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Jüdische Rundschau · 1908-10-23 · Heft 43 (23.10.1908) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 43 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 43 JÜDISCHE RUNDSCHAU {?eite 431 Ihr die Majorität der Bevölkerung Palästinas bildet, vollkommenstc Selbstverwaltung gemessen in allen Fragen der Kultur, des örtlichen Wirtschaftslebens und des gesamten inneren Lebens in Palästina. Selbstverständlich werdet Ihr Vertreter im Reichsparlanient haben und werdet Teil haben an der Lösung sämtlicher allgemeinen Reichsfragen. Hinweis des Interviewers über die hinderliche und riiekständige türkische Agrargesetzgebung. Antwort: Daran ist die Trägheit, nicht der Koran Schuld. Schon in der nächsten Zukunft werden wir unsere Agrargesetzgebung reformieren, da die Türkei \or allem ein Agrarstaat ist. Wir haben keine Agrarfragen wie Russland, doch unsere bisherige verseuchte Burcaukratie tat nichts für die Verbesserung der Lage des Landwirts. Wir müssen Agrarkredit schaffen, die Besetze über Wakuf und den Grund und Boden abändern, der aus irgend einem Grund einer Person gehört und wahrscheinlich in das Eigentum des Staates übergehen wird. Ich sehe wirklich keinerlei Hindernis für eine Massenkolonisatioii in der Türkei. Kommt soviel Ihr wollt, kauft Land, baut Fabriken. Schulen, erwerbt Konzessionen zum Bau der verschiedenen Verkehrswege und scliaiit Euch sobald als möglich die Mehrheit im Land. Interviewer: Andere Länder geben den Einwanderern Vorteile, auch die Türkei? Antwort: Kaum. Wir sind arm und müssen lange Jahre arbeiten, um unsere Finanzen zu sanieren. Ucbngens haben die Erfahrungen der einzelnen Staaten mit der (irabsabgabe von Land an Einwanderer traurige Resultate gehabt. Lud die Verkehrswege werden wir nicht auf unsere Rechnung bauen, weil wir kein ('!elJ haben und dann, weil sic auch so gebaut werden. Europa vertraut uns jetzt und haut uns von selbst Häfen, Trambahnen. Eisenbahnen, Tclegranheii usw. (vermittelst Konzessionen). Erwerbt Konzessionen und baut, was Ihr braucht. Vor allem aber müsst Ihr eine zionistische Presse in Konstantinopel gründen. W ir. die in Europa lebten, sind mehr oder weniger mit dem Zionismus bekannt. Poch die Bevölkerung kennt Eure Ziele gar nicht. Ich bin überzeugt, dass Ihr meine Landsleute eher b e ־ kehren w e r d e t a! s die Pari s e r .1 u d e n. Nur eins: Vermeidet das Wort ..Autonomie’*, das der Türke nicht ruhigen Blutes hören kann. Er vermutet gleich, dass die ״Giaiirs” ein Stück aus seinem Fleisch Lerausrcisscn wollen, eine Provinz. aus dem Reich. Sprecht von Selbstverwaltung, das versteht und billigt jeder .... Frage des Interviewers über das Verhältnis der Araber zu den Juden in Palästina. An wort des Zweiten, eines Arabers: Ich kann Ihnen nicht im Kamen der Araber antworten, da wir uns noch nie mit dieser Frage beschäftigt haben. Doch im allgemeinen glaube ich. dass diese Beziehungen f <e1111dschaitlich sein können. Unser Zentrum ist nicht Palästina, sondern Arabien und Syrien. Ausserdem stehen w ir Euch näher, als irgendwer. Ich war in Palästina, besuchte Eure Kolonien, war aber nicht mit allem zufrieden. Erstens sind Eure Kolonisten keine tiirkisehen Untertanen, sondern haben immer mit ihren Konsuln zu tun. Das ärgert uns. Ihr sprecht von Palästina als Eurer Heimat und bleibt trotzdem Ausländer! Der Erste: Das ist die erste Bedingung eines Erfolges in Palästina: Alle Juden müssen Türken werden. Andernfalls werden wir uns zu Euch wie zu Ausländern verhalten, bcsonders jetzt, wo Besetz und Freiheit bei uns herrschen .... Aber alle diese Reden haben nur dann Sinn, wenn Ihr eine verstärkte Kolonisation In Angriff nehmt. Das könnt Ihr letzt In voller Freiheit tun, und nachher wird sich alles klären. Ich versichere Sie, dass die Juden nirgends In der Welt sich einer solchen wirklichen Gleichberechtigung erfreuen wie in der Türkei und in Palästina. Damit schlicsst das Interview. —- Die Zionistische Leitung ist sich der