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Jüdische Rundschau · 1908-12-04 · Heft 49 (4.12.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 482 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 49 deutschen Juden keinen ehrlosen Frieden schlossen werden. Dazu hat der Zionismus schon zu vielen Juden das Rückgrat gestärkt. Demnach ist der Verband der deutschen Juden itn letzten Grunde eine patriotische Institution, denn init seiner Hilfe wollen wir für unsere verfassungsmässigen Rechte cintrctcn, deren Schicksal für die Funktionen des deutschen Staats- Organismus von Bedeutung ist, und je entschiedener er seine Stimme erhebt, um so besser wird er dem StaatswoUIc dienen. Wer sich den Hingst erschienenen Geschäftsbericht des ״Verbandes“ vernimmt, der wird sich zwar überzeugen, dass dort ein gut Stück Arbeit geleistet wurde, andererseits aber wird ihn der fast bcttelhafte Wortlaut der verschiedenen Hingaben mit tiefer Beschämung erfüllen. Wir deutschen Juden habe!» doch wahrlich nur eins in die Wagschale zu werfen: das ist unser gutes verfassungsmässiges Recht. Wenn wir betteln, wo wir zu fordern haben, dann wird cs all unseren Eingaben so gehen, wie der des ״Verbandes“ in der russisehen Fassfrage, die wahrscheinlich unter .,Bittschriften“ abgelegt worden ist. Vir haben zu der Leitung das Zutrauen, dass die Kritik der jüdischen Fresse sic zu ihrer ernsten Filicht, die Sache der deutschen Juden mit Würde und Nachdruck zu vertreten ׳/•,.Fickführen wird. F. A. B. Baases ״״ ■J£ZSB3BZ*S3E£a Eine Trauerkunde, die in der Frühe des verflossenen .V»ittwoch in den Kreisen der Berliner jüdischen Bürgerschaft sieb, verbreitete und wohl auch noch weit über das Weichbild unserer Stadt hinaus schmerzlich auf •gern tu men worden ist. hat die Gemüter erschüttert. Herr Ob er amt man 11 Ludwig Cohn, ist plötzlich infolge Hirnschlags aus dem Leber, geschieden. Als Vertrauensmann vieler Grossgrundbesitzer und Vcrwalter grosser Güter stets mit Arbeit überhäuft. und den gössten Teil des Jahres unterwegs, fand der so jäh aus dem Leben Geschiedene dennoch immer Zeit, sich an sehr zahlreichen jüdischen Wohliahrtsbestrebuugcn mit aufopfernder Hingabe zu beteiligen. Mit bewunderungswürdiger Ausdauer, jeder Müdigkeit trotzend, opferte er nicht selten seine wenigen freien Stunden irgend einer jüdisch-humanitären Sache. Für die Linderung des Elends, wie es in einer Gressstadt in tausendfaltiger Form existiert, war ihm kein Weg zu viel und zu weit und für jeden wohltätigen Zweck, wusste er bei seinen zahlreichen viclvermögendcn Freunden Mittel auizutreiben. Sein kluger, praktischer Sinn erblickte aber in der Linderung der Not durch Spendengcbcn keine soziale Anhilfe, und so schloss er sich• allen Bestrebungen an. die dahin zielten, statt Almosen den Armen Erwerbsnioglielikencn zu versäumen. Die Schöpfung des jüdischen Arbeitsnachweises ist nicht zum wenigsten seiner initiative zu verdanken und mit demselben Eifer, den er bei jener Arbeit an den Tag legte, verschaffte er auch diesem Institut Gönner. Mitglieder und Fopularitat. Der tiefere Einblick in das soziale Eiend unserer Stammesgenossen, die. durch die politische Zurücksetzung auf wenige Berufs- und Erwerbszweige verwiesen, hüm'ig der Gressstadt zuwandern. um dort ihre Existenz zu linden, und dann ebenso häufig liier scheitern, war jedenfalls niitbcstimnicnd. die Juden für die landwirtschaftliche Tätigkeit zu gewinnen. Selber ein ausgezeichneter Landwirt (Herr Cohn war Rittergutsbesitzer) und überzeugt, dass ein gesunder Bauernstand dem Judentum in seiner politischen Stellung viel mehr nützen müsste, als ein durch dieses überfüllter Gelehrten- und Handelsstand, vertrat er den Standpunkt, dass den Juden mehr wie je die Beschäftigung mit der Landwirtschaft not tut. Die Anhäufung eines jüdischen Proletariats in den Gressstädten. — eben eine Folge einseitiger Betätigung — die Verödung der kleinen Stadt- und lgmdgemeinden, in der er mit seinem klaren Blick eine grosse Gefahr für die Zukunft des Judentums erblickte, waren für ihn die Symptome einer physischen Schwächung unseres Volksstammes. Von der einzig richtigen Öciilussiolgerung ausgehend, dass hier nur eine Rückkehr zu einer Betätigung, ohne die kein Volk für die Dauer lebensfähig bleiben kann, war er einer der ersten, welche die Initiative zur Gründung eines Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden ergriffen. Wie