Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 48 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 77 Die Austre ibung der Juden 1 aus Nürnberg im Jahre 14S9 i Archivrat Dr. M u m 111 r n h o f f veröffentlichte fn dem fn Nürnberg erschienenen FRÄNKISCHEN KURIER seit einiger Zeit historische Studien über die Juden in Nürnberg bis zu ihrer Austreibung im Jahre 1499. Aus dem Schhisskapitel bringen wir einen kleinen Abschnitt z׳n1׳ Abdruck, um weitere Kreise auf diese sehr interessanten Publikationen hinzuweisen: Am selben Tage (7. November I!9s) wurde im Aufträge des Rats noch ein weiteres Verhör durch Antotii Tctzcl und Willibald Pirckheimer in Gegenwart des Schulthcisscn angestellt. Geladen waren wieder die vorhin genannten 6 Juden, die Antoni Tetzel also anredete: ..Ihr Juden! Ihr werdet alle, wie sich gebührt, eure jüdischen Eide schwören, über das. so man euch fragen und Vorhalten wird, die lautere Wahrheit zu sagen.“ Nachdem sie den Eid• geschworen, wurde zunächst Mossc von Schafihatiscn gefragt, ob er ein Haus in Nürnberg habe, das sein sei. Er verneinte die Frage. Er sitze in einem Haus, das sei nicht sein, sondern des Israel Juden, seines Ei• dams. der sei jetzt nicht hier, aber er hab' sein Wohnung hier hinter einem ehrbaren Rat. Salmon Jud. der Hessin Sohn, antwortete auf die gleiche Frage, er habe kein Haus hier, das allein sein sei, sondern er habe ein Viertel an dem Haus, das ihm und des Mair Johel Sühnen erblich von dem Jubel äuge• fallen sei. Auch habe er ein Viertel an Seligmann Sacks Haus, welche zwei Viertel sein allein sei״. Johel Mair antwortete, er ha!״* kein eigen Haus hier, sondern nur den siebenten Teil von dem Drittel zweier Häuser, das eine, darin sein Vater, und das andere, darin sein Vetter Selig״״״!״ Sack gewohnt hätte. Auch hab' er seine Kleinode Abrahaiii seinem Schwäher, eingesetzt und ein Haus gekauft von dem Jassriel Schmolle). bei dem er an die zwei- oder dreiund/.vvanzig Wochen gewohnt habe. Dieses Hjus sei seinem Schwäher verpfändet. Mossc A'iair antwortete auf Antoni Tetzeis Frage, sein Vater hau an zwei Häusern einen Dritte! gehabt, an diesen beiden Dritteilen hab* er auf seines Vaters Abstcrbeu einen siebenten Teil und int übrigen sitz’ er in einem Hans, dessen ein ehrbarer Rat Figcnherr sei. aber cs sei nicht sei״, sondern der gemeinen Judenschaft. Mardochäus sagte aus. er habe wie Jeder seiner beiden Brüder an zwei Dritteilen zweier Häuser einen siebenten Teil, er habe kein eigen Haus, sondern au den zweien Häusern, die der alte Mair und Selkmann Sack, sein Ahnherr, innegehabt hätten, einen halben Drittel und einen v!erundz.w3־uzigsten Teil. Damit war das Verhör beendet. Es zeigt einmal, wie klein, verzw ickt und verzettelt der ־ Mausbesitz auch der reicheren Juden war. Aus der Tatsache aber, dass neben den Ratsherrn Antoni Tetzel. Jakob Groland. Scbald Schnrstab auch ein W illibald Pirckheimer als Ratsdeputierter in dieser Angelegenheit mitwirkt, ist wohl nicht ohne alle Berechtigung der Schluss zu ziehen, dass auch er. obgleich Humanist, sich ebenso wenig zu einer höheren und menschlicheren Auffassung der Dingo hatte erheben können wie seine Ratsgenosse!!, dass er ebenso wie sie von der allgemeinen Seuche des blinden Juden- Hasses an gesteckt war. Die Juden hatten schon im Jahre 1498 die Stadt verlassen sollen, aber es wurde ihnen die Frist für den Abzug erstreckt in das folgende Jahr, zunächst bis Lichtmess und dann bis Mittfasten. Für den 20. Februar 1499 hatte der R;1t wieder den SghuJtlieissen Wolf von Parsberg in der Judenangelegcnheit zu einen! Termin und zwar in der alten Kanzlei des Rat- Hauses cingcladeu und von seiner Seite die Ratsherren Georg Holzschuher. Michel Bebuim und Emircs (ieuder abgeordnet... Damit war der Rat denn tatsächlich in dem Besitz der Judcnhäuser, und er machte sie bald zu Geld. Der Stadthaumeister Mecliel Behcim, Heinz, Holzschuher und Endres GcuJcr erhielten den Auftrag vorn Rat. sie zum höchsten zu verkaufen. Sie führten die geschworenen Uutcrkäufcl und die Werkleute in jedes Haus, um es zu besichtigen und zu schätzen, verzeichnetcn alle auf das genaueste mit dem Schreiber Friedrich Salhert und verkauften sie an Peter Imhof und andere, wie ich schon früher ausgefiihrt habe. Der Ertrag der Häuser war 5539 fl. 27 Pid. alt 9 H.. so dass der Rat, der dem König hierfür 8000 fl. bezahlt, einen Verlust von über 24ö!) fl. zu verzeichnen hatte. Die Juden aber hatten vor Mittinsten 1499. also bis etwa zum 9. März, die Stadt verlassen müssen, was diesmal alleräings ohne alle Gewalttätigkeit des Nürnberger Pöbels erfolgt war. Ein Teil fand dank der Menschenfreundlichkeit der Markgräfin Anna von Brandenburg in deren W'twensitz NmstaJt a. H. eine Heimat, die sie aber nach ihrem Tn de i:n Jahre 1515 auf Anordnung der Markgrafen Kasimir und Georg w ieder ver- * lassen mussten. Der grösste Teil zog nach Frankfurt, wo er trotz des Einspruchs des Pfarrers Konrad Heuse! Au?