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Jüdische Rundschau · 1908-11-20 · Heft 47 (20.11.1908) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 47 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 463 ״Fremde“ von» ersen Tage an heimisch. er lebt Im Lande der Ahnen unter frohen und glücklichen Glaubens- und Stammesbriidern in Jüdischer Sitte unj Gesinnung ein freies, arbeitsreiches Leben, ohne wie im Auslände -- zu dent nur allzuc.ft missglückenden Versuche gezwungen zu sein, sich einer neu«:, gänzlich fremden Umgebung anzupassen. Auch macht er sich die Erfahrungen der älteren Genossen zunutze. Und so soll sich denn Baustein zu Baustein fügen, bis sich im Orient das schützende Asyl für die Bedrängten unseres Volkes erheben wird. In immer grösserem Stile muss die Aus- Wanderung nach dem Orient organisiert werden, immer neue Unternehmungen landwirtschaftlicher und industrieller Natur müssen begründet werden, die die wirtschaftliche Kraft des Landes erhöhen und für neue zahlreiche Juden Arbcitsmöglich^ keiten schaffen sollen. Bie meisten dieser Unternehmungen müssen auf rein gtschäitsmässiger Basis begründet und he* triehen werden und!missen durch den hohe!! Gewinn, den sie abwerfen, das Kapital zu weiteren Unternehmungen anregen. Die neuen Zuwandercr aber werden, wem! das Werk einen gedeihlichen Portgang nimmt und sich nach den Gesetzen der wirtschaftlichen Ausbreitung spontan fortcntwickclt, nicht mehr ein Plus an Geldopiern, senden! ein Plus an brauchl arer. gewinnbringender Arbeitskraft bedeuten. Auch den Gesichtspunkt schliesslich haben wir zu berücksichtigen, dass die L'cberfahrt nach Palästina nur ein Viertel der Summe kostet, wie die Ucbcrfahrt nach Amerika. Vor den Toren des russischen und rumänischen Reiches dehnt sich das grosse Land der jüdischen Erinnerungen, das ־Larnl. dessen Regierung bereit ist, arbeitswillige Elemente, vor altem Juden, auizmiehmen, das Land, das darauf zu warten scheint, seine alte Fruchtbarkeit von den intelligenten Söhnen des alten Volkes wiedererwecken zu lassen. Wozu da ungezahlte Millionen für die Ucberiahrt von Hunderttausenden nach den überozeanischen Ghetti verschwenden? Hier gilt cs zu handeln, rasch zu handeln, denn gerade in den nächsten Jahren wird sich eine so rapide wirtschaftliche und kulturelle Entwickelung des Orients vollziehen, dass uns sehr bald das werbende Kapital zu Vorkommen wird, wenn w׳ir nicht entschlossen zugreifen. Wir hatten die Frage gestellt: Weshalb ist cs die Pflicht eines Jeden Juden, die Kolonisation Palästinas zu fördern? Dass der fromme Jude diese Pflicht als heilig anerkennt, ist selbstverständlich; ist doch die tatkräftige Förderung des ״Jlschüb“. der Besiedelung des Heiligen Landes, für ihn ein bedeutsames Gebot der Jüdischen Lehre. Und da er auch mit Liehe an allen Söhnen des jüdischen Stammes hängt und für dessen glückliche Zukunft die innigsten Wünsche hegt, so würde er sich mit den Grundlagen seiner Ueberzcugung in Widerspruch setzen, wenn er das Werk der jüdischen Kolo- ' nisation Palästinas nicht fördern würde. Aber auch für ieden anderen Juden ist diese Pflicht unabweisbar. Bei wem sollten die unglückliche!! Juden des Ostens Schutz suchen, wenn nicht bei ihren Stammes- und Glaubensbriidern. die sich in glücklicherer Lage befinden — sie, die von den Regierungen der Länder, in denen sie seit Jahrhunderten wohnen, wie Fremde, wie Sträflinge behandelt werden? Ist es also schon aus diesem Grunde die Pflicht eines jeden Juden, das Werk zu iordern, das Millionen unserer Brüder zu normalen Existenzbedingungen verhelfen un ’ der Laune ihrer Tyrannen entziehen will, so wird sie noch durch die Pflicht der Dankbarkeit verstärkt. Zu vielen Tausenden sind im Mittelalter die schwer bedrückten Juden, besonders die in Deutschland wohnenden, nach Polen hinübergeflüchtet, wo sie von ihren hilfsbereiten Glaubcnsbriideru aufgenommen wurden; ja, jene