Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-11-13 · Heft 46 (13.11.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651598--06039-2663100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 456 JÜDISCHE RUNDSCHAU. No. 46 Fuhrmann vor, ihnen ״den Juden für 20 Kopeken zu verkaufen“. Der ,Iswoschtschik" war über diesen Handel hocherfreut uirJ händigte gegen Empfang von vier grossen, Fünf- ’ Kopeken-Stiicken den beiden Bauern den Juden aus, von dem er schon vorher 75 Kopeken Fahrgeld genommen hatte. Die beiden Bauern nahmen nun den Juden, spannten ihn zusammen mit dem Pierdc vor dem Wagen und trieben ihn vorwärts, indem sic ihn mit der Peitsche fortgesetzt schlugen. Da das Pferd ziemlich schnell lief, so konnte der Ärmste trotz der grössten Anstrengung nicht mit, sondern c 1 stürzte oft hin und wurde vom Pferde mitgeschleift und kam des öfteren unter die Räder. Dabei wurde er ununterbrochen von den Bauern mit der Peitsche geschlagen, dass er blutüberströmt zusammengebrochen w׳ar. Zu seiner Rettung kam plötzlich in diese menschenleere Gegend ein anderer Wagen, in dem ein russischer Adeliger sass. Der in dein Wagen sitzende Reisende befreite den Juden und setzte die Polizei von der Affäre in Kenntnis. Das Gericht verurteilte den Bauern, der den Juden für 20 Kopeken verkaufte, zu zwölf Jahren Zwangsarbeit den zweiten Bauern, der den .luden vor den Wagen gespannt hatte, zu neun Jahren Zwm!gsa־beit und den dritten, der den Juden mit der Peitsche geschlagen, zur Einreihung in die Arrestantenkcmpagnic auf,»die Dauer von 3’i Jahren. Parlann^ntswahlen im Lande Israel Aus Jaffa wird der ״N. .1. K.“ von ihrem dortigen K״rrespondenten geschrieben; Am 24. Oktober haben hier die Ahgcordnetenwahlen für den Kreis Jaffa stattgefundeu. nachdem die Wahlen in den anderen Kreisen bereits abgeschlossen waren. Das Resultat ist. w ie bereits kurz berichtet, dass drei!M 1111 n in tu c - dancr zu Abgeordneten iiir den Sandschak Jerusalem gewählt worden sind, und zwar: Rohi cl Kalidi. türkischer Konsul in Bordeaux; Said Eifendi Hussein in Jerusalern; Hafiz Bey. stellvertretender Kaimakum in Gaza. Alle drei Abgeordneten sind sehr gebildete und moderne Leute, die auch den Juden gegenüber stets eine freundliehe Stellung eingenommen haben und wahrscheinlich auch im Parlament die Rechte der Juden vertreten werden. — Der jüdische Kandidat. Dr. Lew in Jerusalem, hat seine Kandidatur zurückgezogen, nachdem aus dem Ausfall der Wahlen im Kreise Jerusalem zu ersehen war. dass die muhammedanischcti Wahlmänncr nur für muhammendanische Kandidaten stimmen würden. Die jüdischen Wahlmänncr haben deshalb, nachdem Dr. Lews Kandidatur nicht in Frage kam. ihre Stimmen für die m 11 h a in tn e d a n i s c h c!1 Kandidaten Kandidaten abgegeben. Die Christen haben, obw'ohl sie im Sandschak Jerusalem recht zahlreich sind, insbesondere in den Städten B e 111 ־ lehem. Nazareth. Rarnleh, auf ihre Kandidaten nur unbedeutende Minder 11 eiten vereinigen können. Die jüdische Einwanderung nach Palästina Zu dieser Frage schreibt die KÖLNISCHE ZEITUNG: Am 4. und 5. September d. Js. brachten wir einen Artikel filier .Die jüdische Einwanderung nach Palästina seit dem Beginn der achtziger Jahre“ von Eritz Lorch. Hierzu schreibt Dr. Arthur Ruppln in Jaffa: ,.Man kann den! Verfasser nachrühmen, dass er die in Betracht kommenden Verhältnisse, namentlich die zionistische Literatur gut kennt und dass er sich bemüht hat. auf Grund dieser Literatur eine objektive Darstellung zu geben. Leider hat sich der Verfasser nicht auf diese Darstellung beschränkt, sondern er hat cs für gut befunde1:.׳am Ende seines ATikels die jiidichen Interessen zu den deutschen Interessen in Gegensatz zu bringen und insbesondere zu behaupten, dass durch die verstärkte jüdische Einwanderung England einen Vorteil und Deutschland einen Nachteil habe. Diese Behauptungen sind vollständig unbegründet, w׳ie mit wenigen Worten dargetan sein soll Der Verfasser behauptet, dass ..die zahlreichen vom politischen Zionismus gegründeten Handelsgesellschaften engiischer Natu י seien.