Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 49 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 483 Wolf Ilcss cs sich klugerweise angelegen sein. Illusionen 711 zerstreuen, und er sagte offen, dass der Kongress keine Oe־ Icgcn'icit bieten werde. ..bei welcher wir von den Mächten irgend welche Genugtuung erlangen könnten,“ aber gleich* wohl sei es nötig, die rumänische Judenfrage vor die Mächte zu bringen, damit durch Schweigen kein ungünstiger Präz.cdenz.fall geschaffen werde. Wesentlich später bereits gegen Mitte November konnte die jüdische Presse mitteilcn. der Hilfsverein habe sich an das Auswärtige Amt in der gleichen Angelegenheit gewendet, und das Auswärtige Amt habe unter Anführung von Argumenten, wie sic sich bei Luden Wolf finden, hervorgehoben, dass, wenn der Kongress *zustande käme. Deutschland die Initiative zur Diskussion der rumänischen Judenfrage kaum ergreifen könne und dies um so weniger, als man bisher deutscherseits aus Gründen der allgemeinen Politik jede Initiative bei Aufstellung des Programms iiir eine eventuelle Konferenz vermieden habe. Der wesentlichste Inhalt dieser Unterredung auf dem Auswärtigen Ahnte war. dass die deutsche Regierung durch ihre Erklärung sie״ zu dem Standpunkt bekannte, cs könne die Verletzung des § 14־ des Berliner Vertrages an und für sich für eine Diskussion der Orosstnüchte in Betracht kommen, wenn auch der geplante Kongress aus Gründen der allgemeinen Dolitischcn Lage eine solche Diskussion im jetzigen Auge:!• blick kaum werde vornehmen können. Diese Klars;ellung, die zu erwarten war. bat ihre Wir• kung nicht verfehlt: denn, wenn es auch bisher leider unmöglich war. ein Einschreiten der Grossmächte in Rumänien selbst herbeizuführen, so weiss docli jeder Politiker, welche Bedeutung die Feststellung hat. dass nicht allein nach dem Urteil der Mfcntlfchcn Meinung der aufgeklärten zivilisierten Welt. Sandem dass auch nach der Ansicht von grossen Staaten Rumänien einer Verletzung des Berliner Vertrages schuldig ist. die \׳:r das europäische Forum bei sich bietender Gelegenheit gezogen werden kaftn. Diese Vorgänge nimmt der Universelle Israelite in Paris vom 27. November zum Anlass, um einen Artikel über den Hilisvcrcin. in Wahrheit, um einen Sehmähartikcl, vor allem eher den Unterzeichneten *zu veröffentlichen. Er nennt den Unterzeichneten den tatsächlichen Inspirator des Hilisvcrcin: er nennt das Vorgehen in der rumänischen t rage . sträflich‘14 und er behauptet, dass rcklamcsüchtigc Eitelkeit die Triebfeder meiner Handlungen zu gunsten des Judentums sei. Diese Behauptung w ird mit einer Beschimphing der gesamten deutschen Juden als Deutschen verknüpft, wie sie nur chauvinistische Hetzblätter niedrigster Art zu verbreiten pflegen. Von meinen verschiedenen Reisen in den Orient sagt er. dass .,in Nachahmung eines berühmten Vorbildes“ ich 111 der Türkei meine Landung in Tanger vollzogen 11־ ä t tc. Vielleicht bin ich auch nach'Russland während der Hochflut der Revolution mit dem trefflichen Stettauer aus London und Hemberg aus Petersburg und nach Rumänien während der Bauernrcvolteu als Poseur gegangen. Es ist charakteristisch, wie hier die Besprechung jüdischer Angelegenheiten durch einen an den Haaren lierbcigcschlcppten Hinweis auf die .Marokkopolitik zu vergiften versucht wird. Und soll cs üblich werden, den niedrigsten Chauvinismus aufzureizeu durch die höhnische Gegenüberstellung, dass freilieh die als leichtfertig und windbeutclig verschrienen Frauzosen eine Frage, wie die nmiönischc. reiflich und mit Ruhe studieren: in Berlin hat man so viel Bcdaclitsamkcit nicht von Nöten. Freilich, es musste wieder einmal dein deutschen Judentum bewiesen werden dass cs allein imstande sei. die schwierigsten Probleme zu lösen und dass es allein und ohne Zeitverlust die deutsche Omnipotenz in Bewegung setzen werde, um den rumänischen Israeliten zu Hilie zu kommen. Dieser Artikel, der mit den niedrigsten Mitteln die französischen Juden gegen die deutschen Juden zu hetzen sucht, ist unterzeichnet Beu/ev, voraussichtlich wieder ein Pseudonym. Zur Charakteristik dieses Maehw־crkes muss noch eins hii’zugciiigt werden. Das primitivste Gebot des Anstandes verpflichtet dazu, sich zu vergewissern, dass ein persönlicher Angriff sich wenigstens an die richtige Adresse wendet. Ich habe nun weder die Schritte des Hilfsvercins in Bezug auf die rumänischen Juden inspiriert, noch war ich ati diesen Schritten in irgend einer Weise beteiligt. w׳eil ich zu Jener Zeit krank in Montreux darniedcrlag: freilich, diese Schritte billige ich durchaus und in jeder Beziehung, weil die Beweise für ihre Nützlichkeit mir bereits vorliegcn. Welch ein Geutlemcn