Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 432 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 43 die barbarischen Misshandlungen, denen Millionen unserer Glaubensgenossen ausgesetzt sind, zu protestieren; nirgends, und bei keiner Macht können wir als Vertreter und im Namen des indischen Volkes vorstellig werden. Wenn wir uns entnisten, wenn unser Gewissen sielt empört ob der Folter, ob der Massenmorde an unseren Stammesgenossen. so schreie n wir durch die Presse zum Fenster hinaus, und — * im besten Falle bekommen wir Mitlcidsausdriieke, Kon• dolcnzkartcn. Und wir können an niemanden appellieren ans dem einfachen Grunde, weil niemand von unseren zwölf Millioncn Juden berechtigt ist, in! Namen der Opier zu sprechen. Weil wir keine Vorsteher unseres Volkes haben, deshalb werdet! wir auch zuriiekgesetzt, und drangsaliert, werden die Massen verfolgt und gemordet: well wir herrenlos sind. Wir brauchen Volksvertreter, wir müssen unsere Repräsentanz des zwölf Millionen Juden-Volkcs haben. Fine wahre, echte und wirkliche Repräsentanz, aber keine Pseudo- Repräsentanz. Da wir keine Vorsteher haben, so erdreisten sich so manche, ganz ohne iede Berechtigung dazu, ohne Wissen und Einverständnis des Volkes als seine Vorsteher aiifzutrcten. Diese Usurpatoren bringen dem Judentum tticlir Schaden als Nutzen, effektiven, und nicht weniger moralischen Schaden. Nun hiess es bei den Verhandlungen wegen der Ve - Schmelzung der jüdischen philanthropischen Organisationen, dass der Vorstand des neu zu bildenden :!״.jüdischen Wohltätigkeiisverbandcs zugleich auch Vorstand der allgemeinen Judenheit sein solle. Aber ein philanthropisches Institut kann doch unmöglich eine Art von gewissennassen Regierung oder politischen Volkskabinett seht. Und die Repräsentation des judöchen Volkes inuss eben und soll ein jüdisches Volkskabinett sein, das mit den .Mächten und Regierungen im Namen der jüdischen Gesamtheit und für diese verhandeln und wirken feoH. In ein solches Kabinett gehören Kenner des Volkes und Staatsmänner, nicht aber zufällige oder berufsmässige Nur- Philanthropen. Ich will durchaus nicht den edlen jüdischen Philanthropen zu nahe treten, die ihr Möglichstes und ihr Bestes für die leidenden Juden tun, alter matt muss doch selbst gestehen, dass es nicht genügt, Ausschussmitglied eines Wohltätigkcftsvercins zu sein, um auch schon politisch, juristisch und parlamentarisch eine Gesamtheit vertreten m können. Ferner: Kommt eine Repräsentanz des jüdischen Volkes aus den Vorständen der philanthropischen Vereine zustande, * so werden die russischen, österreichischen und rumänischen Juden kaum in diesen Vorstand hineinkommen können. Die Juden Osteuropas, Asiens und Afrikas, die doch drei Viertel der Gesamt-iudenheit au ,machen, werden in der Repräsentanz nicht vertreten sein, weil sie nicht reich genug sind, um in den Wohltütigkcilsvcrcincu eine ausschlaggehende Rolle spielen und sich an der grosszügigen Wohltätigkeit aktiv beteiligen zu können. Und gerade diese J 11 den, die Unterdrückten und Verfolgten die wissen es doch am besten, was den Juden not tut. Vorsteher der indischen Volkes müssen von diesem tun! nicht von einzelnen Vereinen gewählt werden. Ein Plebiszit, ja ein Plebiszit kann einzig und allein uns die )richtigen Vertreter geben. Zu diesem Zwecke muss geschaffen werden; eine J fi di sehe G e sam t v c r t r c t u n g, die sich alle fünf Jahre versammelt. Der Ausschuss derselben wirkt permanent. Diese Vertretung, deren Mitglieder vor jedesmaliger F. i n b c r u f u n g neu gewählt werden, wird alle schwebenden Fragen, die die gesamte Judenheit betreffen sowie die Entwürfe und Vorlagen des Ausschusses behandeln. Sie beruft aus ihrer Mitte eine gewisse Anzahl Mitglieder in den Ausschuss, der seinen Sitz, sagen wir: im Haag, haben soll. Die Mitglieder der Vertretung werden direkt gewählt. 