Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JöbiscHfe Rundschau Seite 4M No. 44 --!- Posen, Hugo S c 11 a c h t c I - Breslau, Fritz S o 1: d 11 c i ni e r. Frankfurt a. M., Pr. H a n t k c, Rechtsanwalt (]roneman n, Dr. L e s z y n s k y. Max W o 11 s t c i n e r, Dr. Klee. Hermann Struck, Rechtsanwalt S t c 1 n i t z. Pr. J u n g - mann, Dr. Friede mann, Dr. Elias Auerbach, sämtlieh in Berlin. Die Herren Arnold Wicncr-Kattowitz. Dr. Kalmus und. Pr. Halpern-Hamburg und Kauftnann-Freiburg i. Br. hatten ihr Fernbleiben entschuldigt und sich zu den wichtigen Punkten der Tagesordnung schriftlich geäussert. Als Vertreter des Aktionskomitees wohnte Herr Professro W a r b u r g ־ Berlin der Sitzung bei. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präsidenten Herrn Pr. B o d e n h e i m e r und nach Anhörung eines kurzen Beriehtes des Geschaftsfiihrcndcn Ausschusses wurde in die Tagesordnung eingetreten, welche sich auf sämtliche Gebiete der Organisation und der Propaganda erstreckte. Aus den Beschlüssen mag licrvorgehobcn werden, dass einstimmig die Durchführung des Beschlusses des Pelegiertcntages auf An- Stellung eines Parteisekretärs für dringend erforderlich erklärt wurde. Pie hierzu notwendigen Mittel sollen durch besondere Beiträge der Ortsgruppen aufgebracht werden. Der Geschäftsführende Ausschuss wird beauftragt, nach dieser Richtung, 11 it den Ortsgruppen zu verhandeln. Per Obcrschlesiscltc. Uruppenverband hat bereits für die nächsten zwei Jahre einen Beitrag von jährlich 6<H» Mark bewilligt. Ein von Herrn Julius S i m o u verfasstes Schckclflughlatt wurde einstimmig genehmigt und soll in den nächsten Wochen in einer Massenauflage verbreitet werden. Zur Verstärkung der Palästitiupropagauda wurde ein Ausschuss unter Leitung der Herren Pr. Friede man 11 und Hermann Struck eiligesetzt. Pcm Ausschuss wurde auch die N'ationalfondspropagauda übertragen. Pie auf dem Pelegiertentag eingesetzte Gemeindek om missiori sowie der Ausschuss zur Forder u 11 g der 11111 e 11 a r b e i t erstatteten ausführliche Berichte. Pie Ausschüsse sind noch mit Vorarbeiten beschäftigt. Pie Sitzung Schloss mit einer Besprechung der politischen Vcrhältnisse in der Türkei. Kunascnau A. J. K.-O. Wie die ״N. J. K.“ erfährt, so!! bereits im Laufe der nächsteil Zeit die ״Allgemeine Jüdische Kolon isa t i 0 ns - O r ga n i s a t i o n“, über deren Begründung die Ende September in Berlin tagende Notabclti-Konferetiz beriet, definitiv konstituiert werden. Es ist daher nicht uttinteressant, zu sehen, von welchen Ideen und Absichten diese neue Gesellschaft sich leiten lassen will. Pcm einleitenden Referat zu der genannten Konferenz, das Pr. Alfred N ossig erstattete und das uns soeben zugegangen ist, entnehmen Wir, dass die A. J. K.-O. die Frage des Kolonisationsgebiet cs gänzlich voraussetzungslos vorn Volkswirtschaftliehen uild koloitialpolitischen Standpunkte geprüft habe, und dass von allen überhaupt in Betracht kommenden Gebieten nur zwei Sich bisher wirtschaftlich bewährt haben, Argen* t i 11 i c 11 und Palästina. Pa nun die argentinische Kolon!־ sation in Händen der Ica liege, so wolle die neue Orgaiiisation sich gern auf die Wirksamkeit im Orient beschränken, zumal dieses Gebiet in vielen Hinsichten als das aussichtsreichere erscheinen müsse. (Hier sei daran erinnert, dass auf der Konferenz vom 20. September Herr Hermann Landau, London, Argentinien als ein moralisch versumpftes Land bezeiclmete. P. Red.) Das früher verbreitete Vorurteil von der Unfruchtbarkeit Palästinas ist, wie es in dem Vortrag heisst, zunächst durch die deutsche, dann aber durch die jüdische Kolonisation völlig beseitigt worden. Pie Kolonisten in Palästina sind ständig wirtschaftlich vorwärts gekommen, so Ua^s der Vorsitzende der fea, Herr N a r c i s s e Leven, in seinem Jahresbericht fiir 1907 sagen kann: ״Es hat genügt, den Juden Acker und Arbei ts werk zeuge zu liefern, um sic zum Erfolge zu führen ־־־ nach den Erfahrungen kaum eines Vierteljahrhundcrts eine feststehende Tatsache. Das ist ermutigend und gestattet, vorwärts zu gehen“ Weiter heisst cs in dem Vortrage Dr. Nossigs: ״In der Tat wird man schwerlich ein Gebiet finden können, das für eine sofortige jüdische Ansiedelungsaktion in etwas grösserem Massstabe günstigere Vorausetzungen bietet als Palästina. Schon die ausserordentliche Nähe dieses Landes an das Auswaiiderungsgebict, die