Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 448 •JÜDISCHE RUNDSCHAU Gegenstand mehr liat. weil die subjektive Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konfllkt der Individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist. Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“ So stellte sich für den viclgcfeicrten Begründer einer neuen Weltanschauung, dem anerkannten Führer und Heros einer grossen politischen Partei, deren Ideen allen modernen Völkern eine riesengrossc Zahl von Anhängern gewonnen, die Judenfrage dar, so klein war derTitan Karl Marx in seinem Hasse gegen die Gemeinschaft, welcher er entstammte und von welcher er sich losgesagt haue. Er brachte es fertig, dass Judentum zum Prügelknaben des modern-kapitalistischen Wirtschaftslebens zu machen, indem er das Letztere einfach aus den Folgerungen des Erstercn zu erklären versucht, eine Erklärung, welche einer kritischen Untersuchung jedoch nicht lange stand zu haltet, vermag, denn alle modernen Wirtscliaftstonnen sind die Produkte der Entwickelung langer Jahrhunderte. in welchen der Einfluss des Judentums verschwindend gering gewesen ist. Der Kampf, welchen unsere Väter für ihre politische Gleichberechtigung führten, ist teilweise auch heute noch unser Kampf. Jedoch nicht als Geschenk und Gnade wtiitsehen wir die volle Gleichstellung, sondern als unser gutes Recht, nicht nach einer Charakter- und würdelosen Assimilation, sondern unter voller. Wahrung unserer Eigenart als Sühne des Volkes, welches der Menschheit das Buch der Bücher geschenkt hat. Zwei Experimente I. E i n 0 c 1 b au m- Flu gb 1 a11. Im vergangenen Jahre verfasste Dr. Sandler-Breslau einen Aufruf, der Nich tzio:1 is t cn für die ״Öl bau ntspende“ interessieren sollte. Nach dem ersten günstigen Erfolg in Breslau wurde er ..Zur Nachahmung bestens empfohlen“ in der WELT (1907, ,No. 3S) und in der JÜDISCHEN RUNDSCHAU (19C7, No. 37) abgedruckt. Die Empfehlung wurde wenig beachtet. Nur die stets arbeitsfreudigen Oberschlesier gaben mir Adresse!! ihres Distriktes auf. an die dann von Breslau die Aufrufe versandt wurden. Auch direkte Hinweise auf den Aufruf nach einigen Ortsgruppen blieben unbeachtet. Daraufhin wurden nach einigen Städten im Posensehen an eine Anzahl Adressen nach dem Mitglieder-Vcrzcichnis des Zentralvereins gleichfalls Exemplare gesandt. Die Folge bewies, dass bei geeigneter Adressen-Auswahl sicher noch viele für die ״Oelbaumspcnde“ interessiert werden könnten. F.iu nochmaliger direkter Hinweis darauf an die zuständige Stelle wurde aber ablehnend beantwortet. Später entschlossen sich nur noch einige Studenten in dem ausgesprochen antizionistischen Halle a. S. an der Hand des Aufrufes eine Haussamnilung zu veranstalten. Der Erfolg all dieser Bemühungen war, dass für Oelbüume cingingen: aus Breslau Mk. 206.— ״ Mittel- und Niedcrschlesien Mk. •13.— ״ Oberschlesien Mk. *110.— ״ aus der Provinz Posen Mk. 167.— ״ Halle Mk. 324.— Zusammen Mk. 1150.— Die gesamten Spesen des Druckes und der Versendung betrugen Mk. 173.—. eine verhältnismässig geringe Summe. Sollte es wirklich nicht möglich sein, auch an anderen Orten dieses Experiment zu wiederholen und mit ihm mindestens solche Erfolge zu erzielen? Weshalb geschieht es nicht? IL Nationalfond und Palästina-Kulturf 0 n d. Die Breslauer Ortsgruppe versandte schon in den Jahren 1906 und 1907 Aufforderungen zur Ablösung der Neujahrswünsche für den ״Nationalfond“. 1907 auch an Nichtzionisten. Trotz des wohl zur Genüge bewiesenen Interesses für den N.-F. glaubte sie, diesmal das Experiment machen zu sollen, zur, ״Ablösung für den Palästina-Kulturfond ‘ aufzufordern. Mau ging dabei von dem Gedanken aus, dass des letzteren Name Nichtzionisten weniger ״gefährlich“ erscheinen würde, als der des ״Nationahumls“. Diese Vermutung scheint bercchtigt gewesen zu sein. Wenigstens konnte ich folgendes feststellen. Zur Ablösung von Neujalirswünschcn kam in Breslau zusammen: . 1905 für den N.-F. 17,50 Mk. 1906 für den N.-F. 84־.— Mk. 1907 für den N.