Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-11-06 · Heft 45 (6.11.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651597--06025-2663085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No. 45 Seite 44/ JÜDISCHE RUNDSCHAU. I einer politischen Emanzipation der Juden gegeben ist. muss auch der Jude nach der Ansicht Marx׳, seinerseits die ReliRion lediglich zur inneren Gefühlssache machen und kann natürlich nicht in einem Staate verlausen, dass auf die nach aussen gerichteten Vorschriften der iüdischen Religion irgendwelche Rücksicht genommen wird. Sollte er z. B. in Vollendang der Gleichberechtigung wünschen. Deputierter in einem Staatswesen zu werden, so musste er auch — entgegen den Vorschriften seiner Religion — am Sabbath die Sitzungen besuchen und sich an der Arbeit beteiligen, anders ist eine völlige Emanzipation nicht möglich. — Bruno Bauer sagt in seiner Schrift: ״Kann der Jude die Menschenrechte in Besitz nehmen. So lange er Jude ist, muss über das menschliche Wesen, welches ihn als Menschen mit den Menschen verbinden sollte, das beschrankte Wesen, welches ihn zum Juden macht, sein wahres, höchstes Wesen ist. vor welchem das Wesen des Menschen zurücktreten muss.“ — Gegen diese Bewertung der durch die Revolution erkämpften Menschenrechte liberte, egalite, surCtö (liberte im engeren Sinne auch als religiöse Freiheit d. h. freie Ausübung der Vorschriften einer gesonderten Religion) wendet sich Marx, indem er nachzuweisen ver * sucht, dass die sogen. Menschenrechte nicht über den egoistischeu Menschen der bürgerlichen Gesellschaft hinausgehen und er stellt dagegen die Rechte und Pflichten des Staatsbürgers auf. welcher seine Privalintcressen denjenigen der Gemeinsamkeit des Volkes untcrordncn müsse. So sollte und musste also auch der Jude, wenn er die Emanzipation als Staatsbürger erreichen will, seine privaten und religiösen Interessen, denen der Volksgesamtheit willig untcrordncn. Wie weit er nun die Juden zu einem solchen Vorgehen l’iir imstande halt, das zeigt er in der Besprechung der zweiten Schrift Bauers: ..Die Fälligkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden.“ Bauer fasst diesen Gedanken derart, dass er behauptet: ,.Der Christ hat. um frei zu werden, nur eine Stufe zu übersteigen, d. h. seine Religion aufzuheben, der Jude dagegen iiat nicht nur mit dem jüdischen Wesen, sondern auch mit der Entwicklung, der Vollendung seiner Religion, mit einer Entwicklung, die ihm iremd geblieben ist. Wenn die Juden frei werden wollen, dürfen sie sich nicht zum Christentum bekennen, sondern zum aufgelösten Christen* tum, zur aufgelösten Religion überhaupt, d. h. zur Aufklärung. Kritik und ihren Resultaten, der freien Menschlichkeit.4 Für Bauer ist also die Frage der Judenemanzipation noch eine fast rein religiöse Frage, das Judentum ist für ihn nur eine rohe religiöse Kritik des Christentums. Er schiiesst mit den Worten: ״Der Jude gibt der Menschheit nicht, wenii er sein beschränktes Gesetz für sich missachtet, wenn er sein ganzes Judentum aufliebt.“ Bei der Besprechung dieser Frage w ird aus dem objek* tiven Kritiker Karl Marx ein blinder Fanatiker eines Vorurteils, welches er. offenbar in sich selbst grosszuzichen bemüht ist. Seine Ausführungen sind auf einen Ton gestimmt, von welchem Lcssing sagt: ״Wollte Gott, dass dieses nur die Sprache des Pöbels wäre.“ Seine Schniälisiicht kennt keine Grenzen mehr und fast scheint es. als ob er dadurch, dass er das Judentum als Abgrund aller sozialen Scheusslichkeiten darsteltt. den Uebcrtritt seines Vaters und den seinigen rechtfertigen und als eine für jeden anständig denkenden Menschen notwendige Tat gloiifizicreit wollte. Sein grösster Fehler ist. dass er nicht etwa das wirkliche Judentum oder die jüdische Religion auf Grund kritischer Erkenntnis angreift, sondern dass er auf die unschönen, durch die gcschiclitüdic Entwicklung hervorgerufenen Eigenschaften einiger Juden losstürmt und lediglich diese als Material fiir seine Anklage ausschlachtet Dieses Experiment leitet er ein mit dem Satze: ..Betrachten wir den wirklichen, weltlichen Juden, nicht den Sabbathjudcn, wie es Bauer tut. sondern den Alltagsjuden.“ — Er glaubt das Geheimnis der jüdischen Religion d. h. dessen. w׳as er infolge seiner mangelnden Kenntnis und Er* Kenntnis derselben in sie hincinlcgt — aus dem Charakter des wirklichen Juden, wie er ihn auffasst erklärenzu können und kommt zu dem Schlüsse: ..Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz! Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher! Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld! —- Nach diesem ebenso kühnen als ungerechtfertigten Behauptungen fasst er den Begriff der ״Juder.emanzipation“ in der ״Emanzipation der Menschheit vom Judentum’‘, wie er sagt vom praktischen, realen Judentum, also in der Emanzipation vom Schacher und vom Geld. Wenn also die bürgerliche Gesellschaft die Voraussetzung des Schachers, die Möglichkeit desselben aufheben würide, dann hätte sie den Juden in seiner spezifischen Eigenart unmöglich gemacht und der Jude müsste sich dann in der übrigen menschlichen Gesellschaft auflösen und sich auf diese Weise emanzipieren. Wenn wir bei diesem Gedanken halt machen, kommt e! uns plötzlich recht bekannt vor. Da haben wir ja im embryoiialcn Zustande die Sehnsucht und die Wünsche der heutigen ultralibcralen Staatsbürger mosaischen Glaubens. Der Jude soll seine indischen Eigenarten aufgeben und dann in der menschlichen Gesellschaft verschwinden, nicht mehr als Jude erkannt w׳erden. Das ist ia leibhaftig das Programm der Assimilation, wie es heute als höchstes erstrebenswertes Ideal in manchen israelitischen Kreisen mit dem grössten Eifer vertreten wird. Karl Marx behauptet nun w'eiter, dass sich die obengenannten Spezifika des Judentums und mit ihnen das Judentum selbst nur deshalb so lange hätte halten können, weil der praktische •Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden sei: ״Die Juden haben sich sow׳eit emanzipiert, dass die Christen zu Juden geworden sind.“ Es ist dieser Ausspruch ein deutlicher Anklang an das nachmalige Schlagwort der Antisemiten von der Vcrjudung der Völker, von dem .,zersetzet,den Ferment“ welches eine Handvoll iahrhunderte lang gedrückter und geknechteter Juden unter den grossen und freien Nationen gebildet haben und noch bilden soll. — ■ י Die Charakterisierung des Judentums, weiche Marx zur Bekräftigung seiner Behauptungen gibt, erinnert uns lebhaft an die unsinnigen Elaborate eines bekannten antisemitischen Agitators, wenn wir lesen: ״Mammon ist ihr Götze, sie beten ihn nicht allein mit den I.ippen, sondern mit allen KTäiten ihres Körpers und Gemütes an. Die Erde ist in ihren Augen nichts weiter als eine Börse und sic sind überzeugt, dass sie hieniedcn keine andere Bestimmung haben, als welcher zu werden, denn ihre Nachbarn. Der Schacher hat sich aller ihrer Gedanken bemächtigt, die. Abwechslung in den Gegenständen bildet ihre einzige Erholung. Wenn sie reisen, tragen sie sozusagen ihren Kram oder Kontor au! dem Rücken mit sich herum und spiechcn von nichts als Zinsen und Gewinn." Das ist doch keine objektive Charakterisierung der Juden und des Judentums, sondern es sind lediglich die grenzen* losen Uebcrtreibuiigtn eines subjektiven, blinden Hasses, wel* eher das Gebahren einiger jüdischer Geschäftsleute für seine Zwecke verzerrt und verallgemeinert. Eine kurze, logische Erwägung der geschichtlichen Tatsachen, des menschenunwürdigen Druckes, welcher* Jahrhunderte lang auf den Juden lastete und sic von jedem Erwerb ausser Kleinhandel und Geldgeschäften ausschloss, genügt zur Erklärung dieser ein- *einen Ereignisse, aber wer um jeden Preis Fehler sucht, wird sich nicht die Mühe geben, dieselben zu erklären. Dass das Judentum, welchem so skrupellos Eigentnut und Habsucht als einzige Lebensmaxime vorgeworien wird, ein auf der weitesten Basis sozialer Fürsorge errichtetes Gemeinwesen darstellte, wissen solche Herren nicht, oder sie wollen es nicht wissen. Sie vergessen auch, dass ein grosser Teil aller moralischen und ethischen Werte der Kulturmenschheit aus dem Judentum heraus geboren ist, dass Hillel sagen konnte: Der Grundgedanke der jüdischen Religion Ist: liebe deinen .Nächsten wie dich selbst, alle anderen Gebote sind daraus abzulciten. Neben einigen jüdischen Vertretern des Schachers und Wuchers stehen gross tmd glanzend die Namen von Männern wie Moses, Jesus. Philo, Maimonides. Jehuda Haiewi, Spir.oza, Moses Mendelsohn und eine endlose Reihe anderer Herren des Geistes, welche das jüdische Volk der Menschheit geschenkt hat. Alles dieses ignoriert der ״Kritiker“ Karl Marx und er schreibt: ״Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus, der Gott des praktischen Bedürfnisses und des Eigennutzes aber ist das Geld. Das Geld ist der eitrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf. Da nun nach der Marx'sciicn Theorie die bürgerliche Ge- Seilschaft an allen den schlechten und verderblichen Eigenschafteil krankt, wxiclie er den Juden vorwirft, so hielt er dieses für den gewünschten Beweis dafür, dass das Judentum seine verwerflichen Maxime den christliche!! Staaten infolge seines grossen finanziellen Einflusses aufoktroyiert und dadurch im christlichen Staat seine höchste Ausbildung als Judentum erhalten hat: ״Das Judentum hat sich nicht trotz den Ge* schichte, sondern durch die Geschichte erhalten, aus ihren Eingcwciden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden! Die chimärische Nationalität des Juden ist die Nationalität des Kaufmanns, des Geidmcnschen überhaupt.“ Der Schluss seiner Ausführungen zeichnet eine Lösung der Frage in dem Sinne seiner ganzen Deduktionen: ״Sebald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Juden- ן tutns. den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist 1 der Jude unmöglich geworden. w׳eil sein Bewusstsein keinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.