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Jüdische Rundschau · 1908-10-30 · Heft 44 (30.10.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 44 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4*10 No. 44 JÜDISCHE ablegen, ehe wir gesiegt haben.“ Diese Neigung, den Zionismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen, den einen als Gegenwirkung des anderen zu begreifen, ist überraschend oberflächlich. Der Antisemitismus war höchstens ein Anlass, er war sicher nicht der Grund des Zionismus. Der Judenhass hat nur in vielen Juden das eingeschlummcrtc Stanuncsbcwusstscin geweckt und sie ermahnt, sich auf ihre geschiehtliehe Individualität zu besinnen. Er hat sic genötigt, über ihre Stellung in der Welt, Ober ihr Verhältnis zu den anderen Völkern, über ihre Aussichten als Einzelmenschcn und als Gesamtheit nachzudenken, und dieses Nachdenken, nicht die Ungerechtigkeit der Judenfeinde, hat sie zu überzeugten, ruhig entschlossenen Zionisten gemacht. Denkende Juden lassen sich nicht darauf ein, sich selbst zu täuschen; sic sind gegen sich von der unerbittlichsten Aufrichtigkeit. Wir sind empfindlich, wenn man uns in unserem Gcburtslande Fremde schilt. Es ist Ja auch in der Tat eine Bosheit, uns als fremd auf der Scholle anzusehen, auf der unsere Wiege stand und unter der die Gebeine unserer Väter ruhen. Aber wenn man mit Unrecht unsere Zugehörigkeit zum Boden, zum Lande, zum Staate leugnen will, müssen wir es doch andererseits verstehen, dass die Menschen, unsere Landsleute, uns als Fremde empfinden, da wir cs beharrlich ablcluien, uns in ihnen aufzulösen. Da richtet sicli ein Entweder-Oder vor uns auf, vor dem es kein Entrinnen gibt. Entweder wir wollen ein Volk bleiben, oder wir wollen kein Volk bleiben. Wollen wir kein Volk bleiben, dann gehen wir, so rasch wie es die dcmographischen Verliältnisse irgend gestatten, in unserer Volksumgebung auf. Wollen wir aber ein Volk bleiben, wie unsere beharrlich gewahrte Sonderstellung beweist, dann müssen wir auch die nötige Anstrengung zur Ermöglichung eines Volksdaseins machen. Erwarten und hoffen wir keine nationale Wiedergehurt, dann ist es lediglich stumpfe Gedankenlosigkeit, dann ist es reine Unfähigkeit, den eigenen Standpunkt zu begreifen, wenn man unter den grössten Opfern und mit den schwersten Leiden ziel- und zwecklos in einer Sonderexistenz verharrt, die keinen Sinn mehr hat. Also: Zionismus oder nationale Liquidation. Alles andere ist Halbheit und beunruhigt die Logik.“ Hierzu bemerkt die SCHLESISCHE ZEITUNG: ״Das ist der Standpunkt der Zionisten, die im übrigen den Kampf gegen antisemitische Verleumdungen ebenfalls mit aller Energie führen, nur dass sie nicht den optimistischen Glauben teilen, durch diese Tantalus-Arbeit die Judenfrage im positiven Sinne lösen zu können. Der Zionismus geht von der Ueberzeugung aus, dass eine selbständige nationale Existenz der Juden in Palästina nicht nur wertvolle Elemente für den allgemeinen Kulturfortschritt schaffen, sondern auch die Lage der ausserhalb Palästinas wohnenden Juden verbessern würde, die dann eine klarere und gefestigtere Stellung in ihren Geburtsländern einnehmen würden als heute. Die Kämpfer gegen den Antisemitismus als gegen eine Schmach für Jedes Kulturvolk sollten daher den Zionismus mit Freuden begrüssen, der ihre Position nur verbessern kann. Jedenfalls Ist die Auffassung vom Zionismus, die Herr Professor Günther erkennen licss. eine völlig missverständliche, die nur auf Unkenntnis des Wesens des Zionismus beruhen kann.“ Das ist die Meinung der SCHLESISCHEN ZEITUNG der wir nur insofern nicht folgen können, als sie Tantalus und S«s y p h u s verwechselt hat. ״Volksaufklärung״ In Petersburg hat vor einiger Zeit Baron Ginsburg eine Akademie für semitische Sprachen und orientalische Kurse gegründet. Es wurden dreissig StuJcnten aufgenommen, von denen freilich die meisten das Wohnrecht in Petersburg nicht bcsassen. Deshalb wandte sich Baron Ginsburg an den Premierminister S 10 I y p i n mit dem Ersuchen, diesen Studenten die Aufenthaltsbcrcchtigung zu gewähren. Stolypin gab das Gesuch zur gutachtlichen Aeusscrung an den Minister für Volksaufklärung. Herrn'S c 11 w׳ a r z. Dieser echte Russe mit dem deutschen Namen antwortete, dass eine solche Akademie wie die des Barons Qinsburg vom Standpunkt der Regierungsinteressen unerwünscht sei, weil sic zur Stärkung des nationalen Selbstbewusstsei ns der Juden beitragen könne. Der Premierminister hatte aber von den russischen Regierungsintercssen offenbar doch eine andere Meinung als sein baltischer, volksaufklärendcr Kollege und gab dem Gesuche statt. Nun werden