Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 484 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 49 einer einzigen Richtung identisch sei. Man stellt einfach der Tatsache gegenüber. dass der Boykott sich nur gegen die Juden, welcher politischen Färbung immer, richtet. Aus dieser Tatsache müssen die Schlüsse gezogen werden. Wenn die Juden in Böhmen. verlassen von der Staatsgewalt, verraten von ihren eigenen Volksgenossen, dem Bovkott preisgegehen sind und bleiben, so ist es klar, dass sie die einzige Hilie nur bei sich selbst suchen und finden müssen. Der jüdische Wirt, der indische Kaufmann, der indische Handwerker, der jüdische Gewerbetreibende, kurz, alle die jüdischen Berufszweige müssen in dieser schweren Zeit von den Juden unterstützt werden. Sic müssen darauf rechnen können, dass die iiiöische Solidaritiit nicht erst dann cintritr wenn es heisst Arme zu unterstützen, für Witwen oder Waisen zu sorgen, sondern dass die Juden ihre eigene wirtschaftliche Kraft in den Dienst nationalen, nicht nhilantropischen Empfindens stellen und einander die Hand reichen. Sowie die Bcstrebilligen der modernen ärztlichen Wissenschaft darauf hinzielen. Krankheiten vor/uheueen. sie 11׳־ verhüten, so muss auch im Leben unseres, des jüdischen Volkes, das׳ niutterseelen allein um seine Fxistcuz zu kämpfen hat. von den eigenen Volksgenossen, die sich ein warmes jüdisches Fühlen bewahrt haben, reeht/eiti!: vorgesorgt und vorgebeugt werden, ehe es 70 spät ist. Hie Juden sollen die Lehre ziehen und beherzigen: Dem Juden kam; nur durch luden geholfen werden. SELBSTWEHR. Kunascnau Der Eid more judaicoj Her ..N. J. K." wird geschrieben: Fiullicli haben auch wir rumänische Juden einmal eine!! Sieg errungen! Wir haben bisher in Rumänien noch nie einen l.riolg gehabt. -- nun endlich können auch wir einen solchen aufweis'cn: Der barbarische Eidseliwur more judaico L.mrii indischer Sitte" genannt, weil er mit jüdischer Sitte nichts zu tun hat!) wurde am?4. Novenihcr durch Spruch des Hohen Kassationshofes abgeschabt. Das Haupiverdienst an dieser Abschaffung, einer wahrliait barbarischen und der heutigen Zeit unwürdigen Ermedrigung der Juden, fällt dem Rabbiner Dr. I. Niemirower in Jassy 7.u, der sich als erster weigerte, einen solchen Schwur 11'orc juJaico entgegcnzunlhmen. Fr wurde wegen dieser Weigerung vorn Gericht mit einer Geldstrafe von 5U Frcs. belegt. Gegen diese:: Spruch reichte I>r. N'iemirower Berufung beim Tribunal in Jassy ein. das ihn jedoch abwics mit der Begründung, dass die Art. wie die Beweise vor Gericht zu führe;! mul zu bekräftigen seien, nach rumänischem Gesetz dem Richter anheimgcstellt ist. und dass die Weigerung des Dr. Niomirower demgemäss eine innere Administrations-Frage des Gerichtes sei. die von diesem selbständig und definitiv erledigt werden könne. Dr. Niemirower appellierte gegen dieses Urteil beim Kassationshof. der über diese Sache am Dienstag, dem 24. November in seiner ersten Sektion unter dem Vorsitz des Präsidenten Scarlat F e r i k v d e verhandelte. Der iriihere Justizminister C.!) i s s e s c ti. der als Verteidiger des Dr. Niemirow er firngierte, behauptete vor dem Kussatiorshof. die Verordnung vom Jahre .1844. durch die dieser Schwur eingerichtet wurde, sei durch die neue Zivilprozess-Orduung aufgehoben. Demgemäss hätte also der Jassvcr Richter iriig geurteilt, vveim . er sich auf die Dispositionen der Verordnung vom Jahre 1S-G betreffend den Eidschwur more judaico berufen hätte*, um den Eid unter dieser barbarischen Form zu erzwingen. Dissescu berief sich weiter auf die Rechtsprechung des Kassationshofer, vom Jahre 190-k wo der Hohe Gerichtshof bestätigt habe, dass der Eidseliwur more judaico. so wie er in der Verordnung von. 18-M vorgesehen ist. ganz willkürlich und ungesetzlich sei und gegen die verfassungsmässig gewährleistete Gewissensfreiheit verstossc. Nach derselben Rechtsprechung batte der Kassationshof festgesetzt, dass der Eidseliwur nur vor dem Gericht geleistet werden dürfe, und zwar sollte bei der Fides- Icistung von Juden statt des Kreuzes auf dem Richtcrtiseh die offene Bibel, an der Stelle der zehn Gebote aufgesclilugen, gelegt werden. Nach einer halbstündigen Beratung hob der Hohe Kassationshof das Urteil, durch das Rabbiner Dr. Nicmirowcr wegen