Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ko. 48 Seite 471 JÜDISCHE RUNDSCHAU Grossmächte taten alles mögliche, diesen Moment herbeizutiihren. In einer solchen Situation mussten wir die Garantie der Grossmfichtc als unerlässliche Vorbedingung erachten. Aber heute? Heute hat sielt die Lagt sehr vereinfacht. Die liberale Türkei steht als innerlich bekräftigtes Reich 1'iii alle ihre Handlungen selbst ein. Wir sind dadurch unserem Ziele um das gewaltigste Stück Weges näher gerückt. W i r wissen, dass wir «1 ti u nt ehr nur mit d e m tatsächlichen Herrn Palästinas und nur mit ihm ein Arrangc tu ent /.!1 t r e I f e n habe n. Die Verhandlungen mit den ..Erben*‘ der Türkei entfallen. Ich wiederhole nochmals: wir haben u!! - endlich viel gewönne n. Wenn einige unter uns das Gegenteil behaupten. s<» ist das gering einzuschiitz• n. Unter uns Juden ist leider die Gewojinleit. gerne und viel zu reden und vor Handlungen zuriickxiischrcckcii, stark verbreitet." Auf den Einwurf des Interviewers, dass sich Herr SaliU K. Gnu rd sc hi, ein f'iilirrr der Jungtfirkcn und Redakteur des leitenden Organs LA TURQL'IF NOUYELLE. bezüglich des Zionismus ungünstig geaussert habe, antwortete Nordau: ,Ich sage Ihnen aber, das?» Herr Gourdschi als schlechter osmanisclier Jude nur einer persönlichen Meinung Ausdruck gegeben hat. Aus ihm hat nur der parteiische, jüdische .,Jungtürkc“ gesprechen. Unsere Brüder in der Türkei erblicken die Lage in einem anderen Lichte. Auch ich kenne die Ansichten der führenden Jungtinkcn. Ich persönlich habe meinen 1־ re und Co wen, einen Führer unserer zionistischen Partei, mit de־:’. Prinzen S a I i h -a d - D i n , welcher bekanntlich die neuen Verhältnisse in de•־ Türkcit geschahen u:.J das neue Regime organisiert hat, in Verbindung gebracht. Prinz S a 1 i h ־ a d ־ Din hält unsere Sache für aussichtsreich. Nicht nur Cowen, der kürzlich aus Konstantinopcl zurückgekehrt ist, denkt optimistisch, ganz bestimmte Umstände lassen mich zu dem Schlüsse gelangen, dass wir Zionisten nichts zu befürchten und alles zu erhoffen haben.‘4 Amerikanischer und deutscher Bäderantisemitismus Es ist eine alte Gelchiehtc, dass die deutschen Antisemiten es durchgesetzt haben, dass Juden gewisse Bäder überhaupt nicht betrete^ jiöimen. ohne den arischen Tugenden des Mutes der Menge gegenüber dem Vereinzelten und des Rassenhochmutes. der im umgekehrt proportionalen Verhältnisse zur Rassereinheit steht, zu verfallen. Demgegenüber nimmt sich der Auszug aus einem amerikanischen Briefe recht merkwürdig aus, der in den MITTEILUNGEN aus dem Verein des Antisemitismus zum Abdruck kommt. Der Auszug lautet dort: Die amerikanischen Juden, die aus Europa von ihrem Somnierausflagc heimkehren, wissen \on Jahr zu Jahr immer mehr ihren erstaunt zuhorenden Glaubensgenossen zu erzählen, wie unbefangen und freundschaftlich auch in deutschen Bädern und Sommerfrischen der Verkehr zwischen Juden und Christen sei. Das wird unseren Lesern nicht wenig verwunderlich klingen, da sie ja wissen, in wie vielen RäJcrn und Sommeririschen Deutschlands Wert auf ,Judenreinheit“ gelegt wird. Aber noch mehr dürften sie sich verwundern dariilrer, dass das Staunen der amerikanischen Juden über solche Berichte nicht etwa darin seinen Grund hat. dass man sich von deutscheu Bädern andere Vorstellungen geiwacht hat, sondern darin, dass cs in Amerika in dieser Beziehung viel schlimmer ist trotz aller Politischen und gesetzlichen Gleichberechtigung. Ja. cs wird sogar behauptet, dass diese Zustände in Amerika die Hauptursachc sind, dass so viele Juden statt die Sommerterien im Lande zu gemessen, scharenweise nach Europa;Wichten, uni die Ferienzeit ohne gesellschaftliche Kränkung verleben zu können. Denn während es in Deutschland im ganzen doch nur Bäder und Sommerfrischen niederen Ranges und obskure Hotels sind, die mit ihrer