“ In Wirklichkeit war der Grund dafür, weshalb einige von Zionisten gegründete Gesellschaften als englische Gesellschaften begründet wurden, nicht eine Vorliebe für England, sondern die Notwendigkeit, die Mittel für diese Gesellschaften von den breiten jüdischen Massen aufzubringen. Von diesen Massen waren nicht grosse Beträge, sondern nur kleine Beträge zu erhalten. Nun bietet aber nur das englische Gesetz die Möglichkeit, auch Aktien zu ganz kleinen Beträgen, z. B. zu 1 Pfd. Sterl herauszugeben. während nach dem deutsehen Gesetz der Mindestbetrag einer Aktie 1000 Mk. ist. Lediglich diese rechtliche Erwägung hat dazu geführt, dass diejenigen zionistischen Gesellschaften, die auf dem Prinzip der 1 Pfd. Sterl-Aktie ausgebaut sind, in England registriert wurden. Wo dieser Gesichtspunkt in Wegfall kam. sind die zionistischen Gesellschaften in Deutschland begründet worden, so z. B. das Palüstiua-Industrie-SyiKükat in Berlin, das die Form einer Gesellschaft mit besclränkter Haftung und Anteile von 1000 Mk. hat: ferner der Verein ölbaumspende und der Pflanzungsvercin Palästina, sowie der Verein Bczalel. der die Verbreitung von Kunstgewerbe und Hausindustrie in Palästina zum Ziele hat. Der Verfasser behauptet ferner ״die Anglo-Palestine- Company, das zionistische Finauzinstitut im Heiligen Lande, weise Hauptverbindungcn nur nach England auf." In Wirklichkeit macht aber die Auglo-Palestiue-Compat / weder Importnoch Exportgeschäfte und durch sie kann die Importziffer des Jaffaer Handels» auch nicht um einen Pfennig zu gunsten Englands oder zum Schaden Deutschlands verändert worden sein. Die Anglo-Palestme-Companv dient lediglich als Bankstelle für die palästinische Geschäftswelt und hat auf die GescWOtsverbindting iiirer Kunden gar keinen Einfluss. Es ist schliesslich auch unrichtig, wenn der Verfasse* behauptet, dass die indischen Kaufleutc in Palästina ihre Verbindungen mit Vorliebe in England sb»tt in Deutschland suchen. Die in den letzten Jahren nach Palästina gekommenen Juden stammen /um grössten Teile aus Russland und verstehen und schreiben zum grössten Teile Deutsch, dagegen nicht Englisch. Ausserdem ist ilmcn Deutschland infolge seiner benachbarten Lage zu Russland und Polen viel besser bekannt als England. Eis l estebt deshalb die grösste Wahrscheinlichkeit dafür, dass die iihiisehen kaufleutc viel lieber mit deutschen Firmen arbeite.: als.mit englischen. Wenn de״ •Jeu'scbc Export- oder Importhandcl dennoch in den!etzten Jahren Schwankungen nach unten gezeigt habe!» so»|te so kütmen d׳e Gründe dafür mir in allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen, aber nicht in dem verstärkten Einflüsse der jüdischen Kaufleutc gesucht werden. Ein Beispiel möge dies erläutern: Den Hauptexportartikel Jaffas bildet; die Orangen, von denen alljährlich für mehrere Millionen Pauken exportiert werden Diese Orangen nehmen zum allergrösst* n Teile ihren Weg nach Liverpool, weil nur der englische Markt bereit ist. für die Jmfaer Orangen einen höheren Preis zu bezahlen als für die italienischen und spanisehen. Würde» die mehrmals unternommenen Versuche, die Juiüer Orange in Deutschland cinzufiitren. eüi besseres Resultat gezeitigt haben, so würde allein hierdurch die ganze Handelsbilanz Jaffas ein vollständig verändertes Aussehen erhalten haben.“ Jüdische landwirtschaftliche Kolonie in Kanada Dem soeben erschienenen* Berichte des Einwanderungsdepartements an die kanadische Regierung entnehmen wir die folgenden Stellen: ..Indem ich Ihnen hiermit einen Gcncralberioht Uber die jüdischen Kolonien im Westen unterbreite, beeil re ich mich, mitzuteilen, dass in Manitoba. Saskatchewan und Alberta nur einige wenige jüdische Ansiedlungen bestehen. Die älteste jüdische Kolonie ist nördlich und südlich vom Qu’Apelledistrikt gelegen. Diese Kolonie wurde vor 15 Jahren gegründet und macht glänzende Fortschritte. Einige Kolonisten besitzen und bearbeiten heute schon ganze Landstriche. Sie haben alle modernen Wirtschaftsgebäude mul eine bedeutende Anzahl!ebenden Viehs. Besonders eine Kolonie hat fiir ihre Produkte bereits zweimal Preise gewonnen. Die meisten schicken ihre Sohne in die landwirtschaftlichen Lehianstalten. Die zweitälteste Kolonie ist als die ..Hirsch and Oxhow“-KoIonie an der Estevanlinie der Canadian Pacificbahu bekannt. Audi diese Kolonie steht sehr gut und würde heute am besten stehen, wenn sic nicht unter der allgemeinen Missernte des vergangenen Jahres zu leiden hätte. Eine einzige gute Ernte wird sie wieder ganz auf die Beine stellen. Dieser Kolonie steht noch eine grosse Zukunft bevor. Eine dritte Kolonie, bestellend aus 200 Familien, hat sich nördlich von der Station Liptou der Pcasant-Hill-Linie der Pacificbahu angesicdclt. Diese Siedlung wurde vor fünf bis sechs Jahren gegründet, viele von ihnen haben sich jedoch erst später angesiedelt. Ich kenne diese Leute aus eigener Erfahrung als fleissige. strebsamc Menschen, doch ihre vorjährige, streng genommen erste Ernte infolge der starken Fröste des Vorjahres xvar eine Missernte, und da sie auch in d׳esem Jahre stark unter Frösten zu leiden hatten, so befinden sie sich in recht misslicher Lage. Diese Erfahrungen haben sic gelehrt, dass für sie das gemischte! Farmsvstcm am entsprechendsten wäre, weshalb sie sich ent- I schlossen haben, an die Baron Hirsch-Gesellschaft um Unter- (Fortsetzung auf Seite 457.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.