Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 48 Seite 470 JÜDISCHE RU1DSCHAU. ״ — 1.— 1 י י י - I•! ו■——- «'■ 1■ '■ — -'I —׳. ,'1.1 . I getan, ihr habt euch versündigt ain Geiste der Menschheit, seht ihr nicht ein, dass d'es ein Verbrechen ist? Ihr sprecht von Nation, wollt ihr vielleicht neue Mauern aufrichten zwischen den einzelnen Nationen?, Wollt ihr d!e Juden wiederum ins Ghetto zurückfiihren? Alles, was ihr predigt, ist falsch. Ihr wollt ein Volk sein, fehlt euch nicht das Beste — die Sprache, die eigne Scholle, der soziale Ausbau?“ Und sie vergassen, dass •entgegen allen Theorien und Theoremen, ob man de Existenz eines Volkes ,theoretisch zugestehen soll 0<kr nicht, allein massgebend für seine Existenz der Wille zum Völkstume ist und unser Volk gezeigt hat, dass es leben will und leben kann. Unser Volk, das alle Stürme Überstand und seine unendliche Lebenskraft durch drei Jahrtausende bewies, es konnte nicht sterben, weil es nie sterben wollte. Es wird von einer Mission gesprochen, die unserem Volke zuteil geworden und wenn wir um uns bttxkcn, was wir der Welt gegeben, dann könnte mau daran glauben. Wo stossen Sie nicht auf Spuren utiseres Volkes? Alles Grosse und Edle ist mit von Juden geschaffen worden. Aber schlecht hat es uns die Welt gelohnt. ואחנת לרעך ככוך Stellt geschrieben, aber wer denkt daran, dass das Wort ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ vom Juden stammt? Und gerade den Juden gegenüber wurde es am wenigstens geübt. Ich brauche nicht riickzuschanen in die Gesclrchte, zu erinndrn an die Scheiterhaufen, die in Spanien errichtet und mit Judcnflcäsch genährt wurden, zu Ehren des — Gottes der Liebe und wie jene, die sich Vertreter der Religion der Liebe nannten, diese uns gegenüber verlcugneten. Sehen wir es nicht beute, nicht täglich? Wir brauchen unsere Blicke nur etwas über die schwarzgelben Piählc h'nausziiwendcn, dort in den Osten und Südosten Europas. Wo werden mehr Menschenrechte mit Füssen getreten und doch, wer hat das Wort in die Welt geworfen: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Wenn irgendwo ein jüdischer Gauner, ein jüdischer Wucherer erwischt w:rd, dann heisst es nicht, der Gauner oder der Wucherer, dann wird es der ganzen Judenheit aufs Kerbholz geschrieben, aber die Grosstaten menschlichen Geistes, wie die eines Hertz, oder wenn ein Bizet die Kunst um Schätze bereichert, das war nicht der Jude, der diese Schätze gegeben, das war der Hertz oder der Bizet, dass wir Juden diesen Hertz und Bizet der Welt gegeben, das ist vergessen. Doch wenn die anderen es vergessen, schlecht wären wir, wenn wir es selbst vergässen, dass das Beste was wir der Menschheit gegeben, aus dieser einen grossen Wurzel wuchs, aus dem Judentum. Man sagt uns, wir hätten die Kultur der westlichen Völker in uns autgcnomm.cn und deshalb seien alle Untcrschtedc verschwunden. Bas ist nicht wahr. Es ist auch unser, was die Menschheit geschaffen. All das, was wir aufgenommen, das passierte sozusagen das jüdische Medium, das alles ward durch jüdischen Geist umgearbeitet und weiter ausgebaut. Wir haben n:cht bloss das, was wir von anderen in uns aufgenommen, sonefern auch das, was wir durch unser Denken erreichten. Dass dieses Denken wirklich wert ist. erhalten zu bleiben, das zeigt unsere drc־‘tausendjährige Geschichte. Und dass wir Talente haben, viele Talente, das brauche ich kaum zu schildern. Wie viele Talente gehen zugrunde, weil sie Juden s:!nd? Wir kennen nur