Judenreinheit paradieren und bessere Geschälte machen zu können glauben, ist das Ausschlicsscn der Juden in Amerika einmal viel häufiger und gerade eine Eigentümlichkeit bester Bäder und Hotels- Aber wenn zwei dasselbe tun. ist cs bekanntlich doch nicht ganz dasselbe, auch wenn cs noch so sehr dasselbe zu sein scheint, in Deutschland wie in Amerika sind allerdings die Juden der mehr (־der weniger leidende Teil. Aber bei den Amerikanern ist es nicht sowohl Antisemitismus, als sitobblithes Getue und alles was recht ist eine gewisse.Notv ehr von der Kultur mehr beleckter Amerikaner gegenüber den zahlreichen von abendländischer Kultur so gut wie ganzlieh unbeleckten cingewanderten russischen und rumänischen Juden, die es zu etwas gebracht haben oder in der Gcfolgschalt reicher Verwandter Bilder und Hotels unsicher machen. Die reichen Amerikaner, die ja keine Titel unJ Orden, also keine Mittel besitzen, sieb von der übrigen Menschheit abzubeben, aber doch nicht jedem auf die Nase binden können, dass sie so und so viele Dollars zusammengescharrt haben, glauben dadurch, dass sie gewisse Klassen der Bevölkerung von sie!! iun halten, den Liiidrucl: erwecken zu können, dass sic etwas zu bedeuten haben, dass sic vornehm seien. Dieser Snobbistuus, von dem die meisten Menschen etwas, die Engländer \ie!. und die Amerikaner trotz ihrer republikanischen Gleichheit und Brüderlichkeit sehr viel in ihrer Brust bergen, aber nicht verbergen können, würde, wenn er sich nicht bequem gegen Juden geltend machen könnte, zweifellos Iren aus* schlicsseu — die in der Tut oft ausgeschlossen werden und als noch nicht so viele Juden im Laude waren, noch viel häufiger ausgeschlossen worden sind — auch Deutsche, überhaupt alle Ausländer ausschlicsscn. Die Knownothings gehen in der Tat in dieser Beziehung aufs Ganze und möchten am liebsten das Land allen Ausländern verschliessen. die nicht würdig seien, mit ihnen dieselbe Luit zu atmen, mit ihnen, die es fast durchweg selbst am wenigsten wert sind. Es kommt hinzu, dass die Amerikaner sehr viel auf den äusseren Habitus eines Menschen geben, die zahlreichen russischen Juden aber, oder auch die noch nicht lange amerikanisierten, in dieser Be- Ziehung wie jeder Besucher Karlsbads und Marienbads wissen wird, sehr viel, fast alles zu wünschen übrig lassen. In den deutschen judenreinen Bädern. Sommerfrischen, Hotels. Restaurants, ist dagegen nur Antisemitismus das Mo* tiv der Ausschliessung. Die nach Stellung. Bildung und selbst nur materiellem Besitz meist sehr untergeordneten Grössen, die in gewissen Bädern keine Juden neben sich dulden wollen, sind eben mir Antisemiten und weiter nichts. Man muss diesen Zeitgenossen so viel Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie schwerlich jemals sieh eiiibiklen, etwas Besonderes zu sein. Höchstens, wenn sie blondes Haar von grösserer Länge und Matte Augen haben, mögen etliche besonders unwissende Gäste sich dem Wahne hingeben, dass sie der arischen Rasse ange- Itürcn. Aber selbst diese geistig minderwertigsten Badegäste Hldeu sich kaum ein. dass uie vermeintliche Zugehörigkeit zu der arischen Rasse ihr besonderes Verdienst ist. Mit auderen Worten, in den Vereinigten Staaten werden die Juden ausgeschlossen, weil die Ausdilicssendcii Snohhs sind und hauptsächlich aut Aensserlichkeiten achten. 111 Deutschland, weil die Juden - - Juden sind. Fs ist keine Frage, dass die Redaktion der ABWEURMIT- TEILUNGEN sich mit der Zuschriit identifiziert und es scheint beinahe, dass die tiefsinnigen Erörterungen über die Ursachen und Verschiedenheiten des amerikanischen und des deutschen Judenaussehhisses auf ihrem Beete gewachsen sind. Denn sie sind so naiv, dass kaum jemand anders sic verfasst haben I kann. Offenbar solle« sich die amerikanischen Juden damit I trösten, dass der Amerikaiie» die Juden nicht aus Amisemitis-