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Jüdische Rundschau · 1908-11-13 · Heft 46 (13.11.1908) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 46 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 455 dem sie inzwischen eine «rosse Verbreitung gefunden hatten, ihres aufreizenden Charakters wegen von der Zensur konfisziert ׳wurden. Für uns bewusste Juden sind diese Erscheinungen keine Ucberraschung: für die Trüumer der Assimilation vielleicht, und dann Jedenfalls keine sehr angenehme. — — Raub eines jüdischen Mädchens Kretovlccz bei Zbaracz. Am Abend des 4. Oktober wurde ein jüdisches Mädchen Hindi Wicscltier, Tochter des Ehepaares Michel und Chatuia Wieseltier, von dem Bauer Jacho Wrobcl und den Bäuerinnen Rozka Dcmbiezka und Nastia Talocka. während die Eltern beim Kolnidrö Gebet waren, geraubt und in das Kloster der Felicianerlnnen nach Krakau entführt. Die Eltern des Mädchens setzten alle Hebel iit Bewegung, um ihr Kind aus den Klauen der Proselytenmacher zu entreissen. Sic erstatteten bei der Staatsanwaltscliaft die Anzeige und wandten sich an den zionistischen Abgeordneten Pr. Gabel, der in der galizischen Statthalterei vorsprach und den Krakauer Advokat Dr. Lindau telegraphisch ersuchte, bei der Krakauer Polizei zu intervenieren. Per zionistische Abgeordnete Universitütsdozent Pr. Mahl e r. der auch von diesem empörenden Vorfälle verständigt wurde. Ijegab sich sofort zum Minister des Innern. Freiherrn von Dienert. legte ihm den ganzen Tatbestand vor und bat ihn um seine Intervention. Die Behörden versprachen, alles Mögliche zu tun. Nichts destow׳eiliger befindet sich das geraubte Mädchen im Kloster und die Aussicht, dass die Eltern ihr Kind wieder erhalten, ist nicht allzu gross, denn vor den Tiircii der Klöster hört bekanntlich in Österreich die M a c h t des Staates a u i. Der Protest der Monarchisten ln einer Versammlung uer Moskauer Monarchisten hat kürzlich der bekannte antisemitische Rechtsanwalt Sei: mack ow die Mitteilung gemacht, dass der Clchilfc des Jiistizmmisters, H a s m a n 11. der ehemals Jude war. zum Vorsitzenden des Senatsdepartements für Ziviiprozesse ernannt werden soll. Pie Versammlung beschloss daraufhin, unverznglich ein Gesuch an den Zaren zu richten, um die bevorstehende F r n c nn 11 n g noch rechtzeitig zu v e r 11 i n d e r n. Bei der Beliebtheit, deren sich diese Herren oben erfreuen, ist eine Berücksichtigung ihres Gesuches durchaus nicht als unmöglich zu betrachten. Patin werden die russischen Juden also um die heilsame Erfahrung reicher sein, dass die Taufe ihnen auch nichts mehr nützt. Wie die ״echten Russen“ ihr Material sammeln Eine angesehene russische Tageszeitung. OOLOS PRAWDY. veröffentlicht das folgende Gespräch, das einen interessanten Einblick in die Arbeitsmethode des ״Verbandes der eelit-russisehen Leute“ gewährt Zu einem bekannten christlichen Rechtsanwalt kommt dieser Tage ein anständig gekleideter Student und iiilirt sich mit folgenden W .rien ein: ״Ich komme auf Empfehlung von Herrn N. (hier nannte er den Namen eines bekannten Mitgliedes des Verbandes der echt-russischen Leute). Ich sammle Material über die negativen Seiten des Judentums in der Advokatur. und Herr N. sagte mir. dass Sie mit einem jiidisehen Rechtsanwalt Streitigkeiten hätten.‘־ — R.-A.: ״Ja. ich hatte einmal einen kleinen Zwist in einer Verhandlung mit einem jüdischen Kollegen aber ich kann llmcii. weder von ihm noch von anderen jüdischen Kollegen etwas Schlechtes mitteilen." Student: ,.Was können Sie mir aller im allgemeinen von den jüdischen Rechtsanwälten sagen?“ — R.-A.: ״Ich praktiziere schon zehn Jahre, und ich kann nur sagen, dass es unter den jüdischen Rechtsanwälten ebenso wie unter den russischen begabte und unbegabte, gute und schlechte gibt. Aber ich habe nie bei den Juden etwas bc so 11 deres Negatives bemerkt. W ir machen in unserem StanJe keinen Unterschied zwischen einem Juden und einem Christen. Wir leben in Eintracht wie eine grosse Familie.“ Pas Gesicht des jungen Mannes wurde merklich läng• r. Schliesslich sagte er: ״Ich möchte Sie doch bitten, mir irgend etwas Tatsächliebes mitzuteHcii. Es kommen doch immerhin, wie man hört, Differenzen zwischen jüdischen und christlichen Rechtsanwälten vor." ■- R.-A.: ״Ich habe die Berichte des Rates der Anwälte seit der Gründung dieser Institution verfolgt. <11 den dreissig Jahren, die diese Berichte umfassen, gab es keine einzige Beschw erde." Per Jüngling erhob sich von seinem Sitz. ״Könnten Sie mir dann vielleicht mitteilen. h c i w׳ e ni ich etwas über die schlechten Seiten der jüdischen Advokaten erfahren könnte?" — R.