-F. 119.50 Mk. 1908 ־ für den Kulturfond 2-11.— Mk.. davon 120 Mk. von ausgesprochenen Antizionisten. Es gibt, aber Ortsgruppen, die trotz wiederholter Hinweise weder zur Ablösung iiir den N.-F, noch zu ein r solchen für den K.-F. atiffoulern. Weshalb das? U. A. w. g. Hugo Schachtel. 1 I Kunascnau Paragraph 44 Der Vorsitzende des Hilfsvercins der Deutschen Juden. Herr James Simon, hat infolge von aus Rumänien an den Milfsvcrcin ergangenen Anregungen an die Reichsregierung die Frage gerichtet, ob sie geneigt sein würde, auf der bevorstehenden Konferenz das Verhalten der rumänischen Regierung in Bezug auf die laut § 1־1־ des Berliner Vertrages überm.nimcnei! Ve-pflichtuugen zur Sprache zu bringen. Das Auswärtige Amt hat erklärt, dass cs zur Zeit nicht in der Lage sei. eine dahingehende Zusage zu geben, und diesen Standpunkt in folgender Weise motiviert: So weit sich übersehen hisst, bestellt bei allen Signatarmachten des Berliner Vertrages der Wunsch, das Programm einer eventuellen Konferenz auf diejenigen Fragen zu bcschränken, die durch die politischen Vorgänge auf dem Baikan akut geworden sind. Artikel •1*1 des Berliner Vertrages ist durch diese Vorgänge nicht berührt worden. Es muss ferner berücksichtigt werden, dass mau deubchcrscits jede Initiative bei Aufstellung des Programms iür eine eventuelle Konferenz vermieden, dagegen aber bei den bisherigen Erörtermigen aus schwc!wiegenden politischen Erwägungen tiachd'ticklich den oben augedeutetcndcn Standpunkt der Ein- Schränkung des Konferenz-Programms vertreten hat. Deutschland würde daher gänzlich aus seiner Rolle fallen, wenn es jetzt eine Diskussion des Artikels 11־ verlangen wolle. Diesem Standpunkt gegenüber musste sich der Vorsitzende des Hilfsvereins der Deutschen Juden im Augenblick darauf beschränken, die Rciehsrcgierung zu er,suchen, die Angelegenheit im Auge■ zu behalten, und in Fühlung mit den andern Signatarmächten des Berliner Vertrages zu bleiben, an welche sicherem Vernehmen nach gleichartige Anträge gerichtet werden sollen. Fürsorge eines Pfarrers für eine Synagoge Pfarrer Urbar, in Sodow, Kreis Lubliuitz, hat, wie von uns schon berichtet wurde, die zum Abbruch bcstimmte Synagoge In Czieschowa, einen mclrerehundert Jahre alten Holzbau, käuflich erworben. Nachdem die Regierung ihre Genehmigung erteilt hat. ist das Gebäude nunmehr durch die drei Vorsteher, Aufrichtig jKoschentin/, Fass (jetzt Beuthen) und Hermann Brauen »Woisclinik), vor dem Amtsgericht Lublinitz aufgelasson worden. Pfarrer Urban lässt, wie der OBERSCHL. ANZEIGER zu berichten weiss. das Gebäude nicht abbrechen, er hat es nur zu dem Zwecke erworben, um es als altes Baudenkmal zu erhalten. Nicht allein das. er hat die der Ausbesserung bedürftige Synagoge renovieren lassen und sic der Synagogen-Gemeinde für den Bedarf zur Verfügung gestellt. Ferner hat Piarrer Urban den genannten drei Vertretern der Synagogen-Gemeinde verspnociietu bei einen! etwaigen Wegzug von Sodow oder beim Vcrkau! der Synagoge dafür Sorge zu tragen, dass die Synagoge niemals profanen Zwecken preisgegeben wird, sondem so lange als möglich ihrer Bestimmung erhalten bleiben sojl. -- Findet sich nicht endlich eine jüdische Organisation, die dem wackeren Pfarrer die Sorge iiir die Erhaltung der Synagoge abnimmt. Konstituierung der allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation Das von der Konferenz jüdischer Notablen am 20. September eingesetzte permanente vorbereitende Komitee hat im!Laufe der letzter, Wochen au eine Reihe hervorragender Stamniesgeuossen ein Schreiben gerichtet, dem wir nachstehende Stellen entnehmen: ״In Ausführung der ihm von der Konferenz Jüdischer Notablen am 20. September zu Berlin /erteilten Aufträge hat das Unterzeichnete Komitee die beiden Hauptgegenstünde der Konferenz: die Bildung eines ständigen Ausschusses Jüdischer Organisationen und die Gründung der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation einer eingehenden Erwägung unterworfen. Es Ist hierbei zu einem Ergebnisse gelangt, das sich Fortsetzung au! Seite 449.