Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1908)
- Date
- 1908-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 480 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 49 Aber die Frager Juden werden noch übertroffen ־— wie sich’s gehört — von den Berlinern. An der Berliner Universität existiert eine ״Frcb Wissenschaftliche Vereinigung“, die, was den Jucken an sich nicht zur Unehrc zu gereichen brauchte, zu 90 oder 95 Prozent aus Juden bestellt. Das könnte man als ein Zeichen dafür auffassen, dass die Juden eben in weit höherem Masse als die anderen die Neigung haben, sich nicht in protzigen Satzverbindungen, sondern in wissenschädlichen Vereinen zusarmenzuschlfcssen. So hört 1nan‘s auch gelegentlich. Allein das ist. so erzählt, nur eine Fabel. Jeder weiss, dass hier die Juden aus der Not eine Tugend gemacht haben, und dass die ״Intcrkonfessionalität“ solcher Vereine ein mit heissem Bemühen aufrecht erhaltenes Märchen ist. ln Deutschland liegc.'i die Dinge an den Universitäten gerade so wie in Oesterreich. Nur, dass man bei uns nicht so ״gemütlich“ und in Folge dessen auch nicht so roh ist wie jenseits der schwarzgeiben Pfähle. Hier gellt alles äussdrlich korrekter, und weil ..man“ mit den Juden u b c r 11 a u p t n i c h t verkehrt, gibt es auch nicht so viele Reibungspunkte. Nun hält die genannte ״Freie wissenschaftliche Yereiitigung׳‘ gerade den jetzigen Augenblick iiir geeignet, eine Deputation nach Prag zu emsenden, u!11 an dem Fest der Prager Rede- und Lesehalle tvilzunehmen. Corps. Burschenschaften. Turnerschaiten und alle anderen ״rein arischen“ Korporationen ziehen us vor, mutig in Berlin zu bleiben. Und gerade die fast rein jüdische ״F. \Y. V.*־ springt den antisemitische•׳! Deutsehen Böhmens in ihrem Kampfe gegen die Tschechen bei und macht dadurch einen zehnfach schlimmeren Fehler als die Prager Juden. Denn nichts, auch rein garnichts zwang die ״F. W. V.“, in diesen erregten Tagen nach Prag zu gehen und s i e 11 in c i 11 e n Kampf zu mischen, der sie nichts angeht, und i tr dem beide Bet e i I i g t e g I c i c I! e r tu a s s e!1 i 11 r c Feinde s i 11 d. Und in Prag stellt sich der Vorsitzende, Herr cand. jur. Löwcntlial hin, hält eine deutsch-nationale Rede und :lässt sich mit ״Hcir*־Ruicn bejubeln! (״Heil“ ist in Oesterreich beinahe dasselbe wie ״Hep, hcp“.) Herr cand. jur.׳Löwcntlial aus Berlin! Natürlich bekommen die Berliner Herren auch ihren Lohn auf der Strasse. Einer wird mit einem Stockhieb verwundet, und Herrn Löwcntlial wird ins Oesicht gespuckt - pardon: ״nur ins Gesicht gespuckt“ (siehe oben!). * * * W;'ire die Sache nicht ziemlich ernst, so müsste man darüber lachen. So aber kam! man nur dem dringliehen Wunsche Ausdruck geben, diejenigen, die es angeht, möchten sich von dem verständnisinnigen Schweigen der liberalen Presse über alles, worauf es uns gerade ankommen imiss, und von dem Brimborium, mit dem s:e geflissentlich die ״r c i c 11 s d c u t s c h e 11 S t u - deuten“ um gibt, nicht blenden lassen. Nicht vorkennen, dass liier e i 11 e g a 11 z 1111 g I a 11 b I i e 11 e '1' 0 r ־ beit und Taktlosigkeit begangen wurde. Line Torheit, weil ein Jude Antisemiten, erklärte Judenfeinde, durchaus nicht zu unterstützen verpflichtet ist, auch wenn Schauturnen Kürzlich hatte ich Gelegenheit, einem Schauturnen des Berliner ״Bar Koeltba“ belzitwohnen. Wenn mau