also dreissig Jüdische Studenten durch das Studium der orientalischen Sprachen die russischen Regierungs- Interessen schädigen — schrecklich! RUNDSCHAU Pobedonoszews Vermächtnis Pobcdonoszcw. der Präsident des Heiligen Synods, galt bekanntlich in ganz Russland, Ja in der ganzen Welt als der Vater der russischen Reaktion, jedenfalls als ihr Inspirator und im besonderen als der Urheber aller gegen die Juden gerichteten Gesetze und administrativen Beschränkungen. In seinem Nachlasse erwartete man darüber allerlei Aufklärungen zu finden. Und man fand sie — aber sic überraschten alle, und diejenigen am meisten, die sie fanden. Dem letzten Wunsche des Verstorbenen entsprechend waren alle seine nachgelassenen Papiere dem Heiligen Synod übergeben worden. Nun bciinüet sieh darunter auch ein Manuskript, in dem Pobedonos/ew die Lage der Juden in Russland bespricht, sowie die Mittel, die erforderlich wären, um diese Lage, die er als eine anormale anerkennt, zu regeln. Ausser diesem objektiven Bericht enthält das Manuskript aber auch ein Gesetzesprojekt. das die Aenderung aller Gesetze, die die Rechte der Juden in Russland begrenzen, befürwortet. Und dieser Entwurf ist im allgemeinen merkwürdigerweise in ei n e m durchaus liberalen Sinne gehalten! Und dabei stammt es wirklich und unzweifelhaft von Pobedmmszew . . . Jetzt wurde dieser Gesetzentwurf der besonderen Kommission beim Ministerium des Innern, die das neue Gesetz über die Rechte der Juden ausarbeiten soll, als Material überwiesen. Am Ende wird also Pohedotioszcw alle Gräuel Russlands weckt dieser Name in einem auf! — noch der Vater eines liberalen Judengesctzcs in Russland! —- Hat der alte Fuchs vielleicht dieses Manuskript absichtlieh ..!unterlassen“, um sich, dem bestgehassten Manne im Reiche des Zaren, wenigstens einen guten Nachruhm zu schaffen --־ —? Eine Niederlage Stolypins Ucbcr eine schwere Niederlage Stolypins vor dem regiercndcii Senat wird der ..Russischen Korrespondenz" aus Petersburg telegraphiert: Der russische Premierminister, dessen Autorität durch die iibcrhandtiehmendc vollständige Insubordination der Generalgouverneure schon lange untergraben ist. hat jetzt durch die Entscheidung des Senats in der Klagesache eines der Hauptfiihrcr des ״Schwarzen Hunderts“, des bekannten Hofgünstlings Grafen Konownizyn, contra Stolypin einen ausserordentliehen Schlag erlitten. Klagegegenstand war ein Zirkular Stolypins vom Mai 1907, das die Gouverneure augewiesen hatte, bei Ausweisung von Juden aus Gebieten, in denen sie nicht wohnberechtigt sind, in gewissen Fällen Nachsicht walten zu lassen. Der Kläger Konownizyn behauptete, er sei durch diesen Erlass wegen der ״jüdischen Ausbeutung“ materiell und wegen der Gefahr eines Ritualmordes persönlieh geschädigt. Die Verpflichtung der Gouverneure, alle Umstände zu prüfen, biete dagegen keine Gewähr, da die Gouverneure unzuverlässig seien. Kläger forderte deshalb die Aufhebung der allgemeinen ministeriellen Verfügung und gerichtliche Verfolgung des Premierministers wegen widergesetzlicher Anordnungen. Der Senat bezcichnete zwar den Kläger als unbeiugt zu solchen Anträgen, ging aber auf die Sache selbst ein und erklärte seinerseits die Verfügung des Premierministers für ungesetzlich. Das Verhalten des regierenden Senats, der sonst ein willenloses Werkzeug in den Händen der Regierung ist. gilt hier als Symptom für den Zusammenbruch der Autorität Stolypins in den oberen Regierungskreisen. In der Sache selbst bedeutet die Entscheidung neben dem Sieg eines bcrüchtigten Antisemitenfiihrers die Ermunterung zu einem neuen Ansturm gegen die Juden und die bevorstehende schärfste Anwendung aller antisemitischen Gesetze und Verfiigungen. Neues aus Rumänien Dass wir in Rumänien jederzeit Gewaltakte gegen die jüdische Bevölkerung zu erwarten haben, ist heute keine grosse Neuigkeit mehr. Aber dass die Regierung cs wagt, auch gegen solche Juden mit brutaler Gewalt vorzugehen, die sich in blutigem Kriege ilire bürgerlichen und politische« Rechte erworben haben, die also richtige rumänische S t a a t s b ii r g e!! sind, das war bisher doch noch selten der Fall. Mit der fortschreitenden Kultur sind wir aber auch dahin gelangt. Wie seinerzeit auch an dieser Stelle berichtet wurde, ist im vorigen Jahre die Verstaatlichung der Wein-Ausschankstcllen durehgefiihrt worden. Es wurden da- ’״!als einige tausend jüdische Familien mit einem Schlage brotlos gemacht, da für die Ucbernahme eines staatlichen Weinausschankes der Besitz der staatsbürgerlichen Rechte Bedingung wurde. Da nun die Regierung den Juden diese

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