•-nme fand, ein geringerer Teil soll sich nach Pr;.g gewendet haben. Vielleicht fanden auch einzelne in der Umg.gcml von Nürnberg, wie in Ottensoos, Schnaittach. Hiittenbac •1 und anderswo Unterkuuft. nur nicht in Fürth, wo Markgr; i Georg der Fromme erst im Jahre 1528 einen Juden namens 1 ,ermann aufnahrn. Kleine Mitteilungen ■Q - Während des Druckes erhalten wir aus Bukarest die telegraphische Nachricht.'dass es den langjährigen Bemühungen unseres Gesinnungsgenossen, Dr. Rabb. Nicmirnwer. endlieh gelungen ist. dass der rumänische Kassationshof die schmachvolle Eidesformel ״m:»re jndiic«*׳' durch ein zuspreclicndes Urteil cndgiltig aufgehoben hat. Wir gratulieren unsere״! verehrten Gesinnungsgenossen zu diesem scheinen Erfolg. Berlin. Der Israelitischer Forthlldungsvcreln Montitiore. der siel! die Aufgabe gesetzt hat. die gesetzestreue jüdische äugend Berlins zu vereinen, um in ihr jüdische Lebensanscluiuungen zu werken um' die Kennnis des Judentums und seiner vclirc durch regelmässige Le! nstmiJen und Vorträge zu verbi eben, kam! auf eine 2“: äh Hg•; Tätigkeit :׳.uriickblicken. Aus kleinen •Auf:'!!een hciniis hat sie!; der Verein zu der heutigen Grösse entwickelt, s!» dass er in! vorigen Jahre ein eigenes grosseres Wreiushciiu. Gipstrasse 12 11. beziehen konnte. Die I esc- und I•!Miotlickstäimic sind allabendlich sowie den ganzen >abbat|! gefd'nci und liege!! dort ausser jüdischen Zeitungen auch Tageszeitungen. Zeitschriften und Journale aus. Der Eintritt ist ■tder!nan!1 gestattet, im Wintersemester werden folgende •Sc'mirim abgehaltcn: Sonntag. 4 5 Lhr nachm.. Psalmen. Herr Dr. V.T.hlgemtith. Freitag. ‘-•9- ,-•Jo Uhr abends: A'iischua. Herr Dr. Bibericid. Sabbath. ,-צ' —ין־| Uhr vormittag: Z־;.s היי Mitg’iederkursus. An jedem Dienstag Abend (Lccinn 9 Uhr) findet ferner ein Vortrag von Herrn Rabbiner Dr. Minsk über das jüdische• Gebet statt. Gäste stets herzlich w i 11 k o nt m e!1. ־ - Atu Dienstag, dem 17. er״ vereinigten sich fast 4m Personen zur Feier des Stiftungsfestes in eiern grossen Saale von Neumanns Festsälen. F*as Fest, durch Aufführungen und Vorträge verschönt, nahm einen glänzenden Verlauf besonders!miss das Konzert des von! Passage-Kaufhaus frei zur Verfügung gestellten Auvetopbons erwähnt werden, welcher u. a. Original-Caruso- \ orträge in vollendeter Form zu Gehör brachte und einen selten künstlerischer. Genuss bot. Dem Verein; der im nächsten Jahre sein cäjähriges Bestehen feiern kamt, ist ein weiterer Zuspruch von allen denen zu wünschen, welchen die von ihren Vätern ererbte Religion heilig ist und die ihre Musst&tunden in» Kreise von Gleichgesinnten durch Pflege jüdischer Geselligkeit und durch Fortbildung im jüdischen Schrifttum verbringen wollen. Nähere Auskunft erteilt der Schriftführer Jacob Kempe. Schönhauser Allee 186. Sehünlanke. Am s. d. M. hielt im Verein für jüdische Geschichte und Literatur Herr Dr. Heinrich Loew e. Berlin, einen Vortrag über Palästina mit Lichtbildern. Der laute Beifall der zahlreichen Zuhörer zeigt das grosse Intercsse. welches dem Vortrage insbesondere von der auwesenden Schuljugend entgegengehracht wurde. — Herr Kantor L a pi d a s, Zniti. wurde als Kantor der hiesigen Gemeinde gewählt. Hoifentlich ist hierdurch die iiir unsere Gemeinde schon akut gewordene Kantortrage gelöst. Ans Bayern wird geschrieben: Die Folge der schlechten Besoldung der israelitischen Rcbgioiislehrer auf dem Lande ist. dass keine Bewerbungen um offene Stellen ciulaufeu. So geschah cs in einer Ortschaft in der Nähe von Bamberg. Nur ein ehrsamer . Schumachermeister, ein Lehrerssolm, hat sich um den Posten beworben, und er dürfte unter den gegel»enen Verhältnissen vielleicht die Stelle erhalten. Nicht viel besser steht es bekanntlich in Elsass-Lothriiigon. In Sosnowlee wurden in der Nacht zum Dienstag acht junge Mädchen aus wohlhabenden jüdischen Familien verhaftet, weil sie sich an den revolutionären Umzügen der vergangenc'n Jahre beteiligt haben sollen: einer der Verhafteten, einem vierzehnjährigen Mädchen, wird ausserdem zur Last gelegt, dass sie bei den Umzügen eine rote Fahne getragen habe.