Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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■ mof♦י!י״מד Seite 438 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 44 ,wichtigen Dingen zuzuwenden, nämlich dem Lands Palästina und der hebräischen Sprache. Ob und auf welche Weise es uns gelingen könnte, zur Hebung der Lemfust für Hebräisch beizutragen, ist noch nicht genau anzugeben. Es wird jedenfalls auch auf dicssm Gebiete alles geschehen müssen, um unsererseits nach Kräften das Studium der hebräischen Sprache zu fördern. Wcscntlieh geringere Schwierigkeiten bereitet dagegen der Palästinakundc. Wir besitzen ausserdem schon eine ziemlieh reichhaltige Palästinaliteratur, und wir sind in der Lage, durch Lichtbilder die Anschaulichkeit zu unterstützen und dadurch das Interesse für die Vorträge und für das Land zu erhöhen. In Anbetracht dieser für die Propaganda und für die Bidtmg sehr wertvollen Methode wäre zu erwägen, ob nicht das C. C. die Anschaffung eines an Wanderredner zu verleihenden Proiektionsapparates beschliessen sollte. Industrielle Kolonisation in Palästina ״Wem! inan uns aber fragt. was wir mit den Ansiedlern ar.iaiigcii wollen, so sind wir nicht in Verlegenheit. Wir wollen sie zu Bodenständigen, z;1 wirklichen Landrassen machen. Sie sollen auf der Scholle von der Scholle leben, nicht besorgt als kraftlose Händler nach dem Marktpreise nuslugen. Den Markt sollen sie mir mit den Erzeugnissen aufsuchen, die sie über den Eigenbedarf hinaus haben. Jede Ansiedlern■! soll sieh nach den Grundsätzen, die uns Erfahrung und Wissenschaft heute schon an die Hand geben, als landwirtschaftliche Betriebsgcnossenschaft selbst verwalten. An diese Grundsätze werden wir anknüpfen müssen, wenn wir mit Gottes Hilfe die öffentliclt-rcciitliciien Sicherheiten unseres Programmes erlangen. So lassen sieh die Grundlagen breiten für die dauernde Ruhe, nach der sich das so viel umliergehetzte Volk der Juden mit Solcher Inbrunst sehnt.*• Diese Worte sind der Eröimungsrede Theodor Hcrzls zum 5. Kongress entnommen. In den knappen, aber klaren Sätzen ist nicht weniger enthalten als die Grundprinzipiell der zukünftigen jüdischen Kolonisation Palästinas. Der 5. Kongress bildet einen Abschluss i!1 der Geschichte der zionistischen Bewegung. Er war der letzte, wenn auch vielleicht der hervorragendste programmatische Kongress. Bis zu diesem Kongress legte man die Richtlinien, den Bauplan des zukünftigen Gebäudes. Mit dem eigentlichen Bau aber wollte man nicht beginnen, bevor man nicht die Erlaubnis des Grundeigentümers eingeholt hätte. Man wartete auf den Charter. Aber gerade in dieser Zeit, nach dem 5. Kongress brachen furchtbare Schläge auf das Jüdische Volk nieder, die Tage von Kischinew und Hornel, die in ihrer grausamen Deutlichkeit heute noch vor unseren Augen stehen, als wären sie gestern gewesen. Die Kot war gross; der Zionismus konnte nicht länger beiseite stellen, er musste helfend eingreifen, und da der Führer es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren konnte, ohne Charter zu bauen, schlug er dem Volke vor, ein Notzeit zu errichten zu vorübergehenden! Gebrauche. Es folgt jener bekannte Kampf um Uganda, der Kampf zwischen Politischen und Zioite-Zion. der heute bereits der Geschichte angehört. Denn wir wissen heute, dass wir auch «*title Charter bauen können. Herzt hielt cs für leichtfertig, sein Werk zu beginnen ohne Garantien dafür, dass es von keiner fremden Hand wieder zerstört werden könne. Er dachte dabei au die Erfahrungen des Jüdischen Volkes in diesem Punkte. Alter er hat doch vergessen, dass ein Volk, das fest in der eigenen Scholle wurzelt, das einen Acker selbst bebaut, so leicht nicht expropriiert w erden kann. Es ist auch in nachbarbarischer Zeit bei gesitteten, hellfarbigen Völkerschaften nicht versucht worden: mit einer Ausnahme in der allerjiiugsten Zeit, hei der aber das Experiment noch keineswegs als geglückt anzusehen ist und auch nur durch das Geiiihl des Angcgriifenstins erklärlich wird: ein Analogon in der Türkei ist aus ״ Gründen, die in einer zionistischen Zeitschrift uus/.miihrcn sich erübrigt, ausgeschlossen. Wir haben uns also geeinigt: wir wollen mit dem Bau beginnen. Wir müssen beginnen, sonst nehmen andere den Bauplatz ein. Da wir allein — leider! -- nicht die genügenden Gelder auftreiben können, müssen wir sehen, inwieweit wir durch Zusammenarbeit mit anderen, reicheren Organisationen für unsere Zwecke Kapital schlagen können. Allerdings nur für unsere