Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 474 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 48 Die Abordnung der bosnischen Spaniolen fuhr auch beim Erzherzog-Thronfolger vor. Franz Ferdinand lehnte es aber ab, die Jüdische Deputation zu empfangen, und entschuldigte sich durch anderweitige Inanspruchnahme. Galizischer Judenhass Dass der Antisemitismus in Galizien durchaus nicht nur auf Motive rein politischer oder ökonomischer Natur zuriiekzuführen ist. sondern dass in den hiesigen ..leitenden־‘ Kreisen derselbe instinktmassige und fanatische Judenhass herrscht, wie’ ihn etwas roher der Strassenpöbel von Odessa oder Kiew zeigt, -- das beweist ein kleines Vorkommnis, das nicht sehr weltcrschüttcrnd. aber um so charakteristischer ist für die Gesinnung, die man uns Juden hier im gelobten Lande Galizien entgegenbringt. Nach österreichischem Gesetze müssen bekanntlich die Advokaten vor Etablierung einer Advokaturs-Kanzlei einen Eid leislen. Diese Eidesleistung geschieht int Oberlandesgcrichte vor einer Kommission von fünf Gerichtsräten. Es besteht nun die Sitte, den christlichen Advok atcn 1:ac 11 de r Eidesleistung zu gratulieren, was die übrigen Mitglieder der Kommission stets initmachtei». Bis Jetzt trat der vom Obcrlandesgerichts-Präsidcntcu gemachte Unterschied zwischen Juden und Christen nicht krass hervor, well man cs so clnrlchtete. dass entweder lauter Juden oder nur Christen zur Eidesleistung erschienen. Vorige Woche ereignete es sich nun. dass unter den vier erschienenen Advokaten ein Christ und drei luden waren. Da fanden cs die Herren leichter für passend, den Christlichen Advokaten zu beglückwünschen, dessen drei jüdische Kollegen jedoch achtlos beiseite stehen zu lassen . . Juden gegenüber dari man eben nicht nur roh und ungcrecht, sondern sogar -- was in der ..guten Gesellschaft“ doch viel schlimmer ist! — taktlos sein! Polnische Kinderliebe Der zionistische Rcichsratsahgcordncte Dr. Gabel hat der Regierung einen neuerlichen Fall der gewaltsamen Entführung und Zwangstauie eines Judenkindes zur Kenntnis gebracht. Am 4. Oktober, ans Vorabende des Jomkippur. wurde in Gaiizien die 3jährige Hindc Wicscltier ans dem Hause ihrer Eltern. die gerade in der Synagoge weilten, gewaltsam entführt, ins berüchtigte Fclisianerinnenklostcr nach Krakau gc-!)rächt und dort zwangsweise getauft. Wie in allen früheren Füllen, wird auch diesmal die österreichische Regierung vor Klostermauern respektvoll ״Halt“ machen. Das Kind bleibt seinen Eitern für immer vorenthalten. Die Judenfeinde im Westen der Monarchie lassen an Rücksichtslosigkeit nichts zu wünschen übrig, aber die Schamlosigkeit und Brutalität der galizischcn Antisemiten und Piafienkncchtc übertrumpft alles. Man muss bedenken: In einem Rechtsstaate werden am hellen Tage Kinder gestohlen. Die Räuber sind bekannt das Versteck Ist bekannt und keine Macht der Welt kann den Eitern helfen. Die Zeitungen des Westens beschränken sich auf kurze Notizen, während sie sonst bei den kleinlichsten Anlässcn. das Maul mit ,.Menschenrechten“ vollnehmcn. widmen sie dieser Tragödie knapp fünf Druckzeilen. Das Kloster der Felizianerinnen in Krakau ist. eine von fanatischen polnischen Aristokratinnen reichlich unterstützte und sorgsam behütete Spczialanstalt für Zwangstaufen. Die Session des Parlaments beginnt demnächst. Es ist Pflicht aller;iidichcu Abgeordneten, gcg’cn eine Regierung, die solche himmelschreiende Gewalttat duldet, solange 7.u kämpfen, als dem österreichischen Jude׳! nicht sein natürlichstes, sein heiligstes Recht, sein Vatcrrccht gewährt bleibt. Zahl der Juden in Russisch-Polen Nach den Angaben des Warschauer statistischen Komitecs betrug die Zahl der Juden in Polen am 1. Januar 19n8 •t 716064. und zwar in der Stadt Warschau 277 787. in Göuvcrncnicnt Warschau 189 597. Gouvernement KaI isc h IOOOSO, Gouvernement Kicice IW 515. Gouvernement Lomza 103 391. Gouvernement Lublin 205 891, Gouverncment Pctrik.au 282 075. Gouvernement P I o c k 69 781, Gouverneinent R a d 0 ni 150133. Gouvernement S u w a \ k i 8059<נ und Gouvernement Siedlec 1-19317. Die Gesamtzahl der Juden beläuft sich auf 14.5 Prozent der Bevölkerung Russisch-Polens. Ein Königreich für einen ehrlichen Verbändler In neständiger Sorge um das Wohl ihres Vaterlandes bemühen sich Jetzt die ..echt-russischen Leute“, als gute Fatrioten. das russisclie Volk vor der ״Ausbeutung“ durch die JUUisehen Kauflcutc zu retten. So entfalten sic gegenwärtig überall eine lebhafte Propaganda unter dem auch anderwärts bekannten Motto ..Kauft nicht bei Juden!