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Jüdische Rundschau · 1908-11-13 · Heft 46 (13.11.1908) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 46 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU, Seite 453 Mo. 46 Herzegowina nicht nach Stcuerkuricn oder Nationalitätenkatastern, sondern nach dem religiösen Bekenntnis vorgenommen werden würden. Wir knüpften daran die Korderung, dass bei dieser Gelegenheit der auf die Juden entfallende Teil der politischen Macht vorsorglich durch Einhelligkeit und Umsicht gestärkt werde. Nun erfährt man von näheren Bestirnmutigen des Grundprogrammes für die Wahlen und wir sehen in diesen einen unerhörten Gewaltstreich, einen moralischen Faustseldag ins Gesicht der Juden, deren Schwäche und Zerfahreuheit dazu benützt wird, um sic in einen Zustand voller Rechtlosigkeit zu versenken. Es werden nämlich für die Wahlen im Okkupationsgebiet eine muhammcdanische. eine katholische und eine christlich-soziale Wählergruppe gebildet, aber keine jüdische. Wie cs heisst, werden die Juden ״schon irgendwo bei einer dieser Gruppen eingeteilt werden,“ von ihrer selbständigen Zusammenfassung ist keine Rede. Das ist die unerhörteste politische Unterdrückung, würdig des Mittelalters und der Zeiten des Augsburger Briedens. Womit haben es denn die Juden verschuldet, dass man über sie zur antisemitischen Tagesordnung übergeht? Die Regierung, welche derartige Verfügungen trifft, möge uns gefälligst sagen, ob unter den Ohkupationstrnppen seinerzeit keine Juden waren, ob in den bosiiiscli-hcrzegovinischeu Garnisonen heute vielleicht keine Juden stehen. Die Regierung möge uns de!• Wahrheit gemäss sagen, wie viel Juden unter den Beamten waren, welche die sogar von England gerühmte Verwaltung der österrcicliiseh-tmganschen Balkanlämler cinricliten halfen. Es ist eine unleugbare Tatsache, dass die Landesregierung jüdische' Beamte in grosser Menge bezogen und angestellt hat. Aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie für die weitab von jeder Zivilisation gelegenen Orte keine anderen Bezirksrichter, üeometer, ־Steuerbeamte. Eisenbahner, niemand anderen bekommen hat. als eben die zähen, genügsamen Juden, welche in den anderen Teilen der Monarchie vo:! den Iiitclligenzberuien abgcdrängt waren. Nut: eine himmelschreiende B־utaiität als Lohn für alle diese unter Gefahren geleis.etc hingebungsvolle Arbeit? Es kommt aber noch ein Moment in Betracht, kein unwichtiges bei den speziellen Verhältnissen der in Rede stehenden Landesteile: Wir rufen den gewesenen und den jetzigen Chci der Landesregierung und Kommandierenden des XV. Korps in Sarajewo, wir rufen die Eeldzeugmeister Baron Albori und den Edlen v. Winzor zu Zeugen dafür an, ob es nicht gerade die Juden waren, welche als Muster von Loyalität und Vaterlandsliebe den dynastischen und patriotischen Gedanken in Bosnien-Herzegowina wecken und erhalten halfen. Sollte dem gegenüber wirklich und cndgiltig die Gemeinheit begangen werden, die Juden des Okkupationsgebietes politisch rechtlos zu machen, soll der freche und blödsinnige Antisemitismus die Parole des neuen Regimes werden? Es Ist unmöglich. Unmöglich, weil wir das Wort des Kaisers besitzen, dass er durch die Annexion den Frieden, die Gerechtigkeit, den Fortschritt in den annektierten Ländern fördern wolle. Wir Juden kennen das Herz unseres geliebten Monarchen, wir wissen, wie heilig cs ihm ist mit den gemachten Versprechungen und wie iremd ihm die Feindseligkeit und das Unrecht gegen den geringsten seiner Untertanen sind. Wenn es trotzdem dazu kommen sollte, dass die Juden das Opfer der Annexion sind, dann hat irgend ein moralisch und geistig rückständiger Handlanger unserer felsenfesten Uebcrzeugung nach gegen den Willen und das Wissen unseres geliebten Monarchen, gegen seine ersten Ratgeber das politische Verbrechen begangen. Das werden, das dürfen wir nicht zulassen. Weil wir cs unmöglich dulden können, dass die Juden des Okkupationsgebietes für alle kommenden Zeiten recht- und schutzlos bleiben. Weil cs nicht mir für die BnlkanUiuder, sondern iiir die ganze Monarchie von unbeschreiblichem Einfluss wäre, wenn von rechts- und staatswegen die Juden zu minderwertigen Bürgern heruntergedriiekt würden. Das müsste Rumänien, Serbien. Bulgarien ermuntern, das würde den Kamm aller Antisemiten im Reiche ins Masslosc schwellen lassen. Es ist also nicht nur eine Sache mit begrenztein Gebiet, die da in Frage kommt, sondern eine allgemeine jüdische Angelegenheit, deren Wichtigkeit und Bedeutung wohl auch den Gleichgütigsten packen muss. Mitgefühl und Aufregung heissen aber jetzt gar nichts, cs handelt sich um grosse Energie und Eile. Denn in jedem Augenblick kann das Damoklesschwert herunterfallen, welches die politischen Rechte der Juden im Okkupationsgebiete tötet, die unserigen schwer verwundet. Da sind wir nun neugierig auf