Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 45 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 449 wohl den meisten, wenn nicht allen Teilnehmern an den zwei Berliner Konferenzen aufgedrängt haben wird: dass nämlich der gedeihliche Fortgang der beiden erwähnten Aktionen, denen unbedingt eine gleiche Wichtigkeit und Aktualität zuerkannt werden muss, in dem gegenwärtigen Stadium aussenordentlich gefördert werden würde, wenn sie nicht mehr gelegentlich derselben Veranstaltungen zur Diskussion gestellt wären, wenn Jede von ihnen gesondert behandelt und Jeder die Fürsorge eines speziellen Komitees werden würde. Das Komitee erachtet es daher als seine erste und dringendstc Aufgabe, die erforderlichen organisatorischen Massregeln zu treffen, damit beide Werke, so innig auch ihr ideeller Zusammenhang ist, formell zunächst getrennt von einander wcitergefiihrt werdet, können und zwar bis zum Ausbau der beiden in Aussicht genommenen Körperschaften, d. i. des gcmc-insamen Ausschusses der Organisationen und der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation. Es sollen demnach zwei von einander unabhängige vorbereitende Komitees geschaffen werden. Gemäss dem Beschlüsse der Konferenz vom 20. September wird das Komitee für die Bildung eines ständigen Ausschusses der Organisationen in der Weise zusammengesetzt, dass diejenigen Organisationen, welche der Idee der Kooperation auf G־׳ut1d des Antrages der Berliner Konferenz im Prinzip zugestimmt haben, aufgefordert werden, in das Unterzeichnete Permanente vorbereitende Komitee ihre Vertreter zu entsenden. Gleichzeitig wird ein gesondertes erweitertes Komitee für die vorbereitenden Arbeiten der Allgemeinen Jüdischen Kolonisatious-Organisatior. in der Weise ins Leben geruien, dass angesehene Glaebtnsgeuassen aus allen Ländern, die ihre Sympathien für das geplante Werk bereits bekundet haben oder bei denen lebhafteres Interesse hierfür vorausgesetzt werden darf, zum Kimritt in dasselbe Ungeladen werden. Das Permanente Komitee hat alle in Betracht kommenden Verhältnisse einer sorgfältigen Prüiung unterworfen und ist zu der Überzeugung gelar-gt. dass die Lage der Jüdischeti Bevölkerung im Osten, die Schaffung der geplanten Organ!- satlon heute dringend verlange, dass in den finanziell lelstungsfähigen Kreisen unserer Glaubensgenossen gegenwärtig ausserordentlich viel Stimmung für das Kolonisationswerk vorhanden sei, und dass die Umwälzung fn der Türkei nicht nur eine tatKräitige Förderung dieses Werkes im Orient begünstige, sondern seine baldigste Eröffnung uns zur Pflicht mache. Wir zweifeln nicht daran, dass Sie gleich vielen anderen hervorragenden Glaubensgenossen die ganze gemeinnützige Tragweite und den zeitgemässen Charakter dieses Unternehnrens anerkennen werden. Es gereicht uns zur Genugtuung, Ihnen initteilen zu können, dass Herr Geheimer Regierungsrat Professor Dr. H. A ron auf unser Ersuche! sich bereit gezeigt hat, die bis zur ersten Generalversammlung der Organisation erforderlichen Schritte, mit Unterstützung' des Initiators der A.J.K.O., Dr. Altred Nossig, zu leiten. Obwohl die kolonisatorische Tätigkeit der A.J.K.O. von den parallellaufenden, auf dis Bildung eines ständigen Aus- Schusses der Organisationen gerichteten Bestrebungen für die nächste Zeit formell getrennt sein soll, möchten wir doch nicht umhin, zu betonen, dass nach den uns zugegangenen Informationen die baldigste Konstituierung einer wirklich leistungsfähigen, weltumspannenden jüdischen Kolonisations- Gesellschaft auch für die wirksame Förderung des Zusammen- Schlusses der Organisationen unerlässlich ist, da erst auf dieser Grundlage der von der Konferenz vom 20. September 190S in Aussiciit genommene Weg mit Aussicht auf wirkliehen Erfolg betreten werden kann." Kurz, nach der Versendung obigen Schreibens erging an die für das Komitee der A.J.K-O. in Aussicht genommenen Personen ein vom Geheimen Regierungsrat Professor H. Aron und Dr. Alfred Nossig Unterzeichneter Brief, in dem das nächste Aktionsprogramm skizziert und die unmittelbar bevorstehende formelle Konstituierung der neuen Organisation angekündigt war. Dienstag, den 27. Oktober, fand die konstituierende Versammlung der A.J.K.O. statt. Als Zweck der Organisatidn wurde festgesetzt: Die A.J.K.O. mtrebt die Förderung' der dauernden, geschlossenen Ansiedlung, besonders Im Orient, jener Juden, die durch die Verhältnisse in ihren Heimatslündern zur Auswanderung gezwungen sind. Die A.J.K.O. verfolgt lediglich humanitäre Ziele. — Nach •Annähme provisorischer Satzungen, deren endgiltige Redaktion einer Kommission anvertraut wurde, schritt