Unglücklichen, denen wir heute beizustehen haben, sind zum grossen Teile die Nachkommen jener Flüchtlinge. Gerade den deutschen Juden sollte diese liistorische Erinnerung ihre Pflicht zur Mitarbeit lebhaft vor Augen führen. Auch sollte man gerade von Ihnen ein warmes Empfinden für die Not der östlichen Juden voraussetzen dürfen, weil die Scharen der •russischen Emigranten oft das deutsche Gebiet passieren und so dem 'deutschen Juden oit genug Gelegenheit bieten, aus der Nülie an den einzelnen Flüchtlingen die Spuren des uncrmesslichen. jenseits der Grenze herrschenden Elends zu beobachten. Der ostdeutsche Jude vollends bleibe dessen eingedenk, dass er es nur einem glücklichen Zufall zu verdanken hat, wenn er dem grausen Schicksal seiner Brüder entronnen ist. Wäre bei der Teilung Polens die Grenze nur cm ein weniges anders festgesetzt w׳orden, wie viele unserer jüdisch-deutschen Familien seufzten heute unter demselben Druck w ic die unglücklichen Emigranten! Vor etwa 10(1 Jahren, im Frieden zu Tilsit, kam der preussisohe Grenzbezirk Bialyst״k an Russland, jenes Bialystok, das in jüngster Zeit der Schauplatz eines furchtbaren Pogroms gewesen ist. Möge der deutsche Jude sein Schicksal preisen, das ihn vor dieser geschichtlichen Zufälligkeit bewahrt hat, aber um so stärker fühle er die Pflicht in sich, an dem Werk der Befreiung der Unglückliehen mitznarbeiten! Der Befreiung! — aber er fühle nicht sein Gew issen beruhigt, wenn er zur kurzen Stillung' des momentanen Elends ein Almosen hergegeben hat. Doch wir behaupten, dass diese Pflicht einen! jeden Menschen, nicht nur dem Juden, obliegt, einem jeden,, der Freude hat au! Fortschritt der Menschheit, der dem Unrecht auf Erden steuern und den Enterbten des Glücks zu einer menschenwürdigen Existenz verhelfen will! Millionen von Menschen, Kinder einer grosse!» Vergangenheit, intelligente Männer, die überall, wo ihnen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Kräite geboten wird, bedeutende Fähigkeiten entwickeln. Millionen dieser Menschen drohen im Osten unter barbarischen Gesetzen in grausamer Not zu versinken, führen ein jammervolles Dasein und sind bereits zum grossen Teile in ein Lumpenproletariat verwandelt. Und nah vor ihnen Hegt ein heute schon blühendes Land, das Raum und Nahrung hat für viele Millionen, und das ebenso dringend das Volk braucht, wie das Volk das Land. Lasset nicht weiter kostbare Zeit verstreichen, sondern schaffet den Unterbau für das kolonisatorische Wfcrk, das, einmal in Gang gebracht, mit immer grösserer Leichtigkeit in Gang zu erhalten ist; helfet über die ersten Schwierigkeiten hinweg, auf dass sich das Werk in künftigen Jahrzehnten aus sich selbst heraus weiter fortentwickele! Schauet die geknechteten Proletarier in das neue Land hinüber, wo sie zu freien Bauern werden sollen, wo ״ein jeder unter seinem Weinstock, ein jeder unter seinem Feigenbäum" sitzen soll, lebend von der Frucht seiner Arbeit und neue Kulturwerte schaffend -- der Menschheit zum Wolde und dem Jiidciittituc zur Ehre. Adresse für Zuschriften: Kommission zur Erforschung Palästinas. Berlin W. 15, Uhlandstr. 175. Die Juden in Bosnien Von Gustav Seide mann (Prijedor, Bosnien). Am 7. Oktober 190S, frühmorgens, verkündeten Ausruier und Proklamationen, dass Kaiser Franz Josef I. Bosnien u n cl Herzegowina der ö s t e r - r c i c 11 i s c h - u n g a r i s e I! e n Monarchie e i n v e r - leibt habe. Die Annexion wurde von der grossen Mehrheit der Bevölkerung, das sind Türken und Serben, nix eine schmerzliche Ucbcrraschung empfunden, denn beiden Völkerschatten wurden durch die Annexion Zukunftshoffmmgen vernichtet. Nur die in Bosnien und Herzegowina lebenden ö s t c r - reichisch•ungarischen Staatsbürger, die gesamte katholische und kroatische Bevölkerung und die Juden, haben die Annexion mit lebhafter Befriedigung be- I griisst.

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