerte lange mit der Antwort. Schliesslich teilte er den jungen Leuten mit. dass die Kara'itcn im Prinzip gegen das Renegatentum sind, und dass er also ihre Bitte ableh.nen müsse. — Man könnte mit diesen! Bescheide ganz einverstanden sein, wenn nicht die Sekte der Karaltcn. die doch eigentlich Juden sind, aber alle Rechte in Russland haben, stets gegen die Juden Partei ergreifen würde. So muss man auch diese Antwort des Karaitischen Chacham als eine Feindseligkeit gegen die Juden auffassen, zumal dem Chacham nicht entgangen sein kann, dass cs den jungen Leuten offenbar darauf ankani. nicht zum Christentum überzutreten. Moralisch wird ihre nicht sehr tapfere Handlung dadurch natürlich nicht besser. Russisches Tragikurlosum In Warschau haben viele jüdische Studenten, denen die Aufnahme an die Universität verweigert wurde, die Taufe genommen und damit ihr Ziel natürlich erreicht. Da sich nun auf diese Weise die Zahl der .,christlichen“ Studierenden vermehrte — so ... eröffneten sich dementsprechend — im Verhältnis der Prozentnorm, nach der Juden zugelasscn werden! — zwei weitere Vakanz e 11 f ii r Juden, die auch sogleich besetzt wurden. .... .... _ .. Antisemitismus In Russisch-Polen Der polnische Chauvinismus treibt immer neue Blüten, und da er den Mächtigen gegenüber wenig Erfolg erzielt, so wendet er sieb gegen die Schwächeren, die Wehrlosen. Die beträchtliche Kluft zwischen den Juden lind den Polen wird -• ungeachtet der Versuche einzelner Individuen aus beiden Lagern — immer grösser, die Demarkationslinie zwischen den teilweise sich doch berührenden Intcrcssenfcldcrn tritt immer schärfer hervor. Man hat sehr lange gesonderte Wohltätigkeitsvereine und -anstalten. gesonderte Krankenhäuser, in letzter Zeit — wie bekannt — gesonderte Schulen, und so weit wäre alles in verhältnistnässigcr Ordnung. Aber die polnische Presse ist damit nicht zufrieden. Die gleichen Rechte für Polen und Juden erscheinen ihnen als ungerechte Bcvorz u g u 11 g der jüdischen lntcress.cn gegenüber den polnischen. Fülle verbreitete Tageszeitung, der GONIEC. brachte letzter Tage einen Artikel, betitelt ״Für polnisches Geld“, in dem die Notwendigkeit jüdischer Spar- und Lcihkasscn damit begründet wird, dass die Juden, im Gegensatz, zu den Christen, ihre Ersparnisse nicht in den gemischten Leih- und Sparkassen anlegen. sondern sic weiter iru Handel verwenden. Auf diese Weise gemessen sic alle Vorteile des Kleinkredits auf Kosten des christlichen Gcldc-s. häufig zu Ungunsten der christlichen Bevölkerung. Die Inspektoren der Spar- und Leihkassen für das Königreich Polen, deren Bericht dem betreffenden Artikel z.u Grunde liegt, machen dementsprechend den Vorschlag, jüdische Handelskoopcrativvcrcinc. die mit jüdisehen Spar- und Leihkassen in Verbindung ständen, zu gründen. Pie Inspektoren — und das ist das Wesentlichste an dieser ganzen Sache —. wünschen aber nicht, dass diese jüdischen Kooperativ- und Sparvereine dieselben Rechte haben sollen, wie die christlichen Kleinkrcditaustalten. Ein zweites Beispiel: ein polnisches, unparteiisches Fachblatt. schrieb über das Missverhältnis, das zwischen den polnischcn und den jüdischen Setzern und Druckern besteht, eiji Missverhältnis, das. wie der Autor des betreffenden Artikels meint, nur durch die Aufnahme der jüdischen Handwerker in die Zunft beseitigt werden kann. Dieser Artikel rief einen Sturm öcr Entrüstung in der klerikalen Presse Polens hervor, und ganz kategorisch wird dieser Vorschlag zurückgewiesen Die Motivierung ist diesmal aufrichtig: Keine Deckmüntclchen in Form von ,.religiösem Charakter der Zunft.