2000 Juden — es werden dementsprechend Wahlkreise gebildet -- delegieren einen in dieselbe. Die Kosten der Vertretung sowie des Ausschusses werden gedeckt durch freiwillige Spenden, sowie von einer zu diesem Zwecke zu erhebenden Gemeindesteuer. _ Vertreter der Judenheit, die aus dem Volke hervorgehen, von diesem direkt gewählt werden, werden auch Im Namen desselben und für dasselbe sprechen können. Solche Vertieter, die von diesem gewählt werden, bilden eine wirkliche Repräsentanz der Judenüeit, und diese Repräsentanz wird sicher mit der Zelt von alten Mächten anerkannt werden.“ Ocfientllch rechtlich gesicherte Heimstätte -- jüdische M.1iorltät und Selbstverwaltung In Palästina Gesamt-Vertretung des jüdischen Volkes auf Grundlage von Volkswaliten -- wirkliehe Kenner des Volkes. «w Niir-PMIanlropen, als Vertreter der Gesamtjudeiiheit.alles das Forderungen, die v<m zionistische! Seile seit über ln Jahren verfochten werden, dunen aber gerade die dcutsJ c Judcnlicit in ihren 1 iil1rw:1«Je־t1 k leisen bisher den grössten Widerstand entgegengesetzt Int. Um so willkommener ist uns dieser llmschwuiig. Wil bcgriisseii es 15־!: u uss.r Ureiulc. dass mehr 11ml nieli: der J’oden sieh vorbereitet iiir eine Organisation der ganzen J;1dc11hcit für die Zweckt! ihrer Gesamtheit. Ui. Kundsenau Die Antisemiten In Baden erhoffen die Antisemiten von den nächsten ׳uanütagswaiden den Wiedereintritt einiger Vertreter ihrer Partei in d is Rendel. Bei den letzten Wahlen, die sich unter dem Zeichen des liberal-sozialdemokratische;! (irossMucks gegen das Zentrum und die Konservativen vollzogen, wurde, wie erinnerlich, der letzte antisemitische Abgeo-xlncte, Mampel. aus dem Landtag hmausgewählt. Jetzt suchen die Deutsclisozialcn beizeiten mit dem Zentrum anznhiedera. dessen Taktik bekanntlich darauf ausgeht, die liberal-sozialdemokratische Mehrheit unter allen Umständen zu sprengen, selbst unter Zurückstellung der eigenen Fraktionsinteressen. Das Organ des Herrn Lkbermann von Soitnenbe ׳g lässt zu diesem Zweck folgenden Lockruf erschallen: ״Das Zentrum will die nationalliberale Partei endgültig von dem Throne stürzen, de!! diese Partei vermöge des Gross- Hecks iiii Landtag bisher einnahm und hat daher in den Wahlkreisen, ve cs aus eigener Krait nicht siegen kann, ein Interesse au de־ bedingsloscn Stärkung der andern rechts stellenden Parteien. Die Konservativen haben schon hei den letzten I.andtagsw üblen aus der Taktik Nutzen gezogen. Die Deutsclisozialcn, die in früheren Jahr.cu über ein Dutzend eigner aber schlecht organisierter Vereine in Baden besass'n und auch Abgeordnete unter schwierigeren Verhältnissen als heute in den Landtag brachten, müsse;! m!n/11ehr aus der mehrjährigen Passivität heraustreten.*‘ Die Antisemiten möchten also ebenfalls ihren Anteil au der Fiitterkriope des Zentrums haben,!•'ragt sich mir. ob die Konservativen sieh diesen uukuiterii Wettbewerb gefallen lassen werden, und ob dem Zentrum die Unterstützung der Antisemiten nicht etwas genierlich ist. Jedenfalls aber darf man sich über allerlei unangenehme Ucberraschimgeii nicht wundern. Fs Kt nichts so korrupt, um nicht doch an die Oberfläche koimnen zu können. Der Berliner Vertrag und die Juden Der ״N. .1. K.“ wird aus 1. ״ n d o 1! von informierter Seite geschrieben: Mr. Luden \V off, der für einen der w enigen Journalisten gilt, die tatsächlich Beziehungen zur englischen Diplomatie haben, hisst sich in einem Artikel im JENVISH WORLD iih-r die Chancen der rumänischen Juden aus, unter Be-