Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-11-06 · Heft 45 (6.11.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651597--06024-2663084
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 446 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 45 ו n dieser Sache niederlege, als bis endlich die in ganz Deutschland gesammelten Armengelder tatsächlich den Armen zu Gute kommen: _. למען ציון לא אהשה Heinrich Loewe. Karl Marx ״Zur dudenfrage“ von Paul L 0 e \v c n s t e i n, Berlin. Verzeihtl Es Ist ein cross’ Ersetzen, Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen. Zu schaun, wie vor uns ein weiser Mann gedacht Und wie wir s dann zuletzt so herrlich weit gebracht. Mit diesen Worten, welche Ooethe den selbstgefälligen und beschränkten Wagner sagen lässt, wird äusserst treffend die Ansicht vieler Juden gekennzeichnet, welche der festen Uebcrzeugung sind, dass der Judenhass der Völker der Vcrgangenheit angehört, dass in kurzer Zeit alle trennenden Schranken zwischen uns und den anderen fallen und eitel ׳Liebe und Freundschaft herrschen würde. ״Es ist ia schon so Vieles besser geworden und der Antisemitismus wird bald ganz verschwinden.“ Wenn wir aber die Dinge ohne diesen naiven Optimismus betrachten, sehen wir. dass in dem Urteil und der Stellungnahme unserer Wirtsvölker keine durchgreifende Aendcrung cingetreten ist. sondern, dass nur die äussere Form in verschiedenen Zeiten wechselt. Es ist heute, wo ein grosser Teil der Juden sein Heil im Anschluss an die Sozialdemokratie, als der einzigen wahrhaft freiheitlichen Partei, sucht, wühl angebracht, sielt die Beurtehung zu vergegenwärtigen, welche vor rund 70 Jahren der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx, dem Judentum hat angedeihen lassen und die Auffassung, welche er von der Judenfrage gehabt hat. Heinrich Karl Marx wurde geboren in Trier am 5. Mai ISIS als Sohn des Advokaten und späteren Justizrats Heinrich Marx, welcher im Jahre IS2-4 mit seiner Familie vom Judentum zum Protestanientum übertrat. Nach Erlangung des Maturitätszeugnisses studierte der junge Marx 2 Semester Ir! Bonn und darauf in Berlin Jurisprudenz, Geschichte und Philosophie mit der Arbeit ״Differenz der demokratischen und epikuräIschen Naturphilosophie“ und trat dann in die Redaktion der Rheinischen Zeitung ein. Nach kurzer publizistischer Tätigkeit in Deutschland siedelte er nach Paris über, wo er die Deutsch-französischen Jahrbücher herausgab. in welchen er Im März 1844 eine kritische Besprechung zweier Arbeiten des in der Schweiz lebenden Prof. Bruno Bauer ״Zur Judenfrage“ und ..Die Fähigkeit des heutigen Juden und Christen frei zu werden“ veröffentlichte. Prof. Bruno Bauer geht in der erstgenannten Schrift davon aus, dass die Juden die staatsbürgerliche, die politische Emanzlpation erstreben und antwortet: ״Niemand in Deutschland ist politisch emanzipiert. Wir• selbst sind unfrei. Wie sollen wir Euch befreien? Ihr Juden seid Egoisten, wenn Ihr eine besondere Emanzipation für Euch Juden verlangt. Ihr müsst als Deutsche an der politischen Emanzipation Deutschlands, als Menschen an der menschlichen Emanzipation arbeiten und die besondere Art Eures Druckes und Eurer Schmach, nicht als Ausnahme von der Regel, sondern vielmehr als Bestätigung der Regel empfinden.“ Er schlicsst diesen Teil mit dem Gedanken: ״Warum soll sich der Deutsche für die Befreiung des Juden interessieren, w׳enn sich der Jude nicht für die Befreiung des Deutschen interessiert?" Aus diesen und den folgenden Ausführungen ersieht man zur Genüge, dass die fortschrittlichen Herren der damaligen Zeit in Wirklichkeit ziemlich weit davon entfernt gewesen sind, wirklich praktisch die Judenfrage zu erkennen und eine brauchbare Losung derselben zu geben. Marx betont, indem er auf diesen Gedanken Bauers eingeht, zunächst, dass der Jude doch erst sein iüdischreligiöses Vorurteil aufgeben müsse, wenn er von deni deutschchristlichen Staat das Aufgeben seines religiösen Vorurteils verlangen will. Es kann also, nach s.Iner Ansicht, der Christliehe Staat den Juden nicht emanzipieren, so lange dieser eben Jude, d. h. religiöser Jude ist. Erst wenn der religiöse Uebcrtritt geschehen ist, kann die Emanzipation des Menschen vor sich gehen, jedoch erst dann, wenn die Gruppe, welche emanzlpieren soll, selbst frei und politisch emanzipiert ist. — Es ist heute ein Menschenalter verflossen, seitdem diese Gedanken ausgesprochen worden sind und wir können an den Tatsachen der geschichtlichen Entwicklung beurteilen, ob die Behauptungen lener Herren zutieffena gewesen sind, und wir erkennen, dass die Marx’schen Ansichten schon deshalb nicht richtig sein konnten, weil ein grosser Teil seinen Voraus- Setzungen die Folge einer gänzlich falschen Beurteilung des Verhältnisses der Juden zu ihren Wirtsvölkern gewesen ist. Nach langen und blutigen Kämpfen :st es dem deutschen Volke