“ mit dem Zweck, überall eigene, d. 11. ״echt-russische“ Geschärte zu gründen, und die Juden Ihrer wirtschaftlichen Existcnzmöglichkcit zu berauben. Trotz dieser lebhaften Bemühungen gelingt cs aber den russischen Patrioten sehr oft nicht, ihren Plan durchzuführen und zwar aus einem überaus Charakteristik sehen Grunde, wie folgende kleine Geschichte zeigt: Es existiert im Gouvernement W o I h v n i e!1 ein altes Kloster PotschaJcw, das von den trommen Russen sehr zahlreich besucht wild, ln der Nähe dieses Klosters befindet sich ein kleines Städtchen, hauptsächlich v<>11 Juden bewohnt, die grösstenteils kleine Händler und Krämer sind. Das ganze Städtchen lebt naturgemäss im wesentlichen von den frommen Wallfahrern und von den Mönchen, die im Kloster leben bezw. dorthin kommen und in dem Städtchen ihre Einkäufe machen. Die echt-russischen Leute beschlossen nun. auch in diesem Städtchen ein eigenes Geschäft zu gründen• Nach grosser Mühe hatte man sich endlich durch Vermittlung der Potschaiewer Mönche und besonders des berüchtigten Paters fllodor Kredit verschafft, hatte Waren gekauft, und alles vorbereitet, um das Geschah zu eröffnen. Nun aber zeigte sich eine merkwürdige grosse Schwierigkeit. Man konnte nämlich unter du! so zahlreichen Verbändlern keinen eln/igen iindeu, der so viel Vertrauen genoss, dass mau ihm die Leitung dieses Ge- Schaftes hätte iibcigeben mögen. In dieser grossen Verlegenheit wandte man sich au den Hauptrat Jes Verbandes nach Petersburg, an den ..Rabbi** Dr• D 11 b r o \v i n mit dem Ersuchen, eine geeignete Persönlichkeit für diesen Posten nach I'fjjschajew zu entsenden. Aber auch der grosse Dubrowin w usste keinen Rat. und so entschloss er sich schweren Herzens. den Potschajewcr Gesinnungsgenossen den Vorschlag zu machen, er würde selbst nach Potschajew kommen und die Stellung übernehmen. Doch tum kommt das beste. Auch zu dem allmächtigen Herrn Dubrowin hatte man nicht das rechte Vertrauen. Herr Dubrowin ist nämlich immer noch die Abrcctmung über gewisse von ihm verwaltete Gelder schuldig geblieben und hat sich trotz aller recht deutlichen Aufforderungen bisher nicht dazu bequemen können, sie nacltzuliesern .... So müssen also die frommen Mönche von Potschajew sich noch immer von den indischen Händlern nusbeuten lassen. Wie umfassend muss aber die korrumpierende Wirtschaft der Juden in Russland sein, wenn sich sogar unter den Hunderttausenden von Vcrbändlern kein einziger ehrlicher Mensch findet, dem man die Leitung eines Geschäftes anvertraucn möchte! Ja, ja. die Juden. Wieder eine drakonische Verfügung Der Kurländische Gencralgouvcrncur M e 11 c r - S a k o - nclsky. der berüchtigte Führer der Strafcxpeditionen in den Ostsee-Provinzen, hat jetzt eine Verordnung erlassen, laut welcher jeder Jude, der nach Kurland kommt und sich dort nicdcrlässt. ohne das Wohnrecht in Kurland zu haben, mit 500 Rubel Geldstrafe belegt oder mit drei Monaten Geiängnis bestraft werden .soll. ־־• Das ist das Echo der Petersburger und Moskauer Verfügungen, die nun also i!1 Russland Schule zu machen scheinen. Nichtsdestow eniger werden aber wahrscheinlich die jüdischen Bankiers bei der nächsten russischen Anleihe ebenso stark beteiligt sein wie früher. Vom Prozess Brodsky Der Verteidiger des iutißcn Brodskv. der bekanntlich w egen der Ermordung eines Hooligans während des Kiew er Pogroms vor Gericht gestellt und. wie gemeldet, kürzlich ircigesprochen wurde, hat in seinem Plädoyer vor den Geschworenen u. a. folgendes gesagt: ״Der Angeklagte ist gewiss kein Held, aber gestehen wir es zu unserer Schande Ir: der Zeit, als wir uns verbargen und — obwohl als Christen keiner Gefahr ausgesetzt — für unser Leben fürchteten und die Strassen ängstlich mieden, wo geplündert uud gemordet wurde, tu dieser Zeit hat der Augeklagte, ohne deshalb ci!1 Held zu sein, doch das Leben auis Spiel gesetzt, indem er nur auf die Stimme seines Ge- Wissens hörte, die ihn zwang, seine Nächsten und seine Vcrwandten zu retten. Ganz allein ging er gegen ei n e Horde v o n R ä übern und Mörder n vor. die am hellen Tage ihr niederträchtiges Werk der Plünderung und der Vernichtung von Menschenleben vollbrachten. Er war, um cs noch einmal zu sagen, kein Held. nein, er ist ein Jude. dcr die Worte Christi verstand: ״Du sollst deine Seele für deinen Nächsten opfern.“