gegenwärtigen Situation voll bewusst. Was au ihr liegt, wird geschehen, sie für das jüdische Volk nutzbar zu machen. Aber der Eriolg hängt nicht von der noch so grossen Hingabe Einzelner ab. Alle wiliciisvollen Juden müssten sich heute ׳zusammcnsclv.wcn. um durch ausserordentliche finanzielle Anstrengungen der gegenwärtigen ausserordentlichen Lage Rechnung zu tragen und unserem Aktionskomitee die Mittel zur Aktion in die Hand zu geben. Freilich: selbst, die günstigsten politischen Konstellationen werden uns Palästina nicht in den Schoss werfen. Es gilt, mit Ausdauer, unter der Anspannung aller Energie zu arbeiten. Jetzt aber ist cs Zeit zur Arbeit. Jetzt — im Beginn des 1 Erhtiilicns des jungen Staatskörpers wird diese Arbeit tausendfache Eriichte bringen. Heute ist noch uns Juden die Möglichkeit gegeben, die Majorität im Lande zu bilden, wenn wir verstehen, Palästina für uns wirtschaftlich nutzbar zu machen. Heute noch. Oh auch noch morgen? An jeden Juden, der treu zu seinem Volk steht, besonders aber an die Zionisten ergeht der Ruf, nach allen Kräften heute für unsere Institutionen zu wirken. Nelsons stolzes Wort: ,,England expects. tltat c.eryone will do bis duty“ muss auch für uns Juden Geltung haben! E. M., S. i - Umschwung im Deutschen Judentum Die ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS, die seit über siebzig Jahre:! in den leitenden Kreisen der deutschen Jmlciilieit als das führende indische Organ angesehen wird, und die auch heute n»»cl1 durch ihr fite »arisches Niveau als Haiiptrcpräsenttu der jüdischen Presse Deutschlands gilt - die ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS, der nun lange nachgesagt hat. sie sei jetzt immer mehr vom ..Jüdischen•• abgckommen und ins ,.Allgemeine” Iiiiicingerateu, scheint heute wieder gewillt, die Führung der jüdischen Interessen i׳t ihrem Kreise zu übernehmen. Erst kürzlich, bei Besprechung dev. türkischen Verfassung und der damit geschaffenen neuen Lage, hegrüsste das | Blatt (wörtlich) ״die Aussicht aui eine rechtlich gesicherte Zufluchtsstätte für die verfolgten f J r ti der des Ostens — vorher ist von Palästina, von einer jüdische n M c h r b e i t und infolgedessen einer ״vollen jüdischen Selbstverwaltung“ daselbst die Rede! Und heute sind wir in der Lage, auf eine geradezu überraschende Stellungnahme desselben Blattes in der Frage der jüdischen ficsamtver• tretung, eines V o Ik s k a h i n c 11 s hinzuw eisen. Die ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS nimmt die neuerlich aufgetauchten Bestrebungen zu einer Ver- Schmelzung der philanthropischen Organisationen zum Anlass, um vor einem Zuweitgelien in dieser Richtung zu warnen und lässt daun nachstehende wörtlich und u n - verkürzt hier w iedergcgebeitcii Ausführungen*) folgen: ..Mit der Idee der Verschmelzung wird noch eine andere Idee in Zusanuneuhacg gebracht: Die Repräsentanz jflcs Judentums des jüdischen Volkes. Die Notwendigkeit einer solchen Repräsentanz Ist so selbstverständlich, dass cs wohl kaum eines Wortes der Begründung und des Befürworten« bedarf. ״Zwölf Mi'lioncu Juden mul ־ — kein einziger, niemand kann noch dari im Namen des Miiliotienvolkes sprechen. Zwölf Millionen Stiefkinder, und nnmaiid kam! das Recht iiir sich in Anspruch nehmen, ihre Interessen wahrzimehmen. Niemand Kann oder darf als Anwalt dieser zwölf Millionen Verfolgter und Unterdrückter auftreten. Wir dürfen uns auch nichts weiss machen und uns nicht selbst betrügen: Unser ganzes Vo’k, unsere ganzen zwölf Millionen Juden sind und werden verfolgt, unterdrückt, entrechtet, zurückgesetzt, In dem einen Lande mehr, in dem andern weniger; in den meisten!.ändern aber sind w ir im besten Falle auch nur die Geduldeten. Wir haben keine Vertreter, die im Namen unseres Volkes sprechen könnten. Niemand, kein einziger Jude hat das Recht itn Namen der jüdischen Gesamtheit gegen #) Aus ״Philanthropie und Repräsentanz“ von S. Bloch, Ko. 41 der ״Allg. Ztg. d. J“, 100$.

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