die Entwickelung der Jüdischen Turnvereine von Jahr zu Jahr beobachtete, wenn man die Schwierigkeiten und Hindernisse kennt, mit denen sie zu kämpfen hatten und noch haben und wenn man dann einem Schauturnen beiwohnt, so bemächtigt sich unser ein erhebendes Gefühl, das uns.Mut cinflös« zum weiteren Kampie für das Judentum und Vertrauen zu unserer guten, jüdischon Sache, Noch ist es nicht lange 11er, da konnte nur ein kleines Häuflein jüdischer Turner liier in Berlin der Oeffcntliclikeit zeigen, dass dem Juden turnerische Fähigkeiten und Fertigkeiten ebenso beizt!־ bringen sind, wie dem Nichtjuden. Dieses Mal sah man schon eine recht stattliche Anzahl Turner und Turnerinnen der verschiedenen Abteilungen. Diesmal galt es auch zum ersten Mal die neu eingerichtete Schülerabteilung vorziuiiliren. Es gab wohl keinen unter den Zuschauern, der durch die vor Freude stralilendcn Gesichter der Kleinen nicht selbst mitgerissen wurde und es war sicher, dass der unbewusste Stolz, sich als jüdische Turner vor der OctfentIichkc.lt zu zeigen, sie gleichzeitig den Ernst verstellen Hess, mit denen sie .ihre Hebungen ausführten. So hatte man alle Ursache, über die guten Gc,‘rätübunge11 zu staunen und ausserordentlich viel Spass, dem Tauziehen zuzuscheu. Die Vorturner scheinen es gut zu versteifen, ן die Tnrnhist durch geeignete Spiele zu wecken und zu fördern. Diese' Einrichtung bedarf der grössten fortgesetzten Aufmerksamkeit von Seiten des Vorstandes, damit die Kleinen von Jugend an unter gul jüdischem und gut turnerischem Einflüsse stehen. Dieser Stamm wird ausserordentlich wertvoll sein, für unsere jüdische Zukunft, Einen netten Eindruck machte der gut einsiudierte Mädchenreigen und aiigenclpn wirkten die exakten Hantelübungen der Erauenabtcihing. Wenn zum Aufmarsch aber ein gut jüdisches Lied gesungen worden wäre, wäre die W irkung eine noch vollkommenere gewesen. Das ist ja eben, was bei uns und bei allen idealen Bewegungen mitreisst, eine Dichtung, die das Volk versteht. die die Fasern des eigenen Volkes erfasst und die In flammender Sprache zur Tat autmuntert. Infolgedessen war auch der Unterschied zwischen dem Aufmarsch der Frauen- und dem der Mätmer-Abteilung ein gewaltiger. Man wurde selbst stolz, und freudig bewegt sich die Brust, wenn aus so vieler Munde der jüdische Turnergruss erschallt und die ilatnmende Aufmunterung des schlafenden Judentums. Fs mag sein, dass die ׳einzelnen Uebungeit mehr Anstrengung erfordern» mehr Schwierigkeiten bereiten, und die Leistungen als solche höher ciuzuscbätzen sind. Als Gesamtes bildet solch ein Aufmarsch wohl den Höhe- Punkt. Die Freiübungen sowohl, die einen angenehm ästhetischen Eindruck machten als auch die Gerätübun* gen klappten alle sehr gut und wie stets zeichnete s;ch wieder die Musterriege durch die wolilgeluiigene Ausfiihrimg diV waghalsigsten, schwierigsten Reck- und Barren-Uebtingen aus. Im Grossen und Ganzen w aren alb sowohl vom Gesamt-Eindruck als auch von den Einzelübuiigen überaus befriedigt, und ein jeder wünschte, dass alle die, d:e cs noch nicht getan, der Aufforderung des ersten Vorsitzenden, des Herrn Theobald Schalem, Folge leisten mögen, der in klaren kurzen Worten die Bedeutung des Schauturnens wiird:gt und zum Anschluss an den Barkocbba auffordertc. Dann wird der Zukunft unseres Judentums gut vorgearbeitet. x י S a 1 o T r a 11 s I a t c u r. T