‘* von der ..Heiligkeit der Fahnen“, die durch jüdische Berührung profaniert werden kann. nein, ganz einfach wird erklärt, wenn der jüdische Handwerker von den Privilegien der Zunft Gebrauch machen soll, so wird er. da er billiger arbeitet als der Christ, den Christen zum gefährlichsten Konkurrenten. Solche und ähnliche Artikel bekommen die polnischen Juden täglich anfgetiseht. ja. man geht auch hier schon so weit, und fordert von-der polnischen Bevölkerung ־— als eine patriotische Tat — den Boykott jüdischer Geschäfte. Weil!-!:achten stellt vor der Tür. und so heisst es in manchen Leitartikcln: ,.L i e b c r gar kein e G c s c 1! e!1 k c 1 ii r die Kinder, als solche •aus indischen Geschäften!‘' In dieser Weise unterjocht ein Volk, das selber unterdrückt ist und die Sympathien der ganzen zivilisierten Welt für sich beansprucht. tnoralisJi 1111! wirtschaftlich ein anderes Volk Ein Prozess der Poale-Zion Vor kurzer Zeit fand im Warschauer Kriegsgericht der Prozess der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Poale-Zion statt. Angcklagt varen: G. Sonntag. Sch. Turscliawski. M. Neuhaus. I. Zaifintschkowski und der Soldat Seit. Babickij; alle waren beschuldigt der Partei Poale-Zion anzugehören. welche die gewaltsame Niedcrrcissun;׳ der in Russland existierenden Staatsform bezweckt, wobei die Partei über Waftcnlagcr verfügte, und die Bevölkerung mit Steuern belastete, die sic zugunsten der Organisation verwendete. Laut der Anklage stand Sonntag an der Spitze der Orgauisation lind übte die Mitglieder im Schiessen mit dem Revolver, volver ein. Das Warschauer Kriegsgericht verurteilte den Augeklagten Sonntag zu 6 Jahren Zwangsarbeit. Babickij. Zajontsclikowski und Rauf! zu je 4 Jahren und Turzawski zu 2 Jahren 8 Monaten Zwangsarbeit. Kutschinski und Ncuhniis bekamen als Minderjährige je 3 Jahre Gefängnisstrafe. Pas Hauptkriegsgericht hat die Kassationsanklagc abgcleimt und das Urteil des Warschauer Kriegsgerichts bestätigt. Aus der grossen Pogromei Warschauer Blutstatistik. 1111 Laufe der ersten sechs Monate dieses Jahres befasste sich das Warschauer Kriegsgericht mit 162 Prozessen und verurteilte von •132 Angeklagten 206 zum Tode und 101 zur Zwangsarbeit in Sibirien (Katorga). Pie Verschuldungen, tun derentwillen die Todesurteile gefällt wurden, waren folgende: politischer Terror bei 33 Personen. Fxpropriationen mul Strasseiibcraubuiigcn bei 72. Batideniiberialle bei 57. Arbeiter- Verschwörung bei 15, bewaffneter Widerstand und Selbstwehr bei 15. wirtschaftlicher Terror bei 6 eigenmächtiges Cicriclitsverfahren bei 7. Von 10 der zum Tode Verurteilten ist der Ocfientliehkeit das Schicksal unbekannt geblieben. 93 wurden tatsächlich bingcrichtet. und 103 zu langjähriger oder lebenslänglicher Katorga begnadigt. Abgesehen von den für Lebenszeit der Katorga Anheimgcfalleuen betrug die Gesamtzeit der in Marschau zur Katorgastrafc Verurteilten oder Begnadigten 3019 Jahre. Dies geschieht in Warschau, wo der Generalgouverncur neuerdings sogar ohne Gerichtsurteil ein Todesurteil gefällt und vollzogen hat. Das benachbarte Lodz steht weit hinter Warschau zurück, aber auch in Lodz wurde in der gleichen Zeit 50 Todesurteile gefällt, wobei dafür von der Gnade hier noch weniger Gebrauch gemacht w ird.

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