Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 47 schreiten sie durch wütende Tschcehenluiiifen. man schilt, man spuckt sie an und schlügt sie blutig, sic aber sind selig und gehen als die Ersten. Die Hauptaktcurc der Studentendemonstrationen sind der ״Pilsener Landtag“, die ״Markomannen“ und andere liberale Studentenverbindungen, zu neun Zehnteilen aus Juden und Getauften bestehend. Die arischen ״Völklichcn** haben sich erst später und weit vorsichtiger engagiert. Es ist jetzt keine Zeit, der Lächerlichkeit des Gebahrens dieser ״deutschen" Jndcnjünglinge Humor abzugewinnen. Die Situation ist zu ernst. Robitschek, Kohn. Gle- Singer und Karpcles blamieren sich auf Kosten des jüdischen Volkes. Im Kampfe sieht der Tscheche den Juden und immer wieder den Juden. Sein Antisemitismus wird gezüchtet. Wem bringt man!las Opfer? Den Herren Deutschen, den Klassikern des Judenhasses, die im Juden den Hund sehen, ihn aus den Schulen jagen '.vollen und gerade jetzt in Nordhöhnten jüdische Geschäftsläden verwüsten. Vorige Woche erst hat der Gemeinderat der kerndeutschen Stadt Eger beschlossen. Juden und Tschechen auf Märkten nicht zu dulden. Bitte, nicht zu rasch vergessen! Für den Schulantrag des Christlichsozialen Schmid haben fast alle Deutschen gestimmt, die Tschechen waren ausnahmslos dagegen. Ist's kein Grund, die Tschechen rasend zu lieben, so ist cs jedenfalls nicht an* gebracht, sic deshalb zu bekämpfen und ihnen zum Trotze die Sache der Deutschen zu fördern. Mag Deutscher und Tscheche diesen von Berufspolitikern aus gemeinen persönliehen Motiven geschürten Kampf um hicrfieckige Burschenbünder mul Tn1t/b1111n״el ernst nehmen und als heilig hctraclitcn. Uns Juden ist er nichts und darf uns nicht sein. Wir haben neutral zu bleiben und daiiir zu sorgen dass die Assi* milanteudtumnheit. dass die Prager Ciermanen Koiin. Glesingcr und Konsorten uns nicht in Abenteuer stürzen, die arm an Ehren und reich an Kosten sind ״Czechischnationale Juden" Die czechische Presse berichtet mit schlecht verborgener Genugtuung über folgenden Vorfall: .Mit Rücksicht darauf, dass Juden und czcchische Familien ihre Kinder in deutsche Schulen schicken, um sie deutsch lernen zu lassen, verkündete der. ״Verein der ezcehischcn fortschrittlichen Juden“, er werde an ezcehischcn Schulen deutsche Sprachkurse veranstalten. Die Erlaubnis zur Benützung von Schulraumlichkciten wurde von der Schule zu St. Heinrich in Prag erwirkt. Die Kurse sollten unentgeltlich sein und die Schuldirektoren wurden angegangen, die Schüler auf die Kurse aufmerksam zu machen. Mit dem Unterricht wurden Lehrer czcchischcr Nationalität, welche an Prager deutschen Schulen wirken, betraut. Als Teilnehmer an den Kursen meldeten sich 830 Kinder. Vor der Einschreibung, zu der alle Kinder erschienen waren, gaben die Veranstalter bekannt, dass eine Krone Einschreibcgebiihr zu zahlen sei. Nach dieser Erklärung kam es zu einer Szene, welche die Veranstalter hoffentlich etwas klüger gemacht haben wird. Die Schüler stiegen auf die Bänke und riefen einstimmig: ״Hanba zidum!" (Schmach den Juden!) Nach dieser Szene untcrliesscn die Veranstalter die Einschreibung und verlegten sic auf Sonnabend. Die Kinder erschienen auch an diesem