jede grosse Idee von weittragendster Bedeutung nur sehr langsam Wurzeln schlägt, und von Hiusiditsbuveu entweder verlacht oder bekämpft wird, so hatte auch dieser Verein unter solchen Widrigkeiten zu kämpfen. Es kommt hinzu, dass viele unserer jüdischen Zeitgenossen in dieser Bc* Strebung ein einfaches Wohltütigkeilsinstitut erblickten, wo es viel mehr, ein Kulturwcrk hochbedeutsamster Natur ist. Unbeirrt von den unvermeidlichen anfänglichen FchlschUigen, die nun einmal als die Kinderkrankheiten eines weitgesteckten Zieles nicht zu umgehen sind, beharrtc er fest bei der Durchführung der nun einmal geweckten Idee und leitete bis zu seinem allzuirühen Tode mit fester Hand den Verein. Seine grösste Hoffnung — die Vereinigung des Vereins mit den grossen gleiche Ziele verfolgenden Stiftungen. —- d c n Tag. der diese seine Hofimmg ihrer Verwirklichung näher bringen sollte, hat er nicht mehr erlebt. Zwei Tage zuvor wurde er von seinen vielen, zahlreichen Freunden zu Grabe getragen.. Wer Ludwig Cohn näher gekannt, weiss auch, was wir Juden an ihm verloren haben. Im fast täglichen Verkehr mit den Vertretern des Hochadels. vertrat er seine jüdische Persönlichkeit allen jenen gegenüber, die an ihm den Juden übersehen wollten. Eine stark ausgeprägte Persönlichkeit, dachte er niemals datau. auch nur einen Augenblick sein Judentum zu \ erleugnen. Vor. einen: schier unbegrenzten Vertrauen als Sachverwalter und Fachmann getragen, und nicht minder als ein unbestechlicher Ehrenmann geschützt, war er noch vor wenigen Wochen von allerhöchsten Persönlichkeiten bcrufen worden. Sein jüdischer Name, den er gerade in diesen Kreisen oft recht nachJrück’.ieh unterstrich, war kein!linder- 1:is für ihn geworden, ebenso wenig wie seine jüdische Denkweise, mit der er jeder;:!.am so;!׳ gegenüberfrat. so wenig seine äussere Erscheinung den Juden auch verriet. Wahrlich ein wohltuendes Musterbild eines echten und rechten jüdischen Mannes, in einer Zeit, in der eine charakterschwache Generation sich und anderen iine jüdische Herkunft vergessen zu machen bemüht ist. Nun ist er von uns gegangen. Am verflossenen Freitag, als sich die Sonne zum Westen neigte und der Sabbat sich wieder nahte, verlicssen wir wehmutsvoll gestimmt den Friedl׳of. wohin ihm eine grosse Schar Leidtragender das letzte Ehrengeleite gegeben. Nach einem au Arbeit und ernsten Er* fahrungcii und einem seinem Judentum gewidmeten reichen 11 eben, wünschen wir. wie dies der Prediger an seinem Sarge ausgesprochen, den! wackeren Manne den ewigen Sabbatfrieden. Sein Andenken soll geehrt und unvergessen in uns weiterleben. D r. Arthur K a h n. Ein Brief Berlin. 3t*. November US. Hochgeehrter Herr Redakteur! Erlauben Sic mir dass ich in Ihrem geschätzten Blatt einen gegen mich gerichteten Angriff gebührend zuriiekweise, der in gleichem Masse eine Manifestation hämischer Niedertraoht und aufgeblasenen Ignorantentums in jüdischen Auge-, legenhciteu darstellt. Handelte* es sich nur um meine Person, so könnte ich erwägen, ob dem in Betracht kommenden Skribenten gegenüber verachtungsvolles Schweigen nicht augebracht wäre, aber da zugleich ernste Interessen des Judentums in Frage stellen, so wäre es sträflich, wollte ich mich aus vorneluniiiemliT Beouetnlichkeit der Aufgabe entziehen, die gebotene öffentliche Abstrafung vor/.unchnien. Der Fall ist der folgende. Die jüdische Öffentlichkeit mus*tc sieh die!־rage vorlegen, ־ob die möglicherweise bevorstehende Konferenz iil cr die orientalische Frage nicht die Gelegenheit bieten könnte, die Leiden unserer Gesinnungsgenossen in Rumänien und die Verletzung des Berliner Vertrages seitens der ruimini* sehen Regierung gegenüber uuseru Glaubensgenossen vor das Forum vier Grwssmä.cUtc zu Iwiugcu. Es war daher nicht erstaunlich, dass die jüdischen Zei- Hingen Ende Oktober und Anfang November ..aus zuverlässiger Duelle“ die Mitteilung brachten, dass die Alliance Israclitc Universelle in Paris Schritte unternommen habe, um die Frage der Verletzung des Berliner Vertrages seitens der rumänischen K’egierung vor die geplante Orientkonferenz zu bringen. Und cs war crireulicli. dass ein jüdischer Politiker von dem Scharfblick und der Erfahrung Eucicn W'olis sich über die Chancen eines solchen Vorgehens öffentlich und unumwunden in der JEWISH WORLD am lö. Oktober ausgesprochen hat. Oberamtmann Ludwig Co

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