Verweigerung des Fides more judaico zu 50 Frcs. Geldstrafe verurteilt worden war. aut. Damit dürfte diese alte und inaner wieder von neuem aufregende Frage endlich beseitigt, und der Eidseliwur more judaico auch in Rumänien definitiv abgeschabt sein. Ergebnis der Wiener Kultuswahlen Die Wiener jüdische Gememde erlebte nach einem lebhaften Wahlkampf einen bew egten Wahltag. Fine derart starke Wahlbeteiligung konnte bis mm in den Chroniken der altehrwürdigen Gemeinde nicht verzeichnet werden. Von den!10111! zur Wald /.!!gelassenen Steuerzahlern - cs gibt deren 25 01 in erschienen 5019. aiso fast die Hälfte, an der Urne. Diesmal war es die Kahalpartei. im Wiener politischen Jargon kurz. ..die Offiziellen“ benannt. die alle ihre Reserven litrangezogen bat. Vm! den 1)1!ווי Stimmen entfielen bloss ö?) bis 11.59 auf die einzelnen Kandidaten der Opjiosition. von denen Herr Brecher, der vor zwei Jahren in die Stichwahl gelangt war. die höchste St'umien/ahl erziehe. Die ..offiziellen“ Kandidaten des Kulmusvorstaii des erhielten von öbs7 ins 5ö(>! Stimmen. Wählend als«, auf einen Opnositionellcn im Mittel b'G! Stimmen entfielen, vereinigte die ..oni/iclle'' Liste im Pnrchsclmitt .יי/•! Stimmen. Das Starke-verhältnis der Parteien ist als » 1: 5.5. Die Opposition erbt* somit eine cmnji,;Jliche Sc5 lappe. Während sie vor zwei Jahren Ur־ der Stimmen gewonnen, vermochte sie diesmal mir,22 ■ der Wähler um sich zu scharen. Auch die absolute Stimmcn/ahl fiel um rund fünf- bis sechshundert. Das ungünstige Ergebnis des Wahlkampfes ist zunächst auf die drakonische Massregel des Ki'Itusvorstands zuriiekzuii'',»reu. der allen rückständigen Steuerzahlern ־ und zwar I-Gmmi an der Zahl! das Wahlrecht entzogen hat. Der Herr Präsident Dr. Stern wusste, als er diese nie in Anwendung gebrachte engherzige nr.d vergilbte Bestimmung hervorliolte, dass er einen Todesstoss gegen die Opposition führte. Die Reihen der oppositionellen Wähler, die sich vergeblich bcmühten, diesen Streich ab/.uv einen, wurden stark gelichtet Dagegen führte diesmal die Kahalpartei all’ ihre Streitkräfte in den Kampf. Wie von einem panischen *ehrecken ergrimm, durch das unsinnige Argument atifgdiet/t. die Zionisten wollten das Millionenluulget der Gemeinde i״r ihre Parteizwecke vergetid.m. eilten Hochmal Möc'istbesteucrte zur Wahlurne, um ihre Steuergelder zu schützet!. Die innere Stadt liefet 1e dem Vorstand 7110 Wähler. Ein derartiges Massenaufgebot von Kaijtidcn war noch nie ausgeriiekt. Im ersten Bezirk allein der City Wiens - errangen die ..Offiziellen ־ einen Vor- Sprung von 7<0י Stimmen. Audi in der Leonoldstadt siegten sie mit 600 Stimmen Majorität. Das wirtschaftlich mächtige und in sozial gehobener Position stehende Bürgertum, das hinter dem Knltusvorstaml steckt maclitc die grössten Anstrengmigen, um die Vorherrschaft in der Gemeinde zu erhalten. Alle Anhänglichkeiten. Beziehungen, der ganze Einfluss einer' Gescllsehaftssdiiclit. um die so viele kreisen, die vielen ihre ökonoiniche Übermacht zum Bewusstsein bringen kann, all das winde diesmal verwerte: und aiisgeniitzt. W׳ir glauben, es war die höchste Kraftäussermig. der die Kalial- Partei fällig ist. Fs wäre jedoch verfehlt, nur die äussern Gründe des Misserfolges in Betraeht zu ziehen. Die Tatsache dass die Opposition kaum ein Viertel der W ählerschaft erobern konnte, hat auch innere, leider lange Zeit hindurch nicht beachtete Gründe. Pie gesamte Agitatiotisarheit lastete auf der ׳ioiiistiseheu Studentenschaft, die durch wiederholte;111strengende Wahlkämpie ermüdet ist und von den letzten Voriällen am akademischem Boden abgeldkt wurde. Dabei sind die Studenten keineswegs das richtige Material für eine Werbearbeit, die in bürgerlichen Kreisen geleitet weiden muss, in W'icn fehlt eine wolilgegücdcrte und geschlossene zionistische BiirgciOrganisation. Wir sind keine Anhänger der übermassigen Dezentralisation. F.s ist aber ein ungesunder Zustand, dass man einerseits innerhalb der gcsaiutüsterreiehiselieii Organisation das Prinzip der Autonomie der Distrikte und Gaue zum Durchbruch kommen lässt, indes man in W'ien selbst, ohne Rücksicht auf die territoriale Frstreekung der eiiimidzwanzig Bezirke, straffem Zenti.ilismus huldigt. Der Zentralverein kann unbeschadet der Einheitlichkeit der Aktion Einzel-