gelungen, seine politische Freiheit durchzusetzen. Die Geschehnisse des Jahres 1S-18 brachten die heissersehnte Konstitution, das Parlament und die Aufhebung der Zensur. Der Appell an die Juden, der Aufruf zur Mitarbeit an der politisehen Befreiung des deutschen Volkes war nicht ungehört verhallt. Da ein grosser Teil der Juden an die Richtigkeit der Ausführungen Marxs glaubte, suchten sic mit edlem Eifer den an sie gestellten Forderungen gerecht zu werden und wir finden eine sehr grosse Anzahl uns ■rer Volksgenossen als Führer und Geführte auf dem Kampfplatz um die politische Mündigkeit, um dann in einem freien deutschen Volke ihre Emanzipation als Juden zu verdienen und zu erringen. Nun zeigte 's sich aber, dass die Abneigung gegen die Juden doch durchaus andersartig gewesen ist als Bauer und Marx angenommen hatten, denn wenn auch auf den Papierbögen der Gesetzgebung kein Unterschied zwischen Juden und Christen mehr bestand, so wohnte doch im Herzen des deutscheu Volkes (wie aller anderen arischen Nationen) der instinktive Hass gegen die volksfrcmdcn Juden; aus dem öffentlich-politischen Druck des Ghettos wurde der Rassenhass in seiner modernen Form, der Antisemitismus und die gesellschaftliche Abschlicssung. Karl Marx sali eben in dem icligiösen Gegensatz die starrste Form des Unterschiedes der Juden von den sie umgebenden Völkern und er glaubte deshalb, dass dieser Gegensatz verschwinden müsse, wenn die Religionen überhaupt aufgehoben würden. Er sah in den Religionen nur die verschiedenen Entwickelmigsstufen des menschlichen Geistes, verschiedene von deu Geschichte abgclegte Sclilangenhüutc. Auf diesem Gedank'-ngange weiter aufbauend, verlangt der spätere Verfasser des koninmnistischen Manifestes, da er den Streit zweier Religionen in einem Staatswesen in nuce nur als Phänomen des Widerspruchs der Religion gegen den Staat ansieht, die Emanzipation des Staates von der Religion überhaupt: ״Da das Dasein der Religion das Dasein eines Mangels ist. so kann die Quelle dieses .Mangels nur im Staate selbst gesucht werden.“ Er erklärt die religiöse Befangenheit der freien Staatsbürger aus ihrer weltlichen Befangenheit und behauptet, dass sic ihre religiöse Beschränktheit aufgeben müssen, sobald sic die weltlichen Schranken aufliebcn. Er sagt dann wörtlich: ״Nachden! die Geschichte lange genug in Aberglauben aufgelöst gewesen ist, lösen wir den Aberglauben in Geschichte auf. Die Frage von dem Verhältnisse der politischen Emanzipation zur Religion, wird für uns die Frage von dem Verhältnis der politischen Emanzipation zur menschlichen Emanzipation.‘“ — In einer Kette von kühnen Schlussfolgerungen kommt er dann zu dem Resultat, dass der einzelne Mensch im Staate wohl noch religiös sein kann, wenn sich auch der Staat als solcher von einem religiösen Bekenntnis emanzipiert hat. Er sucht dieses aus den! Beispiel der amerikanischen Freistaaten nachzuweisen und kommt auf diesem Wege zu der spälcren sozialistischen Forderung, die Religion als Privatsache zu erklären._ Als Analogon dieser Gedankenkette bringt er damit die offiziell-staatliche Aufhebung des Privateigentums in Zusammenhang, welche er ideell bereits dann teilweise für erreicht hält, wenn der Zensus fiir aktive und passive Wählbarkeit aufgehoben whd und dadurch unter Umständen der Nicht-Bcsitzende ztim Gesetzgeber des Besitzenden werden kann. Der Mensch führt im Staate ein Doppelleben, erstens das Leben im politischen Gemeinwesen und zweitens als Privatmensch in der bürgerlichen Gesellschaft. Fiir den Menschen als Bourgeois ist das Leben im Staate nur ein Schein: der Bourgeois wie der Jude bleibt nur sophistisch im Staatslebcn und umgekehrt der Citojen nur sophistisch Bourgeois oder Jude. Es ist dieses der Unterschied zwischen Kaufmann und Staatsbürger. Auf diesen Streit reduziert sich, nach der Auffassung' Marx's schliesslich die Judenfrage, d. h. auf den Streit zwischen der Religion des Juden und dem allgemeinen Interesse des Staates, welchem er als Staatsbürger — nach vollendeter politischer Emanzipation — angehören soll. Wenn die Religion allgemein aus dem öffentlichen Recht in das Privatrecht verbannt ist. wird sie nur noch das abstraktc Bekenntnis der besonderen Verkehrtheit, der Privat- Schrulle, der Willkür. Marx ist also der Ansicht, dass die Judenfrage dann gelöst sei. wenn cs keine herrschende Staatsreligion mehr gibt und der Jude seine Religion ebenso wie jeder andere Gläubige als eine Privalsachc ausübt. ohne damit in Widerspruch zu einer anderen, staatlich als offiziell erklärten Religion zu geraten. Es schwebt ihm dabei der demokratische Ideal-Staat vor, welcher deshalb von der Religion abstrahieren kann, weil in ihm die menschliche Grundlage der Religion auf weltliche Weise ,ausgeführt Ist. — Wenn nun durch Erklärung der Religion als Privatsache die Möglichkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.