den Wert und die politische Wucht unserer berufenen Organisationen, welche unverzüglich cinzugreifen haben. Der Gcnicindebuiid, die Allianz, die Kultusgemeinde haben sich unserer Ansicht nach unverzüglich um Bundesgenossen utnzusehen, haben ihre ganze Macht und ihr Ansehen cinzusetzen, um auf dem Wege politischer Kundgebungen, durch Schritte bei Hof und Regierung, durch Propaganda in Parlament und Volksversammlungen ln letzter Minute eine politische Katastrophe der Juden im Okkupationsgebiet und in der ganzen Monarchie zu verhindern. Ein Machtwort des Kaisers, den sein ganzer majestätischer Adel von den Antisemiten trennt, wird allen Gehässigkeiten gegen die Juden einen uniihersteigbaren Damm entgegensetzen, wenn man nur das Ohr des Monarchen wird zu gewinnen wissen. Wäre nur das agile, grossjüdische Zcntral-Aktionskomitee schon da. das wir anstreben und jeden Schritt weit brauchen! Mögen wenigstens die vorhandenen Faktoren den Ernst der Lage criassen, die Bedeutung der Tatsache, dass in unserer Monarchie Juden von ״staats- und gesetzwegen" den anderen Bürgern liiutangcsctzt werden! Genug für den gegenwärtigen Moment von unseren Zänkereien und Froschmäusekriegen. Wir Juden töten einander und werden getötet. Es ist ein Augenblick zur Tat. und Säumen wäre ei:1 verhängnisvolles Versäumen! Dieser Notschreit der ÖSTERREICHISCHEN WOCHEN- SCHRIFT bedarf der vollen Aufmerksamkeit Es ist von hoher Bedeutung, ob in einem wichtigen Teile unserer Nachbarmonarcl’ie grundsätzlich die Juden von der Landesvertretung ausgeschlossen sein sotten. Aber der ganze Plan ist bezeichnend für das Reich, in dem seit zwei Jahren der Christlich-soziale Antisemitismus die Regierung führt. Für d«e Falaschas Es war von jeher eine der vernehmlichsten Ehrenpflichten der Jndenhcit, versprengten Teilen des alten jüdischen Volkes, die irgendwo in der Welt ein kampfreiches ut:J entbchrungsvolles Dasein iiihrcn. zu Hilfe zu kommen und sie den Traöitionen der Väter zu erhalten. Seit einigen Jahren ist nun die Aufmerksamkeit der Juden in allen Ländern aut jenen kleinen jüdischen Stamm der Falasclias gelenkt, der in A b e s s y n i e n seit Jahrlitindeiten einen schweren Kampf für seinen Glauben zu bestehen hat. und der. um nicht zu unterliegen, in dringender Weise um die moralische Unterstützung der übrigen Juden bittet. Wir haben die Pflicht, gegenüber diesem Notschrei Herz und Hand nicht zu verschliessen. Wir müssen den Falaschas durch Verbreitung von Schriften, durch Erteilung von Unterrieht so schnell wie möglich die erbetene Hilfe senden und so das Band icstcr knüpfen, das sie mit dem Judentum verbindet. Der einzige, der iniolge seiner Reisen und seiner Bekanntschalt mit den schwer zugänglichen Falaschas-in der Lage ist, diese schwierige Aufgabe zu erfüllen und in dem unwegsamen, von der Kultur noch wenig berührten Lande mit Erfolg zu wirken, ist Dr. J. Faitlowitsch. Das Pro-Falascha- Komitee hat nun Dr. Faitlowitsch zum zweiten Male nach Abcssynicn entsandt, zunächst damit die Falaschas sich in den Hoffnungen, die sic seit der ersten Anwesenheit Dr. Faitlowitschs in Abcssynicn hegten, nicht getäuscht sehen, und damit die von diesem in amharischcr Sprache verfassten Schriften über Juden und Judentum unter ihnen verbreitet werden. Weiter soll eine Schule gegründet werden, in der junge Falaschas zu R e 1 i g i 0 n s l e h r e r n iur Ihre Staminesgcnosscn ausgebildet werden. Zu diesem Zwecke wird Dr. Faitlowitsch eine Anzahl junger und begabter Falaschas auswählcn, von denen einige in eine jüdische Schule nach Jerusalem und die anderen in die erwähnte, entweder in Abcssynicn selbst oder in Eryträa zu errichtende Lehrerbildungsanstalt gebracht werden’sollen. Dem Komitee gehören eine Reihe hervorragender jüdischer Persönlichkeiten, u. a. Oberrabbincr Dr. M a r g u 1 i c s. Florenz: Chiefrabbi Adler, London; die Laudtagsahgeordrieten Geheimrat Cassel, Berlin, und Dr. Cohn. Dessau: Prof. H. Dörembourg, Meinbrc de riiistitut, Paris; Dr. Gerard Polak-Danic l s, Rotterdam; Justizrat PI a c z e k , Posen; Prof Dr. M. P h i 1 i p p s o 11 n, Berlin: Prof. Dr. Ba dt, Breslau; Gehcinirat Prof. Dr. Baginsky. Berlin etc. etc. Geldsendungen sind zu richten an Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, Berlin C. 2, Königstrasse 49. Hilfsverpin der Deutschen Jtden Im JEWISH CHRONICLE vom 30. Oktober dieses Jahres ist eine Korrespondenz aus Berlin c*schienen, die ..Regulation 01 Emigration“ betitelt ist. Gegen die gehässigen und unwahren Behauptungen dieser Korrespondenz mit Bezug auf den Hilfsverein hat der Hil1§v?rcin dem JEWISH CHRO- NICLF. beifolgende Erklärung zügelten lassen: (Abschrift.) Berlin, den 2. November 08. An die Redaktion des JEWISH CHRONICLE London. Sehr geehrte Redaktion! In der Nummer 2065 Ihren geschätzten Zeitung v. 30. Ok-

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