Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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־דIre-#',?ל##- p-Rre* *׳״ **׳• rr־•־״־ Seite 454 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45 tober findet sich auf Seite 10 eine Korrespondenz aus Berlin «The Regulation of Emigration“ betitelt. Diese Korrespondenz enthalt Mitteilungen, die geeignet sind, die Oeffcntiichkeit zu beunruhigen *und die um so hedaucrlichcr sind, als sic den wahren Verhältnissen nicht im mindesten entsprechen und nur als Niederschlag missgünstiger Zuträgereien aber nicht authentischer Informationen betrachtet werden können. Zur Steuer der Wahrheit sei folgendes nur festgestcllt: 1. Es ist unrichtig, dass der Hilfsvercin jemals die Absicht hatte, seine Pürsorgetätigkcit für die Auswanderer ein• zustellen, geschweige denn, sie jemals eingestellt hat; im Gegenteil ist der Hilfsvercin in» Verein mit der Ürosslogc für Deutschland zur Zeit dabei, gemäss dem ihm übertragenen Mandat der Frankfurter Konferenz vom *1. und 5. Dezember 1904 die Organisation für die Auswanderer weiter auszubauen. Die Mittel für Arbeiten, die vom Hilfsvcr.ein als notwendig erkannt und in Angriff genommen worden sind, wird der Vcrein aueli ohne Schwierigkeit jederzeit aiifbringcn können. 2. Es entfallen demnach die gehässigen Bemerkungen der Korrespondenz über die Niederlcgimg der Arbeit sowie über die Vorgänge die zu- Wiederaufnahme geführt hätten. Andere als sachliche Gründe sind für den Hilfsvercin in seiner lätigkeit für die Auswanderung niemals massgebend gewesen, uml wir trauen auch anderen Organisationen trotz den entgegen• stehenden Angaben der Korrespondenz keine anderen Motive in ihrem Verhalten zur jüdisch: n Auswanderung zu. 3. Es eutiaiien ferner die nicht minder gehässigen Berner* klingen über die Motive, die der Hilfsvercin angeblich für die Niederkgiing der Arbeit angegeben haben soll: dass er mim• lieh mit Russland und Amerika verhandelt habe und Russland keine Auswanderung und Amerika keine Einwanderung wolle. 4. Wahr ist nur. dass eine Besprechung der Vertreter de־ Gemeinde, der Alliance und des Hilfsvercins in Bei!in unter dem Vorsitz des Herrn Justizjat tachmaun stattgefundcii hat. Da Herr Justizrat Lachmann zur Zeit in Aegypten weilt, so ist es uns nicht möglich. \0n ihm eine Acusscrung zu provozieren; wir behalten uns aber vor. dies noch später zu tun. Einst* weilen sei festgestcllt. dass der Vorsitzende und die anderen Vertreter des Hilfsvercins in dieser Besprechung die Prin־ zipien dargelegt haben, »!ach denen angesichts der jetzigen Gesamtlage der Auswanderungsverhältnisse die Tätigkeit für die Auswanderung furüerhiu ausgeübt werden müsse. Die Vcrtreter des Hilfsv creins erklärten, dass sic sich über ihr Vorgehen fortlaufend mit den jüdischen Institutionen und Persöiilichkcitcn in Deutschland und Amerika sowie auch in England verständigen. Von einem diplomatischen Verhandeln mit .«Amerika und Russland** war keine Rede. Wir müssen uns umsomehr w undern über die Darstellung Und die Schlussfolgerungen der Korrespondenz, als sowohl der Vertreter der Alliance als auch der Vertreter der jüdischen Gemeinde, Herr Justizrat Laclmtann. den dargelegten Prinzipicu des Hilfsvercins vollinhaltlich zustimmten. Herr Justizrat Lachmann, der dem Conseil der ICA angehört, hob ausserdem noch hervor, dass auch die JCA denselben Stand- Punkt cinnehme. Härten bei der Einzeibefördertmg — auch darin herrschte Uchcrcinstinnnung — sollten vermieden werden. Bei der dargelegten Uebercinstiiimiuug aller Beteiligten sind die Angaben der Korrespondenz unerklärlich. Schliesslich wird in der Korrespondenz noch einmal der Versuch wiederholt, die finanziellen Leistungen des Hilfs- Vereins für Auswaudcningszwcckc herabzuminderii. Dieser Versuch ist bereits vor Monaten in der breitesten Oeffcntlichkeit gebührend zuriiekgew ieseu worden. Es sei dem erncuteu Versuch gegenüber darauf hingewiesen, dass seit dem Ende des Jahres 1904. seitdem also die grosse Auswanderungsbewegung cinsetzte. und der tlilisve-cin sieh ihrer Regtiliering annahm, durch uns bisJ/.um 1. Oktober dieses Jahres im ganzen I 337 087 Mark verausgabt worden. Davon zahlte die JCA!,inen Zuschuss von .¥»2 749 Mk. (iukl. einer noch nicht angegangenen Zahlung), die Alliance einen solchen von Mk. 46 787, so dass der Hilfsvercin allein 927 551 Mk. aiiibringeii :misste. Ucber diese Tatsachen geben auch unsere Jahresberichte offene und erschöpfende Auskunft. Da wir von verschiedenen Redaktionen über die Aufsehen erregenden Ausführungen des JHWISI1 CMBONICLE Anfragen erhalten haben, so waren wir gezwungen, diese Erklärung, auf deren unverkürzten Abdruck wir bei der bekannten Loyalität Ihres angesehenen!Mattes ohne eine besondere dahingehende Bitte rechnen können, der gesamten jüdischen Presse ziigeheit zu lassen. Mit vorzüglicher Hochachtung flilisverehi der Deutschen Juden, gez. James Simon. Vorsitzender. . Was einem Juden in Westböhmen passieren kann Gelegentlich einer Geschäftsreise nach Tepl ging der Gcschäftsreisc V. K. am 31. August d. J. in die über eine Stunde entfernte Ortschaft Obcrgramling (Post Tepl). um dem Ökonomen W.!