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Jüdische Rundschau · 1908-11-20 · Heft 47 (20.11.1908) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 47 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 462 JÜDISCHE RUNDSCHAU Fahrlässigkeit“ ist, wenn die Abrechnung aus dein Jahre 5666 erst Jetzt erfolgt ist. Ueberhaupt ist cs ein schwerer Missbrauch, dass stets Jahr 'und Tag verstreichen, ehe die Abrechnung veröffentlicht wird. Ich konnte keine andere Abrechnung zugrunde legen, als die soeben veröffentlichte. Sobald eine neuere Abrechnung veröffentlicht wird, werde ich keinen Augenblick zögern, mit ihr ahzurcchnen. Das ungleich wichtigere an dem Eingesandt der Pekidim und Amarkalim ist ihr versteckte;, aber sehr verständliches Eingeständnis, dass alle die .Missgriffe, die ich seit anderthalb Jahrzehnten rüge und anklagc. dazu geführt haben, dass Jahrzehnte lang der unter einander allseitig versippte ,.Kolel Hod“ trotz seiner notorisch guten materiellen Lage die «für die Oesamtheit der Armen des Heiligen Landes‘• gesammelten Armengelder geschluckt hat. Wenn den Herren in Amsterdam der Ausdruck ..Familie“ nicht gefällt, so werden sie das deutschere Wort ״Sippe“ für die gleichnamigen Chalukalineluner keineswegs zurück weisen können, umsomehr, als ja auch die ungleichnamigen nicht minder nahe mit einander verwandt sind. Pie bisherigen Chalukahgeldcr sind zum Teil gut verwaltet, da ihre Empfänger sie zu so guten Zinsen anlegeu Konnten, dass die Kolonie Petliach-Tkikvv ah noch heute ein Lied davon zu singe!» weiss. Dem nach Palästina entsandten ..verantwortliehen Beamten•* empielilc ich die Schulverhältnisse gewisser Güter daselbst eingehend zu studieren. Die Pekidim und Amarkalim seilten nicht berichtigen, was nicht zu berichtigen ist. sondern besser mach c n! __Heinrich L o e w e. Weshalb ist esPflichteir.es jeden Juden die Kolonisation Palästinas zu fördern? Kal im drei Jahrzehnte sind verflossen, seit man unter dem Eindruck der turcMbarcn Krisen, die über die schwergeprüften Juden des Ostens hcrcinbrachcn. den Gedanken einer jüdisehen Kolonisation, ei!\cr Verpflanzung der unglücklichen Massen auf einen gesunden, glücklicheren Boden in die Tat omzusetien begann. 1 . So lange die Juden über die Erde zerstreut sind, haben sie einander hilfreich die Hand geboten, wenn irgend ein Teil der Jüdischen Gesamtheit in Bedrängnis geraten war. Selbst itn Mittelalter, unter den ungünstigsten äusseren Umständen, haben die Juden Deutschlands und Frankreichs. Spaniens und Italiens. Hollands und Englands, Polens und der Türkei einander beigestanden; sie taten es in dem Bewusstsein, dass Jeder Teil ihres Volkes nur an der Gesamtheit eine Stütze finden könne, da er se״«t nirgends in der Welt aui sichere Hilfe zu rechnen habe. Und die Rollen wechselten gar oft: die Glücklichen von heute wurden die Hilicsueheudcn von morgen. In der Blütezeit der spanischen und polnischen Juden ging es den Juden in Deutschland ziemlich schlecht, und heute, wo sich die deutschen Juden in günstiger Lage befinden, sind die Juden aus Spanien gänzlich verschwunden, und die in Polen seufzen unter unmenschlichem Druck. Inzwischen aber ist eine neue Zeit angebrochen. Mir verfügen heute über moderne Mittel, um dem Uebel zu bcgegnen, moderne und wirksamere, als es Alnmsengehcn um! Bittschriftenfsberreichen sind. Die Not der östlichen Juden, insbesondere der russischen und runvänischen, hat einen Grad erreicht, dass es Unmenschlieh grausam wäre, weiter in Untätigkeit su verharren, ohne den unglücklichen Brüdern einen Ausweg aus der Not zu weisen. Heute hat fast alle Welt erkannt, dass es nicht genflgt, bei hereinbrccheiiden Katastrophen Almosen in die östliehen Länder zu schicken, mit denen man kaum dem äugenblicklichen Eiend abhelfen, vor allem aber eine Wiederkehr der Katastrophe, eine Steigerung der unheilvollen Situation nicht verhüten kann. Heute gilt die Losung: Heraus aus dem No. 47 Sumpf! Mehr als Hunderttausend verlassen alljährlich ihre östliche Heimat, um einem ungewissen Schicksal in den freien Ländern des Westens entgegcnz.uzielicn. Doch was erreichen diese Armen zumeist? Sic bereiten ihrem Elend eine neue• Stätte, sie errichten jenseits des Ozeans neue Ghetti, in denen sie zwar ihtes Lebens sicher sind, ohne* aber ihre elende Öko-!