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Jüdische Rundschau · 1908-11-20 · Heft 47 (20.11.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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No. 47 Seite 464 / ״ JÜDISCHE RUNDSCHAU. Bai der folgenden Betrachtung soll die allgemeine politische Situation nicht oder mir soweit berührt werden, als sie aui die Lage der Juden einen Einfluss auszuiibcn gceignet ist. In Bosnien leben zirka 10 000 Juden, davon zirka 7000 Spaniolen und 3000 aus Oesterreich-Ungarn. Genaue Daten liefen nicht vor. da seit dem Jahre 1895 keine Volkszählung stattgefunden hat. Die Spaniolen. Abkömmlinge der vor mehr als 400 Jahren aus Spanien vertriebenen Juden, haben in Bosnien eine gastliche Heimat gefunden. Sie hatten weJer religiöse, noch nationale Verfolgungen zu erdulden. Der Türke, der bis Vor der Okkupation unbeschränkter Herr im Lande war. hat ■sieh den Juden gegenüber immer duldsam hewiesen. Für Westeuropa ist cs gewiss eine merkwürdige Tat- Sache, dass die Spaniolen, trotzdem sie nicht als Juden verfolgt wurden, trotzdem sic nicht im Ghetto cingcsperrt waren, nie und niemals die Neigung zeigten, sich zu assimilieren. Wortführer und Verfechter des türkischen Volkes zu werden. Sie haben sich beharrlich national als Juden gefühlt und g e g e b e n und daher allerseits Acht u n g 1111 d D 111 ־ düng gefunden. Die ,.Barbaren” liessen den Juden das Leben und die Freiheit: sie verlangten weder den religiösen Uebertritt, noch die Assimilation, sie übten keinen Druck;■us. so dass sich die Juden in gesunder natürlicher Lage entwickeln konnten. . Die Okkupation brachte eine grosse• Anzahl österreichischungarischer Juden ins Land, die als Unternehmer. Kauileute. Handwerker. Privat- und, Landesbeamte ihre Lxistcuz suchten und far.den. Die österreichisch-ungarische Verwaltung hat an der günstigen Lage der Juden nichts geändert. Mag sein, dass sie auch nicht den Willen hatte, die Juden zu drücken: jedenfalls verbot ihr die Raison, die Situation in Bosnien, r e I i - g i ö s c oder n a t i o n a I e P o I i t i k zu treiben. In Bosnien leben zirka 700 000 Serben. 550 000 Muhammedatier (Türken). 360 pOn Katholiken (Kroaten), die sich politisch und national schari scheiden. Die Regierung musste sich darauf beschränken, zu verwalten und musste politische Verwicklungen ängstlich vermeiden. Für den Zionismus sind beinahe alle Spaniolen zu haben. Von den eingewanderten österreichisch-ungarischen Juden kann das leider nicht so allgemein behauptet werden. Cs gibt leider unter den bosnischen Beamten viele getaufte Juden. Cin Teil kam schon getauit nach Bosnien. Das waren die Naiven, die da glaubten, dass sie in der Monarchie mit dem Taufscheine Posten erreichen, die ihnen ohne T a u i s c h c i!1 g ä 11 z - lieh verschlossen sind. Dann sind einige Herren da^ denen die Liebe zu einem christlichen Mädchen einen willkommenen Anlass bot. schliesslich auch nicht die besten, die in der stillen Ucberzcuguug. dass beim Avancement Christ sein, besser ist, als Jude sein, sich zur Tauie entschlossen. Es bedarf wohl nicht der Betonung, dass die Renegaten hier so wenig oder noch weniger Achtung finden, als in der Monarchie, denn die hiesige Bevölkerung, für welche r e I i ־ g i ö s e r Abfall mit V o I k s v e r r a t identisch ist. verachtet den Verräter. Unter den Beamten gibt es aber auch viele Zionisten: das sind diejenigen, die sich nicht taufen lassen wollten, auch unbewusste Zionisten, die mit ihrer Treue zum mosaischen Glauben (den sie in vielen Fällen gar nicht haben) ihre Treue zum Volke dokumentieren. Der Jude in Bosnien muss j 11 d i sc h - n a t i o 1! a I und zionistisch sein, da er nur dann gegenüber den Serben. Türken und Kroaten seine Unbefangenheit bewahren kamt. Er wird von niemanden aitgeieiudet. wenn er durch sein Vcrhalten keinen Grund zur Anfeindung gibt. Man betrachtet ja hierzulande den Juden in nationaler B e z i e h 1111 g nur als Juden: wenn er sieh seihst als Pole. Deutscher. Magyare bezeichnet, macht er sich nur lächerlich. Hier bei der Bevölkerung ist die religiöse Scheidung gleichbedeutend mit der nationalen. Da ja beim Juden sich Religion und Volksangehörigkeit decken, wären sie Narren, wenn sie die Deckung nicht benützen würden, um den Gefahren zu entgehen, die sie herauf beschwören, wenn sie sielt als Serben. Türken oder Kroaten gebärden. Für nationale Maskeraden, die auch draussen nicht ernst genommen werden, hat man hier kein Verständnis. Darrt« den lokalen Umständen war die Lage der Juden hierzulande bisher eine annehmbare. Wie sielt die Situation in Zukunft gestalten wird, lässt