ist also dieser Herr Benzev! Schliesslich sei aus der Fülle der Unwahrheiten, die Herr Benzev vorträgt, noch eine lierausgelioben. Er behauptet. dass die Alliance Israelite Universelle sich mit der Bitte an uns gewandt habe, im Augenblick nicht vorzugehen. Ich konstatiere, dass der Hilisvcrcin in dieser Angelegenheit niernals eine Zuschrift der Alliance erhalten hat In den Angriffen dieser Art gegen den Hilfsverein der Deutschen Juden und gegen meine Person liegt Methode. Zunächst verlogene Ausstreuungen während des Hochsommers dieses Jahres, besonders in Russlard. die wir zurückweisen!missten: dann falsche Angaben und erlogene Unterstellungen in der englischclm Presse, die klargestellt werden mussten. Nun dieser Herr Benzev. der seine politische Einsichtslos!'?- heit durch politisches Hetzen und persönliche Verjmglimpfuugen unempfindlichen Gaumen schmackhaft zu machen sucht. In Deutschland weiss Jedes Kind, aus welchem Arsenal diesen Minierem ihre vergiftete Munition geliefert wird. Gewiss. sie haben bisher keinen Befolg erzielt: damit dies auch in Zukunft nicht geschehe, darum bitte ich Sie. hochgeehrter Herr Redakteur, diesen Brief vor die Augen Ihrer Leser zu bringen. Bei Ihrer Mithilfe wird cs möglich sein, ein Unkraut beim ersten Aufspricssen zu ersticken, das. wenn es fortv uebert. dutch chauvinistische und persönliche giftige Ver» miglimpfimgcn das friedliche Zusammenarbeiten der anständigeu Juden aller Nationen wenigstens vorübergehend beeinträchtigen könnte: und dieses Zusammenarbeiten ist geboten im Interesse• unserer Glaubensgenossen und im Interesse allge- »nein menschlicher Kultur. Mit ausgezeichneter Hochachtung gcz.: D r. P a 111 א a t h a n. Der Prager Boykott Die Krawalle in den Prager Strassen, die schon soviel Schaden angerichtet haben, sind zu einer ständigen Erscheinmig in unserem Strassenbild geworden. Sie haben aber ausser den unruhigen, geräuschvollen Ausbrüchen des nationalcn Fanatismus eine still schleichende Bewegung gezeitigt, die in ilireu Umrissen erst langsam sichtbar wird. Der Plan ist wohlersonnen. Unter dem verhüllenden Mantel des deutsch-tschechischen Kampfes sollen die Juden wirtschaftlich erwürgt werden. Die tschechische Presse aller Spielarten spricht davon. Von dein KLOSAC ORGAN bis zimi miristericllcn VENKOV und dem führenden Blatt NARODNI LISTY reicht gerade in diesem Punkt eine geschlossene Linie der Verständigung und der hämische antisemitische Ton. der י in den Spalten dieser Fresse besonders heimisch ist. will trotz aller Anbiederungen der tschechischen Juden, trotz aller Deputationen. Bitten und Beschwörungen, man möge ihnen die Arbeit nicht erschweren, nicht weichen. Am letzten Sonntag ist cs am Wenzelsplatz ganz laut von der Rampe des Museums herabgesagt worden: ״Boykottiert alle nicht tschcchisehen Kaufleutc!“ Wir haben, das ist in der SF.FBSTWF.HR oft genug gesagt wrrden. durchaus keine Liehe für die Deutschen, die ja den Juden in der gleichen Weise se*׳ä Ji״vn wolbm. Wir . haben keinen Grund, uns auf die Seite des protzigen Prager Deutschttims zu stellen, das — obzwar Jüdisch — doch sow'cit als möglich das Judentum ableugnet. Aber wir haben allen Grund, uns gegen eine Fälschung zu wehren, die einfach alle Juden für Deutsche erklärt, die ihre Einwendungen tmd Ver- Sicherungen nicht anhört und sie boykottiert. Von den Juden Prags s»eht. das muss einmal gesagt werden, kaum ein Drittel mehr im Lager der Deutschen. Die übrigen sind ihrer grossen Mehrheit nach politisch indifferent oder jüdischnational. Diejenigen Juden, die tschechisch optieren, sind ihrer Zahl!׳ach so gering, dass man sie übergehen kann. Und in der weitaus überwiegenden Majorität gehört das Judentum Prags dem kleinen Gewerbe- und dem Mittelstände an und wird von einer Bovkotthcwcgnne geradezu fürchterlich geti offen Genau so steht es in der Provinz. Es gibt im tscbechischeu Teile Böhmens keinen Juden, der deutsche Politik bctreibt. Es ist erlogen und gefälscht, wenn man aus der Umgangssprnche gleich die Nation konstruiert und die Juden, die teils aus alter Gewöhnung, teils aus Furcht vor kultureller Isolierung deutsch sprechen, gleich als Bannerträger des Pangcrmamsmus verurteilt, der in seinen letzten Konsequenzen das Judentum noch mehr bedroht als die kleinen slavlschcn Nationen. Und wenn die Tschechen das Deiitsehsnrechen der Juden pcrliorreszicreu. warum lassen sie dann in Prag ein deutsches Organ erscheinen, warum gehen sie ihre parlamentarischen Nachrichten nur in deutscher Sprache kund? Es ist miissig. solche Reflexionen weiter zu spinnen. Es ist miissig. sich auf der anderen Seite immer wieder dagegen zu verwahren, dass man mit den Kasino-Hetzern auch nur in