•״mische Lage verbessern zu können. Sie verdorren in den Schwitzhölleii Amerikas ebenso wie in den Ghettostadtcu des russischen Ansiedlutigsrayons. Ja. sic schleppen mit ihrem Elend den Antisemitismus in die freien Länder ein, und so ist der Tug. an dem diese Masscuwandernng ein Ende nehmen wird, nahe: haben doch England und die Vereinigten Staaten bereits bedeutende Verschärfung der Einw auderungsbestimmutigen eingefiiiirt. Bis dahin aber gehen alljährlich Millionensummen an Transportkosten ־ für die fiinialirt der Hoffende!: und oft genug auch iiir die Rückfahrt der Enttäuschten —• verloren, ohne zur Linderung der N'(«t oder gar zu ihrer Ansrottung bügetr.igc:! zu haben Es gib! einen besseren, rationelleren Weg. der zu dauerndem Erfolge i'ilirt: das Nt die Kolonisation. Man versuchte -- vor allem in Pah'istini und Argentinien osthelle Juden als Bauei 11 anzusiedchi, un I so iure Lage!fielst;1.( (Jen Augenblick, sondern ihr alle /eiten zu einer glückhellen uni normalen zu gestalten. Per Anfang des Werkes war schwer: heule aber blicken wir aui ein ermutigendes Resultat zuriick. So iiiiden v ir m Palästina 21 jüdische Porter, die zum grbssUit Teile gut gedeihen, deren einige sc gar 'tu ansehnlichem Xvohlstaud gelangt sind. Und so riehteil sich heute die Augen der luden, die eine Befreiung der östlichen Brüder aus ihrer unhaltbaren Lage lierbeisehuc;:, nach dem 0 r i c 111. Hier dehnen s?clt weite, dünnbevölkerte Uinderstrecken aus. die der ileissigen Hand des Bebauers harren. Hatte man die verwahrlosten Gefilde irüher iiir nuirtichtbar gehalten, so hat die Erfahrung mm laugst gelehrt, dass dem Land, dein jahrhuiidertelang die Segnungen der Kultur ferngcbliebcn sind, die alte sprichwörtliche Fruchtbarkeit durch den Elciss des Bauern wiedergewnmen werden kann. Au das alte historische Palästina aber sciilicssen sich weitere fruchtbare dünn hev rlkerte I.änderstreeken von ungeheurer Ausdehnung an, die allmählich der Kuitiir erschlossen werden sollen und mehr als genügend Raum zur Aufnahme unserer hilisbedüritigen Brüder bieten. Die türkische'Regierung, die über diese Länder herrscht, hat sich von iehcr als judenireiiiHllich erwiesen; nie hat es in der Türkei Judenverfolgungen gegeben, selbst nicht im iinsterstui Mittelalter, als alle westeuropäischen Staaten ihre grossen Judennbschlaclitimgen hatten. W'ie einst den vertriebenen spanischen luden, so ist sie auch heute den verfolgten russischen Juden ein rettendes Asyl. Unter den neuer Verhältnisse״, wie sie durch die Einführung der Verfassung geschahen worden sind, werden auch Justiz und Verwaltung gründlich reformiert werden, und es ist fi׳r uns auch von grosser Bedeutung, dass die Juden der türkischen Regierung als Kolonisten, die das menschenleere!.and erfüllen und aus seinem Schlafe erwecken sollen, aus naheliegenden Gründen willkommener sind als Angehörige irgend eines anderen Volkes oder einer anderen Rasse. Auch die Liebe, mit der gerade der östliche Jude au Palästina, ׳lern Lande der grossen jüdischen Vergangenheit, hängt, verbürgt uns einen sichereren Ern lg, als ihn die Kolonisation in irgend einem wildfremde.! Lande erhoben lässt. Diese l.khe zur Scholle lässt ilm die Schwierigkeiten, mit denen er in den ersten Jahren seines Baucrnkbens zu kümpien hat. leichter ertragen und überwinden, sie verhindert allzu rasche Enttäuschung und Entmutigung. Freilich sind heute diese Schwierigkeiten nicht mehr von jener schier unüberwindlichen Grösse, wie sich sich den wackeren Pionieren vor zwei Jahrzehnten geboten hatten: heute tritt der Neuling bereits in einen Kreis von Tausenden bodenständiger jüdischer Bauern ein, er fühlt sich hier in der

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