Billigkeit des Transportes fallen bei Masscnübcrsicdelimgen schr^ ins Gewicht. Die heute ganz unbezweifelbarc Fruchtb a r k e i t des Bodens im Verein mit den noch gar nicht ausgenützten Wasserkräften und dem erheblichen Minenreichtum gestatten es. anzunehmen, dass in P a Iäs t i n a all e i n, das etwa den Umfang von Belgien besitzt, hei intensiver landwirtschaftlicher und industrieller Entwicklung viele Millionen unserer Glaubensgenossen leben könnten. Erwägen Sie nun weiter, dass hier fruchtbare Nachbargebictc von unbegrenzter Fassungskraft sich eröffnen, wie Mesopotamien; dass dieses Land bei seiner exzeptionell günstigen geographischen Lage an der Pforte dreier Kontinente, am Kreuzungspunktc der grossen Wetthandelsstrassen, wenn es von Juden bewohnt werden wird, ein Handelsu nj d Kulturzentrum ersten Ranges sein .wird, dass es das einzige Gebiet ist, wo mit Rücksicht auf־ die Geschichte die nichtiiidischc Be־ völkerung gegen die jüdische Einwanderung nicht protestieren kann; dass die Einwanderer hier bereits eine jüdische Be־ völkerung voriinden, die sich seit den 70er Jahren verfiinf־ facht hat — etwa 100 000 Seelen —, sowie alles, was sic zur Ausübung ihrer religiösen Pflichten bedürfen; erwägen Sic, dass der Orient, in dem alle jüdischen Organisationen sich betätigen, heute das hervorragendste jüdische Kolonisationsfand ist — und Sie werden ztigehen, dass es eine Verhängnisvolle und unbegründete Kräfte-Zersplitteruiig wäre, wenn wir heute ein ganz neues Gebiet erscliliesscit wollten.“ Kadi einer Besprechung der günstigen Lage der jetzigen Einwanderer, die zu einem grossen Prozentsatz mit ansehn* liehen Kapitalien in das Land gehen, und einer Erörterung der günstigen Chancen, die die neue Entwicklung der Türkei verheisst, sagt Pr. Nossig weiter: ״Es handelt sich demnach nicht um eine sentimentale Voreingenommenheit zu Gunsten des heiligen Landes. Es ist tatsächlich ein merkwürdiges Spiel der Weltgeschichte, dass gerade das Gebiet, welches einst vor Jahrtausenden unseren in Aegypten geknechteten Vätern zum verheissenen Lande ward, heute unseren Brüdern, die in einen! neuen Mizrajim leiden, als das beste aller erreichbaren •Ansicdcl 11 ngsterritorien sich darbiete t.“ Die A. J. K.-O. will mit der fein philantropischen Kolon!־ sationsmethode brechen und die Ansiedelung aut eine durchaus geschäftliche Basis stellen. Sie hofit. dadurch auch leichter in den Besitz der benötigten Fonds zu kommen. Am Schlüsse seines Vortrages warnt Pr. Nossig vor der Verhängnisvollen Suggestion, die sich unter der gesamten Judenheit verbreitet habe, dass die lea mit ihren zweihundert Millionen alles im Bereiche der jüdischen Kolonisation mögliche leisten und dass auf diesem Gebiete nichts ohne die fea geschaffen werden könne. ״Diese phantastisch grosse, aber uo'ch lange nicht hinreichend grosse Stiftung wurde wie ein riesiger Goldklumpen angestarrt, der die jüdische Initiative in einen hypnotischen Schlaf versenkte. Es ist Zeit, dass unsere finanziell leistungsfähigeren Glaubensgenossen aus diesem hypnotischen Zustande erwachen und mit einer ersten instinktiven Bewegung — in die eigene Tasche greife n." 1 Zionismus und Antisemitismus Das Zentrallmrcau der zionistischen Vereinigung für Deutschland bittet uns um Abdruck folgender Erklärung: ln der vor einigen Tagen in Berlin stattgehabten General- Versammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus hat Herr Prof. Pr. Günther, München, nach Zeitungsberichten geäussert. der Zionismus bedeute nur eine Fahn e n f I u e h t und sei also als eine Feigheit z 11 verwerfen. Es dürfte im Anschluss daran nicht tininteressant sein, an die Worte zu erinnern, die Max Nord a u m seiner Rede auf dem 6. Zhmistcnkongress im Haag 1907 gerade diesem nicht mehr neuen Vorwurf, der den Zionisten gemacht wird, widmete. Der bekannte Vorkämpfer des Zionismus sagte damals: ״Weit verbreitet ist die Meinung, der Zionismus sei eine Antwort auf den Antisemitismus, die Antwort des jüdischen Trotzes nach den einen, .der jüdischen Verzweiflung nach den anderen, Diese Auffassung gab manchen unserer Gegner Gelegeiiheit, sich in Heldcnposen zu werfen und Bramarbasreden zu führen. . ״Ihr Zionisten,“ prahlten sie, ״seid feige Ausreisser, wir dagegen sind tapfere Streiter; ihr ergreift vor dem Feinde die Flucht, wir nehmen den Kampf an, wollen ihn in unserem Geburtslande bestehen und die Rüstung nicht