jene, denen ׳es gelungen ist, sich emporzuringen. Ich könnte Ihnen aus meiner Lehrpraxis Beispiele zeigen, wie unter unglaublichen Mühen und Entbehrungen Ta- Iente zugrunde gehen und wie aus Kindern des Wilnaer und Kischiucwer Ghettos Talente gekommen sind. Aber diese Hindernisse finden Sie nicht nur dort in der russischcn Hölle, auch hier bei uns werden Ghettomauern, uns'chtbare Ghettomauern errichtet. Jene, die die Schmldsche Resolution unterschrieben haben, die uns von den Schulen und von den freien Berufen zurückstosscn wollen, welche sagen: ״Für den Juden ist nur der Handel mit alten Hosen,“ die uns nicht hinciniassen wollen «n den Saal der europäischcn Kultur, die bilden die grosse Gefahr für uns und die zweite Gefahr liegt in uns, dass wir cs nicht sehen, was uns bedroht, dass wir darauf bauen, Juda wäre drei Jahrtausende alt geworden, hätt-c schwere Stürme überdauert und würde auch diese überdauern. Wir verschlicssen unser Auge vor der grossen Gefahr, die uns droht. Früher war es einem Famil'cnvatcr Lust und Freude, wenn er mehrere Sohne hatte. Heute ist es, wo nicht grosse Geldmittel zur Verfügung stehen, eine Sorge, denn er muss sich fragen, was fange ich mit meinen Söhnen an; gibt cs noch einen Beruf, wo der Jude frei arbeiten kann, wo ihm nicht systematisch ein Weg nach dein! andern abgesperrt w״r<J? Jeder EinzeJuc fühlt dies und jeden Einzelnen drückt dies. Abgewelirt aber kann d eser Druck nur durch einen allgemeinen Zusammenschluss aller Juden werden. Wem! man alle unsere Gründe, die wir für ein Zusanunensehliessen der Juden Vorbringen, ablehnt, dann ist cs der gemeinsame Fnsstritt, der uns zusainnicnschliessen muss. Es ist d e Zeit gekommen, dass wir erkennen, was wir dem jüdischen Namen schuldig sind. ..Jude“ und ״jüdeln“ galt lange genug als Spottname. Man wollte nicht daran denken, dass man zum ältesten Adel der Welt gehört. Man nannte sich verschämt ״Israeät“ oder ״Staatsbürger mosaischer Konfession“. Diese Zeiten s־nd vorüber und wir müssen anders auftreten, wir müssen lernen von anderen. Als sich zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts die amerikanische Kolonie gegen den ungeheuren Druck Englands empörte, da wurden die armen Amerikaner von den stolzen Briten verspottet und es wurde auf sie ein Spottlied, der ״Yankec-Doodlc" gedichtet. Und was taten di ב klugen Amer'kaner? Sie machten den ״Yankce-Doodle“ zur Nationalhiunne und sie haben es gär weit gebracht. Hiervon müssen wir lernen und müssen tun, was die Amerikaner getan, der Name ״Jude“ ist ein Ehrenname und wir müssen stolz darauf sein, ״Juden“ zu heissen. — (Stürmischer BcTall.) SELBSTWEHR Max Nordau über die Ereignisse in der Türkei Herr Braunstein, ein Mitarbeiter der zionistischen Wochenschrift CRON1CA ISRAEL ITA, interviewte unseren Gesinnungsgenossen Max Nordau- Dieser äusserte Ich heziiglich der jüngsten Ereignisse in der Türkei, wie folgt: ״Ich kann in den jüngsten Ereignissen in der Türkei kein Hindernis erblicken. Im Gegenteil. Ich bin der Meinung, dass sie unsere Sache günstiger denn je gestalten. Wir müssen es nur verstelle», den glücklichen Augenblick auszunntzen. Unser verewigter Führer Herzl — und mit ihm all seine Freunde — glaubten sich behufs Erlangung Palästinas nicht nur an die Türkei, vielmehr an alle europäischen Regierungen wenden zu müssen. Die Türkei war eben zu dieser Zeit nicht Herrin ihrer Handlungen. Sie konnte ieden Augenblick vollkoimnene Beute irgend einer Grossmacht werden. Und die ו¬ ו י