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Jüdische Rundschau · 1908-11-27 · Heft 48 (27.11.1908) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 48 (27.11.1908)
Date
1908-11-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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No. 48 Seite 476 JÜDISCHE RUNDSCHAU Juden in Tunis sein will. Man muss Htm unter den Juden von .'hum zwei Kate gori en unterscheiden, erstens: die eigentlichen tuncsi.se h e n J 11 d e n . die Untertanen des Hey sind, und die entschieden in einer weit schlechteren Lase als die übrigen tunesischen Bürger leben, zweitens die cu ro* püischen Juden, die gleichviel, ob sie in Tunis geboren oder erst spater eilige wandert sind, oiiiziell den verschiedenen europäischen Nationalitäten. Franzosen. Italiener. Engländer zugereclmet werden, und die alle Rechte gemessen, die den anderen Bürgern der betreffenden Nationalität xiikoimncn. Die neue Wochenschriit ״Le Dcicnseur״ will sowohl das Organ der tunesischen wie der in Tunis lebenden euroli'iischen Juden sein. Eiir die tunesischen Juden wird ..Le Defcnseur* das Kanipiorgan zur Erlangung ihrer Bürgerrechte sein und für die europäischen Juden ein Blatt zur Yerteidigung des Judentums gegen die üblichen Angriffe. au denen cs natürlich auch in Tunis eicht ielilt. Im Direktioushomite•: des neuen Blattes sind Juden beider Kategorien vertreten. Es bestellt aus den Heiren Nissiin Haddad. Rafael Seemauia. Victor Sciaiom. Alfred Valensi. ־ Die vorliegende erste Ni: mm er enthält eine Anzahl recht temperamentvoll und mutig geschriebener Artikel. Der Programmartikel. der den Titel des Blattes führt, enthält scharie Angriffe gegen die 1111gerechte ״Rechtspflege“ des Dar-cl-Bev und eine Kritik der ,.Entsehtildigungsvorschläge“. die Herr de Dianous den tunesischen Juden gemacht hatte. In einem weiteren Artikel von Marcel Cutiwel .,II laut (tue li France saciie..." spricht der Verfasser die Mofinung aus. dass das französische Volk auch die Befreiung der Juden \o•! Tunis durchsetzen werde und schliesst mit dem Satze:. I.e peunie francais .1 dciuoii d'autres bastilles.“ ־ Mau kann den Juden von Tunis, eiic sicli nun energisch zu rühren beginnen, nur vollen Erfolg im Kampi um ihre Bürgerrechte wünschen und hotten, dass sie in ihren auf das Rcclitsgefidil der Eranzosen basierten Fr- Wartungen nicht getäuscht werden. - Allerlei Das Testament eines jüdischen Sonderlings Die letzte Nummer des ungarisch-jüdischen Blattes EGYENLÖSEG enthielt solgende Notiz: ״Im vorigen Jahre ist in Wien unser sonderbar verantagte!־ Glaubensgenosse Donato Taussig gestorben. Derselbe traf die letztwillige Verfügung, dass von seinem Vermögen eine Million Kronen der Orden der Barmherzigen Brüder er-!•alten soll, dagegen wurden von! Genuss seiner übrigen Hinterlassenschaft die sogen, ״polnischen“ Juden ausdrücklich ausgeschlossen. Der Eall wurde durch eine eigentümliche Szene wieder aktuell, die sich kürzlich in der Wiener Synagoge in der Scitensteitcngussc abspielte. Zu Beginn des Gottesdienstes erschienen hier nämlich zwei Mitglieder des Barmherzigen Ordens in vollem Ornat. In ihrer Begleitung befanden sieh auch sechs Polizisten in Uniform. Die kleine Gesellschaft begab sich, so wie sic gekommen war. in den Tempel und nahm in der ersten Baukrcihe auf den besten Sitzen Platz. Sie wartctcu still das Ende des Gottesdienstes ab, und als an das Kadiscligebet die Reihe kam. erhoben sich die beiden Ordens-!•rüder und verrichteten mit den übrigen jüdischen Trauernden andächtig das Gebet fiir das Seelenheil des Verstorbenen. Später erklärten sic. warum sie dies getan. Weil TaussTg die Million Kronen dem Wiener Ordensliause der Barmherzigen unter der Bedingung vermacht habe, dass der Orden am Jahrestage des Ablebens des Erblassers zwei .Mitglieder in die Synagogc >11 entsenden hat, um dort das Gebet iiir das Seelenheil ues Verstorbenen gleichzeitig mit-den übrigen Kadisehsagera zu verrichten. Der Orden habe die Million auch unter dieser Bedingung angenommen. Schliesslich ist eine Million Kronen schönes Geld, dafür kan 11 man selbst in Wien Konzessionen machen.