man zu den Wahlen. An der Spitze der A.J.K.O. wird ein Präsidium stehen. In dem die einzelnen Länder vertreten sein sollen. Zum geschfiftsführenden Präsidenten der A.J.K.O. und zum Vorsitzenden des Vorstandes wurde Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Aron gewählt. In den Vorstand wurden gewählt: Justizrat Dr. Edmund Friedemann als Schriftführer, Prof. Dr. Ferdinand Blumenthal als stellvertretender Schriftführer. Eugen Panofsky (i. Fa. Jacquicr & Securfus) als Schatzmeister, Als Beisitzer: Siegsmmd Bergei, Geh. Snnitäts’at Dr. Blumenthal, Siegfried Briinn, Kommerzienrat Heinrich Eisner. Dr. Isidor Oinsberg, Dr. Hirsch Hildesheimer. Berthold Israel, Alois Marcus (i. Ea. Veit. Sclberg & Co.). C. I.. Netter, Manuel Schwarz. Generaldirektor Konsul Segall. Ausserdem wunde ein Ausfüluendes Komitee unter dem Vorsitz von Dr. Alfred Nossig' gewählt. Die A.J.K.O. hat ihre Tätigkeit bereits nach verschiedenen Richtungen begonnen. Aus dem Lande Israel Konferenz der Arbeiterorganisation ״Hapoel-Hazair Jaffa: Während der Sukkmhtage wurde eine Konferenz der Hapoel-Ha/;!:f־-Orga11isati:1i1 ahgehaltcn. zu der zahlreiche Delegierte aus Judiia und Galiläa erschienen waren. Den Mittelpunkt der Beratungen bildete die Diskussion über das Programm der Partei, die sich bekanntlich zur Hauptaufgabe die ..Eroberung der Arbeit" (״Kibüseli ha-Abhodän") gesetzt hat. d. h. die Zuführung von jüdischer! Arbeitskräften in samtliehe Arbeitsgebiete, in denen es bis jetzt häufig an jüdischen Händen mangelt. Im Gegensatz zu vereinzelten Anführern, die von einer resignierten Stimmung unter den Arbeitern infolge der Nichterfüllung iluer Ideale und allgemeinen ungünstigen Lage der zionistischen Partei sprachen, zeigten sich die meisten Teilnehmer der Konferenz sehr arbeitsfrei!, blickten mit Befriedigung auf die erreichten Resultate zurück und rüsten sieh liGÜnungsvoll zur weiteren Arbeit. Von allen aber wurde betont, dass nur dann aut eine Erfüllung des Programms gehoiit werden kann, wenn noch weiterhin junge l.eute aus dem Galüth in genügender Zahl kommen, um aui palästinischem Boden zu arbeiten, und wenn für sämtliche Arbeitszweige tüchtige jüdische Kräfte sich herangebildet haben. Um dem Arbeiter, der hauptsächlich unter schlechten Wohnungen und schlechter Kost leidet, das Leben in Palastina zu erleichtern, wurde neuerdings beschlossen, an die Gründung von Arbeitsküchen und Konsumvereinen heranzugehen und die Begründung von Arbeitshäusern anzuregen. Das Organ HAPOEL-HAZAIR wurde mitunter einer scharren Kritik unterzogen. Aber über solche Dinge muss sich eine zionistische Vereinigung um so leichter zu trösten wissen, je besser sie ist. Feindselige Stimmung gegen Oesterreich. Jaffa: Die Annexion von Bosnien und der Herzogcwina durch Oesterreich hat hier zu feindlichen Demonstrationen * der arabischen Bevölkerung gegen Oesterreich geführt. Ang'eblich ist von Konstantinopel die Parole ausgegeben worden. österreichische Ware» zu boykottieren. Dies iassten die Bootsleute und Lastträger am hiesigen Haien dahin auf. dass kein österreichisches Schiit mehr in Jaffa landen dürfe. Als der Dampfer Euterpe des österreichischen Lloyd hier eintraf, weigerten sich, die Bootsleute, die Post, die Passagiere und die Waren an ’!.and zu bringen, und verhinderten gewaltsam jeden Verkehr mit dem Schüfe. Sie gingen sogar so weit, das österreichische Postamt anzugreifen, so dass dieses seine Bureaurüumc schlossen musste, um die drohende Menge am Eindringen zu verhindern. Die Lokalrcgierung legte sich ins Mittel, und cs gelang schliesslich, wenigstens die Post vom österreichischen Schitie herunterzubringen. Dagegen war cs unmöglich, die Landung von Passagieren und Waren zu erwirken. Das Schiff blieb, von jedem Verkehr mit dem Lande abgeschnitten. I^i Tage im Hafen und war schliesslich genötigt, nach Beirüt weiter.- zufahren, ohne Passagiere t|11d Waren an Land gebracht zu haben. Auch unser Gesinnungsgenosse Dr. •Ko ha n - Bernstein, der sich, von Europa zurückkchrend. auf dem Schiff befand, konnte sich in Jaffa nicht aussetdüen und musste die unfreiwillige Reise nach Beiröt mitmaehen. .Auch in Beirut verweigerten bei Ankunft des Dampfers Euterpe die Haiena׳beiter und Bootsleute jeden Dienst und verhinderten mit Gewalt jeden Verkehr mit dem Schiffe. Erst als auf Intervention sämtlicher Konsuln der Wali das gesamte Militär aufbieten und Kanonen am Hafen aufiahren liess, war es möglich, wenigstens die Passagiere an Land zu bringen. Die Ausschiffung der Waren erwies sich als unmöglich, und das Schiff musste weiter fahren, ohne seine Qüter entlöscht zu haben.