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Jüdische Rundschau · 1908-12-04 · Heft 49 (4.12.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 49 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Prag Die ״Freie wissenschaftliche Vereinigung“ teilt uns mit, dass hei den Prager Fxzesscn nicht ihr, Vorsitzender, sondern einer seiner Beuleiter durch einen Stockhieb verwuiuict worden sei. Den! Vorsitzenden. Kan did a t e n L ocweiithal, wurde nur ins ö e s i c 111 ue spuckt. Berliner Tageblatt, 30. XI. 08. Die Juden in Prag sind in einer ähnlichen Situation wie die Juden in Posen, Zwei kämpfende Nationalitäten liier und da, zwischen denen eine )licht unbeträchtliche Zahl von Juden lebt, die — an sich schon aui beiden Saiten nicht sehr belicht — durch ihr Eingreifen in den Kampf der beiden Volker notwendigerweise die Abneigung der einen zu fanatischem Hass steigern, ohne darum die Freundschaft der anderen zu gew innen. Es ist gewiss nicht leicht, in solcher schwierigen Situation immer das Richtige zu treffen und Felder zu vermeiden. Aber eine prinzipielle Forderung, die unbedingt an die Juden in Ostdeutschland ebensow ohl wie in Böhmen zu stellen ist, muss erfüllt werden, wenn man den Juden nicht den berechtigten Vorwurf einer unglaublichen politischen Kurzsichtigkeit machen soll: dass sie nämlich auf alle Fälle vermeiden, zu Gunsten oder Ungunsten eines der kämpfenden Völker aktiv in den Kampf einzugreifen. Um diese Forderung anzuerkennen, braucht man nicht Zionist, braucht man nicht einmal •Nationaljude zu sein —- dazu darf man mir kein Illti sionspolitikcr sein und muss einen klaren Blick für politische Dinge und ein Gefühl für die Imponderabilien haben, die gerade dm National'tätenkampf eine so grosse Rolle spielen, und die auch der ״liberalste“ Politiker nicht ungestraft unterschätzen kann. Nun erw'üge man unter diesem allein möglichen Gesichtspunkt die jüngsten Vorgänge in Prag. Die deutsche akademische Rede- und Lesehalle in Prag feiert ihr scchzigjäliriges Bestehen durch ein grosses Fest, das in diesen seit kurzem vom Kampf Uurehzittertcu Tagen eine erhöhte Bedeutung gewinnt. Eine erhöhte Bedeutung als Demonstration für das Deutschtum und — anders geht’s ja garnicht! — gegen das Tscheclicntuin. Welche Stellung sollen da die deutsch-jüdischen Studenten einehmen? Zumal angcsichts des rohen Ucberfalls deutscher Studeuten in Wien auf jüdische Kommilitonen? Sollten sie sich von der Feier fern halten? Das hätte vielleicht das Aufgeben einer gewiss nicht leicht gewönneneu Position bedeutet. Die gegebene Haltung der jüdischen Studenten w׳ar also: mitmachen, aber ohne jedes Hervortreten und selbstverständlich ohne jede Teilnahme an dem zu erwartenden provokatorischen Auftreten der Nationaldeutschen gegen die Tschechen. Man kann ja im Zweiiel sein, ob die Deutschnationalen oder die Tschechen die ärgeren Antisennen sind, aber dass weder diese noch jene im geringsten eine Unterstützung von j ii - disolier Seite verdienen, darüber sollte doch bei keinem denkenden Juden in Prag oder ausserhalb der kleinste Zweifel obwalten. Ein seiner Sinne mächtiger Mensch hilft doch nicht die Rute binden, mit der er nachher geschlagen werden wird — von Selbstachtung, eigener Würde und anderen schönen Dingen garnicht zu reden! — und etwas anderes bedeutet es nach Lage der Dinge natürlich nicht, wenn die Juden in Prag oder sonstwo in Oesterreich die Deutschiiatioiiakm stärken, deren eifrigstes Bestreben es ist, in Oesterreich die Juden nach russischem Muster zu entrechten! Was taten aber die jüdischen Studenten? Sie machten nicht nur mit, sondern übernahmen so- Zusagen die Führung. Sie vergassen nacli kaum acht Tagen bereits die Wiener ״deutsch-nationalen“ Prügel, die dort auf ihre wehrlosen KouimiFtonen gefallen waren, und Hessen sich min von den Tschechen für das ״bedrohte Deutschtum“ abermals verprügeln. Trugen stolz ihre in! Kampf um das Recht der Deutschen erworbenen Wunden und sangen ״Die Wacht am Rhein“! Es klingt wie eine Satire, ist aber Wahrheit: Colin, ülcsfugcr und Compagnie, die nach dem Willen de,r Dcutschnationalcn in russischer Pr0zcnt!10rin zu den Schulen und Universitäten zugclassen werden sollen (Resolution Sclimid!!), stellten sich in Prag hin und sangen stolz das in Oesterreich übliche Kampflied der Dcutschnationalcn — den Tschechen zum Trotz! WahrFch, wr.ir haben doch noch Helden unter uns, und die c 11 r i s 11 i c 11 c Tugend der S c 1 b s t v c r - 1 c u g n u n g w?ird von merkwürdig vielen Juden geübt! Das waren die Prager Juden. Man kann sie entschuldigen wollen. Kann sagen, der Trubel habe keine klare Erkenntnis der Sachlage in ihnen aufkonnnen lassen — obwohl sie natürlich d־:ese Erkenntnis längst hätten haben müssen! Datieren doch alle diese Fragen und Kämpfe nicht erst von heute und gestern! t I i , #, L I * v t•■ וי ׳ H u | 9■ fl . | . . I r-

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