Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651552-2651596--06014-2663073- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 44 JÜDISCHE RUNDSCHAU. Seile 441 widerrechtlich vorcnthielt. so konnten die allermeisten bisi herigen Inhaber der. Wcinverkaufsstellen solche nicht inehr I übernehmen. In der Praxis wird die Verstaatlichung nun so durchgeführt. dass die Weinschänken von den Dorfgemeinden verpachtet werden. Kürzlich wurden in Daumancsti. einer Dorfgemeinde im Distrikte Bacau. zwei jüdische Weinschünker. die rumänische Staatsbürger sind, die den Krieg von 1877/78 mitgemacht haben und sich ihr Bürgerrecht dort sozusagen erkämpft haben, nicht zur Pacht zugclasscn. ja noch mehr, sic wurden aus dem Dorfe kurzer Hand ausgewiesen. Die beiden Männe!־, die Familienväter sind, sind nun nach Bukarest gekommen, um hier Gerechtigkeit zu suchen. Doch kann man ihnen wenig Hoffnung machen, dass sic sie finden werden. Sic beabsichtigen jetzt, eine Audienz bei m König nach/.usuchen. die ihnen aber wohl wenig helfen wild, selbst wenn der König sie empfängt, da in Rumänien der König nach einen! bekannten Worte nur herrscht, wiihrend die Minister regieren. Zur Aufnahme der Juden in die Hoch- und Mittelschulen Eine Allerhöchst bestätigte Verordnung des Ministerrats besagt: 1. Bezüglich der Auinalune von .luden in die Hochschulen aller Ressorts, mit Ausnahme der Konservatorien der Kaiserlich Russischen Musikgeseüschaff. ist fcstzusctzcn. dass in denjenigen dieser Hochschulen, welche in ihren Statuten keine diesbezüglichen Bestimmungen enthalten, folgende prozentuale Norm zu gelten hat: 3 Prozent flir die Residenzschulen. 5 Prozent für die Schulen im übrigen Reich ausserhalb des jüdischen Ansässigkeitsgebiets und 10 Prozent in diesem Ansässigkeitsgebict. 2. Unter dem Vorsitz des Unterrichtministers ist eine Koiue ,cuz von Vertretern der intcrcssierten Ressorts zu bilden, welche die Bedingungen der Aufnahme der Juden in die Mittelschulen zu bestimmen bat, worauf diese Bestimnumgcim vorgestellt werden. Die ״liberale“ Regierung Weshalb unsere Regierung und die Regierungspartei sich eigentlich immer noch Jibera!“ nennen, muss jedem uneründlieh bleiben, der sich die Taten dieser Regierung betrachtet. Ganz besonders in der Judenfragc zeichnen sich unsere ..Libcralcn“. wie ja jetzt auch in! Auslande ziemlich bekannt ist, durch einen so krassen und verstockten Antisemitismus aus, wie ihn nicht einmal die Konservativen hierzulande zeigen. Utn rumänischer Staatsbürger zu werden, muss der betreffende Kandidat von der Kammer und dem Senat die Zustimmung zu seinem Naturalisationsgesueh erhalten. Wie schwer das für Juden ist. beweist u. a. die Tatsache, dass bis heute seit dem Jahre 1878. dem Ursprungsiahre des heute ia völlig duren* löcherten Berliner Vertrages, noch nicht einmal 150 Juden naturalisiert wurden. Und vas das Aergste Ist: Die wenigen Juden, die von der konservativen Kammer vor zwei Jahren ins Bürgerrecht aufgeuommen wurden, bcmühen sich jetzt seit zwei Jahren vergeblich, von der ..liberalen“ Regierung ihre Dekrete ausgc folgt zu erhalten. Der einzige Jude, dem cs unter der jetzigen liberalen Regierung gelang, mit Hilfe grosser Protektion sein Naturalisationsgesueh überhaupt bis vor die Kammer und auf die Tagesordnung zu bringen, wurde von der Kammer einstimmig a b g c w i e s c n. So ״liberal" ist man in Rumänien! Die Wahlen irf\JerusaIem Aus Jerusalem erhält die ..Neue Jüdische Korrespondenz“ von ihrem dortigen Korrespondenten unter dem 26. Oktober folgendes Telegramm: Bel den Wahlmänner-Wahlen in Jerusalem wurden vier mohammedanische und zwei Jüdische Wahlmänncr gewählt. Die beiden jüdischen Wahlmänner sind die Zionisten Dr. Levy, Direktor der Anglo-Palestlnc Company, und Dr. Yctlin. Der Direktor der Gewerbeschule der Alliance Isratflitc Universelle. A n t <S b i, arbeitete sehr heftig gegen Dr. Levy. Anteln stellte sogar in Dr. Levys Wahlbezirk seine eigene Kandidatur auf, blieb aber mit 105 Stimmen gegen 154 Stimmen, die Dr. Levy erhielt, in der Minderheit. Hoffentlich dürfen diese Wahlen als ein günstiges Prognos־• tikon für die weiteren Wahlen betrachtet werden. ' *ff :.