sich natürlich jetzt nicht hestimmen. Vorläufig scheint keine Gefahr, trotzdem merkwürdigerweise von einem Volke, welches am lebhaftesten und energischsten für seine nationale Freiheit ficht, von den Serben antisemitische Angriffe initeriioniipeii! werden. Die Serben in Bosnien haben i;! der politischen Taktik grobe Fehler begangen. An ihrem masslosett Kampfe gegen die österreichischungarische Monarchie konnten und durften die Juden nicht teihtelnnen. So haben zum Beispiel die Juden bei den Geniundcratswahlcn in Scraicwo ihre entscheidende Stimme den Serben nicht geben können, da ihr Programmpunkt: Entrechtimg der österreichisch-ungarischen Beamten und Kaufleutc. für die Juden nicht akzeptabel war. Ich hin überzeugt davon, dass die Juden lieber mit der serbisch-türkischen Partei gehen würden, als mit den unter Patronanz der christlichsozialen Partei stehenden Kroaten. Pas Verhalten der Juden in Bosnien sollte der Landes- Verwaltung selbst ein glänzendes Beispiel jüdischer Loyalität gelien.' Die Juden haben — gegen ihr eigenes wirtschaftliches Interesse — denn während des W'ahlkamptes haben es die türkischen und serbischen Oppnsitionsblütter an Lockungen und Drohungen nicht fehlen lassen — und gegen ihr persöttliebes Empfinden man kann nicht gut von den Juden vcrlangen, dass sie iiir die kroatische christlich-soziale Partei Sympathie liegen gehandelt, ais sie ihre, wohlgeuicrkt: ent- , scheidende Stimme ■gegen die türkisch-serbische Opposition abgaben. Die Stimme war nicht gegen Türken und Serben, sondern gegen einen bestimmten Programmpunkt allein gerichtet. Pas sollten Faktoren einselten, man darf die ׳Juden, die als politisch-nationale Partei eine selbständige Entsehcidüng traten, n.ciit falsch und einseitig beurteilen. Gerade diese Angelegenheit, die :01 ganzen Lande Aufregung hei ׳.orrief. hat bewiesen, dass es siir die .luden gut ist. selbständig und nach ehrlicher Frkciminis und Ueberzeugung zu handeln, die Freiheit ihrer Ueher/cugung zu wahren und zu betätigen. Die Annexion is: ■gekommen, eine neue Aera beginnt, ob sie den Juden Schlechtes oder Gutes bringen w ird, hängt von diesen selbst ab. Gegenwärtig geilt es den Juden hierztilanJe nicht schlecht. Wer kann aber behaupten, dass sich die Verhältnisse nicht' ändern können? Wird die Verwaltung immer neutral und gerecht sein, wird das beginnende politische Lohen nicht einschneidende Veränderungen bringen? W ird cs nicht Momente geben, wo im vollen Kampfe der Parteien irgend ein Faktor cs für gut findet, die Juden zum Sündenbock, zum Blitzableiter zu;rachen? Die Juden können der Gefahr begegnen, wenn sie sich als Zionisten unabhängig national organisieren. Gerade hier in Bosnien, wo der Serbe für seine Prosojeta. der Türke für Gajret. der Kroate iiir Naprcdok arbeitet und sammelt, sollte der Jude קין קימת nicht vergessen. Mehr als alle anderen, muss das Jüdische Volk iiir seine Zukunft sorgen, für eine Zukmtit. die Freunden und Feinden genehm sein muss. JÜDISCHE ZEITUNG (Wien). Kunasenau Flucht Eine Massenauswutiderung russischer Juden macht sich, wie uns geschrieben wird, seit mehreren Tagen bemerkbar. Der Strom der Auswanderer kommt aus dem russischen Gouvernement Cherson und hat die stidatuerikaitische Republik Argentinien zum Reiseziel. Die Heimatmiiden sind Landsleute mit ihren Familien, die infolge einer durch Witterungseinfhisse des vergangenen Sommers verursachten Missernte den ihnen pachtweise überlassenen Acker nicht mein bebauen können und darum durch die ihnen drohende Hungersnot zum Verlassen der heimatlichen Scholle gezwungen werden. Nach den vor der Auswanderung abgeschlossenen Verträgen wird ihnen in Argentinien unter gleichen Bedingungen Acker zur Behauung überwiesen. Bis Sosnowiec legen sie die Reise in dreitägiger Eisenhnhttfart zurück. Hier wird ihre in Ballen. Kisten und Körben verpackte Hube auf einspännige Wagen verladen und über die Zullkatntuer des russischen Grenzortes Modrzejow und die lange, hölzerne Gren/iibergaiigsbriicke nach Myslowitz geschah'[. Die Auswanderer und alle ihre Angehörigen legen den 3 km weiten Weg zu Fass zurück. In ״Myslowitz werden die Auswanderer durch das Bureau der Hamburg-Amerika-Linie nach Hamburg befördert und dort verschifft. Die Zahl dieser jüdischen Ausw׳atidereriumilien. die in iltrcttt ganzen Aeussereit den Eindruck grosser Armut machen, schwankt täglich zwischen 40 bis 150 und jede ist durchschnittlich fünf Kopfe stark. Deutschnationale Juden Robitschck, Kolm Glesinger und Karpcles bummeln deutsehen Trutz auf dem Graben in Prag. Mit Kappe und Band

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