Tage wieder, die Veranstalter aber blieben lern. Deutsche Akademiker als Pogromhelden Ein dcutscliuatioualcr Couleurstudent rempelt einen Zionisten, ein Mitglied der Verbindung ״Kadimah". roh an. Der Kaditnabner verlangt Satisfaktion und erhält die bekannte Antwort: Ein echter tcutscher Mann gäbe ״Saujudcn“ keine Genugtuung. Nun erteilt der beleidigte Jude seinerseits die einzig richtige Antwort, indem er den brutalen Ecigliug ohrfeigt. Die beteiligten Gruppen sind ungefähr gleich stark, die wichtigste Vorbedingung deutsch-antisemitisclu-o Meldentums, die zehnfache Ucbermacht, ist also nicht gegeben, so entfernen sich die ־ Dcutschnatioualcu sang- und klanglos, ihre tatkräftige Entrüstung für eine günstigere Gelegenheit sparend. Die Gelegenheit ist bald geschaffen. Am Montag sammeln sieh die'Dcutsclinationalcn. durch Christlichsoziale verstärkt, zirka KKlo Manu stark, vor der Universität und überfallen einzelne aus den Vorlesungen kommende ahnungslose Hörer und misshandeln sic in brutalster Weise. Auch zwei gänzlich unbeteiligte jüdische Studentinnen werden von der Horde attackier(, geschlagen und gröblich bcschimpit. Damit nicht zufrieden, verteilen sich die Sprösslinge der arischen Edelrasse in den umliegenden Gassen und fangen, ganz nach russischer Pogrouimanier, jüdische Passanten, darunter alte Männer, ab und prügeln sie. bis Blut fliesst. Jetzt sicht sich der löbliche Universitätssenat veranlasst, cinzusciireiten und verhängt — mau höre und staune -—über die ״Kadi nt a h" das Verbot des Farbentragensl Um sich vor den feigen Massenangriffen I Seite 465 zu sc 11 ii t z e 11, besetzen am Dienstag die Jiidischnationalcn die Universitätsrampe. Eine zehnfache antisemitische Ucbermacht umlagert sie. Die Angreifer werfen, wie cs sich für ritterliche Akademiker ziemt, Steine und Stinkbomben und spritzen mit Schwefelsäure (!). Die Juden harren mutig und ruhig aus. Auf Zureden und Versprechungen des Vertreters der akademischen Behörde, des Kanzleidirektors B1 u m a 11 e r. gehen sie endlich ihre Position auf und wollen abziehen. Den Augenblick nützen die Dcutschuationalen teig aus und stürmen gegen die gelösten Reihen. Zum Unglücke bricht das massive steinerne Rampengeländer und die jiidi* sehen Studenten fallen in die Tiefe. Auf die unter schweren Tri'umnern begrabenen wehrlosen Juden drischt nun der Pöbel barbarisch los. so dass der Platz bald mit Verletzten bedeckt ist. Die Polizei wahrt ״wohlwollende“ Neutralität. Die Deutschnationalen und Cliristliehsozialcn besetzen triumphierend den Kampfplatz und verkünden, dass sic auch in Hinkunft den deutschen Boden der Alma rnater vor fremdem Volke ״schützen״ werden! So hat sieh der aufsehenerregende Vorfall abgespielt. Die Wiener Tagesblätter, die den Zionisten nichts weniger als freundlich gesinnt sind, konnten nicht umhin, ihn in gleicher Weise zu schildern lind der Empörung über die felge Roheit der deutschen Akademiker lebhaften Ausdruck zu verleihen. Einen grossen Teil der Schuld an diesen Vorgängen trägt der Akademische Senat, insbesondere aber dessen Organ, der Kanzlcidirektor Bhimaiier. der als Mitglied einer antisemitischen StudcntciiveibimJung. statt beruhigend einzuwirken, die Juden durch spöttische