*., der mit der Firma des Reisenden in Verbindnng stand. Offerte zu machen. Dort angclangt erfuhr K.. dass der Ökonom auf der Jagd sei und in zirka einer Stunde nach Hause kommen werde. K. entschloss sich, auf seine Rückkehr zu warten und ging in das gegenüberliegende Gasthaus, wo er an einem leeren Tisch Platz nahm. An einem anderen Tische sassen zwei Bauern, welche den K. veranhissten, an ihrer Unteihaltung teilzunchmen. Alis Gründen der .Höflichkeit beteiligte er sieb an dem Gespräche. Er hemerkte jedoch bald, dass der eine von beiden, der sieh stolz ״Gemeindevorsiandsmifglied•־ nannte und in einem lioehfalireuden Tone sprach, darauf ausging. mit ihm einen Streit zu beginnen. Aus diesem Grunde brach K. das Gespräch ab. bezahlte und bat den Wirt sodann, ihn per Wagen nach Tepl zu bringen. Während der letztere die dieshc/.iigliehen Vorbereitungen trat, suchte K. abermals den Ökonomen auf und erledigte seine Geschäfte. Inzwischen hatte das .,Genieiiidt vorstandsmitgied “ sich genötigt gefühlt, die Identität K s lind den Zweck seines Kommens einer näheren Untersuclumg zu unterziehen. Er ging zu dem Ökonomen und licss sich die Karte, auf welcher die Firma K.'s. sowie die Bemerktmg ..Vertreten durch Herrn V. K." angegeben ist, zeigen. K.. der [Reisende selbst, stand zu dieser Zeit vor dem Gasthause, wo der Wagen zur Abfahrt bereit gemacht wurde, und bat den Ajrt. sich zu beeilen, um ihn so rasch als möglich aus dem Orte zu bringen. Der im Gasthaus anwesende zweite Bauer kam zu K• heraus und sagte wörtlich: ״Sic waren heute sehr geduldig mit ihm. ich staune über ihre Geduld,*‘ worauf K. erwiderte, dass der. Zweck seines Kommens nicht der war. eine Raufeiei einzugehtn. Kaum war der Bauer ins Gasthaus zurückgegangen, kam das.-Gcnieiiidcvorstandsmitglied ־, welcher bis jetzt den Mund mit lauter Anstandspredigten voll hatte und begann folgendes Gespräch: ״Sie vertreten einen V. K.*‘. der Reisende Hess ihn bei diesem Irrtume und bejahte. ״Das ist ein Jude,*‘ fragte er weiter. ״Ja.“ war die Antwort. ״Dann sind Sie wohl auch ein Jude." .Jawohl." antwortete K. Daraufhin sagte der Bauer in drohendem Tone: ״Dann schauen Sie. dass Sie sofort unseren Ort verlassen, sonst hetze ich Ihnen die Leute auf den Hals." K. selbst drängte nun in den Wirt, ihn mir schon aus dem Orte zu bringen. Während dessen musste er noch weitere Schmähungen von diesem Herrn anhören. Z. B.: ״Unser Herrgott hat gesagt, es müssen immer einmal hundert Juden verrecken, da müssen Sie auch dabei sein. In unserem Dorfe darf sicli ein Jude nicht zeigen, geschweige aufhalten“ etc. Als K. bereits im Wagen sass. riet er dein Wirte, der den Wagen selbst lenkte, folgende Worte zu: ״Schauen Sie. dass Sic ihn unterwegs in einen Graben werfen!" Der Wirt sagte dann in beruhigendem Tone leise: ..Das werde ich weniger tun." Unterwegs äusserte der Wirt ferner, dass dieser Mann sein Getreide a!1 einen Juden in Marienbad absetzt und seine Drohungen nicht ausführe. Dieses Gemeindcvorstanasmitglied heisst Wendelin Popp. Antisemitismus in Galizien Galizien war stets das Land des verkappten Antisemitismus. Hier w usste mau von keinem offenen, offiziellen Antisemitismus. Immerhin wurde derselbe betrieben, allzu häufig betrieben, aber stets unter einem Deckmantel. Und dank diesem Umstande eben vermochten es unsere Feinde drinnen mul draiissen. das Vorhandensein des Antisemitismus einfach zu leugnen. Nun kam der berüchtigte Pater Stojalowski und deckte die Karten auf. Aui einer der letzten Sitzungen des gali zischen Landtages erklärte er unumwunden, dass, obwohl er der einzige Antisemit itti Landtage sei. dennoch Galizien Millionen Antisemiten zähle und sogar unter den Landtagsabgeordiieten seien viele solche, die nur ihren (grösstenteils jüdischen!!) Wählern zuliebe den Antisemitismus nicht bekunde», im Heizen *aber d c n ח o e 11 Anti s e mite 11 sind. -- Und dass Stojalowski nicht Unrecht hatte, beweist folgende Tatsache:!11 Krakau wurde unlängst eine polnische antisemitische Partei begründet, deren Vorsitzender der Abgeordnete Dr. S t a 11 i s z e w s k i ist. Diese Partei, die de facto schon lange existiert und ihren Antisemitismus in! geheimen zu betreiben pflegte, verfügt über bedeutende materielle Mittel und über zwei Tageblätter, von denen eines (״Glos narodu") soeben ver- # grossen wurde. Sie begann ihre öffentliche Tätigkeit mit der ־ Herausgabe zweier judenfeindlicher Broschüren, die, nach-