“ Die antisemitische NEUE BAYERISCHE LANDESZEITUNG hat sich daraufhin au die Wiener israelitische Kultusgemeinde um eine offizielle Auskunft gewandt und von dem Sekretär Dr. Adler folgende Antwort erhalten: ״Die Meldung des EGYENLOSEG entspricht im ganzen und Grossen den Tatsachen, doch muss der Tatbestand wie folgt festgestellt werden: Donato Ta׳׳ssig. ein mehrfacher Millionär. hat in seinem Testamente nebst zahlreichen grossen Zuwendungen iiir jüdische /wecke auch dem Barmherzigen- Orden eine Million Kronen vermacht. Im Testament äussertc Taussig den Wunsch, dass dem Kadischgebete an seinem Sterbetage י—־ hierfür hat er bei der israelitischen Kultusgemeinde W ien eine besondere Gcbctstiituog gemacht — auch zwei Vertreter des C1:Jens beiwohnen mögen. Am 19. Oktober, an welchem sich der Sterbetag zum ersteimi.ilc jährte, erschienen auch tatsächlich zwei Mönche in der Synagoge in der Seitenstettengasse und wohnten dem Gottesdienste hei. Die Anwesenheit der Ordensbrüder rief in der Synagoge hegrciflicberweise grosses Aufsehen hervor, obwohl sic sieh alle Miilte gaben, sich tmauiiällig zu benehmen. Als am Schlüsse des Gottesdienstes dei Kantor das Toteugcbet anstimmte, erhoben sich die beiden Mönche und sagten - die in ihrer Nähe Stehenden sahen und hörten dies deutlich aus einem mitgebrachten jüdischen Gebcthiiche das Kadiscligebet im Urtexte mit.“ Von den Bergjuden in Kaukasier! Ein (jüdischer Reisender erzählt interessante Einzelheiten von dem Leben und den Sitten der Bergjuden in!)erbeut am Kaspischen Meere: Die Juden v.olmen in einem besouderen Viertel der Stadt, einem alten Ghetto, __ in kleinen, niedrigen liüiiscliei•. die zumeist mir ein einziges Zimmer entl!;;lten. das natürlich als ScI1l.11-, Wohn-. Speise- und Kinderziimner für die gai.ze Eaniilie dient. Irgendwelche Möbel sind meistenteils nicht vorhanden, und der Eussbodeti. und zwar ein sehr primitiver, ersetzt meistens auch gleichzeitig den Tisch. Die Gassen im (Üictto sind!!!!gepflastert, eng und schmal und in der Regenzeit natürlich gänzlich unpassierbar. Die Kleidung der Juden ist dieselbe wie die der Perser, und nur an den schwarzen, brennenden Augen und den laugen Bärten erkennt man den jüdischen Typus. Hie meisten dieser Juden beschäftigen sich mit Gärtnerei, eine grosse Anzahl;mell mit Teppichweberei. Vereinzelt, gibt es auch Krämer und Händler unter ihnen, imd and! beim Eiselitiansport werden vielfach Juden beschäftigt, in der letzten Zeit haben sie cs auch mit anderen Gewerben versucht, aber sie können nur schwer mit den Persern konkurrieren, weil diese noch viel bedürfnisloser sind und deshalb immer noch billiger arbeiten können. In allen Berufen arbeiten übrigens fast ausschliesslich die Männer: nur in der Gärtnerei sind liier und da auch Frauen tätig. Die Lage der Frauen ist. äusscrlicli betrachtet, schrecklich. Die Frau lebt in einem wirklichen Sklavenziistand. wie bei vielen orientalischen und bei allen nledrigste-henden Völkern. Schon gleich bei der Geburt wird das Mädchen vom Vater und von den Brüdern verachtet, während ein Knabe sehr geschätzt wird, weil er später dem Y'ater bei der Arbeit helfen kann, und weil er nach des Vaters Tode das ״Kaddisch" (Totengebet) sagen wird. Das Mädchen wird denn auch ganz vernachlässigt. Alle Sorgfalt wird den Söhnen z!!gewendet. Erst wenn das Mädchen zwölf Jahre alt geworden ist — die Frauen sind in diesem Alter dort sch״!! völlig erwachsen ~~ und ihr Betragen den! Ruic der Familie gefährlich werden könnte, was bei dem gänzlichen Mangel an Erziehung nur allzu begreiflich ist. erst dann fängt man an sich mit dem Mädchen zu beschäbigen, d. 11. ihm einen Mann zu suchen. Natürlich wird der Mann ohne Wissen des Mädchens von den Eltern ausgcsucht. Beide Schwiegereltern kommen zusammen, machen einen ..Kiddusch“ (Segensspruch). verzehren einige Nüsse, und das zwölfjährige Mädchen wird Braut. Es darf nun mit Männern überhaupt nicht mehr sprechen, ja. sie nicht einmal ansehn. Auf der Strasse muss das Mädchen ihr Gesicht mit einen! Kopftuch verhüllen. Wenn sic zuiällig ihrem zukünftigeu Mann begegnet, so verbirgt sic ihr Gesicht noch mehr und bleibt stellen, bis der Bräutigam verschwindet. — In neuerer Zeit gibt es auch unter den dortigen Bergjuden schon einige Familien, die sich etwas den modernen Anschauungen;ingepasst haben. Aber das sind vorläufig noch Ausnahmen, deren Zahl nicht so rasch steigen .kann, da die grosse Mehrheit in überaus ärmlichen Verhältnissen lebt und wenig von der Aussen weit erfährt. Aus der Türkei Saloniki. Die B 0 y k 11 י b e w e g u n g. die in der Türkei gegen den österreichischen Handel in Szene gesetzt worden ist. dauert nngeschwächt fort. Wie die KOI-NISCHE ZEITUNG aus Saloniki meldet, ist der aus Antwerpen eingctroffeue. von einer belgischen Reederei gecharterte östei reiohisehe Dampfer ..Alga" trotz der belgischen Flagge am A ti s I u d c 11 verhindert worden. — Nach einer Meldung aus K o n s t a 11 t i 11 o p c I kündigt das türkische Amtsblatt an.!lass am nächsten Mittwoch und Donnerstag S c 11 i e s s ü b u n g e 11 in den Bosporusbefestigmigen abgehalten werden. An diesen Tagen wird die Schiffiaiirt iünf Stunden lang sistiert. Das Blatt SCHUR A-I-ÜMMET kündigt für die* nächste Woche T a g - und Nachtmauüver im. Marmarameer in Anwesenheit des Marineministers an.

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