Bemerkungen und Droliungen noch mehr erbitterte und durch sein Vorgehen die Antisemiten direkt ermutigte. Die Rolle, weiche dieser Beamte spielte, war eine derartige, dass die Jüdischnationalen dem Rektor erklärten, sie könnten in Gegenwart Blumauers nicht verhandeln, mit ihm weiter nicht verkehren und würden ihn. falls er es unternehmen solite. in seiner Eigenschaft als Kanzlcidirektor der Universität nochmals an sie heranzutreten, einfach davoniagen. Bezeichnenderweise bewilligte der Rektor die Entfernung des Kanzleidirektors aus dem Verhandltmgssaalc und enthob die jüdischen Studenten des Verkelircs mit diesem Kerl. Von der Uebennacht des antisetnitischen Pöbels bedroht und von der akademischen Behörde im Stiche gelassen, haben die wackeren zionistischen Studenten einen harten Stand. Sie wcrJcn aber den Kamp! um ihr akadänisches und bürgerliches Reicht rücksichtslos zu Ende führen. Die Berliner TAEGL1CHE RUNDSCHAU, das vornehme Blatt, aus dem nationalgesinnte gelehrte Philister ihre Nachrichten holen, die über Volksbedürfnisse politisieren, und mit dem Volke keine andere Berührung haben, als dass sie ihre Dienstboten schlecht behandeln, bringt eine durchaus veruncchtete Darstellung der Wiener Vorkommnisse. Sie .,übersieht“, dass die Deutschen die Angreifer waren, dass sie aber in bekannter Weise ihren Mut erst zeigten, als sie sich in der vierfachen Ucber zahl wussten. Der Wiener Korrespondent der TAEGLICHEN RUNDSCHAU berichtet hier mit jener Wahrheitsliebe, die den Anspruch nicht rechtfertigt, den sie speziell auf deutsche Ehrlichkeit und Treue erhebt. « Schlägereien auf der Wiener Universität Auf der Universität haben sich abermals zwischen Deutschnationalen und Zionisten blutige Schlägereien abgespielt, bei welchen die Rcttungsgesellschaft mit zwei Ambulanzen intervenieren musste. Es gab etwa 50 Verletzte, doch bestanden die Verwundungen in den meisten Fallen nur in Quetschungen durch Stockhiebe, Beulen und Risswunden. Nach den Vorgängen des gestrigen Tages hatten Deutschnationale wie Zionisten beschlossen, heute die Rampe zu besetzen. Die Zionisten waren jedoch zuvurgckonnuen. und hatten schon um 6 Uhr morgens auf der Rumpe Posten gefasst. Gegen 7 Uhr waren cs bereits 400 bis 500 Personen, mit blau-weisscu Abzeichen geschmückt, welche die Rampe okkupiert hatten. Gegen S Uhr erschien Kanzlcidirektor Dr. v. ßluniaucr und forderte die Zionisten auf. die Rampe zu räumen. Es wurde jedoch nicht Folge geleistet. Eine halbe Stunde später erschien er abermals und drohte die Polizei und die Feuerwehr zu Hilfe zu rufen. Unter Pfuirufen erklärten die Zionisten, nicht mit ihm zu verhandeln, sondern auf den Rektor warten zu wollen. Inzwischen batten sich vor dem Tor beim Rathauspark die Dcutsclinationalcn gesammelt, ein!*eil kam durch die Sciteneingäuge in die Universität. die Mehrzahl bummelte auf dem Trottoir vor der Universität: die Rampe war inzwischen von einem Wachekordon abgesperrt worden. Gegen 8 Uhr erschien der Rektor Prof. Dr. Exner in der Universität; die Zionisten entsendeten eine Deputation und stellten ihre bekannten Forderungen. Rektor Prof. Dr. Exner JÜDISCHE RUNDSCHAU י*מ»י ׳r 11ן|1{!וןוןחוי>ןןויןו1^ן,ו^מ^1^ו^ןוןיוי, ■«••"ייוייי *4W זויויייייייי^יי^׳ן