-A.: ״Waruni brauchen Sie denn unbedingt die negativen Seiten? Wenn Sic für die Frage Interesse haben, dann dürfen Sie sie doch nicht so einseitig behandeln.“ — Student: ״Ach was. die Frage hat für mich gar kein Interesse: ich muss einfach meinen Auftrag ausführen.‘ — R.-A.: ״Auftrag?" - Student: ״Nun ja! Mich interessiert das nicht, aber ich werde dafür bezahlt — und da muss ich es doch ausführen.“ Es versteht sich, dass damit die Unterredung beendet war. Aber wahrscheinlich hat der intelligente junge Mann doch noch zufällig einen antisemitischen Rechtsanwalt geiunden, der ihm die gewünschten negativen Auskünfte gab. Und so werden wir nächstens von einer Eingabe des echt-russischen Verbandes an das Ministerium zu hören bekommen, die alle die so mühselig gesammelten ״negativen Seiten“ der jüdischen Advokaten recht drastisch behandeln wird. Judenschicksal im heiligen Russland Der Odessaer Duma-Abgeordnete A. Nikolski berichtet in der RETSCH über das tragische Schicksal eines jüdischen Jünglings, das ob der im Hintergründe wirkenden russischen Bnitaliilitsgcsetzc aus dem Persönlichen ins Allgemeine übergreift. . . , Per junge Mann. Eich mit Namen, fand nach glanzender Absolvierung einer Realschule und nach ebenso glänzend bestandener Konkurspriinmg am Kiew er Polvteclinikuni Aufnähme. Nach zv eijährigen Studien machte er das lateinische Ergänzimgscvamen und wollte sich seinen Anlagen gemäss in der Universität immatrikulieren lassen. Trotz seiner ausgezeichneten Zeugnisse war er jedoch dessen nicht sicher, ob ihm dies Glück so lald besehieden werden winde. Darum suchte er sich für jeden Fall als Einjahrig-Freiwilliger eine Vakanz in irgend einem Regiment zu besorgen. Pa er nunmehr keine Gefahr mehr zu laufen glaubte, dass er als einfacher Soldat zum langwierigen und peinvollen Militärdienst bcran>׳czogcn werden würde, begann er seine Aufnahme in die Universität zu betreiben. Er lief zum Kurator des Odessaer Lchrbczirks. lief zum neugew füllten Rektor der Odessaer Universität und hatte mit seinen Bemühungen wirklieh ..Glück“. Der Kurator erklärte, dass man mit solchen Zeugnissen nicht zurückgew iesen werden könne, der Rektor Lewaschow. obwohl ein Judenfeind, gab seine Zustimmung i-ud Hess den Glücklichen seine ersten Kollegiengelder entrichten. Nun verzichtete Fielt zugunsten eines Mitbewerbers auf die Vakanz als Einjährig-Freiwilliger. Zwei freudige Tage vergingen. Als jedoch der angehende Student nach der Universitätskanzlei kam. um die Erkcnnungskarte abzuholen, da bekam er statt deren seine 25 Rubel zurück und den Bescheid, dass seine Aufnahme nicht erfolgt sei. Denn die Baronin K a u> I b a r s. die Frau des Odessaer Militärkommandierenden, hatte kurz nach Fiel! den Rektor besucht und ihren jüdischen Kandidaten empfohlen, der zwar nicht über solche Zeugnisse, aber über gute Beziehungen verfügt. In Odessa gilt es nämlich als Regel, dass Juden auch in den Grenzen der Prozeutnorm nur vermittelst der Protektion der Behörden atiigenonunen werden. Fieli sollte infolgedessen einfacher Soldat werden. Dies bedeutete für ihn als verheirateten Mann, der noch dazu ein Kind besass. ausserordentliche Not und eine wahrhaft tragische W endung. Mit dem Sturz von allen Hofimingcn verlor er aucli sein seelisches Gleichgewicht und machte seinem I eben ein Ende Als Leiche kam Fich in das gerichtlichmedizi lischc Kabinett der Universität zw ecks Obduktion. In dieser Eor׳n kouute die Universität Odessa dem Juden Fich die Aufnahme nicht versagen. Erfolgreiche Bekehrung Nach dem Beispiel von Odessa sind'auch in Warschau, wie das Blatt UNSF.R LEBEN berichtet. S junge Hebräer, die in das Polytechnikum der Prozentnorm für'Juden wegen, n: 1,־t aiifgciiomihen werden ״unten, zum Christentum iibergetreten. Sie wurden natürlich sofort nachher dort atifgcnominell. Von 450 jüdischen Aspiranten für das Polytechnikam sind überhaupt nur 37 Mann mitgenommen worden. Russische Sitten Aus Petersburg wird geschrieben: Ein Sittenbild aus dem schwärzesten Russland lag einem gewiss ungewölmliehen Prozess zu gründe, der dieser Tage in Haj'sn (Gouvernement Podolicn) verhandelt wurde. Der Sachverhalt ist nach der NOWA G AZ ETA folgender: Ein Jude fuhr mit einem ו Bauern durch den Wald; .unterwegs begegneten sic einem Wagen mit noch zwei Bauern. Die letzteren schlugen dem

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