*r Kunstgewerbe-Ausstellung in Jaffa Im Bibliotheksaal Sehaare Zion in Jaffa wurde kürzlich eine Ausstellung von Erzeugnissen der Jerusalemer j ü d i - sehen Kunstgewerbeschulc ״B e z a l e I" eröffnet. Ausgestellt waren Teppiche. Bilderrahmen, Silber- F'iligran-Arbcitcn und eine grosse Reihe von Zeichnungen, die von den Fähigkeiten und Fortschritten der Schüler und den Zukunftsaussichten der ganzen Anstalt das beste Bild ergaben. Die Ausstellung, die sich andauernd eines sehr guten Besuches erfreut, legt Zeugnis davon ab, was die Juden im Kunstgewerbe in Palästina leisten können. Es ist kein Zweitel, dass gerade das Kunstgewerbc sowohl in seinen einfacheren handwerksmässiget! wie in seinen höheren künstlerischen Formen liier einen guten Boden und ein geeignetes Menschenmaterial zur Verfügung hat. So darf man hoffen, dass der ״BezalcT‘. der nun schon einige Jahre in Palästina wirkt, noch eine grosse Kulturarbeit in Palästina leisten wird. Die jüdische Einwanderung ____ nach^Amerika Es ist vor kurzem im Anschluss an die Einwanderungs- Ziffern aus den ersten acht Monaten dieses Jahres der Schluss gezogen worden, dass, da die jüdische Einwanderung nach Amerika so sehr viel geringer sei als int vorigen Jahre, wahrscheinliclt auch ein Teil der Ursachen der indischen Emigration weggefalieu sei ״der sich minder schwer geäussert habe. Das ist aber (wie von der ״N. J. K.“ damals bereits hetont wurde!) eine durch nichts gerechtfertigte Anschauung. Die Ziffern der jüdischen Einwanderung gewinnen natürlich erst dann eine Beweiskraft, wenn man sie mit den Ziffern der allgemeinen Einwanderung vergleicht. Diese Ziffern liegen für den Monat August 1908 jetzt vor, und sic ergeben die Ziffer von 27 782 Einwanderern gegenüber 9SS25 im August des vorigen Jahres, d. h. die Einwanderung betrug im August 190S nur 2-S Prozent der Einwanderung vom August 1907. Es ergibt sich nun, dass die jüdische Ein- Wanderung genau in demselben Masse, aber nicht stärker, zurfickgegangen ist wie die allgemeine. Die entsprechenden Ziffern der jüdischen Einwanderung sind nämlich für August 1907 13 526 und iür August 190$ 3767, das sind ebenfalls fast genau 28 Prozent. Einen noch ungünstigeren Rückschluss auf die Lage der Juden muss man ziehen, wenn man nicht die Ziffern der Gesamtein־ Wanderung mit denen der jüdischen vergleicht, sondern nur die Einwanderung aus denjenigen Landern zum Vergleich heranzieht, aus denen hauptsächlich Juden einwandern. Zieht man als solche Länder unter Weglassung derjenigen, welche wegen ihrer kleinen Ziffer nicht in Betracht kommen. Osterreich, Ungarn, Rumänien. Russland sowie England heran, so zeigt sich, dass die allgemeine Ein- Wanderung dieser Länder vom August 190S mit 11866 Einwanderern gegenüber 53 694 Einwanderern im August 1907 sogar nur 22 Prozent der Ziffer des Vorjahres erreicht. Die jüdische Einwanderung, die sich aus diesen Ländern fast ausschliesslich rekrutiert, ist also nicht so stark gesunken wie die allgemeine Ein- Wanderung aus diesen ..Judenländern“. Ein analoges Bild ergibt sich auch, wenn man die jüdische Einwanderung i m V e r- 11 ä 11 n i s zu der allgemeinen Einwanderung aus den genannten Ländern betrachtet. Da zeict sich, dass die jüdische Einwanderung im August 1907 nur 25 Prozent der allgemeinen Einwanderung aus den genannten Ländern betrug, während sic im August dieses Jahres 32 Proz e n t der allgemeinen Einwanderung aus diesen Ländern ausmacht. Gerade diese letzte Vcrluiltnisziffer zeigt deutlich, dass, trotz des grossen Rückganges der allgemeinen Ein- Wanderung nach Amerika und des damit verbundenen Rückganges der jüdischen Einwanderung, doch die Juden in diesem Jahre sogar noch stärker an der Einwanderung bcteiligt sind als im Notigen Jahre. Daraus geht zur Genüge hervor, dass alle optimistischen Schlüsse, die aus einer flüclitigen Betrachtung der Einwanderungsziffern gezogen wurden, nicht nur an sich vollständig hinfällig sind, sondern nicht einmal in diesen Ziffern die geringste Stütze finden. Lebensdauer der Juden und Nichtjuden Im allgemeinen trifft man in wissenschaftlichen Werken die Ueberzeugung an, dass die Juden durchschnittlich eine längere Lebensdauer hätten als die Nichtjudcn, was gewöhnlieh auf eine grössere Zähigkeit der indischen Rasse zurückgerührt wird. Exakte statistische Untersuchungen nach dieser Richtung lagen aber nicht viele vor. Ein umso grösseres Verdienst hat sich Dr. Elias Auerbach (Berlin-Wilmersdorf) erworben, der jetzt in einem Aufsatz der eben erschienenen Nummer 10 der ״Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden“ die Sterblichkeit der Juden in Budapest in den