Zwecke. Wenn die jüdische ״Notabein- Versammlung“ einen Erfolg in dieser Beziehung erreicht hat. so liegt kein Grund vor, sic zu verurteilen. Aber es sind gerade bei dieser Gelegenheit (wenigstens wie die Berichte lehren) Gedanken zur Sprache gekommen, die, besonders weil sie nicht das erste Mal auftauchcn, nicht unwidersprochen bleiben sollen. Es ist dies der Plan einer industriellen K״!onisation Palästinas. Er ist, wie gesagt, keineswegs neu: schon Davis Trictsch hat ihn auf dem 6. Kongress unü seitdem in immerwährender Propagandatätigkeit verfochten und ebenso finden wir ihn bei vielen anderen. Zweifellos geschieht dies aus sehr achtbaren Motiven heraus: Die landwirtschaftliche Kolonisation gehe zu langsam, wir hätten die schnellere, industrielle Kolonisation zu wählen, um zum Ziele zu gelangen. Nun ist industrielle Kolonisation an und 1'iir sich schon ein Unding: eine Industrie kann doch wohl nur die sekundäre Folge einer primären landwirtschaftlichen Kolonisation sein. Aber wenn wir eine Industrie künstlich einrichten wollen, etwa so, dass sic als Absatzgebiet den Weltmarkt finden soll, so ist diese Idee als gänzlich unzionistisch zu bezeichnen. Was haben wir denn gewonnen, wenn wir von neuem die Städte füllen mit phthisitischcm. hungerndem, landlosem Proletariat, das jeder Windstoss einer wirtschaftlichen Krisis aus dem Lande jagen muss! Das Haus, das wh bauen wollen, soll doch gross und herrlich sein und dem Sturme der Jahrhunderte trotzen. Haben wir die Judeniragc gelöst, haben wir das alte Vaterland wieder aufgerichtet, wenn w ir ein neues Ghetto errichten auf dem Boden, über den einst der Pilug' unserer Väter gegangen ist? Hcrzls Worte auf dem 5. Kongress erscheinen deshalb so bedeutsam, weil sie gleichsam das Restmie der iriiheren Arbeit über die Prinzipien der Kolonisation Palästinas enthält. Soll all diese Arbeit, die vom 1. bis zum 5. Kongress geleistet worden ist. umsonst gewesen sein? Wollen wir den elenden Zustand, in dem sich die Juden befinden, in Palästina perpetnicreii? Dann wird uns die Zukunft mit Recht vorwerfen, dass wir unser!! schönen Worten keine Taten haben nachfolgen lassen. Palästina und sein Hinterland Mesopotamien ist gross genug, um die Judenfrage zehnmal durch landwirtschaft'iche Kolonisation zu lösen. ,.Bauern muss schaffen, wer Städte gründen will.“ 111 diesem Satze gipfelt das mustergültige Rcierat!זי. Franz Oppenheimers auf dem 6. Kongress. Hach dem eine Diskussion über diese Frage eigentlich erledigt sein sollte. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Ghetti Palästinas die historischen Grundlagen des neuen Jüdischen Volkes werden sollen. Sie sind ein schlechtes Fundament für ein Volk, hesonders für eins, das erst wieder Volk werden will. Wir dürfen nicht die Verelendung in den Städten dadurch zu beseitigen suchen, dass wir ..industrielle Kolonisation“ treiben. Wir wollen ja die Ghetti der Erde entvölkern und ihre Bewolmer als ircic Bauern a!!siedeln, damit sic ein tief in der Scholle wurzelndes Fundament dem neuen Volke werden, das unser Stolz und unsere Ehre sein soll. Aber wenn wir die Ghetti entvölkern wollen, sc» müssen wir in Palästina anfangen. Die landwirtschaftliche Tätigkeit muss nach wie vor im Vordergründe unserer Palästinaarbeit stellen. Freilich, auch die kulturelle Arbeit muss geleistet werden, unsere Bauern sollen nicht bloss Bauern, sondern hebräische Bauern werden. Das ist ja der Vorzug, den wir vor allen philanthropischen Bestrebungen haben, dass wir national kolonisieren. Denn der Jude wird den Boden mit doppeltem Fleisse bebauen, den er als seine Heimat liebt. Aber all dieses, auch wenn cs sich um Verkehrs- und industrielle Anlagen handelt, darf stets nur sekundär betrieben werden, nur als Mittel zum Zweck, mim• lieh der landwirtschaftlichen Kolonisation, nie aber als Selbstzweck. Sonst bedeutet es unnütze und schädliche Zersplitterimg der Kräfte. Wir dürfen uns in keiner Weise durch die Schnelligkeit der industriellen Kolonisation blenden lassen, denn uns liegt nichts daran, einem augenblicklichen Notstände abzuhclien. W ir wollen das Ueliel an der Wurzel fassen, aber nicht die alte Mühsal mitnehmen in das neue Land. B-I. Bericht über die Sitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland war für den 25. Oktober zu einer Plenarsitzung nach Berlin zusammenberufen worden. An derselben nahmen folgende Mitglieder teil: Dr. B o d e n 11 e i in e r - Köln. Präsident; Julius S i m o n - Mannheim, l)r. K o 11 e n s c!1 e r - x